Gehen uns die qualifizierten Arbeitskräfte aus?

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neuester Beitrag: 26.02.06 13:07
eröffnet am: 26.02.06 11:09 von: quantas Anzahl Beiträge: 2
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26.02.06 11:09
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15286 Postings, 5652 Tage quantasGehen uns die qualifizierten Arbeitskräfte aus?

Zahl der offenen Stellen nimmt zu

Gesucht sind vor allem qualifizierte Arbeitskräfte wie Schreiner, Gärtner, Buchhalter und Ingenieure

Obwohl die Arbeitslosigkeit nicht sinkt, haben bereits viele Unternehmen Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Die Verknappung zeigt, dass sich die Wirtschaft erholt hat.

40% aller Firmen weltweit haben Schwierigkeiten, qualifizierte Mitarbeiter für offene Stellen zu finden. Das geht aus einer neuen, repräsentativen Arbeitsmarktstudie von Manpower Schweiz hervor, für die rund 33 000 Unternehmen in 23 Ländern befragt wurden. In der Schweiz sind es 48%,  während in Deutschland sogar 53% der Firmen über einen Mangel an geeigneten Fachkräften klagen.

Weltweit fehlen in erster Linie Aussendienstmitarbeiter, Ingenieure und Techniker. Auch Handwerker wie Spengler, Maurer und Schweisser müssen sich grundsätzliche keine Sorgen machen, Arbeit zu finden. Immer schwieriger wird es aber gleichzeitig, schlecht ausgebildete Menschen in der Arbeitswelt unterzubringen. Viele OECD-Länder kennen zweistellige Arbeitslosenraten. Auch in der Schweiz sind es immerhin 3,9%.

Mit der Studie will Manpower Alarm schlagen. Der Generaldirektor von Manpower Schweiz, Charles Bélaz, warnt: «Die Talentknappheit in der Schweiz ist im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Heute schon können wir nicht mehr alle Stellen besetzen. Der Mangel wird inskünftig markant zunehmen.» 2005 schon hat Manpower 800 Bauleute aus Deutschland rekrutiert, weil entsprechendes Personal in der Schweiz fehlte. Die Erwerbstätigenstatistik des Bundes bestätigt den Trend, vermehrt im Ausland zu rekrutieren: Die ausländischen Arbeitskräfte haben im letzten Jahr um 1,7% auf 1,058 Mio. zugenommen, jene der erwerbstätigen Schweizer ist um 0,2% gesunken (3,130 Mio.).

Am prekärsten ist die Situation in der Schweiz in der Produktion, gefolgt von Fachberufen auf dem Bau. Für Martin Fehle vom Baumeisterverband ist das nichts Neues. 60% des Baustellenpersonals sind Ausländer. Man versuche seit Jahren, die Jugend für Berufe auf dem Bau zu motivieren, erzählt Fehle, doch «nur rund 10% der Arbeitskräfte möchten überhaupt im Freien arbeiten. Das schränkt ein.»

Für alle Arbeitskräfte immer wichtiger werden Sprachkenntnisse. Die Globalisierung habe diese Anforderung verstärkt, meint Bélaz: «Eine KV-Absolventin, die nur Deutsch spricht, können wir praktisch nicht mehr vermitteln.» Französisch und Deutsch seien dabei ebenso wichtig wie Englisch.

Verheerend wirkt sich laut Bélaz der Wandel der Wertekultur aus, der sich darin manifestiere, dass eine akademische Ausbildung mehr zähle als eine Berufslehre. Den Jungen müssten die Arbeitgeber vermehrt Praktika anbieten, «damit sie einen Einblick in einen konkreten Berufsalltag erhalten». Wenig begeistert ist Bélaz von der Bildungspolitik des Landes: «Wo es heute noch Jugendarbeitslosigkeit gibt, ist grundsätzlich etwas faul.»

Manpower fordert zudem, dass Behinderte ins Arbeitsleben integriert und ältere Menschen viel länger am Arbeitsplatz behalten werden. Hans- Rudolf Schuppisser vom Arbeitgeberverband ortet bei den Arbeitgebern diesbezüglich erste positive Signale. «Das Problem wird wahrgenommen.»

In den OECD-Ländern sind heute 4 von 10 Menschen zwischen 50 und 64 Jahren erwerbslos. Das sind doppelt so viele wie zwischen 25 und 49 Jahren. Grundsätzlich zeigt die Verknappung in einzelnen Berufen für Schuppisser aber auch, dass sich die Schweizer Wirtschaft erholt hat.

 
 
 

26.02.06 13:07
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15286 Postings, 5652 Tage quantasDeutsche lieben unsere Jobs


Noch nie haben so viele Deutsche in der Schweiz nach Arbeit gesucht. Unser Nachbarland exportiert seine Arbeitslosen und seine sinkenden Löhne.



Karin Steimle (41) ist gelernte Kinderkrankenschwester mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung. In Deutschland verdiente sie mit einem 90-Prozent-Job gerade mal 1.500 Euro netto, umgerechnet rund 2.300 Franken. In Basel kommt sie nach Abzug der üblichen Lohnprozente auf 5.384 Franken. «Zudem», sagt sie, «hat mir der Arbeitgeber hier noch eine Zusatzausbildung bezahlt.»

Der Fall ist einer von tausenden: Für viele deutsche Arbeitslose gibt es nur noch eine Hoffnung: die Auswanderung. Allein im Januar ist das Heer der gemeldeten Arbeitslosen um 408.000 gestiegen ? über die Rekordmarke von fünf Millionen hinaus. Doch auch wer noch einen Job hat, kann sich deshalb nicht unbedingt glücklich schätzen. Von 39 Millionen Arbeitsstellen in Deutschland sind rund ein Drittel Ramsch-Jobs ohne Sozialversicherung. Und auch unter den «Normalarbeitsplätzen» bringen gut vier Millionen weniger als 1.700 Euro brutto ? gerade mal 2550 Franken.

Jedes Jahr suchen deshalb mehr als 150.000 Deutsche ihr Glück im Ausland. Die Schweiz ist dabei ? gleichauf mit den USA ? das begehrteste Ziel. Aus Schweizer Sicht ist Deutschland das mit Abstand wichtigste Einwanderungsland. Nach den neusten Schätzungen des Bundesamts für Statistik hat sich die Zahl der hier erwerbstätigen Deutschen allein im Jahr 2005 um die Rekordzahl von 9.000 erhöht.

Seit 2003 ist die Zahl der Jobs in der Schweiz trotz einem relativ hohen Wirtschaftswachstum insgesamt nur um 11 000 gestiegen. Im gleichen Zeitraum gingen 15 000 Jobs an die Ausländer. Für Schweizer bedeutet das: 4.000 Arbeitsplätze weniger. Berücksichtigt man ferner, dass pro Jahr rund 20.000 Arbeitskräfte eingebürgert werden, so haben die Schweizer sogar gut 40.000 Arbeitsplätze an die Ausländer verloren.

Dazu kommt der Druck auf die Löhne. Zwar darf laut Freizügigkeitsgesetz niemand weniger als den Mindestlohn verdienen, doch der liegt in der Regel deutlich unter dem marktüblichen Durchschnittslohn der jeweiligen Branche. «Nach meinen Informationen erhalten die Einwanderer in der Regel nur den jeweiligen Mindestlohn», sagt der zuständige Gewerkschaftssekretär Serge Gaillard (50).

Manchmal aber deutlich weniger. Im Schreinereigewerbe etwa gibt es zwar einen neuen Gesamtarbeitsvertrag mit einem Mindestlohn von 26,15 Franken. Der aber ist bisher noch nicht allgemeinverbindlich. «Vor allem in der Montage gibt es kaum Kontrollen», meint Franz Cahannes von der Unia. Deshalb, so der Gewerkschafter, werden für diese Tätigkeiten seit einiger Zeit zunehmend sogenannte entsandte Mitarbeiter deutscher Firmen eingestellt, und zwar zu Ansätzen von zehn bis zwölf Euro brutto pro Stunde. Cahannes: «Für deutsche Schreiner ist das ein guter Lohn, vor allem wenn sie praktisch gratis auf der Baustelle oder in Wohnwagen wohnen können.»

Einer, der durch diese Entwicklung seine Arbeit verloren hat, ist Franz Müller (40). Der Schreiner war bis Mitte 2005 für 5.200 Franken pro Monat in einer Zentralschweizer Firma für Laboreinrichtungen beschäftigt. Auf die Stunde umgerechnet, hat er seinen Arbeitgeber etwa 36 Franken gekostet. Seine deutschen Nachfolger dürften für rund 15 bis 18 Franken arbeiten.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) meint zwar, dass sich das 2002 in Kraft getretene Freizügigkeitsabkommen mit der EU nicht negativ auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirke. Auch die Vertreter der Arbeitgeber sehen die Einwanderung aus Deutschland durchaus positiv.

Tatsache ist aber, dass die Lohnsumme in der Schweiz 2003 und 2004 real gesunken ist und sich die Arbeitslosenquote seit Beginn des Wirtschaftsaufschwungs vor gut zwei Jahren praktisch nicht nach unten bewegt hat.

Dennoch sagt Serge Gaillard: «Die Personenfreizügigkeit an sich macht mir keine Sorgen. Unser Problem ist die Wirtschaftspolitik, die in Bern und Berlin gemacht wird. Statt eine vernünftige Wachstumspolitik zu machen, vertreibt Deutschland seine Arbeitslosen ins Ausland.»

 

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