Erstaunliche Tendenz zur Verharmlosung der DDR

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INTERVIEW MIT STASI-BEAUFTRAGTER BIRTHLER

"Erstaunliche Tendenz zur Verharmlosung der DDR"

Der Streit um Ost-Frust und West-Lust führt in die Irre, meint die Behördenchefin Marianne Birthler. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über ostdeutsche Verharmlosung der DDR-Diktatur und falsche Kritik aus dem Westen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Birthler, wenige Wochen vor der Bundestagswahl spielt unerwartet die DDR wieder eine politische Rolle. Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm versucht, die Verbrechen einer Frau mit der Zwangsproletarisierung im realen Sozialismus zu erklären, der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht die Zukunft der Republik durch den Aufstand der Frustrierten bedroht. Was halten Sie als ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin von diesen Analogien und Attacken?

Birthler: In diesen Auseinandersetzungen wird deutlich, dass wir in Deutschland noch immer in zwei Kulturen leben. Ich fand es einerseits unsäglich, wie Herr Schönbohm die Kindermorde in Frankfurt an der Oder mit einer generellen Aussage über die DDR verknüpft hat. Andererseits dürfen wir uns um das Thema nicht drücken, welche gesellschaftlichen Schäden die SED-Diktatur nach sich zog. Die deutsch-deutschen Befindlichkeiten sind ein sensibles Thema, doch offenbar ist die Versuchung groß, es in Wahlkämpfen zu instrumentalisieren. In Ost und West übrigens: Die Reaktionen auf Schönbohm und Stoiber kamen auch nicht alle aus reinem Herzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Drangsalierung und Vertreibung des Bürgertums war offizielle Politik der SED. Gab es in der DDR interne Studien über das Problem der sogenannten Proletarisierung?

Birthler: Vorab: Der Begriff Proletarisierung trifft die Sache nicht, wenn es um Straftaten und Gewalt geht. Die SED-Ideologie ließ es gar nicht zu, für solche Probleme das eigene System verantwortlich zu machen. Die Staatsanwaltschaften haben durchaus Erhebungen über Gewaltdelikte gemacht, aber die blieben unter Verschluss und wurden höchstens intern ausgewertet. Sicher ist, dass es wesentlich mehr Straftaten gab, als die DDR-Bürger ahnten. Vieles wurde geheim gehalten. Gewalt an Kindern, auch Kindstötungen, wurden vor allem als bürgerliches Delikt gesehen. Oder man machte westliche Einflüsse verantwortlich für Gewaltverbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Schönbohms Bemerkung zielte auf die gesellschaftlichen Ursachen von Gewalt. Was ist daran falsch?

Birthler: Über Ursachen von Gewalt kann und muss man reden, aber doch nicht am Beispiel eines Einzelfalles, bei dem uns allen der Atem stockt. Auf diese Weise Diktaturfolgen zu thematisieren, ist mehr als ungeschickt, es ist auch in der Sache falsch. Allerdings gebe ich Herrn Schönbohm ausdrücklich Recht, wenn er gesellschaftliche Defizite, die im Osten entstanden sind, thematisieren möchte.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit genau?

Birthler: 60 Jahre mit zwei Diktaturen und einem Krieg haben in den neuen Ländern Spuren hinterlassen, hinzu kommt in Brandenburg, dass sich zwischen der Zeit der Großgrundbesitzer und der Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften kaum ein solider Bauernstand entwickeln konnte. An Nationalsozialismus und einen Krieg mit verheerenden Folgen schloss sich die zweite deutsche Diktatur an. Wir müssten doch über Diktaturen nicht weiter reden, wenn wir nicht wüssten, wie schwer die Folgegenerationen daran zu tragen haben. Die Ideologien von Diktaturen zielen auf die Seelen der Menschen, die Hinterlassenschaft der DDR-Staatssicherheit ist voller Beispiele dafür. In Westdeutschland gab es nach der NS-Zeit einen über 50jährigen Demokratisierungs- und Zivilisierungsprozess. Es wäre ein Wunder, wenn man diesen Unterschied nicht mehr spüren würde.

SPIEGEL ONLINE: Seit 1945 verliert der Osten Ingenieure, Intellektuelle, Akademiker an den Westen. Auch das hat schlimme Folgen.

Birthler: Richtig, das kommt hinzu. Und in der Mehrheit waren es die gut ausgebildeten, die aktiveren, die in den Westen gingen, jene, die selbstbestimmt und frei leben wollten. Wer in der DDR Verantwortung übernehmen, Einfluss ausüben wollte oder unternehmerische Ambitionen hatte, musste sich zwischen der Flucht in den Westen und der SED entscheiden. Die Abwanderung aus dem Osten aus wirtschaftlichen Gründen hält außerdem bis heute an. Trotzdem warne ich davor, die Defizite, die es im Osten gibt, zu verallgemeinern und parteipolitisch zu instrumentalisieren. Und außerdem hat die DDR - gegen ihren Willen - auch einen Typus hervorgebracht, den es im Westen nicht gab: Das waren die Menschen, die sich bewusst der Macht entzogen haben - unauffällig im Alltag, was keineswegs einfach war, oder sogar durch offenen Widerstand. Offenbar lässt eine Diktatur nicht nur die Bösen böser werden. In vielen Menschen fordert sie auch die guten Seiten heraus.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Hat Stoiber nicht ein bisschen Recht, wenn er den Frust zum Thema macht? Viele Westler fremdeln, wenn sie in den Osten fahren, weil sie vor der antibürgerlichen Attitüde zurückschrecken.


Birthler: Was Sie an den ostdeutschen Stammtischen über den Westen hören, ist auch alles andere als freundlich, manchmal sogar erschreckend. Die mentale Mauer zwischen Ost und West ist gewachsen. Gerade darum eignet sich das Thema nicht für Scharfmacherei im Wahlkampf. Das Ziel der Stoiber-Rede war keine ernsthafte Ost-West-Debatte. Er wollte, wie Michael Glos das ja einräumte, "seine Leute in Stimmung bringen".

SPIEGEL ONLINE: Vom realen Sozialismus existiert heute bei vielen Menschen ein ziemlich weich gezeichnetes Bild. So eine Art autoritäres Nachbarschaftsheim mit großem FKK-Strand an der Ostsee.

Birthler: Ich höre manchmal von Schülern: Wenn man nicht gerade im Knast saß, war die DDR ganz ok. Das ist natürlich absurd. Meine Antwort lautet: Wer sich nicht bewegt, spürt keine Ketten. Aber auch diejenigen, die sich nicht bewegen, werden durch das Leben in einer Diktatur verändert. Wer jahrzehntelang akzeptiert, seine Meinung nicht zu sagen, wer bei einem Witz immer erst über die Schulter guckt, wer bestimmte Dinge schon gar nicht mehr denkt - der lebt doch kein gutes Leben. Das ist doch die Katastrophe in einer Diktatur: Sie zerstört allmählich Freiheit, Zivilisation und Selbstbestimmung, der Zensor sitzt irgendwann nicht mehr außen, sondern im Kopf. Eine perfekte Diktatur würde gar keine Gefängnisse mehr brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Die DDR wird heute viel mehr verharmlost als vor 15 Jahren, als die Wiedervereinigung vor der Tür stand und die Mauer abgetragen wurde. Wieso wird das Regime so verklärt?

Birthler: Menschen neigen dazu, sich eher an das Gute als an Unangenehmes zu erinnern. Es schmerzt zu sehr, sich daran zu erinnern, dass wir eingesperrt waren, auch die Erinnerung an das eigene Verhalten kann unangenehm sein. Es gibt tatsächlich eine erstaunliche Tendenz zur Verharmlosung der DDR-Geschichte. Viele Menschen können die Kritik an einem politischen System nicht von ihrer eigenen Lebensgeschichte trennen. Seit 15 Jahren erlebe ich es, dass sich Menschen persönlich gekränkt fühlen, wenn sie hören, dass die DDR eine Diktatur gewesen sei. Ich habe auch dort gelebt, aber soll ich es vielleicht übel nehmen, wenn jemand das SED-Regime einen Unrechtsstaat nennt und das Politbüro eine Bande von Verbrechern? Das geht doch nicht gegen mich!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch gegen das Regime gekämpft. Die allermeisten DDR-Bürger haben das nicht getan.

Birthler: Kein Grund, sich diese Jacke anzuziehen. Von manchen wird das geschickt ausgenutzt. Wenn das politische System der DDR kritisiert wird, jaulen sie auf und behaupten: Nun geht es wieder gegen uns Ostdeutsche.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Rezept benutzt die PDS seit 15 Jahren sehr erfolgreich.

Birthler: Sie kommt auch deshalb damit durch, weil sie das im Osten weit verbreitete Gefühl der Zweitklassigkeit nährt und ausnutzt. Auf verschiedenste Weise werden wir bis heute mit dem großen Vorsprung des Westens konfrontiert. Der Westen gibt sich weltgewandter, erfahrener. Wir im Osten waren 1990 die ABC-Schützen der parlamentarischen, westlichen Demokratie. Bis heute werden die Geschicke des Landes vom Westen bestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Heutzutage ist immer wieder von "DDR-Identität" die Rede - als Abgrenzung zum Westen. Was ist das eigentlich genau?

Birthler: Im Herbst 1989 war ich zum ersten Mal gerne DDR-Bürgerin. Ich spüre bis heute Genugtuung, wenn ich an die demokratische Revolution denke, die das System zum Einsturz brachte, an die Rettung der Stasiakten, an die Aufbauleistungen nach 1990. Ich freue mich, wenn ich die neuen alten Häuser in meiner Straße ansehe und weine der DDR keine Träne nach. Und dennoch gibt es manchmal so etwas wie Wehmut: Bei einem Lied, einer Redewendung.Wer lacht schon im Westen über die Frage "Auch Pferde?" - eine Anspielung auf ein Lied, das Manfred Krug gesungen hat. Die Erinnerung an unsere Improvisationen, an manche Feste und sogar an die Probleme - das verbindet. Es war einfach ein langes Stück Leben. Und nicht zu vergessen: Alle, die über die DDR reden, meinen eine Zeit, in der sie zwanzig Jahre jünger waren als heute.

SPIEGEL ONLINE: Frau Birthler, es gibt in der Politik kaum noch ehemalige DDR- Bürgerrechtler. Günter Nooke und Werner Schulz kämpfen um ihren Einzug in den Bundestag, einen sicheren Listenplatz haben ihnen CDU und die Grünen verwehrt. Waren die Bürgerrechtler zu frech für die Bundesrepublik?

Birthler: Die großen Demonstrationen von 1989 haben eine optische Täuschung erzeugt. Die Opposition der DDR war nicht groß, eher ein überschaubares Häufchen. Viele sind politisch noch immer aktiv, wenn auch nicht auf der Bundesbühne. Werner Schulz hat das wunderbar beschrieben: Wir waren wie ein Stück Zucker im Tee. Nun ist der Zucker weg - aber der Tee schmeckt besser.

SPIEGEL ONLINE: Frau Birthler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Marianne Birthler sprachen Claus Christian Malzahn und Severin Weiland


gruß Maxp.  

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