Geht dem Iran das Öl aus?

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Geht Iran das Öl aus?

Wolf-Dieter Roth 26.12.2006

Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte

Der sich ausweitende Konflikt zwischen den USA und dem Iran geht auch von der Annahme aus, dass das Land keine Atomkraftwerke benötige und dies nur eine Ausrede sei, um sich damit nuklear aufrüsten zu können. Nach einer Studie könnten die iranischen Ölexporte aber in den nächsten 10 Jahren komplett zusammenbrechen ? und damit auch die Deviseneinnahmen, auf die das Land angewiesen ist.

Interessanterweise nicht in einer politischen Zeitschrift, sondern ganz unauffällig in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (1)) ist eine politisch durchaus brisante Untersuchung der Fakultät für geographische und Umwelt-Ingenieurwissenschaften der Johns Hopkins University (2), Baltimore, erschienen. In dieser geht es darum, wie sich die zukünftigen Ölexporte des Iran entwickeln könnten. Erdöl ist bisher praktisch der einzige Exportartikel des Landes, auf dem die gesamte Ökonomie aufbaut ? und damit auch die politische Stabilität.

Zwar hat das Land durchaus nennenswerte Erdölvorkommen, doch wird gegenwärtig kaum etwas in deren Erschließung sowie in die Wartung und Modernisierung der vorhandenen Förderanlagen investiert. Gleichzeitig steigt mit der Industrialisierung im Land der Eigenbedarf an Erdöl und Erdgas. Wie Roger Stern in The Iranian petroleum crisis and United States national security (3) darlegt, ist einigen Analysten der Öl- und Gasindustrie bereits seit geraumer Zeit aufgefallen, dass sich hier ein Problem zusammenbraut: Wenn man den gegenwärtigen Trend fortrechnet, dürften die Erdölexporte des Iran in den nächsten Jahren jeweils um 10 bis 12% sinken, was in fünf Jahren bereits zu einer Reduzierung auf 50% bis hinunter auf 40% führen könnte, wenn wenigstens halbwegs vernünftig in die Wartung und Weiterentwicklung der Anlagen investiert wird.

In weniger als 10 Jahren keine iranischen Ölexporte mehr?

Läuft es dagegen politisch so weiter wie im Moment, könnte der Export in fünf Jahren bereits auf ein Drittel des heutigen Werts gesunken sein ? um 2014, 2015 herum wären die Ölexporte schließlich auf Null, alles geförderte Öl würde im Lande selbst gebraucht. In diesem Moment wären auch die Deviseneinnahmen praktisch auf Null, wenn das Land keinen ähnlich attraktiven Exportartikel wie Erdöl finden sollte.


Die Entwicklung des Ölverbrauchs im Lande (gelb), der Ölexporte (blau) und der Förderung plus Ölimporte (grün) in Iran in den letzten 25 Jahren. Bild: Stern/PNAS

Der Iran sagt, dass er Atomkraftwerke bauen will, um den Strombedarf im Land abzudecken und Erdöl und Erdgas stattdessen zum devisenbringenden Export aufzusparen. Dabei sollen die Erdgasvorräte des Landes die zweitgrößten der Welt sein und alleine die Gasmengen, die jedes Jahr im Iran bei der Erdölförderung nutzlos abgefackelt werden, sollten ausreichen, um den Strom von vier Atommeilern des iranischen Typs Bushehr (4) zu erzeugen. So klingt es danach, dass der Wunsch nach Atomkraft nur eine faule Ausrede ist, um Atomtechnik ins Land zu holen und damit Atombomben bauen zu können.

Auch Analysen der früheren Mitarbeitern der National Iranian Oil Company ( NIOC (5)) gehen davon aus, dass die Ölexporte des Landes innerhalb der nächsten 12 bis 19 Jahre auf Null zurückgehen.

Das Problem ist, dass Öl im Land subventioniert und somit unrealistisch preiswert ist. Seit 1980 liegt infolgedessen die Zunahme des Energiebedarfs mit 6,4% über dem Zuwachs der Förderung (5,6%). Hinzu kommen speziell im Iran hohe und weiter zunehmende Verluste in Raffinerien infolge mangelnder Wartung.

Es geht hierbei wohlgemerkt nicht um die Erschöpfung der Vorräte ( "Peak Oil" (6)), sondern schlichtweg um steigenden Verbrauch bei gleichbleibender beziehungsweise leicht sinkender Förderung, was dazu führt, dass innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre kein Öl zum Export mehr übrig bleibt. In dem Moment, wo dieser Punkt erreicht ist, wird die Wirtschaft des Iran instabil und das Regime gefährdet.

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Weiterentwicklung der Ölförderanlagen im Iran völlig desorganisiert. So soll die NIOC 2009 eine Erweiterung der Anlage in Ahvaz bauen, hat jedoch seit der Revolution von 1978 kein einziges größeres Projekt mehr geleitet, sodass kaum anzunehmen ist, dass diese Erweiterung im geplanten Zeitrahmen über die Bühne geht. Die meisten Anlagen sind sogar noch vor der iranischen Revolution gebaut worden.

Ölförderanlagen und Raffinierien sind über 30 Jahre alt

Während in anderen ölexportierenden Ländern ausländische Investoren die Anlagen bauen, finanzieren und warten und dabei natürlich auch an den Gewinnen direkt beteiligt werden, ist dies im Iran verboten, weil es als ausländischer Besitz gewertet wird. Die stattdessen angesetzte Alternativlösung, so genannte "Buyback"-Verträge, ist wiederum für Investoren nicht attraktiv. Selbst wenn sich ein ausländischer Investor Mühe gibt, in ein Auswahlverfahren für einen solchen Vertrag aufgenommen zu werden, werden die Verfahren aufgrund antiwestlicher Vorbehalte Jahre bis Jahrzehnte verzögert.

Ein japanisches Konsortium hat beispielsweise um einen Buyback-Vertrag für das Azadegan-Feld sieben Jahre ohne Ergebnis verhandelt. Andere Investoren ziehen sich aufgrund der unsicheren politischen Situation zurück. Die Folge ist, dass ein Gaserschließungsvertrag sogar aus lauter Verzweiflung an die Revolutionären Garden vergeben wurde. Während die Investitionen schon im Zeitraum 1998 bis 2004 unzureichend waren, um die Produktionsrückgänge auszugleichen, dürften sie zukünftig gegen Null gehen.

Ein weiteres Problem ist der neben dem Ölverbrauch ebenfalls steigende Gasverbrauch im Land. Wie in Venezuela (7) bleibt dann nicht genügend Gas, um es in die Ölfelder zurück zu pumpen und damit den Druck in diesen aufrecht zu erhalten, was zu einem vorzeitigen Versiegen der Ölquellen führt. Gleichzeitig wird allerdings ? ebenfalls aus Devisengründen ? versucht, den Gasexport zu erhöhen.

Benzin wird importiert und zu Dumpingpreisen verkauft

Zudem wird auch noch Benzin importiert, weil es bei den bezuschussten Preisen im Land (Benzin kostet in Iran nur 8 US-Cent!) und den maroden Raffinerien unrentabel ist, eigenes Benzin herzustellen. Es gehen in den iranischen Raffinerien bereits 6% der gesamten Ölproduktion verloren und versickern im Boden, verdunsten oder verbrennen, weil es sich bei den nicht marktgerecht niedrig festgelegten Verkaufspreisen im Land schlichtweg nicht lohnt, eine Raffinerie zu reparieren, die sowieso nur Verluste bringen würde. Tatsächlich beruht der iranische Wohlfahrtsstaat auf dem gescheiterten Modell der Sowjetunion mit staatlichen Fünf-Jahres-Plänen, so Stern.

Es erscheint zwar absurd und geradezu lebensgefährlich, in einem solchen Land unter diesen Umständen auch noch in Atomtechnik zu investieren. Doch hierzu ist Russland bereit, während sich für die Gas- und Öltechnik keine Investoren mehr finden lassen. Also wird Iran versuchen, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen, vermutet Stern. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Nutzung der Atomenergie dann tatsächlich rein zivil bliebe, jene Bedenken sind durchaus nicht hinfällig.

Das eigentliche Problem ist jedoch das Ölkartell der OPEC in Kombination mit dem Subventionssystem im Land, das zu diesen unrentablen Verhältnissen führt. Hinzu kommt in den USA und im Nahen Osten das Fehlen eines preisstabilisierenden und sparsame Motoren fördernden Steuersystems wie in Europa. Wenn benzinsparende Techniken flächendeckend durchgesetzt würden, dann würde sich aufgrund der verringerten Nachfrage auch die Lage sowohl im Iran wie in anderen ölfördernden Ländern entspannen, so die ökonomisch begründeten Thesen von Stern. Die Einnahmeverluste durch den selbst verschuldeten Wegfall der Ölexporte dürfte das Land weit schwerer treffen als jede Sanktion, die die USA oder die UN verhängen könnten. Roger Stern hält Sanktionen, wie sie gerade beschlossen wurden, für wirkungslos. Nach seiner Ansicht könnten sie gerade den Protest der Bevölkerung gegen die ausländischen Mächte schüren und so eher zur Verfestigung des Irrwegs führen.

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24308/1.html

 

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