Fast alle Börsianer lieben Ben Bernanke

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26.10.05 08:08

8970 Postings, 6127 Tage bammieFast alle Börsianer lieben Ben Bernanke

Beobachter rechnen mit Fortsetzung der marktfreundlichen Geldpolitik - Aber viele Rentenanleger sind skeptisch

von Holger Zschäpitz

Berlin - Der Magier der Märkte ist tot - es lebe der Mittler der Märkte. So läßt sich die Reaktion der Börsianer auf die Nominierung von Ben Bernanke zum neuen Chef der US-Notenbankchefs umreißen. Nur einen Tag, nachdem US-Präsident George Bush den Nachfolger für den Ende Januar aus dem Amt scheidenden Alan Greenspan präsentiert hat, haben die Experten den Magier der Märkte Greenspan fast schon vergessen und setzen nun voll auf den Neuen. Bernanke wird von sämtlichen großen Investmentbanken als Moderator zwischen Politik, Wall Street und Weltwirtschaft betrachtet, der gut für die globalen Finanzmärkte ist. Vielleicht sei er nicht das große Genie wie sein Vorgänger, jedoch habe er das Zeug, mit klarem Realitätsverständnis gekoppelt mit akademischen Scharfsinn und ausgezeichneter Kommunikationsfähigkeit den neuen Posten auszufüllen.

"Bernanke ist die ideale Besetzung", meint David Rosenberg, Chefvolkswirt bei Merrill Lynch in New York, erleichtert. Seine kurze Wirkenszeit im Rat der Fed zwischen August 2002 und Juni 2005 habe ausgereicht, um sich einen Nimbus zu schaffen. "Jeder Fondsmanager, der Bernanke einmal getroffen hat, redet gut über ihn", fügt Rosenberg zum Beweis dafür an, daß der Mann, der auch schon mal mit hellen Socken zum dunklen Anzug beim Präsidentenempfang erscheint, der Darling der Wall Street ist.

Da spielt es auf einmal auch keine Rolle mehr, daß Bernanke, über keinerlei praktische Erfahrungen im Umgang mit Finanzverwerfungen verfügt. "Greenspan hat jede Krise gleich gehandhabt: er hat das Finanzsystem mit Liquidität geflutet", sagt Rosenberg. "Wir sind uns nicht sicher, ob es für das Drucken von Geld eines besonderen Talents bedarf." Und der New Yorker Morgan-Stanley-Ökonom Richard Berner ergänzt: "Greenspan verfügte bei seinem Amtsantritt 1987 ebenfalls über keinerlei große Erfahrungen."

Damit hat Bernanke das Vertrauen der Börsenwelt erobert, noch bevor er überhaupt im Amt ist. Selbst einer möglichen Reform der US-Notenbank sehen die meisten Profis gelassen entgegen. So könnte Bernanke der Fed künftig ein klares Inflationsziel verordnen - ein Ansatz, dem sich Greenspan bislang erfolgreich widersetzte, weil er fürchtete, an Flexibilität bei der Festsetzung der Leitzinsen einzubüßen. "Bernanke ist kein Befürworter eines strikten Regelwerks, das ihn selbst in Zeiten einer Finanzkrise bindet", beruhigt Robert DiClemente, Ökonom bei der Citigroup in New York. Vielmehr sei er an Anhänger einer kohärenteren und vor allem transparenteren Geldpolitik. Und dies sei gut für die Märkte.

Stephen Gallagher, Chefvolkswirt bei der Société Générale in New York, erwartet angesichts der breiten Finanzmarkt-Akzeptanz von Bernanke keine größeren Turbulenzen bei Amtsübergabe Ende Januar. "Der Lackmustest folgt wenige Monate später, wenn es um die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik geht", sagt Gallagher. Dann entscheide sich, ob die Märkte dem neuen Fed-Chef zutrauen, nicht nur die Wirtschaft am Laufen zu halten, sondern auch die Inflation langfristig in Schach zu halten.

Greenspan hat hier Maßstäbe gesetzt. Obwohl die Teuerung mit 4,7 Prozent zuletzt auf ein Mehrjahreshoch geklettert ist, liegen die langfristigen Inflationserwartungen noch immer bei 2,5 Prozent und deswegen wurde auch eine schärfere Korrektur am Rentenmarkt bislang vermieden. Denn die Händler gehen davon aus, daß Alan Greenspan die Geldentwertung schnell wieder unter Kontrolle bekommt.

Dies könnte sich unter Bernanke schnell ändern. Gerade Anleger von Staatsanleihen haben ihre negativen Erfahrungen mit Bernanke gemacht. So warnte er als Mitglied der Fed 2003 vor einer Deflation und stellte weitere Zinssenkungen in Aussicht. Doch statt eines Preisrückgangs kehrte das Gegenteil, die Inflation, zurück und die Renteninvestoren verloren kräftig Geld. Ohnehin fürchten viele Profis, daß unter Bernanke trotz eines expliziten Inflationsziels die Teuerung eher anziehen könnte. "Bernanke fürchtet Deflation mehr als Inflation", sagt Bob McKee von Independent Strategy in London. "Er wird als Indikator die Kerninflationsrate heranziehen, die den Energiepreisanstieg und die Teuerung bei Lebensmitteln herausrechnet und damit das wahre Ausmaß der Geldentwertung verschleiert."

Ein weiteres Problem sehen einige Strategen in der Börsenhörigkeit der Fed, die sich unter Bernanke fortsetzen könnte. So hat der Mann mit dem Backenbart in verschiedenen Publikationen durchblicken lassen, daß er nicht gedenkt, aktiv Spekulationsblasen zu bekämpfen. "Er wird wie Greenspan weiter die Setzung der Leitzinsen von der Entwicklung der Börsen abhängig machen", prangert Folker Hellmeyer, Stratege der Bremer Landesbank die fehlende Autarkie an. "Es kann aber nicht zu den Hauptaufgaben der Geldpolitik gehören, die Kursgewinne an den Börsen oder die hohen Preise bei den Immobilien zu retten."

Seines Erachtens wird der neue Notenbankchef, der zudem von Greenspan viele volkswirtschaftliche Ungleichgewichte wie das hohe Defizit in der Leistungsbilanz oder die Spekulationsblase am Immobilienmarkt erben wird, über kurz oder lang die Rechnung präsentiert bekommen.

Und tatsächlich könnte Bernanke ein Fluch treffen, der noch jeden neuen Fed-Chef ereilt hat. So kam es in der Regel kurz nach Amtsantritt jeweils zu einem Kurseinbruch. Auch Greenspan hatte nur zwei Monate nach Inthronisierung 1987 mit dem größten Börsenkrach nach 1929 zu kämpfen.

welt.de  

26.10.05 08:13

8970 Postings, 6127 Tage bammieEine neue Ära bricht an

Von Greenspan zu Bernanke
Von Claus Tigges, Washington


25. Oktober 2005 Der Ökonom Benjamin Bernanke soll künftig die mächtigste Notenbank der Welt führen. Das ist der Wunsch des amerikanischen Präsidenten George Bush. Er wird wohl in Erfüllung gehen, denn an der Bestätigung Bernankes als Chairman der Federal Reserve durch den Senat in Washington bestehen kaum Zweifel.

Die fachliche Eignung des langjährigen Professors aus Princeton ist unbestritten, seine wissenschaftlichen Arbeiten in der Geldtheorie und -politik gelten als wegweisend. Der Vorwurf der Vetternwirtschaft wird Bush diesmal, im Gegensatz zur Nominierung seiner juristischen Ratgeberin Harriet Miers als Richterin am Obersten Gerichtshof, nicht gemacht werden können.

Eine neue Ära bricht an

Bernanke führt zwar seit Sommer dieses Jahres den Stab der Wirtschaftsberater im Weißen Haus und macht aus seiner konservativen Überzeugung keinen Hehl. Es kann aber keine Rede davon sein, Bush habe in Bernanke einen Nachfolger für den scheidenden Alan Greenspan ausgewählt, der sich bereitwillig vor den wirtschaftspolitischen Karren des Präsidenten spannen lasse. Bernankes Ruf ist untadelig, und die Unabhängigkeit der Geldpolitik von Parlament und Regierung ist ihm ein hohes Gut. Der Ökonom weiß, daß die Notenbank ihren gesetzlichen Auftrag, die Preisstabilität zu sichern, auf Dauer nur erfüllen kann, wenn sie sich nicht für politische Zwecke mißbrauchen läßt.

Für die Geldpolitik in den Vereinigten Staaten bricht mit dem Wechsel an der Spitze des Direktoriums der Federal Reserve nun bald eine neue Ära an. Greenspan ist in den mehr als 18 Jahren als Chairman in der Tat, wie Bush es formulierte, zu einer Legende geworden. Die Akteure an den Finanzmärkten legen rund um die Welt jedes Wort Greenspans auf die Goldwaage in der Hoffnung, daraus gewinnbringende Schlüsse auf Veränderungen der Leitzinsen zu ziehen. Vor allem aber nehmen sie und die breitere Öffentlichkeit das Versprechen des Währungshüters ernst, die Inflation im Zaum zu halten. Das große Vertrauen, das der Dollar im In- und Ausland genießt und ihn zur Leitwährung macht, gründet sich vor allem auf seine Stabilität als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel.

Manchen Vorwurf muß er sich gefallen lassen

Es ist Greenspans Verdienst, die unter seinem Vorgänger Paul Volcker in den achtziger Jahren begonnene Anti-inflationspolitik erfolgreich fortgesetzt zu haben. Das war nicht immer leicht und bedeutet auch nicht, daß ihm keine Fehler unterlaufen wären. So hat Greenspan das kraftvolle Wachstum in den neunziger Jahren lange mit einer überaus lockeren Geldpolitik begleitet in der Annahme, der Produktivitätsschub der ?New Economy? dämpfe die Inflationsgefahr dauerhaft.

Das billige Geld der Fed trieb zwar nicht die Verbraucherpreise, dafür aber die Aktienkurse in die Höhe. An der Entstehung der Kursblase, die im Frühjahr 2002 schließlich platzte, ist Greenspans Fed nicht unbeteiligt. Und auch in diesen Tagen muß sich der Währungshüter den Vorwurf gefallen lassen, das Ende der expansiven Geldpolitik nicht früher eingeläutet und dadurch den aktuellen Inflationsschub verhindert zu haben.

Greenspans Talent als Krisenmanager

Unter dem Strich aber ist Greenspans Ruf als Kämpfer gegen die Inflation ausgezeichnet. Zudem ist sein Talent als Krisenmanager unbestritten: Durch kluges und umsichtiges Handeln hat er manche Gefahr für das amerikanische Finanzsystem und die Weltwirtschaft abgewendet, sei es während des Börsenkrachs im Herbst 1987, der Finanzkrisen in Asien, Lateinamerika und Osteuropa in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre oder nach den Terroranschlägen in New York und Washington im September 2001.

In Bernankes Worten klang darum auch Hochachtung vor Greenspans Leistungen, als er versprach, dessen Arbeit fortzuführen. Zugleich trägt die Aussicht auf Kontinuität zur Beruhigung der mitunter aufgeregten Akteure an den Finanzmärkten bei.

Die Zeiten der Geheimniskrämerei sind vorbei

Mit einer scharfen Kursänderung in der amerikanischen Geldpolitik ist nach dem Wechsel von Greenspan zu Bernanke Anfang Februar kaum zu rechnen. Gleichwohl wird sich die Geldpolitik in Zukunft weiterentwickeln, so, wie sie sich auch in den zurückliegenden fast zwei Jahrzehnten verändert hat: Die frühere Geheimniskrämerei ist einem wachsenden Bemühen der Währungshüter um Berechenbarkeit und Transparenz ihrer Entscheidungen gewichen.

Es läßt sich festmachen an der Bekanntgabe und Erläuterung der Zinsbeschlüsse des geldpolitischen Rates, der zügigen Veröffentlichung der Protokolle der Ratssitzungen und einer Vielzahl von Analysen, Reden und Aufsätzen, in denen die Notenbanker ihre Sicht der Dinge darlegen. Hinter alldem verbirgt sich die Einsicht, daß nur eine durchschaubare Geldpolitik glaubwürdig ist und die Inflationserwartungen auf niedrigem Niveau zu verankern vermag.

Eine gute Entscheidung

Auf diesem Weg ist das Ende freilich noch längst nicht erreicht. Es wird die Aufgabe Bernankes sein, weitere Schritte zu unternehmen. Zu wünschen ist, daß der Ökonom im verständlichen Bemühen um Kontinuität eine stärkere Regelbindung der Zinspolitik nicht aus den Augen verliert. In seinen theoretischen Arbeiten hat Bernanke selbst die Grundlagen für ein geldpolitisches Konzept in Gestalt eines direkten Inflationsziels geschaffen. Eine solche Strategie, im Rahmen deren die Zentralbank zunächst eine höchstens zulässige Inflationsrate vorgibt und diese dann mit den Mitteln der Zinspolitik ansteuert, verringerte die Unwägbarkeiten, die mit der flexiblen ?Risikosteuerung? Greenspans bisweilen verbunden sind.

Der amerikanische Präsident hat eine der wichtigsten Personalentscheidungen seiner Amtszeit getroffen. Es ist eine gute Entscheidung. Bernanke besitzt das theoretische Rüstzeug und die praktische Erfahrung, die notwendig sind, um Möglichkeiten und Grenzen der Geldpolitik zu erkennen und die Preisstabilität dauerhaft zu sichern.
Text: F.A.Z., 26.10.2005  

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