Ein Lob dem Laster

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eröffnet am: 30.03.05 22:16 von: 54reab Anzahl Beiträge: 5
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30.03.05 22:16

7336 Postings, 6429 Tage 54reabEin Lob dem Laster

Ein Gedicht und die moderne Ökonomie

Ein Lob dem Laster


Vor 300 Jahren erschien das Gedicht ?Der unzufriedene Bienenstock? von Bernard Mandeville. Dessen Botschaft war ebenso bemerkenswert wie umstritten.
Von Gerold Blümle und Nils Goldschmidt
                    §
Vor 300 Jahren, am 2. April 1705, erschien in London eine unscheinbare Sixpenny-Broschüre. Sie enthielt das Gedicht ?Der unzufriedene Bienenstock? von Bernard Mandeville.

Die Thesen des englischen Philosophen waren bemerkenswert: Nicht Tugenden der Menschen sind es, die dem Gemeinwohl dienen, sondern Laster ? das Streben nach Bequemlichkeit, Vergnügen und Luxus.

Wie die einzelnen Bienen im Bienenstock, jede auf den eigenen Nutzen bedacht, eine wohlgeordnete Gesellschaft formen, vermehren auch unter Menschen Eigennutz, Habgier und Betrug letztlich die gesellschaftliche Wohlfahrt.

Die Broschüre wurde ein Erfolg, brachte Mandeville aber auch viele Anfeindungen. Um seine Aussagen zu rechtfertigen, erweiterte Mandeville in den folgenden Jahren sein Gedicht um Anmerkungen und Dialoge, nun unter dem auch heute noch bekannten Titel ?Die Bienenfabel, oder Private Laster, öffentliche Vorteile?.

Viele Denker, darunter David Hume, Immanuel Kant, Jeremy Bentham, Adam Smith und Karl Marx setzten sich mit Mandevilles Gesellschaftskritik auseinander. Die Vorstellung, dass die rücksichtslose Verfolgung der eigenen Interessen dem Gemeinwohl mehr dient als öffentliche Moral, wie auch immer diese aussehen mag, ist in der Ökonomik seitdem als ?Mandeville-Paradoxon? bekannt: ?Stolz, Luxus und Betrügerei / Muss sein, damit ein Volk gedeih?.?

Mandeville, um 1670 in den Niederlanden geboren, entstammte einer geflüchteten französischen Hugenottenfamilie. Er studierte an der Universität Leiden Philosophie und Medizin. In London ließ er sich als Arzt für Nerven- und Magenleiden nieder und unterhielt enge Beziehungen zu den intellektuellen Kreisen am Königshof. Am 21. Januar 1733 starb er in Hackney bei London.

?Von Lastern frei zu sein, wird nie / Was andres sein als Utopie?: Zu Mandevilles Zeiten wandelte sich die englische Gesellschaft grundlegend. Das Großbürgertum löste den Adel in Stellung und Prachtentfaltung ab, die Landflucht führte zur Verarmung großer Teile der Bevölkerung, die Politik war durch Wirtschaftsinteressen und Bestechung geprägt. Mandeville interessierte die ungeschminkte Wahrheit über diesen Wandel.

Zivilisatorischer Fortschritt und wirtschaftlicher Erfolg waren ? so Mandeville ? nicht ohne Selbstsucht und Sittenverfall möglich. Sein pessimistisches Menschenbild formulierte Mandeville analytisch scharf, wiewohl in satirischer Absicht überzogen. Die realistische und zugleich schonungslose Schilderung brachte ihm später das Lob seines Bewunderers Karl Marx ein: Mandeville sei ein ?ehrlicher Mann und heller Kopf?.

Schelte für jeden

Ganz marxistisch mutet auch Mandevilles Beschreibung der Armut an: Die materielle Not zwingt die Unterschicht trotz niedrigem Lohn, die Faulheit zu überwinden, viel zu arbeiten und damit zum gesellschaftlichen Reichtum beizutragen. Weil der Lohn nur das Existenzminimum deckt, ist die Produktion billig; entsprechend führt Mandeville in seinen Erläuterungen aus, dass eine Handelsnation eine andere im Wettbewerb nicht unterbieten kann, es sei denn, ?ihre Arbeiter sind fleißiger oder arbeiten länger oder begnügen sich mit einer einfacheren Lebensführung? ? eine vertraute Argumentation. Andererseits schafft der Luxus der Oberschicht entsprechende Bedürfnisse und Erwerbsmöglichkeiten.

Das Laster des Luxus bewirkt also Gutes, ebenso der Geiz, der zur Akkumulation des Kapitals führt: ?Manch Reicher, der sich wenig mühte, / Bracht? sein Geschäft zu hoher Blüte, / Indes mit Sense und mit Schaufel / Gar mancher fleißige arme Teufel / Bei seiner Arbeit schwitzend stand, / Damit er was zu knappern fand.?

In seiner Schelte ließ Mandeville kaum einen Beruf aus: ?Die Advocaten waren groß / Im Rechts-Verdrehen und suchten bloß, / Statt zu versöhnen die Parteien, / Sie immer mehr noch zu entzweien?.

Zu den Ärzten schrieb Mandeville: ?Den Ärzten, wurden sie nur reich, / War ihrer Kranken Zustand gleich.?

Politiker beurteilte er im Stile der modernen Theorie der Wahlhandlungen, die das Verhalten der Politiker aus deren rationalem Eigeninteresse zu erklären sucht: ?Was man erwarb durch Schwindelei?n / Strich man als ?Nebengelder? ein?. Hier auf moralische Besserung zu hoffen, ist für Mandeville der falsche Weg. Statt an das Gewissen der Politiker zu appellieren, sollte man die Welt so nehmen wie sie ist: ?So klagt denn nicht: für Tugend hat?s / In großen Staaten nicht viel Platz.?

Mit seiner pessimistischen und satirischen Weltsicht wendete sich Mandeville direkt gegen den einflussreichen Schriftsteller der europäischen Aufklärung, Anthony Ashley-Cooper (1671?1713), und dessen Schüler, den schottischen Moralphilosophen Francis Hutcheson (1694?1746).

Hutchesons Schüler, der Vater der modernen Wirtschaftswissenschaften, Adam Smith (1723?1790), stimmte später Mandeville zwar darin zu, dass das Eigeninteresse entscheidend für das Handeln des Einzelnen ist und dass die Verfolgung dieses Interesses zum ?Wohlstand der Nationen? führt, jedoch erfährt bei Smith das Selbstinteresse, von ihm als Tugend betrachtet, seine Grenzen durch die Sympathie für den Mitmenschen. Dieses Streben nach Harmonie hält Egoismus und individuelle Laster in Schach.

Anders Mandeville: ?Der Allerschlechteste sogar / Fürs Allgemeinwohl tätig war.? In dem Moment, in dem die Bienen die Schlechtigkeit ihres Lebens beenden wollen, also der ?unzufriedene Bienenstock? entsteht, und sie der Tugend folgen, ist der Untergang des Gemeinwesens für Mandeville gewiss: ?Da man auf Luxus jetzt verzichtet, / So ist der Handel bald vernichtet?.

Kehrt die Tugend ein, bricht der Staat und der Fortschritt zusammen: ?Mit Tugend bloß kommt man nicht weit; / Wer wünscht, dass eine goldene Zeit / Zurückkehrt, sollte nicht vergessen: Man musste damals Eicheln essen.?




Prof. em. Dr. Gerold Blümle war bis 2002 Direktor der Abteilung für Mathematische Ökonomie an der Universität Freiburg, Dr. Nils Goldschmidt ist Forschungsreferent am Walter Eucken Institut in Freiburg.




damit der stoff nicht ausgeht

prosit und gute nacht


 
 

30.03.05 22:21

69004 Postings, 6127 Tage BarCodeMein Stoff ist leider gerade alle!

Und ob das Posting von dir hilft?

Gruß BarCode  

30.03.05 22:35

69004 Postings, 6127 Tage BarCodeImmerhin eine Anregung.

Mandevill hat auch das geschrieben:

Bernard Mandeville:
Eine bescheidene Streitschrift für öffentliche Freudenhäuser
oder ein Versuch über die Hurerei

Scheint ein interessanter Schreiber gewesen zu sein.

Gruß BarCode
 

31.03.05 10:13

7336 Postings, 6429 Tage 54reabup als frühstückslektüre o. T.

16.04.05 22:10

7336 Postings, 6429 Tage 54reabHilfe!

Kleine Lebensrettung
Hilfe!
Nach einem Jahr in London wundert sich unser Berliner Büroleiter mehr denn je über Deutschland. In Großbritannien wird erfolgreich Scheiße zu Gold erklärt, in Deutschland noch erfolgreicher Gold zu Scheiße. Falls Sie vom Greinen genug haben.
Von Christoph Schwennicke

Es hat sich nicht viel verändert in der Berliner Republik. Es ist, als sei man nicht weg gewesen. Die Regierung ist in der Krise. (Die achte, neunte oder zehnte? Aber diesmal ist es ernst, sagen alle).

Nachrufe in einem Hausblättchen eines Ministeriums tragen den Charakter einer Staatskatastrophe. Der Deutschlandfunk sendet seine Morgensendung.

Weder hat sich am Telefon-Programm (Stiegler-Glos-Nolting-Erler-Ströbele-Platzeck-Althaus-Faltlhause­r) etwas geändert, noch an den kargen Deutschlandfunk-Jingles, die gebläsemäßig weiter irgendwo zwischen Kaufhausmuzak und Porno liegen.

Am Tag des Weltuntergangs werden sie Wolfgang Thierse anrufen und dann um viertel vor neun die Presseschau verlesen.

Apropos Porno: Die vorläufig einzige sichtbare Veränderung, die uns in den ersten vier Wochen nach der Rückkehr aus England auffiel, sind neue Stellungen in der deutschen Unterwerfungsbranche.

In der Friedrichstraße ist regelmäßig ein junger Mensch zu sehen, der sich ? wie zum Beten ? auf die Knie geworfen hat und die Hände zu einer Schale formt, ähnlich einem Gläubigen in der Kirche beim Empfang der Hostie.

Vor dem Gendarmenmarkt hat uns erst vor ein paar Tagen ein Mann mit einem Rucksack angesprochen. Dabei faltete er die Hände wie zum Gebet. Mitten in Berlin kommt man auf den Gedanken, der Großmeister Roland Emmerich sei aus Hollywood zurück, um es uns untergangsmäßig prächtig zu besorgen.

Ein Jahr Auszeit haben wir genommen aus dem politischen Atmungsprozess in Deutschland, der so funktioniert: Angstwinseln beim Einatmen ? Ruckseufzen beim Ausatmen. Alles zusammengerührt von Verbandshanseln und Sprechautomaten in Fernsehrunden, ein betoniertes Mentalitätssystem, zu dem die bundespräsidialen Dauer-Eruptionen von Zuversicht gehören, weil man ja sonst nicht mehr wüsste, wozu da nochmal auf Socken am Kamin ein Bundespräsident ausgekungelt wurde.

Ein Land der Zuversicht

Und England? Ein zweifellos morsches Land. Noch dazu eine brutale Klassengesellschaft nach immerhin acht Jahren Labour. Aber: ein Land des Mutes, der Zuversicht, des Gaga-Humors, des fröhlich expandierenden Konsums und der faktischen Vollbeschäftigung.

Man möchte verrückt werden und verzweifeln am eigenen Land, wenn man sich die vergammelte Substanz Großbritanniens anschaut, auf der dennoch ein Boom fußt. Zusammengefasst kann man zum mentalen Unterschied beider Länder sagen: In Großbritannien wird erfolgreich Scheiße zu Gold erklärt, in Deutschland noch erfolgreicher Gold zu Scheiße. Beides funktioniert.

Das eine ist politische Alchimie. Das andere ist allerdings kollektiver Schwachsinn.



» Die größte Leistung des Politikers besteht heute darin, in der Bevölkerung die Phantasie am Leben zu halten, unter seinen Händen würden die Dinge im Land souverän vorangetrieben. «




Neulich, als der Bundespräsident in Berlin seine Wirtschaftsrede und seinen Lobpreis auf den VW-Käfer gehalten hat, da hat er zwar fast die ganze Rede von Plexiglasscheiben abgelesen, in denen sich Teleprompter versteckten.

Aber einen Satz hat Köhler einfach so gesagt: ?Die anderen kochen auch nur mit Wasser.? Mit Verlaub, Herr Präsident, das stimmt zwar, aber die kochen wenigstens. Tony Blair zum Beispiel ist ein geradezu gebeneideter Wasserkocher, und beim Kochen von Wasser entsteht viel Dampf, und komischerweise treibt dieser Dampf dort im Unterschied zur heißen Luft aus Berlin auch etwas an.

Vor ein paar Tagen gab es ein Wiedersehen mit Franz Müntefering. Mein Gott, der Mann war nicht mehr wiederzuerkennen! Völlig von der Rolle. Münte flatterte wie ein Laken auf der Leine, Angst aß Seele auf.

Früher waren Müntes Sätze doch so hinreißend einfach und seine Standpunkte klar. Jetzt sind seine Sätze lang und seine Standpunkte unklar. Der merkt nicht, wenn er innerhalb von zehn Minuten genau das tut, was er beklagt. Das Land sei so defensiv, sagte er. Dann kam er auf die Dienstleistungsrichtlinie zu sprechen. (Das ist ein EU-Gesetz, das ermöglichen soll, dass Dienstleister in der EU in jedem anderen EU-Land ihre Arbeit zu den Bedingungen ihres Herkunftslandes anbieten.)

Ihr seid besser!

Da, plötzlich, zog Müntefering selbst die Angstmauer vor den polnischen Billighandwerkern hoch, die Deutschland nun zu überschwemmen drohten. Wir hingegen können nach dem zweifelhaften Genuss britischen Handwerks (Pfusch, und der unpünktlich) sagen: Liebe Berliner Handwerker, liebe Münchner Handwerker, macht eure Kleintransporter startklar, packt ein halbes Dutzend von euren Jungs ein, Maurerkellen oder Schraubenschlüssel und macht eine Filiale in Kingston oder Richmond auf! Die Leute werden euch die Bude einrennen: Ihr seid besser! Ihr seid pünktlicher! Und ihr seid sogar billiger!

Man kann sich seine Mitstreiter nicht immer aussuchen. Oliver Brüstle, das ist der pausbäckige, schwäbische Stammzellenforscher in Bonn, hat gerade in einem Welt-Interview ein ?verkrampftes Verhältnis? Deutschlands zum Fortschritt diagnostiziert.

Anstatt Technologien als nationalen Vorsprung zu sehen, ?ergehen wir uns erst einmal in endlosen Diskussionen über alle nur erdenkliche Nachteile?. In derselben Zeitung hat sich auch Peter Sloterdijk zu Wort gemeldet.

Warum geht nichts, fragt er sich und antwortet auf seine eigene Frage: Politik ist nicht mehr möglich. ?Der politische Raum ist bereits so stark vom Gesetz der gegenseitigen Behinderung geprägt, dass es de facto nur noch simulatorische Politik geben kann. Die größte Leistung des Politikers besteht heute darin, in der Bevölkerung die Phantasie am Leben zu halten, unter seinen Händen würden die Dinge im Land souverän vorangetrieben.?

König der Lethargie

Das sei im Übrigen ?eine Stärke des heutigen Bundeskanzlers. Der wirkliche König der Lethargie war aber sein Vorgänger Kohl, der seinen Thron über dem totalen Stau errichtete.? Das Nämliche behauptet nach Darstellung des Tagesspiegels auch der Hof-Philosoph der Freiburger Intelligenz, Klaus Theweleit. Richtig. Aber führt es weiter?

Insoweit erscheint es konsequent, die Grenzen der Sphären von Simulation beziehungsweise Fiktion und Realität endgültig zu verwischen.

?Kanzleramt?, die ZDF-Serie, die gerade mit abstürzenden Quoten läuft, arbeitet daran. Endlich mal etwas Innovatives, etwas, das weiterführt und Grenzen übertritt, dachte man. Und dann ist das so steinerweichend schlecht gemacht, dass man sich beim Zuschauen sogar für etwas schämt, das man gar nicht angerichtet hat.

Vielleicht ist das das Traurigste aller Symptome, dass zum Beispiel unsere Geschichtenerzähler vom Fernsehen nicht mal eine Sprache für das mentale Elend finden! Sondern nur zwei ausgeliehene Tatort-Komissare, die mittelmäßig aus dem Kanzleramt ?rüber in den Tiergarten gucken.

Untergang gegen Hoffnung

Der Engländer fände immerhin noch drama, fun and suspense im Untergang.
Für kurze Zeit sah es so aus, als werde die Düsternis Deutschlands von neuem Mut bestrahlt, aber das war irgendwann zur Jahreswende und scheint lange her. Das Ringen von Untergang gegen Hoffnung lässt sich leicht dort ablesen, wo man normalerweise Rat findet.

Beim Hugendubel hier auf der Berliner Friedrichstraße stehen die politischen Sachbücher nebeneinander wie die Suppendosen bei Bolle. Oberste Reihe, links außen, sehr schön: Friedhelm Hengsbach: ?Das Reformspektakel ? Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient.?

Daneben in Schwarz-Rot-Gold: Gabriele Gillen: ?Hartz IV ? Eine Abrechnung.? Mittig Heribert Prantl: ?Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit?. Dann eine schöne Reihung: Hajo Schumacher (Ex-Spiegel): ?Kopf hoch Deutschland. Optimistische Geschichten aus einer verzagten Republik?.

Daneben schon das vorangegangene Gegenbuch: Gabor Steingart (Immer-noch-Spiegel): ?Deutschland ? Der Abstieg eines Superstars.? Die Reihe darunter: Peter Richter: ?Blühende Landschaften. Eine Heimatkunde?, daneben Albrecht Müller: ?Die Reformlüge ? 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren.?



» Wir sollten uns nun endlich damit abfinden, dass wir in nachstaatlichen Strukturen leben. «




Nur zwei Bände weiter der eiserne Hans-Olaf Henkel, einer der Ruinierer in Müllers Sinne: ?Die Kraft des Neubeginns. Deutschland ist machbar.? Für Freunde des Hardcore hält das Regal links davon nebeneinander drei Bücher bereit, die Interviews in Überlänge mit Horst Köhler, Richard von Weizsäcker und Hans-Jochen Vogel androhen. Nein, man kann nicht behaupten, dass zu wenig Worte verloren würden.

Eine Freundin hat unlängst den ersten persönlichen Kontakt mit Hartz-Deutschland gemacht. Sie ist beim Fernsehen, besser: war beim Fernsehen. In einer der schicken neuen Arbeitsagenturen war eine Dame nett zu ihr.

Der Arbeitslosenbogen wies allerdings beim bisherigen Gehalt eine Stelle zu wenig aus. Ob sie sich vorstellen könne, im Ausland zu arbeiten (Flexibilität!), fragte die Beraterin. Ja, sagte die Freundin. Wo denn, wollte die Beraterin wissen.

In Schanghai, sagte unsere Freundin. Dort wollte sie immer schon mal Korrespondentin werden. Sie bekam einen Gutschein für die outgesourcte Auslandsvermittlung. Schanghai sei schwierig, sagte die Auslandsvermittlerin.

Österreich hätte sie ihm Angebot: Bedienung oder Skilehrerin. Leider fährt unsere Freundin nicht Ski.

Einem sind wir begegnet, von dem man meinen müsste, dass er besonders griesgrämig ist, aber mitnichten. Eine geradezu entrückte Gelassenheit und Unbeirrtheit trägt dieser Mann in den Büros des Kanzleramtes spazieren, als regiere er ein anderes Land, als jenes da draußen vor den Fenstern.

Otto Schily natürlich. Otto Schily ist groß, im Sinne von great. Er ist der Lemmy Kilmister, der Metal Hammer der Bundesregierung. Während Hans Eichel Unsinn redet, dass man arme Bundesländer auflösen sollte, macht Schily bei der Frage, ob nun Bund oder Länder über die Unis verfügen sollten, den Vorschlag: Die Elite-Unis für den Bund, das Kroppzeug für die Länder.

Die Wurst bleibt hier

So sei das bei seiner Polizei auch. Das klingt entschieden, das klingt klar, das klingt nach: Brot für die Welt, die Wurst bleibt hier. Otto Schily ist wohl auch oft alles ziemlich leid.
Weiterhin Positives gibt es aus der Jüterboger Straße 3 in Berlin-Kreuzberg zu berichten.

Es gibt sie nämlich, die deutsche Konjunktur, das florierende Gewerbe, in der Jüterboger Straße 3 sind wir ihm begegnet! Hier liegt eine der beiden großen KFZ-Zulassungsstellen der Hauptstadt.

Wegen Wagen ummelden sind wir da hin, mit viel schlechter Laune, weil Wagen ummelden und Zulassungsstelle noch vor Wurzelbehandlung beim Zahnarzt kommt.

Nummer 176 hatten wir gezogen, als wir die Kartenziehstelle endlich gefunden hatten. Nummer 123 war dran. Also hatten wir Zeit, uns umzusehen. Als ethnische Minderheit fand man sich hier wieder, die weltoffene Gesellschaft ist ja schon viel weiter, als man glaubt. Das war sehr schön. Vor allem aber fiel auf, dass viele dieser Menschen mit den Nummernkärtchen in der Hand und den Nummerschildern in den Taschen professioneller mit den geheimen Regeln einer solchen Zulassungsstelle vertraut sind als unsereins.

Man konnte sich, ohne jemandem zu nahe zu treten, des Eindrucks nicht erwehren, dass hier in der Hauptsache wieselflinke Zulassungsprofis zugange sind. Da läuft was! Nämlich das schnelle Geschäft mit alten Autos. Kaufen, verschönern, verscherbeln.

Zu Zeiten, in denen Herr Schrempp 1,3 Millionen von seinen neuen Mercedessen wegen Pfusch aus der Welt zurückrufen lässt, da laufen die aufgemöbelten alten richtig gut.

Steuerfrei geht das alles ab, schwarz, klar, aber hat sich Schrempp nicht auch einmal damit gebrüstet, dass Daimler keine Steuern zahlt?

Wir sollten uns nun endlich damit abfinden, dass wir in nachstaatlichen Strukturen leben, in einer Art Post-Etatismus. Ist das so schlimm?
Schlimmer als das offizielle Deutschland, das im Ritual erstarrte Verlautbarungsdeutschland und Talkrundenjammerdeutschland, schlimmer als das Sloterdijksche Simulierte-Machbarkeits-Regierungs-und-Oppositionsdeutschland ist es nicht.

Die mit den Nummernschilder-Taschen in der Jüterboger Straße 3 in Kreuzberg haben begriffen. Sie haben das institutionalisierte Deutschland hinter sich gelassen. Sie warten nicht mehr darauf, dass es sich ändert.

Die machen tagsüber Geschäfte und schauen dann abends in aller Ruhe nicht Christiansen. Tun wir es ihnen gleich: GEZ abmelden, medialen Ungehorsam üben und die Verweigerung von Aufmerksamkeit leben.

Als Thomas D. von den Fantastischen Vier mal die Faxen dicke hatte, hat er ein sehr schönes Lied geträllert. ?Ich packe meine Sachen und bin raus, mein Kind / Thomas D. ist auf der Reise und hat Rückenwind / Ich lass? nur zurück, was keiner braucht / Last, die mich unten hält, obwohl sie selbst nichts taugt.?

Das Lied ist die Hymne für unseren post-etatistischen Ausstieg. Simuliert euch doch kreuzweise!

(SZ vom 16.4.2005)



prosit jammerlappen


 



 

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