Frank Schirrmacher: "Kirchhofs Welt"

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eröffnet am: 14.09.05 13:00 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 1
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129861 Postings, 6224 Tage kiiwiiFrank Schirrmacher: "Kirchhofs Welt"

Kirchhofs Welt


Der Professor und das Nichts: Ein Tag mit dem Wahlkämpfer


Medizin ist bitter. Wie schwer muß es sein, aus einer Arznei ein Lebensmittel herzustellen? Der Hammermühle ist das gelungen. Mit ihren glutenfreien Mehlen werden Brote für diejenigen gebacken, für die normale Brote Gift sind. "Merkt der Patient, wenn er einmal sündigt?" Das fragt Paul Kirchhof die Müllersleute. "Der merkt das sofort", sagt der Eigentümer in einem Ton, der klarmacht, daß der arme Sünder nicht so dumm sein wird, ein zweites Mal zu sündigen.


Paul Kirchhof interessiert sich für solche Dummheiten besonders. Ihn überrascht nicht, daß Menschen Dinge tun, die ihnen schaden. Was ihn interessiert, ist die Zeitspanne, die zwischen Dummheit und Sanktion vergeht. Wie oft kann ein an Zöliakie Erkrankter normales Getreide essen, ehe er die Quittung bekommt? Wie lange kann ein Staat Schulden machen, ehe alle etwas merken? Wie weit kann das alles noch gehen, ehe es so wirklich nicht mehr weitergeht?


Dafür steht er. Für die Medizin, die ein Lebensmittel werden soll. Für das Lebensmittel, das Deutschland kräftigen soll. Die SPD sagt, Dr. Frankensteins Lebensmittel sei Gift. Die CDU selbst tut in weiten Teilen so, als entwickele Kirchhof im weißen Kittel Medikamente in der Forschungsabteilung, die zwar vielversprechend seien, aber viel zu gefährlich, als daß auf ihre Zulassung zu hoffen wäe. Er selbst erlebt die Angriffe mit der bodenlosen Verblüffung eines Hundebesitzers, der für seinen mit Finderlohn gesuchten entlaufenen Rassedackel einen fetten, stinkenden und gemeingefährlichen Kampfhund zurückerhält. "Das ist nicht mein Konzept", sagt er oft an diesem Tag, und auch: "Das bin nicht nicht".


Daß sein Konzept bekämpft wird, hat er erwartet. Daß es ihm innerhalb von achtundvierzig Stunden entführt, zugerichtet und schließlich als Karikatur wieder auf ihn losgelassen wird, damit hat er nicht gerechnet. "Früher habe ich mich gefragt", so sagt er an diesem Morgen bei einer Veranstaltung in Ludwigshafen: "Wie formuliere ich so, daß ich verstanden werde? Heute sage ich: Wie formuliere ich so, daß ich nicht verfälscht werden kann?" Das ist schwierig, weil der politische Gegner nicht nur Formulierungen, sondern auch Zahlen großzügig uminterpretiert. Der Grüne Oswald Metzger, einer der wenigen unabhängigen Köpfe des Betriebs, urteilte gestern knapp: "Ich finde das Konzept nach wie vor gut, das Steuerkonzept ist bestechend. Aber ich habe wieder einmal registrieren müssen, daß Quereinsteiger vorher verbrannt werden, bevor sie Wirkung erzielen können."


Die Tatsache, daß Paul Kirchhof einen Ortstermin in der Pfalz absolviert, während die Nation über Kirchhof streitet, wirkt wie ein Krankheitssymptom der verängstigen und überforderten CDU-Parteizentrale. Statt ihm Foren zu bieten oder ihm zur Seite zu springen, verschickt sie ihn zu Terminen, auf denen er über Getreideveredelung unterrichtet wird


Immerhin: Dreimal redet Kirchhof an dem Tag, da ein "Spiegel"-Titel und die zweite Kanzlerrunde sich eigentlich nur um ihn drehen. Er redet vor mittelständischen Unternehmern, in einem pfälzischen Versammlungsheim und am Abend, in ganz anderen Zusammenhängen, in der Mainzer Akademie der Literatur und Wissenschaften. Dreimal ist der Erfolg enorm. Er begeistert sein Publikum, ohne auch nur den Hauch jener rhetorischen Freund-Feind-Bilder zu verbreiten, die die Berliner Journalisten insbesondere dann so verzücken, wenn sie sich mit durchgeschwitzten Händen und aufgekrempelten Hemden verbinden. Er begeistert die Leute deshalb, weil sie womöglich irgendetwas von der Freiheit spüren, die er so oft und gerne im Munde führt. Sie ist kein Adler, kein Wappentier, nichts Pathetisches, sie hat noch Flaum und piepst: Vielleicht, vielleicht könnte ich eines Tages meine Steuererklärung verstehen. So würde es mit der Freiheit im einundzwanzigsten Jahrhundert beginnen.


Eigentlich hatte Kirchhof sich auf dieses Piepsen gefreut, in seinem "Garten der Freiheit". Plötzlich hat sich alles gedreht. Die SPD tut, als sei sie die Opposition und Kirchhof die Regierung. Die CDU-Ministerpräsidenten schweigen dröhnend oder wiegen bedenklich das Haupt. Die coolsten unter den coolen Journalisten können sich nicht mehr einkriegen über den Professor aus Heidelberg und seine Naivität.


Man fragt sich, wie das möglich ist, man fragt sich, ob wir bereits unwiderruflich in die Phase eingetreten sind, da eine Mediengesellschaft aus jeder beliebigen Tatsache eine Stimmung, Meinung oder Ansichtssache machen kann. Zwölf Jahre lang, so sagt er in Ludwigshafen, habe er als Bundesverfassungsrichter in einem staatlichen Reperaturbetrieb gearbeitet. "Der Mechaniker, der das Auto zwölf Jahre immer wieder repariert, versteht es besser als der Ingenieur, der es baute."


Daß es in Deutschland möglich ist, einen der ehemals obersten Richter zu einem Meister von Weltfremdheit und Unerfahrenheit zu machen - aus dem Munde von Politikern, die mit sechsundvierzig Jahren ihr erstes Amt bekamen -, spricht Bände über unsere Vorstellungen von Recht und Norm und übrigens auch vom Bundesverfassungsgericht. Kirchhofs Entscheidungen in Karlsruhe mögen vieles gewesen sein, unsozial waren sie nicht: Im Gegenteil sind es Urteile, die der Freiheit des Einzelnen und der Familie gegenüber den Zudringlichkeiten des Staates massiv beispringen. In einem bemerkenswerten Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" hat Paul Kirchhof jüngst den Kern seines Denkens benannt: "Mein Steuerkonzept bedeutet in der Tat einen staatlichen Machtverzicht. Ob der Steuerstaat, wie wir ihn kennen, allerdings viele Werte vermittelt, das wage ich zu bezweifeln. Das wichtigste Steuerungssystem des Staates ist für mich das Recht."


Die Tatsache Kirchhof bedeutet Machtverzicht für die Gralshüter der vermeintlichen Realpolitik. Das spüren die Weinbauern in der Pfalz, und es spüren ohne Zweifel auch die Ministerpräsidenten der CDU. Das Arkanum der Finanzbehörden wird zu einem demokratischen Wissen aller, die Zuteilungsprivilegien der Politiker ein wenig reduziert, eine fast revolutionäre Tat, wie Kirchhofs Sprache und seine Gestik verraten. "Ich kann mich nicht mit dem Konzept der Regierungsparteien vergleichen", sagt er, "denn da ist nichts. Sie haben nichts vorgelegt. Ich kann mich nicht mit Nichts vergleichen."


Die Causa Kirchhof füllt das Vakuum eines politischen Diskurses, der entweder nicht sagt, was er will, oder nicht will, was er sagt, oder nicht weiß, was er will oder wollen darf. Seitdem er von der Partei, der er nicht angehört hat, aber auf ihre Bitte beigesprungen ist, so sonderbar allein gelassen wird, betrifft dies längst nicht mehr die Regierungsparteien allein. Die kann man sogar bewundern dafür, daß es ihnen ein weiteres Mal gelang, aus einem Arzt einen Giftmischer zu machen. Aber daß ein Mann des Wortes und des Geistes auch aus den eigenen Reihen gleichsam exemplarisch zum professoralen Phantasten gemacht wird, das ist ein starkes Stück. Seit fünf Jahren, so erzählt er, diskutieren die Leiter der Abteilung Steuern von sechs Bundesländern seine Steuervorstellung; mit angeblich großem Erfolg ist es in einer Steuerverwaltung simuliert worden, die Steuerfachleute selbst wurden zu großen Befürwortern des Professors. Ein Phantast tut dergleichen nicht.


Und wenn es auch manchem Politiker phantastisch erscheint, heute schon über das Staatsvolk und die demographische Krise der Jahre 2013 oder 2017 zu reden - die Wähler werden diese Jahre erleben und die Quittung für die Unterlassungen des Jahres 2005 erhalten.


Kann sein, daß Kirchhof sich überschätzt. Aber die Ehre sollte man ihm antun, ihn nach seinem Wert zu schätzen. Dann muß man den ausgewiesenen Obermechaniker unserer Reperaturwerkstatt einen Realisten nennen.


FRANK SCHIRRMACHER


Text: F.A.Z., 14.09.2005, Nr. 214 / Seite 35



MfG
kiiwii  

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