Gefährdet der Hurrikan Greenspans Drahtseilakt?

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eröffnet am: 09.09.05 19:54 von: moya Anzahl Beiträge: 1
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938940 Postings, 6153 Tage moyaGefährdet der Hurrikan Greenspans Drahtseilakt?

Gefährdet der Hurrikan Greenspans monetären Drahtseilakt?

von Jochen Steffens

Die Fed hat 2003 eines der größten monetären Experimente gestartet, um eine große Wirtschaftsregion vor einer Rezession zu bewahren. Die US-Leitzinsen wurden massiv gesenkt und damit der eigenen Wirtschaft massiv Liquidität zur Verfügung gestellt. Hintergrund ist die
Erfahrung: Eine Krise braucht Liquidität.

Und tatsächlich, alle Unkenrufen zum Trotz schaffte es die US-Wirtschaft, trotz des Irak-Kriegs (oder gerade auch deswegen) eine beachtliches Wachstum zu generieren. Selbst der Arbeitsmarkt kam, zwar schleppend, aber immerhin in Gang.

Es gibt keine eingreifende Aktion in der Wirtschaft ohne eine entsprechende Gegenreaktion. Natürlich gingen die niedrigen Zinsen, die Expansion der Geldmenge, sofort auf den Wert des Dollars, der logischerweise massiv einbrach. Wenn eine Währung dramatisch an Wert verliert, werden mit einer kleinen Zeitverzögerung die Produkte im eigenen Land teurer. Das wird unter anderem dadurch verursacht, dass das Land mehr für die Rohstoffe bezahlen muss.

Das galt auch für die USA, obwohl die Rohstoffe in Dollar gelistet sind. Die Rohstoffpreisrally war einer der Folgen der massiven Abwertung des Dollars. Hier zeigten sich die ersten Blüten der Dollarinflation.

Die Fed reagierte rechtzeitig, um die Inflation in Zaum zu halten

Aus diesem Grund war klar, dass die Fed reagieren musste: Die Zinsen mussten wieder rauf, um eine galoppierende Inflation zu verhindern.
Schließlich kann eine Inflation, auch wenn das für die meisten von uns nicht mehr als eine Lehrbuchmeinung ist, eine ganze Wirtschaftsnation auffressen und eine "Mega-Rezession" verursachen (manche von Ihnen werden sich allerdings noch an die üblen Folgen einer Inflation erinnern).

Alan Greenspan schaffte diesen Drahtseilakt und balancierte zur rechten Zeit die Zinsen nach oben.

Und sieh einer guck, das Wachstum ging weiter, der Dollar zeigte wieder Stärke, nur die amerikanischen Indizes gingen seit Anfang des Jahres in eine Seitwärtsbewegung über. Das verwundert auch nicht, da der Markt einerseits mit den steigenden Zinsen zu kämpfen hatte, andererseits führte der steigende Dollar seinerseits zu einer Aufwertung der Aktien im internationalen Vergleich. In diesem internationalen Vergleich wurden die US-Aktien tatsächlich "teurer".
Das konnten Sie zum Beispiel daran merken, dass Ihre US-Positionen an Euro-Wert gewannen, während sie in den USA in Dollar stabil blieben.

Das Beige Book von Mittwoch zeigt uns dann eins sehr deutlich: Der Plan Greenspans funktionierte, und zwar allen Bären zum Trotz offenbar sehr gut.

Wenn sich Katarina nicht eingemischt hätte

Nun ist die Situation etwas verändert: Der Hurrikan ist eine weitere "Krise". Eine Krise erfordert: Bereitstellung von Liquidität (siehe oben). Nun trifft die Krise allerdings genau auf eine Zeit, in der die Fed die Zinsen anheben MUSS, um die Inflation unter Kontrolle zu kriegen. Sie kann jetzt nicht erneut die Zinsen massiv senken, da sie gerade noch versucht, die Folgen der letzten Zinssenkung auszubügeln.

Alan Greenspan fängt an, auf seinem dünnen Drahtseil hin und herzuwackeln. Die atemlosen Zuschauer starren mit weit offenen Mündern und aufgerissenen Augen, wie der alte Mann sein wohlmöglich letztes Kunststückchen vollbringen muss, um nicht kurz vor der Ziellinie abzustürzen.

(Einschub: Denkbar ist aber auch, dass Alan Greenspan angesichts der prekären Situation sich doch von Bush dazu überreden lassen wird, noch ein halbes Jahr länger den "Gott der Welt-Finanzen" zu spielen. Bush hatte bereits vor dem Hurrikan versucht, ihn dazu zu bewegen. Er könnte Greenspan mit patriotischen Argumenten in die Pflicht nehmen.
Ich wette, er wird es zumindest versuchen!)

Die Gretchen-Frage, die sich stellt: Hat Alan Greenspan den Spielraum, die weiteren Zinserhöhungen auszusetzen oder muss er weiter machen, weil ihm die Inflation wegläuft?

Die nächsten Zinsentscheidungen werden mit Sicherheit die spannendsten werden. Die US-Wirtschaft könnte nun eine kleine Hilfe brauchen, um die eventuell riesigen Belastungen, die auf die USA zukommen, zu hebeln.

Allerdings hat das Beige Book, wie gesagt, gezeigt, dass die US-Wirtschaft viel Kraft hat. Die ersten Aussagen aus den Kreisen der Fed gehen in Richtung: Weiter machen mit den Zinserhöhungen wie bisher, und zeigen uns damit, dass wenig inflationstechnischer Handlungsspielraum vorhanden ist. Aber solche Aussagen dürfen nicht überbewertet werden. Achten Sie auf das, was Godfather himself, Alan Greenspan, sagen wird.

Die zurzeit vernünftigste Strategie

Ich bin mittlerweile, nach einer genaueren Analyse der neuesten Aussagen und Fakten, zu einem leicht veränderten Schluss gekommen (erlauben Sie mir, dass ich meine Meinungen auch überdenke und an Realitäten anpasse, statt starr an Überholtem festzuhalten). Ich denke, dass Alan Greenspan, so wie es seine Art ist, keine überhasteten Reaktionen beschließen wird. Er wird abwarten, was die nächsten Wirtschaftsdaten anzeigen, also mit den Zinserhöhungen erst einmal weitermachen. So kann er sich den Joker einer Zinssenkung in der Hinterhand halten und wird sein Pulver nicht bereits jetzt verschießen.

Es scheint nur vernünftig, abzuwarten, wie die Wirtschaft reagiert.
Erst wenn sich zeigt, dass die Wirtschaft stärker von dieser Katastrophe getroffen wird und aus eigener Kraft die Folgen nicht heben kann, wird er die Zinsen senken.

Mit den bis dahin steigenden Zinsen kann er so zunächst die Inflation in Schach halten und dann je nach Bedarf durch schnell sinkende Zinsen (allerdings dann von einem höheren Niveau aus, so dass sich die Zinssenkungen dann zunächst nicht mehr so stark auf die Inflation auswirken), der Wirtschaft (besonders den Börsen) ein entsprechendes Signal geben!

Das ist (ich muss nun sagen:) im Moment die Reaktion der Fed, die ich für die wahrscheinlichste halte.

Trotz allem, immer noch bullish

Was bedeutet das für die Märkte: Der Focus auf die Zinsen wird kurzfristig abnehmen. Die Institutionellen werden aber oben genannte Aussagen im Hinterkopf behalten und vielleicht heimlich anfangen, darauf zu traden. So ist es durchaus denkbar, dass die US-Indizes trotz weiter steigender Zinsen mäßig nach oben gehen, um dann bei den ersten Anzeichen des Endes der Zinserhöhungsphase deutlicher anzuziehen.

Sollte jedoch offensichtlich werden, dass die Inflation nicht im Zaum zu halten ist und die Fed keinen Spielraum hat, die Zinserhöhungen auch im nächsten Jahr auszusetzen, könnten die amerikanischen Indizes erheblich unter Druck geraten.

Ein spannender Herbst mit Crash-Potential, aber bullishen Ängsten

Es kann ein spannender Herbst werden. Im Hinterkopf muss man dabei auch immer behalten, dass der Oktober ein bekannter Crash Monat ist und durch den Hurrikan zumindest ein "Crash-Potential" im Markt ist.
Aktuell werte ich aber noch immer die bullishen Aspekte höher. Ich gehe also immer noch davon aus, dass die Märkte weiter steigen!

Das Crash-Szenario

Trotzdem ein mögliches Crash-Szenario, nur um darauf entsprechend vorbereitet zu sein, wenn sich Anzeichen dazu ausbilden:

Ein Auslöser für den Crash könnte sein, dass der Ölpreis trotz der Freigabe der Reserven angesichts der kommenden Heizperiode und den Ausfällen im Golf von Mexiko überproportional reagiert. Behalten Sie das im Hinterkopf, denken Sie aber auch immer daran, dass ein Markt an der Angst entlang steigt.

Der Markt wird es uns wie immer rechtzeitig verraten!
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Gruß Moya

 

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