Fensterputzer sucht Fenster

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eröffnet am: 15.09.05 08:29 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
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15.09.05 08:29

15332 Postings, 5721 Tage quantasFensterputzer sucht Fenster

Die hohe Arbeitslosigkeit ist das Hauptthema im deutschen Wahlkampf. Die Parteien werben um jede Stimme, auch um die der Arbeitslosen. Auf den Arbeitsämtern, wie in Berlin Mitte, werden die Einzelschicksale deutlich. Ein Augenschein.

Arbeitsamt Berlin Mitte, Charlottenstrasse 90, 7 Uhr. Wer hier Schlange steht, hat keine Arbeit und braucht Stütze. Oder eine Arbeitsstelle. Doch Arbeit gehört nur ausnahmsweise zum Sortiment des Hauses. Und so wühlen die Arbeitslosen auf dem Wühltisch nach 1-Euro-Jobs.

Fischhäuter heisst der Mann. Er holt sich hier jeden Monat 287 Euro. Arbeitslosengeld II heisst das jetzt. Vor den Hartz-Reformen war Fischhäuter Sozialhilfeempfänger. 32 Jahre lang reinigte er die dreckigen Berliner Fenster. Fischhäuter ist Glashausreiniger. Die neue Metropole funkelt und glänzt, und auch das Glashaus Arbeitsamt Berlin Mitte ist blitzsauber. Aber diese Scheiben putzen andere: «Meine Stunde kostet 16 Euro», sagt Fischhäuter. Aber hier, sagt er, wolle man ihn zwingen, die Fenster für einen Euro zu putzen. «Mache ich nicht», sagt er.

Das muss er aber, sagen die Hartz-Gesetze. Und darum will Fischhäuter die Linkspartei von Lafontaine wählen. Und er will auswandern. Nach Österreich? Oder in die Schweiz?

Auswandern, wohin?
Frau Detlef, eine 47-jährige Wissenschafterin, will in die Schweiz. Sie hat gehört, dass die Arbeitslosenquote dort nur bei fünf Prozent liege. Seit zwei Jahren ist die Westberlinerin arbeitslos. In der Stadt wurden allein im letzten Jahr 50 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gestrichen, auch ihr Arbeitsplatz. Frau Detlev sagt: «Die Statistik ist eine Wunde.» Deshalb zeige man sie nicht gern. Obwohl diese Wunde vereitert sei und die Statistik immer weiter anschwelle.

Berlin wird von Sozialdemokraten und der PDS regiert. Der Kampf gegen Arbeitslosigkeit ist oberstes Gebot. Offiziell gab es im August 318 687 Menschen ohne Arbeit. Und das sind laut der Bundesagentur für Arbeit 7467 weniger als im Vormonat. Aber eben auch 20 968 mehr als im Vorjahr. Trotzdem sieht Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linkspartei «Anlass für Hoffnung». Konkreter wird er nicht.

Doch die Schlange vor dem Arbeitsamt Berlin Mitte besteht aus sehr konkreten Menschen. Es regnet leicht. In einer halben Stunde öffnet das Arbeitsamt. In drei Tagen wird gewählt. Frau Detlev traut keinem Politiker. Sie sagt: «Die Akademiker fahren jetzt Taxi.»

Aktivierte Arbeitslose
Ina, die 41-jährige «Rucksackberlinerin», wie sie sich vorstellt, nickt. Ina ist eine alleinerziehende Mutter, zierlich und ironisch. Bis März habe sie eine gute Stelle in der Privatwirtschaft gehabt. Die Firma gebe es nicht mehr, aber sie selbst möchte schon noch ein bisschen existieren. Das Arbeitsamt hat ihr einen achtwöchigen Englischkurs bezahlt, und nun? «Soll ich jetzt auf Englisch fragen, ob man heute eine Arbeit für mich hat?» Ina will Schröder wählen, wie fast alle in der Schlange.

Mit den Hartz-Reformen soll der Arbeitsmarkt «aktiviert» werden, und dazu gehört vor allem, dass die Arbeitslosen fit gemacht werden sollen für Stellen, die es nicht mehr gibt. Denn sonst wären sie ja nicht arbeitslos. Theoretisch müssen die Job-Center den Arbeitslosen Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten. Aber Junesko, ein Rumäne, ist mit 46 Jahren zu alt dafür. Es sei denn, er würde krank, dann dürfte er sich umschulen lassen. «Aber leider bin ich gesund», sagt er.

Er wartet auf sein Arbeitslosengeld II, auf 830 Euro. Allein die Miete kostet 631 Euro. Und Computerspezialist Junesko hat zwei Kinder und eine Frau, die jung genug ist, um vom Arbeitsamt Geld zu bekommen für eine Berufsausbildung als Kindererzieherin. Ein solches Diplom hat sie zwar schon, aber das gilt nicht in Deutschland. Und weil der deutsche Staat sie ihre Ausbildung noch einmal machen lässt, darf sie nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten. Viel Geld bringt sie also auch nicht nach Hause. Trotzdem ist Junesko heute gut gelaunt. Er zeigt den «Gelben Brief». Das Arbeitsamt hat etwas für ihn als Lackierer.

Schwarz arbeiten
Josef, 40, ein drahtiger polnischstämmiger Bauarbeiter mit deutschem Pass, ist verzweifelt. Noch einen Monat gibt es Arbeitslosengeld, dann ist Schluss. «Eine Katastrophe», sagt der verheiratete Vater von drei Kindern. Vier Jahre lang hat er sich auf Berliner Baustellen irgendwie durchgeschlagen. Schlecht bezahlt, aber immerhin. Irgendwie, sagt er, wird es schon weitergehen. «Schwarzarbeit ist keine solide Sache», sagt er. Aber wenn es keine weisse gibt?

Auch Rosalia, die 43-jährige Sprachwissenschafterin sieht keine Chance, als Übersetzerin eine legale und normal bezahlte Arbeit zu bekommen. In diesem Sommer hat sie schwarz übersetzt, «für ein Taschengeld». Wen sie wählen wird, weiss sie nicht, aber «sicher nicht Merkel». Adrian, der 22-Jährige, will SPD wählen. Er hat als Kameraassistent für private Fernsehstationen gearbeitet, für 400 Euro im Monat. Nun will er sich ausbilden lassen und ist zuversichtlich. Ein Freund hat eine Lehrstelle für ihn gefunden. «Beziehungen sind wichtig.»

Kochen für 500 Euro
Das ist oft zu hören an diesem Vormittag: wer keine Arbeit hat, brauche Beziehungen. Aber das Arbeitsamt habe leider keine Beziehungen, sondern frage nur den Computer. Federico, ein 25-jähriger Koch aus Norditalien, hat keine Beziehungen. Aber seit ein paar Stunden endlich einen Krankenkassen-Ausweis. Ohne den gibt es kein Arbeitslosengeld II.

Wie viele andere Italiener, hat Federico als «Schwarzkocher» auch in renommierten Berliner Kneipen gearbeitet. Für 500 Euro im Monat. Und nicht mehr, aber auch nicht weniger erhofft er sich jetzt vom Arbeitsamt Berlin Mitte. Die 25-jährige Saskia aus Nordrhein-Westfalen ist glücklich. Sie ist erst seit einer Woche in Berlin und hat schon einen «Vermittlungsgutschein». Und damit hat sie Anspruch auf eine kostenlose Vermittlung durch das Arbeitsamt. Denn ohne diesen Schein müssen die Arbeitslosen eine Vermittlungsgebühr bezahlen, wenn das Arbeitsamt etwas für sie gefunden hat. Das kommt nicht sehr oft vor. Saskia zeigt wortlos auf ihre Hände. Und diesen Händen sieht man an, dass sie im Leben schon oft zugepackt haben. Saskia sagt: «Ich werde Krankenpflegerin. Ich werde es schaffen.»

Was der 1-Euro-Job bringt
Tatjana, Valentina und Sandra, alle Anfang 20, sind pessimistischer. Die drei Berliner Verkäuferinnen möchten in ihrem Beruf arbeiten, aber unter keinen Umständen einen 1-Euro-Job annehmen. Das müssen sie aber, wenn ihnen das Arbeitsamt ein solches Angebot macht. Denn sonst drohen ihnen beim Arbeitslosengeld empfindliche Abstriche. 1-Euro-Jobs sind als Zusatzeinkommen gedacht.

Als Verkäuferin hat Sandra 230 Euro im Monat verdient. Ein 1-Euro-Job würde ihr etwa 100 Euro mehr bringen. Aber das änderte nichts daran, dass sie wie ihre Kolleginnen keine Stelle als Verkäuferin findet. Und eben dazu sollen die Minijobs dienen: als Schuhlöffel für den Wiedereinstieg in den regulären Arbeitsmarkt.

Doch Arbeitsmarktexperten schätzen, dass in Berlin allein im letzten Jahr Hunderte regulärer Stellen abgebaut und durch 1-Euro-Arbeiter ersetzt wurden. Das ist zwar gegen das Gesetz, aber das ist die Realität. Und «hundert Euro sind viel Geld», sagt der arbeitslose Wachschutzmann Karl-Heinz, dessen Schutzobjekt vor einem Jahr geschlossen wurde. «Nun muss ich nur noch mich selbst schützen», sagt Karl-Heinz.

Fritz Dinkelmann, Berlin/St.Galler Tagblatt 15.9.2005
 

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