Ein paar Worte zur FDP

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neuester Beitrag: 13.09.05 10:35
eröffnet am: 13.09.05 10:03 von: Happy End Anzahl Beiträge: 4
neuester Beitrag: 13.09.05 10:35 von: cassiopaia Leser gesamt: 245
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13.09.05 10:03
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95440 Postings, 7271 Tage Happy EndEin paar Worte zur FDP

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Ein paar Worte zur FDP

Deutschlands größter TV-Talker heißt nicht Fliege, sondern Guido Westerwelle. Seine penetrante Anwesenheit gaukelt dem gemeinen Wähler vor, die oppositionsgewohnte 1,8-%-Regionalpartei wäre mehr als ein blasser Lobbyistenverein, dem so lange das politische Personal ausgegangen ist, bis nur noch eitle Selbstdarsteller und blutleere Geschäftemacher übrig blieben. Die aktuellen Wahlkrampfstrategien entlocken jedoch selbst nihilistischsten Arivanern ein Lächeln: Endlich ein Programm, das die Satire schon enthält! Endlich Parteigesichter, die wie ihre eigene Ironisierung wirken!

Es lässt sich nicht leugnen: Die FDP ist noch da. Sie wird auch noch einige Zeit unsere Parteienlandschaft bereichern, etwa so wie die DKP oder die NPD: Zwar irgendwie nicht zu leugnen und abwechselnd mal eine extremistische, mal eine protestwählerische Klientel an sich bindend, aber (hoffentlich) stets unter 5 Prozent kreuchend und damit "mostly harmless". Denn ihre Rolle als drittstärkste politische Kraft (mit nicht unbeträchtlichem Abstand zur jeweils zweitstärksten) verlor die FDP schon vor Jahren, auch wenn Guido das mangels Realitätskompatibilität nicht so recht wahrhaben will.

Die FDP verlor die Rolle als drittes Rad am Wagen ausgerechnet an die Grünen, die ja auch irgendwie doof sind und deren einziges Verdienst es ist, mit Frau Roth inzwischen rhetorisch gesehen einen weiblichen Westerwelle-Klon gezüchtet zu haben, gegen den selbst Frau Bütikofer sympathisch wirkt. Selbst auf dem gnädigen Platz vier - zur Erinnerung: das gibt nicht mal Bronze! - ist die Westerwelle-Partei noch vom Abstieg bedroht, schliesslich konnten Lafontaine und Gysi noch nicht demonstrieren, dass ihre Gaunerei sich nur in der Farbe der Socken unterscheidet. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass uns die Ossis eine Kommie-Partei bescheren. Bye, bye, soziale Marktwirtschaft, sei umarmt, Genosse Planwirtschaft.

Mehr FDP, mehr Mut: Andere würden statt Mut 'Leichtsinn' sagen oder 'fehlender Überlebenswille'...

Das kann mit der FDP nicht passieren. Der Wahlkampf macht's! Denn hören Sie sich mal diese Slogans an:

Mehr FDP,
mehr Mut.


Mehr FDP,
Mehr Arbeitsplätze

Mehr FDP,
Mehr Innovation

Megatest FDP-Slogans

Klingt super! Oder? Aber der Wagen, der rollt. Ob so ein solches Programm allerdings auch wirklich gut ist und wirklich einer Partei entspricht, kriegt man am besten mit einem Test heraus, bei dem man bei Beibehaltung des Wahlslogans einfach die Partei auswechselt und prüft, ob das nun unglaubwürdiger klingt.

Mehr SPD,
mehr Mut.

Im Gegenteil. Klingt viel glaubwürdiger! Ich meine: Wer noch mal "Ich erhöh euch die Steuern und halbiere euch die Arbeitslosenzahl" wählt, der muss echt mutig sein?

Mehr CDU,
mehr Arbeitsplätze.

(In Fernost, zum Beispiel. )

Mehr FDP, mehr Dönerbuden? Mehr FDP, mehr Raubüberfälle? Mehr FDP, mehr Media Märkte?
Mehr Bergbau,
mehr Kohle.

Mehr Grün,
mehr Innovation.

Hey! Klingt so genauso gut wie mit der FDP!

Man könnte auch sagen, die Pseudo-Liberalen haben bekifft f... ein absolut beliebiges Wahlprogramm ausgearbeitet, über das sie mit absolut beliebigen Wahlkampfslogans werben. Gegencheck: Wie anders sehe das aus, hätten "so richtig andere" Parteien oder Probleme einen dieser Slogans verwendet:

Mehr Zwangsarbeit,
mehr Arbeitsplätze.

Mehr Hurrikane,
mehr Tote.

Mehr DKP,
mehr Gulags.

Mehr NPD,
mehr KZs.

Keuch! Klingt ebenfalls irgendwie vage wahr, ohne jetzt konkret beweisbar zu sein oder so! Das FDP-Programm ist also nicht nur beliebig, es läßt sich sogar beliebig fortführen:

Mehr FDP,
mehr Mut.

Mehr FDP,
mehr Mundgeruch.

Mehr FDP,
mehr Steuern.

Mehr FDP,
mehr Sex.

Mehr FDP,
mehr Selbstdarsteller.

Mehr FDP,
mehr Mumpitz.

Die Endlösung der Standortfrage

Noch genialer ist allerdings dieser Spruch hier:

Weniger Steuern
Für mehr Arbeit!

Danke, FDP! So einfach kann die Lösung aller deutschen Probleme sein! Wählen, wählen!
Darauf muss man schlechterdings erst mal kommen! Ich meine: Das ist doch DIE Lösung! Warum sind da andere vorher nicht draufgekommen, Albert Einstein z.B., oder Stephen Hawking? Weniger Steuern: Ja! Mehr Arbeit: Ja! Zwei Schmeißfliegen mit einer Babyklappe! It's so easy, den Standort Deutschland zu retten... Aber halt ? vielleicht ist das auch so ein Blenderspruch, der beliebig ist? Probieren wir es aus:

Weniger Kondome
Für mehr Kinder!

Weniger Kondome
Für mehr AIDS!

Weniger Zahnpasta
Für mehr Karies!

Weniger Schwiegermütter
Für mehr Swingerparties!

Weniger Urgel
Für mehr Wurgel!

Weniger Liberale
Für mehr Inhalte!

?undsoweiter. Passt alles! Liest sich jetzt halt wie Kurt Schwitters (FDP)! Aber der Wagen, der rollt. Kurz gesagt: Auch hier zeigt sich, dass die FDP mit ihrer Versicherungsdrücker-Rhetorik keinen Blumentopf gewinnen wird. Und ihre Werbeagentur ihnen 08/15-Propaganda verhökert hat, wie sie sonst nur eine Packung Frühstücksflocken zu zieren pflegt:

Weniger Kalorien
Für mehr Fitness!

Weniger Inhalt
Für mehr Geld!

etc.

Weitere unstrukturierte Worte zur FDP

Grosse Persönlichkeiten wie Hildegard Hamm-Brücher (aus der FDP ausgetreten) oder Jürgen Wilhelm Möllemann (aus der FDP rausgetreten) sind rar. Der letzte, an den man sich - außer Genschman und den gelben Pollunder - erinnern kann, ist Otto Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff, ein Mann, dem man schon am Namen ansieht, dass die FDP keine Partei für normalsterbliche Geringverdienende ist. Mehr FDP, mehr Bonzen? Ich zitiere dazu aus Wikipedia: "Am 27. Juni 1984 schied er wegen seiner Verwicklungen in die sog. Flick-Affäre aus der Bundesregierung aus. Drei Jahre später wurde er wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt, er ist also vorbestraft."

Alle Jahre wieder: Das entwürdigende Gewinsel der FDP um unsere Zweitstimme
Solche Heldentaten kann ein Guido Westerwelle leider noch nicht für sich verbuchen, und das bisschen rosa Rosette verzeiht ein Rot-Grün-regiertes Deutschland inzwischen von ganzem Herzen. ("Weniger FDP, mehr Liberalität"?) Die Frage stellt sich allerdings, vor allem vor der Wahl: Wer braucht denn eigentlich diese blau-gelben Typen, die noch am ehesten der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) ähneln, nur dass sie eben nicht Gott anbeten, sondern folgende Grundsätze, die ich mal aus dem Kurzwahlprogramm kwp_final.pdf zitiere:

"Erwirtschaften vor Verteilen":
Ehe der Staat also etwas verteilt, zum Beispiel eine Schule baut, soll er also etwas erwirtschaften, also Ihnen Ihre Steuer aus der Tasche ziehen. Dass die inzwischen zu hoch ist, das haben sogar die von der FDP kapiert und wollen die Steuern deswegen senken. Im Klartext: Die wollen doch tatsächlich die Wirtschaftlichkeit des Staates verringern! Den Pleitekurs im Programm stehen zu haben, ja, das bedeutet wirklich "Mehr FDP, mehr Mut". Diesen FDP-Grundsatz könnte man übrigens auch als das genaue Gegenteil von "Geben ist seliger denn Nehmen" deuten. Was die Liberalen da in den Müllhaufen treten, ist ja bloss eine der Grundlagen der gesamten christlichen Wertewelt. Und es klingt irgendwie nach "Ernten vor Säen", also auch noch blöd. Da wählen Sie doch lieber "Die Violetten - Alternative spirituelle Politik im neuen Zeitalter".

"Privat vor Staat":
In der Praxis bedeutet das, dass Ihnen jeder Konzern Giftmüll als Babynahrung verkaufen darf, denn Sie können ja selbst privat entscheiden, was Sie kaufen, und der Staat darf sich in sowas nicht einmischen, nicht mal mitbestimmen, ob auf dem Etikett nun "Enthält Giftmüll" draufstehen darf oder nicht. Wenn Sie dann privat gegen den Konzern vorgehen, weil Ihr Nachwuchs zusammengeschrumpelt ist und die privatisierte Klinik ihn nicht nehmen und heilen will, weil er deren aktuellen Effizienzkriterien privatisierter Heilwirtschaftlichkeit nicht genügt, klagen dessen Anwälte Ihnen den Arsch weg, und es gibt keinen Staat, der Sie gegen diese Wirtschaftswillkür schützt. Könnte man auch übersetzen mit "Ich über alle anderen" oder "Der Stärkere siegt" und wird unter Menschen normalerweise als "schamloser Egoismus" bezeichnet, bei Parteien wie der FDP heißt sowas "Wahlprogramm". Da wählen Sie doch lieber "PRG - Partei für RentenGerechtigkeit und Familie".

"Freiheit vor Gleichheit":
Damit möchten die Liberalen so flotte Anarcho-Sprüche wie "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." abschaffen. Dass die ja bloß im Grundgesetz Artikel 3 stehen - hey, wen schert´s, Schily wird die FDP schon nicht gleich als Verfassungsfeinde beobachten lassen! Würde ja eh nicht klappen, sie zu verbieten? In einer gelb-blauen Zukunft sieht das dann so aus: "Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich. Wer sich den besseren Anwalt leisten kann, kommt frei." Das ist doch jetzt schon so, werden Sie sagen. Tja, daran sieht man, dass die FDP früher schon mal mitregiert hat. Da wählen Sie doch lieber "CM - Christliche Mitte - Für ein Deutschland nach Gottes Geboten"

"Eigenverantwortung statt Staatsgläubigkeit":
Das gehört zu den eher rätselhaften Sprüchen aus dem FDP-Papier. "Staatsgläubigkeit" - seien wir ehrlich, wer glaubt denn dem Staat irgendetwas? Niemand. Wer glaubt "an" den Staat? Keiner. Mit einem Wort: Sowas wie Staatsgläubigkeit existiert gar nicht. Es ist ein FDP-Phantom. Ebenso gut hätte der FDP-Spruch also lauten können "Eigenverantwortung statt Alchemie" oder "Eigenverantwortung statt Poltergeist". Bleibt das Wörtchen "Eigenverantwortung". Damit meinen sie: "Wie wir Dir das Geld aus der Tasche ziehen, das ist Sache des Staates, schliesslich brauchen auch FDP-Politiker Diäten und die FDP als Partei Wahlkampfgelder - doch wie Du die Knete dafür ranschaffst, das ist Deine Eigenverantwortlichkeit!" Tja, da wählen Sie doch lieber gar nicht, oder? Schliesslich sind Sie nicht staatsgläubig und können auch ohne (FDP-Mit-)Regierung eigenverantwortlich sehr gut leben! Anders gesagt: Mehr FDP, mehr Widersprüchlichkeiten.

"Chancengleichheit statt Gleichmacherei"
- klingt ziemlich abstrakt, aber im Wahlkampfblättchen wird das ja so erläutert: "Chancengerechtigkeit beim Start durch frühkindliche Bildung.". Denn so sieht das aus in der neoliberalen Welt: Der Mensch ist ein Produkt, dessen Effizienz so früh als möglich optimiert werden muss, damit die Investition sich auszahlt. Heißt aber auch: Wo die Investition sich nicht auszahlt, liegt eine Fehlinvestition vor, der Output ist gleich menschlicher Abfall, den man aus Kostengründen besser schon als Fötus abgetrieben und wirtschaftlich gewinnbringend recycelt hätte. Weniger Arbeitslose durch mehr Abtreibungen, sozusagen. Da wählen Sie doch lieber "AUFBRUCH - Aufbruch für Bürgerrechte, Freiheit und Gesundheit".

Sehen wir der Wahrheit ins triefende Auge und hören wir uns an, was die Webseiten zu sagen haben - Mehr FDP, mehr Dampfplauderei: "Wir Freie Demokraten haben die Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Die FDP hat ein schlüssiges, solides und überzeugendes Programm für den Politikwechsel. Wir sind für den Neuanfang für Deutschland bestens gerüstet. Nutzen Sie die Chance. Wählen Sie die FDP!" Ey, das überzeugt doch jetzt wirklich irgendwie total, oder?

"Sag ich Ade, nun ihr Lieben, die ihr mitfahren wollt. / Ich wär so gern noch geblieben, aber der Wagen der rollt."

PS: Als ehemaliger Fan von Walter Scheels (FDP) unvergesslichem Welthit "Hoch auf dem gelben Wagen" sage ich: feuert den Westerwelle, dann kriegt ihr meine Zeitstimme! Ja, jetzt echt ehrlich!
PPS: Ich zitiere von http://www.fdp-buergerfonds.de/plog/spot-ecards.php: "In der letzten Phase des kurzen Wahlkampfes ist es wichtig, in der Sache ernst zu argumentieren, aber den Humor dabei nicht zu verlieren." Tja, einmal Spaßpartei, immer Spaßpartei.

PPPS: Ein bisschen retro ist die FDP schon. Hieß das beim Ade nicht so:

Mehr Kraft
durch Freude!

 

13.09.05 10:30

5687 Postings, 7242 Tage duschgel*megalol*

kann mir jemand sagen, wie man ein Eingangsposing anders als mit interessant bewerten kann?  witzig wäre hier passender  

13.09.05 10:34

3357 Postings, 7338 Tage das Zentrum der M.oh man Happy - jetzt wird es aber Niveaulos o. T.

13.09.05 10:35

443 Postings, 5621 Tage cassiopaiaHappy

Dei FDP wird am Sonntag ins Nirvana verschwinden...denn dort gehört der Laden auch hin.

Mehr als 6% kaputte Menschen gibts nicht in unserem Land...und das reicht nunmal nicht für eine neoliberale Koalition.

greez  

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