Ein Land, ja eine ganze Welt im Stillstand

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 02.03.03 11:15
eröffnet am: 02.03.03 11:15 von: calexa Anzahl Beiträge: 1
neuester Beitrag: 02.03.03 11:15 von: calexa Leser gesamt: 229
davon Heute: 1
bewertet mit 0 Sternen

02.03.03 11:15

4691 Postings, 6943 Tage calexaEin Land, ja eine ganze Welt im Stillstand

Ein Mann kommt zum Arzt. Dieser untersucht ihn und sagt:
"Mit 20 Prozent Wahrscheinlichkeit werden Sie in den naechsten
Wochen sterben. Mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit werden Sie
wieder gesund, und mit 30 Prozent sind Sie gar nicht krank.
Ansonsten koennen wir derzeit gar nichts tun." Fuer diese Diagnose
berechnet der Arzt anschliessend ein Prozent des Nettovermoegens
des Patienten.

So in etwa sieht die Situation an den Weltboersen derzeit aus.
Lauter kluge Worte, doch wenig Wissen ? und schon gar keine
Geduld. Dafuer allerdings schoene Provisionen und noch mehr
Verluste.

Doch gegenueber der Politik ist die Welt der Finanzmaerkte derzeit
das pure Gold. Der letzte Freitag sollte in der Bundesrepublik der
Stichtag fuer die Neubesteuerung der Zinsen und des (veraeusserten)
Kapitalvermoegens sein. Ab diesem Termin sollen die neuen
Beschluesse rueckwirkend in Kraft treten. Die Union hat jedoch
bekannt gegeben, dass sie die Gesetze der Regierung im Bundesrat
scheitern lassen wird. Und was nun? Was wird ? und vor allem,
ab wann?

Wird derjenige, der jetzt der Hausse an den Bondmaerkten
den Ruecken kehrt, seine Zinsen nun mit 25 Prozent
versteuern muessen, wie es das Konzept der
Abgeltungssteuer vorsieht, oder vielmehr mit
seinem individuellen Grenzsteuersatz, der bis zu
48 Prozent gehen kann? Und was ist bei den An- und
Verkaeufen von Aktien? Was ist hier zu versteuern?
48 Prozent? 15 Prozent? 7,5 Prozent? 1,5 Prozent?
Oder vielleicht gar nichts? Der Unterschied ist
betraechtlich. Alles ist moeglich, aber auch das
genaue Gegenteil davon.
Wie haetten Sie es denn gerne?

Niemand weiss etwas ? und dennoch muessen viele
gerade jetzt handeln. Handeln bei voelliger
Unwissenheit, nicht nur ueber die Zukunft der
Maerkte, sondern auch ueber die Besteuerung.
Das Gravitationszentrum einer der groessten
Volkswirtschaften der Welt, naemlich die bundesdeutschen
Kapitalien, sind aus der Bahn geworfen und driften
in unbekannte Richtung. Herzrhythmusstoerungen sind
daher das mindeste, was zukuenftig zu erwarten ist.

Doch im Vergleich zur Weltpolitik sind auch
diese Zustaende noch paradiesisch. Die ganze Welt
wird derzeit von einem Diktator in Atem gehalten.
Er ist es, der gegenwaertig vorgibt, was passiert.
Und niemand anders. Man kann ueber einen Krieg
denken, was man mag. Doch an der Erkenntnis,
dass dem Westen das Heft des Handelns vorerst
aus der Hand geglitten ist, kann sich niemand
vorbei mogeln. Bizarre neue Buendnisse tun sich
auf. Deutschland, Russland und China, Laender
mit der groessten Geschichte an Massenmord und
Diktatur, stellen sich gegen die Vereinigten
Staaten von Amerika, die aelteste Demokratie.
Was das wohl zu bedeuten hat?

Derweil drohen weltweit die Maerkte und
Volkswirtschaften einzubrechen. Der Oelpreis
fuehrt zu einem Preissprung und beutelt die
ohnehin angeschlagenen Konsumenten, die
anlaesslich der taeglichen Horrorszenarien
verstaendlicherweise ihre Konsumlust weiterhin
zuegeln. Und die Maerkte spielen die passende
Musik dazu. Ein Bild wie auf der Titanic,
mit dem einzigen Unterschied, dass in der
Hitze der Wortgefechte weit und breit kein
Eisberg auszumachen ist.

Gut, dass wenigstens noch einige von uns durchblicken.
"So einfach wie in den letzten Monaten war die
Arbeit der Aktienmarktstrategen schon lange
nicht mehr", frohlockt Gertrud R. Traud von der
Bankgesellschaft Berlin in der "FTD" und traut
sich damit endlich einmal ein Stueck Selbstreflexion:
"Es war absehbar, dass die entscheidende Variable
die Entwicklung in Irak sein wuerde. Auf dieser
Basis konzipierten wir vier Szenarien fuer 2003:
"kein Krieg" (20%), "Unsicherheit" (20%),
"kurzer Krieg" (50%) und "langer Krieg" (10%)."

Ich bin geneigt, demuetig auf die Knie zu fallen.
Endlich faellt der Schleier der Unwissenheit von
der Zukunft ab. Und ploetzlich wissen wir genau,
was wir zu tun haben. Aber natuerlich auch, was
wir zu unterlassen haben. So wusste mein
Lieblings-Fondsmanager, Gottfried Heller von
der Fiduka, natuerlich bereits im Vorfeld, wie
die "Welt" berichtete, dass man von den Ahold-Aktien
die Haende lassen musste. Ich weiss nicht, ob das
hier richtig "rueberkommt", aber mein Respekt
waechst anlaesslich dieser Worte langsam beinahe
ins Grenzenlose. Warum bin ich im Vergleich
dazu nur so klein und nichtig?

Sofort habe ich natuerlich nachgeschaut, was
Hellers "Fiduka Universal Fonds" denn gerade
so macht: In der letzten Woche minus 8,5 Prozent,
auf einen Monat minus 13,3 Prozent, auf 6 Monate
minus 20 Prozent, auf 1 Jahr minus 40,5 Prozent,
auf 3 Jahre minus 44 Prozent und auf 5 Jahre
minus 27 Prozent. Und das fuer einen gemischten
Fonds und keinen reinen Aktienfonds. So ganz hat
der schlaue Gottfried also doch nicht alle
Fettnaepfchen ausgelassen. Aber wahrscheinlich
findet sich selbst hier noch ein Vergleichsindex,
gegenueber dem man eine Outperformance aufweisen
kann: Einen Korb mit Tomaten beispielsweise,
den man in der brennenden Sonne stehen laesst.
Sie werden ganz gewiss noch schneller verfaulen
als unserem Gottfried sein Fondsvermoegen.

Doch ersetzt man die Tomaten durch Tulpenzwiebeln,
dann wird es schon schwierig. Meine Guete, was das
fuer Zeiten sind, wenn Tulpenzwiebeln schon in den
Verdacht geraten, besser zu performen als
Investmentfonds.
(Quelle: Doersam-Briefe)

So long,
Calexa
www.investorweb.de  

   Antwort einfügen - nach oben