Du hast gut reden, du bist am Leben geblieben

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 04.08.08 07:19
eröffnet am: 03.08.08 23:06 von: AbsoluterNe. Anzahl Beiträge: 3
neuester Beitrag: 04.08.08 07:19 von: AbsoluterNe. Leser gesamt: 308
davon Heute: 1
bewertet mit 8 Sternen

03.08.08 23:06
8

26159 Postings, 6161 Tage AbsoluterNeulingDu hast gut reden, du bist am Leben geblieben

Es wurde mir gegeben, auf meinem gebeugten, fast gebrochenen Rücken aus den Jahren im Gefängnis diese Erfahrung mitzunehmen: wie der mensch Böse und wie er gut wird. Berauscht durch jugendliche Erfolg wähnte ich mich unfehlbar und war daher grausam. In übergroßer Machtfülle wurde ich zum Mörder und Gewalttäter. Trotzdem war ich auch in den bösesten Augenblicken versehen mit wohlgefügten Argumenten, überzeugt, das Rechte zu tun. Auf dem faulen Stroh des Gefängnisses fühlte ich die erste Regung des Guten in mir. Allmählich wurde mir offenbar, daß die Grenzlinie zwischen Gut und Böse nicht zwischen den Staaten, den Klassen, den Parteien verläuft - sie geht durch jedes Menschenherz hindurch.... Darum sage ich: Sei gesegnet, Gefängnis, weil du in meinem Leben gewesen bist.... Und aus den Gräbern hervor antworten sie mir: Du hast gut reden, du bist am Leben geblieben!

Alexander Solschenizyn, Archipel Gulag
-----------
...only the good can judge me...

03.08.08 23:31
4

26159 Postings, 6161 Tage AbsoluterNeulingWenn es nur so einfach wäre!

Daß irgendwo schwarze Menschen mit böser Absicht schwarze Werke vollbringen und es nur darauf ankäme, sie unter den übrigen zu erkennen und zu vernichten. Aber der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen. Und wer mag von seinem Herzen ein Stück vernichten? Während der Lebensdauer eines Herzens bleibt dieser Strich nicht unbeweglich, bedrängt einmal vom frohlockenden Bösen, gibt er dann wieder dem aufkommenden Guten freien Raum. Ein neues Lebensalter, eine neue Lebenslage - und ein und derselbe Mensch wird ein sehr anderer. Einmal dem Teufel näher und dann wieder einem Heiligen. Der Name, ja, der bleibt, und dem wird alles zugeschrieben.

Alexander Solschenizyn, Der Archipel Gulag
-----------
...only the good can judge me...

04.08.08 07:19
2

26159 Postings, 6161 Tage AbsoluterNeulingMit seinem Spätwerk konnte d Westen wenig anfangen

Der russische Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn war einer der herausragenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer setzte er die Macht des literarischen Wortes gegen die sowjetische Tyrannei - dem alten Solschenizyn aber wurden immer wieder Demokratiefeindlichkeit und Antisemitismus vorgeworfen.

"Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt", fasste der Autor des "Archipel Gulag" seine tief religiös geprägte Überzeugung 1974 in der verspäteten Nobelpreisrede zusammen. In den vergangenen Monaten trat er nicht mehr in der Öffentlichkeit auf, meldete sich gelegentlich in Zeitungsinterviews zu Wort. In der Nacht zum Montag starb Solschenizyn im Alter von 89 Jahren, vermutlich an den Folgen eines Hirnschlags, wie die Agentur Interfax meldete.

Solschenizyns Lebensweg führte ihn von Stalins Straflagern zum Weltruhm als Schriftsteller, in ein 20-jähriges Exil und schließlich zurück in eine veränderte Heimat. Dort wurde es zuletzt einsam um den Prediger eines "Heiligen Russlands". Solschenizyn, der "Geschichte gemacht hat wie vielleicht kein anderer Schriftsteller und Künstler vor ihm" (Gerd Koenen), war zuletzt im Reinen mit der neuen politischen Führung und Entwicklung in Russland.

Geboren wurde der "wohl bedeutendste Prosaiker der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts" (Wolfgang Kasack) am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk im Nordkaukasus. Solschenizyn studierte Mathematik und Physik und zog als Hauptmann der Roten Armee in den Zweiten Weltkrieg. 1945 brachten Briefe mit abfälligen Bemerkungen über den sowjetischen Diktator Josef Stalin ihn für neun Jahre in die Mühlen von Straflager und Verbannung.

Den Alltag eines Lagerhäftlings, einfach, ohne Anklage, aber unwiderlegbar wahr, schildert Solschenizyn in seinem Debüt. Die Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" macht den Autor 1962 weltbekannt. Es ist der Höhepunkt des literarischen "Tauwetters" unter Parteichef Nikita Chruschtschow. Doch die Romane "Im ersten Kreis" und "Krebsstation" können nur im Westen erscheinen. 1970 wird Solschenizyn der Nobelpreis zuerkannt "für die ethische Kraft, mit der er die unveräußerliche Tradition der russischen Literatur weitergeführt hat". Moskau lässt ihn jedoch nicht zur Preisverleihung reisen.

"Seine historische Leistung verdunkelt"

1973 fällt Häschern des Geheimdienstes KGB ein Teilmanuskript von Solschenizyns Hauptwerk in die Hände, an dem er jahrelang konspirativ gearbeitet hatte. Der "Archipel Gulag" muss in aller Eile im Westen veröffentlicht werden. In der monumentalen Dokumentation über Stalins Terror und das brutale Lagersystem gibt Solschenizyn den Opfern eine Stimme. Er erkennt in dem millionenfachen Leiden eine tiefe Wahrheit: "Allmählich wurde mir offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz", schreibt er.

Der "Archipel Gulag" erschüttert die Sowjetunion, im Westen wenden sich viele wohlmeinende Linke von Moskau ab. 1974 verhaftet die sowjetische Führung Solschenizyn und weist ihn aus. Ein "Symbol der Freiheit in der Welt" nennt Heinrich Böll den Freund und nimmt ihn in Köln auf. Der Weg des Exils führt über die Schweiz und Norwegen in die USA.

(...)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,569808,00.html
-----------
...only the good can judge me...

   Antwort einfügen - nach oben