Euro: Aufstieg eines Blenders

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eröffnet am: 17.07.02 08:01 von: zombi17 Anzahl Beiträge: 1
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59073 Postings, 7156 Tage zombi17Euro: Aufstieg eines Blenders

Aus der FTD vom 17.7.2002 www.ftd.de/euro
Euro: Aufstieg eines Blenders
Von Tillmann Prüfer, Hamburg

Ein Euro ist teurer als ein Dollar. Trotzdem freut sich niemand so recht über den Kursanstieg der europäischen Gemeinschaftswährung. Die Sorge um einem dauerhaft schwachen Dollar wiegt bei den Experten schwerer.

Für Bolko Hoffmann hat sich "ü-ber-haupt-nichts" geändert. Vor Monaten hatte der Herausgeber des Düsseldorfer "Effecten-Spiegels" und Chef der Initiative Pro D-Mark die Öffentlichkeit in einer Anzeigenkampagne informiert: "Der Euro wird uns in die Katastrophe führen." Und sich drauf berufen, dass der Dow-Jones-Chefanalyst Axel Rudolph die Einheitswährung zum Jahresende bei 75 US-Cent wähne.

Seit Anfang Februar ist der Kurs der Gemeinschaftswährung um mehr als 18 US-Cent gestiegen. Nun ist ein Euro mehr wert als ein Dollar - doch für Hoffmann ist die Katastrophe gegenwärtig wie zuvor: "Der Euro zerstört unser schönes Europa!" Er ist sicher: "Sobald die Amerikaner ihre Sachen geklärt haben, kommt der Dollar wieder zurück." Und überlasse den Euro dann wieder dem freien Fall.



"Dummes Zeug"


Seine ärgsten Feinde hat der Euro nicht zu Jüngern gemacht, indem er jüngst den Dollar hinter sich gelassen hat. Und auch seine größten Fürsprecher klatschen allenfalls verhalten Beifall: Stefan Collignon, Professor an der London School of Economics, hat Jahrelang im Dienst der "Assoziation für die Europäische Währungsunion" für den Euro geworben, die Kurssteigerung lässt ihn aber kalt: "Oberflächlich nützt das dem Image vielleicht, aber es ist dummes Zeug." Den Kurs bei 90 US-Cent fand er ein "stabiles Gleichgewicht". Ein extremer Wertanstieg wie momentan schade der Weltwirtschaft eher: "Es ist Voodoo-Ökonomie, den Erfolg einer Währung an ihrem Wechselkurs zu bemessen."


Als der Euro im Dezember 1999 die Paritätslinie von der anderen Seite her durchbrach, hatte die Öffentlichkeit dagegen kein Problem, dem Bedeutung beizumessen: "Warum stürzt er immer tiefer ab?", klagte die "Bild"-Zeitung. Das Ansehen der Währung ist seitdem angeschlagen. Doch nun, da der Euro aus diesem Tal zurückkehrt, ist nicht einmal seine Mutter, die Europäische Zentralbank, bereit ihm zum Empfang ein paar warme Worte zu spenden: "Kein Kommentar", heißt es im Frankfurter Eurotower.



Skepsis statt Euphorie


Aber keine Spur von Euro-Euphorie, statt dessen herrscht Skepsis. Denn fest steht: Den Euro-Kurs treiben kaum wirtschaftliche Erfolgsmeldungen aus der Euro-Zone. "Für Europa sehe ich keinen Grund, bullish zu sein", meint eine Währungsstrategin. Die Investmenthäuser erwarten für die Europäische Union für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von nur 1,3 Prozent, während sie den USA immerhin 2,8 Prozent zugestehen.


Die Wertsteigerung rührt vielmehr daher, dass die Investoren Kapital aus den Aktienmärkten der Vereinigten Staaten abziehen. Und zwar in einem Tempo, als erwarteten sie, das Land ginge demnächst unter. Spektakuläre Firmenpleiten und Bilanzierungsskandale haben das Vertrauen in die US-Wirtschaft nachhaltig zerstört.



Sorge vor Exporteinbrüchen


"Es gibt eine hohe Korrelation zwischen dem schwachen Dollar und der Kapitalflucht", sagt Eugen Keller, Währungsanalyst beim Bankhaus Metzler: "Mit der Parität könnten wir gut leben, aber die Dynamik sollte uns Sorgen machen." Er fürchtet, dass die US-Märkte immer stärker unter Druck geraten, je tiefer der Dollar fällt: "Und dieses Gewitter könnte weiter zu den europäischen Börsen ziehen." Die Wertpapierkurse würden auch hier zu Lande einbrechen - auch wenn die Aktien in Euro gehandelt werden. Zusätzlich nährt der starke Euro Ängste vor Exporteinbrüchen: "Wenn diese Tendenz anhält, werden die Maschinenbauer und die Autoindustrie bald über Absatzrückgänge klagen", schätzt Keller.


Einiges spricht dafür, dass die Tendenz anhalten wird. "Früher hat man Dollar gekauft, egal ob die Nachrichten gut oder schlecht waren", sagt Helaba-Währungsstrategin Antje Praefcke: "Jetzt wird das gesamte Gerüst des starken US-Aufschwungs angezweifelt." Zudem seien die Zahlen für die US-Wirtschaft weder viel versprechend noch zuverlässig. So mussten die im Mai veröffentlichten April-Zahlen zu den Auftragseingängen bei langfristigen Wirtschaftsgütern (Durable Goods Orders), von einem Zuwachs um 1,5 Prozent bereits im Juni auf ein Plus von nur 0,4 Prozent korrigiert werden: "Es stellt sich die Frage, wie nachhaltig die veröffentlichten Zahlen sind", sagt Praefcke.


Dresdner-Kleinwort-Wasserstein-Analystin Sonja Marten fürchtet, dass es mit der Dollar-Schwäche jetzt erst so richtig losgehen könnte. "Jeder wartet auf die nächste schlechte Nachricht. Es gibt einen völligen Einbruch im Investorenvertrauen."



"Kein Anlass zur Panik"


Oscar-Erich Kuntze, Abteilungsleiter beim Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, warnt hingegen davor, zu viel in "sich andeutende Tendenzen" hinein zu interpretieren. Seiner Ansicht nach könnte der Euro noch auf 1,15 $ steigen bis es "knallt": "Zur Panik besteht kein Anlass", es sei nicht einmal davon auszugehen, dass ein teurer Euro die Exportzahlen verhagele. Als etwa der Dollar 1995 auf das Rekordtief von 1,35 DM fiel, konnten sich die Deutschen über einen Exportzuwachs von 5,7 Prozent freuen. Kuntze glaubt eher, dass ein dauerhaft starker Euro die Konjunktur stützt: So stiegen die Preise für Öl und Erdgas und Importgüter weniger stark, bei relativ hohen Lohnabschlüssen würden die Menschen bald merken, dass sie keinen Teuro, sondern schlicht mehr Geld in der Tasche haben.


Eine solche Imagekur hätte der Euro bitter nötig. Bei Umfragen erreichte der Euro zuletzt nur 34 Prozent Zustimmung, ohne dass es einen Grund dafür gäbe. Die Großhandelsverkaufspreise lagen im Juni 1,5 Prozent unter Vorjahresniveau, Computer waren im Mai 17 Prozent billiger als im Jahr zuvor.


"Gefühlte Inflation" sei das, sagt Christian Holst vom Möllner Meinungsforschungsinstitut Inra, das regelmäßig Daten zur Euro-Akzeptanz erhebt. Der Normalbürger interessiere sich nicht für Wechselkurse, "außer, wenn sie zur Nachricht werden, wie die Vermeldung der Dollar-Parität." Er sieht gute Chancen dafür, dass der Psycho-Effekt eines hohen Außenwertes hilft, das Volk mit seinem Geld zu versöhnen: "Die Deutschen haben ein Inflationstrauma", sagt Holst. "Wenn der Euro als eine starke Währung wahrgenommen wird, wirkt das auf jeden Fall beruhigend."


Der sicherste Indikator für die steigende Akzeptanz des Euro ist vielleicht Bolko Hoffmann. Mit seiner Protestpartei Pro DM will er dieses Jahr nicht mehr bei den Bundestagswahlen antreten: "Die Euro-Angst ist bei den Deutschen zur Zeit kein großes Thema."



© 2002 Financial Times Deutschland  

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