Dumm und schlau gesellt sich gern

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eröffnet am: 22.08.05 10:42 von: bammie Anzahl Beiträge: 1
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8970 Postings, 6209 Tage bammieDumm und schlau gesellt sich gern

Intelligenz und Dummheit gelten gewöhnlich als Gegensatz. Doch auch intelligente Menschen tun viel Dummes und machen nicht selten erstaunliche Fehler.

Obwohl weitgehend bekannt ist, dass intelligente Menschen oftmals unklug handeln und auch urteilen, gelten Intelligenz und Dummheit als Gegensatz. Selbst in der Psychologie werden die Begriffe meist so bewertet. Dagegen schließt die Anthropologin Ina Rösing, Direktorin des Instituts für Kulturanthropologie am Universitätsklinikum Ulm, aus ihren Studien, dass Intelligenz und Dummheit kein Gegensatz sind.

"Extreme Schwarz-Weiß-Zeichnung"
Wie die Forscherin in einem Gespräch mit der Zeitschrift "Psychologie heute" (Weinheim, Juli-Ausgabe) sagte, haben sie ihre internationalen Untersuchungen "zu der Schlussfolgerung geführt, dass es in höchstem Maße sinnvoll und wünschenswert wäre, die extreme Schwarz-Weiß-Zeichnung von Intelligenz und Dummheit ein wenig aufzuweichen."

Es gebe keine Kultur auf der Erde, die einen so engen Intelligenzbegriff habe wie die westliche, konstatierte Rösing. Es gebe auch auf der ganzen Welt keinen Intelligenzgriff, der derart abgespalten sei von anderen Eigenschaften oder Fähigkeiten, zum Beispiel von der Weisheit. Der westliche Intelligenzbegriff basiert nach ihrem Urteil zu einseitig auf der in Tests festgestellten analytischen Intelligenz. Sie möchte diesen Begriff ein bisschen relativieren und entthronen, wie sie sagte.

Für uns bedeutet schnell gleich schlau
"Es gibt Aspekte, die bei uns zur Intelligenz gehören, aber in anderen Kulturen Teil der Dummheit sind", sagte sie weiter. "Schnelligkeit gehört zum Beispiel bei uns zur Intelligenz dazu." Für die Bataro und Baganda in Uganda sei Schnelligkeit dagegen ein Zeichen von Dummheit und Langsamkeit ein Teil der Intelligenz. Langsamkeit bedeute: erst mal hinhören, abwägen, noch mal nachdenken, in sich gehen.

Langsamkeit in diesem Sinne hat auch der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny in seinem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" beschrieben, der in den achtziger und neunziger Jahren zu einem neuen Orientierungstrend beitrug. Held des Romans ist der englische Seefahrer und Polarforscher John Franklin. Da heißt es zum Beispiel: "Wer sich in Krisensituationen auf Langsamkeit, Nachdenklichkeit und Offenheit einlässt, wird nicht nur die Angst reduzieren, er wird auch schneller ans Ziel kommen." Franklin stellte auf dem Schiff stets fest, dass es beim Üben von Knotenmachen mehr darauf anzukommen schien, wie schnell ein Knoten fertig war. Bei der wirklichen Arbeit kam es dann aber darauf an, wie gut er hielt.

Intelligenz heißt: Probleme lösen zu können
Rösing sieht ein besonders sinnvolles Kriterium von Intelligenz, die auch anderen Kulturen gerecht wird, im Erfolg, das heißt der Fähigkeit, die Probleme zu lösen, die in einer bestimmten Umwelt anstehen. Hierzu zählen Umweltbedingungen, aber etwa auch die Gesellschaft. Für eine solche Intelligenz sind bestimmte Ressourcen erforderlich, egal, in welcher Kultur. "Dies können kognitive oder auch emotionale Ressourcen sein. Zweitens schließt Erfolgsintelligenz die Fähigkeit ein, aus Fehlern zu lernen, und drittens die Fähigkeit, Schwächen zu kompensieren", sagte Rösing.

In diesem Kontext werden als Beispiel gelegentlich die australischen Ureinwohner genannt, die in den Augen der im 19. Jahrhundert nach Australien kommenden europäischen Siedler extrem primitiv und unbegabt waren, jedoch immerhin Dutzende Jahrtausende in einer eher schwierigen Umwelt gut zurechtgekommen waren.

Verschiedene Gesellschaften bewerten Fähigkeiten verschieden
Der amerikanische Psychologieprofessor Robert J. Sternberg schreibt in seinem Buch "Successful Intelligence" (deutsch "Erfolgsintelligenz", 1998): "Die Fähigkeiten, die man braucht, um lesen oder schreiben zu lernen - und denen in unserer Kultur so große Bedeutung zukommt -, spielen in Gesellschaften ohne Schriftkultur keine besonders große Rolle. Dagegen kann die Fähigkeit, mit dem Auge sehr feine Unterschiede wahrzunehmen - in unserer Kultur nicht gerade besonders wichtig -, über Leben und Tod entscheiden."

Sternbergs Buch beginnt mit dem Kapitel "Mein Leben als Dummkopf". Da schildert er, wie er in der Grundschule in allen IQ-Tests versagte und die Lehrer und Lehrerinnen deswegen von ihm nicht viel erwarteten - und er ihre Erwartungen auch entsprechend erfüllte.

Rudolf Grimm/DPA  

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