Die deutsche Lähmung

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eröffnet am: 04.07.04 17:26 von: Pate100 Anzahl Beiträge: 2
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04.07.04 17:26

15130 Postings, 7056 Tage Pate100Die deutsche Lähmung

Die deutsche Lähmung

Peter Schneider über Fußball, Politik und das Versagen der Intellektuellen in der aktuellen Reformdiskussion


Hat Fußball im Ernst irgendetwas mit Politik und Wirtschaft zu tun? Sagt das brillante oder klägliche Abschneiden einer Nationalelf bei der Europameisterschaft wirklich etwas über den Zustand eines Landes aus? Kann man daraus am Ende - siehe die "SZ"-Schlagzeile "Regierungskicker" - etwas über das Schicksal einer Regierung, gar einer Nation ablesen?

Das ist natürlich blühender Unsinn, wenn auch - wer will es leugnen? - höchst unterhaltsamer Unsinn. Nehmen wir für einen schmerzlichen Augenblick und im gebotenen Irrealis an, die deutsche Elf würde die EM gewonnen haben, oder sie hätte sich, wie bei der WM 2002, mit ihrem trostlosen Gekicke immerhin bis ins Endspiel durchgemogelt - niemand außer einer ungeliebten deutschen Regierungsmannschaft, deren Mitglieder inzwischen aus Verzweiflung alle Fußballsüchtige geworden sind, würde daraus den Schluss ziehen, bei den Deutschen sei endlich der Knoten geplatzt, der Wirtschaftsaufschwung stehe vor der Tür. Im Falle eines glücklichen Ausgangs würden Fußballer wie Zuschauer auf der Autonomie des Fußballs und der strikten Trennung zwischen Sport und Politik bestehen.

Nun, da unsere Hoffnungsträger bereits in der Vorrunde ausgeschieden sind und Sündenböcke dringend gesucht werden, sind sich die Fußballologen einig: Das Ergebnis spiegele die Stagnation des Landes wieder - seinen Mangel an Flexibilität, Spielwitz, Risikofreude. Mit den alten deutschen Tugenden - vorn bolzen, hinten holzen, rennen wie die Irren und dabei nie die Disziplin verlieren - könne man heute nicht einmal mehr die Letten schrecken. Den Deutschen fehle es am Wichtigsten: an der Motivation, am Sieges- und Vernichtungswillen. Nach dem schnörkellosen Abgang Rudi Völlers - selten wurden bei einem Rücktritt so viele Tränen angekündigt und dann nicht geweint - wartete man eigentlich nur noch auf die prompte Abdankung der Regierung. Es scheint sich mit dem Wert von gesellschaftlichen Prognosen, die sich auf den Umgang mit dem Ball stützen, ähnlich zu verhalten wie mit der Aussagekraft von Prophezeiungen, die Astrologen aus dem unendlichen Geschiebe und Gerangel im Himmel lesen. Die Voraussagen bestätigen immer, was man ohnehin schon weiß, fürchtet oder hofft. Hauptsache ist, man glaubt daran.

Man darf vielleicht an dieser Stelle, ohne den Fußballfreund zu überfordern, einen gewissen Sigmund Freud zu Rate ziehen. Bekanntlich hat dieser geniale Ratekünstler und Seelentrainer einer ständig wachsenden Gemeinschaft von Spielern, die im Spiel mit dem Leben immerzu das Tor verfehlen, eine ernüchternde Erkenntnis mitgeteilt: "Ein Patient" - sprich hier: Spieler oder Stürmer - "ist dann geheilt, wenn er die Deutung des Therapeuten angenommen hat." Die Frage ist, welche Deutung der zukünftige Trainer für das schmähliche Ausscheiden der deutschen Nationalelf vorschlagen wird - und vor allem: ob sie angenommen wird. Die Richtigkeit der Diagnose spielt - Freud zufolge - keine Rolle, Hauptsache, sie wird vom Patienten akzeptiert. Litten die deutschen Spieler an einem Millionärssyndrom: einer Art inneren Müdigkeit vor dem Schuss - unglaublich viel Geld für keine Tore? Oder an dem - psychologisch interessanteren - Goliath-Komplex eines Riesenlandes, sich gegen David-Länder wie Holland, Lettland, Tschechien durchzusetzen? Oder brachen sie einfach unter den Erwartungen einer ohnehin frustrierten Nation zusammen, deren letzte Hoffnung für die Zukunft ein Siegtor von Michael Ballack war?

Auch dies natürlich - alles Quatsch, Fußballergarn. Die deutsche Elf hat ohne jeden noblen Grund hinhaltend und resignativ gespielt und in drei Spielen mit Mannschaften aus drei kleinen Ländern, deren Einwohnerschaft zusammengenommen ein Drittel der deutschen Bevölkerung ausmacht, zwei Unentschieden und eine Niederlage erreicht.

Fußball wäre nicht Fußball, würde dieser seltsame Sport, den man auch für einen Zeitvertreib von Behinderten halten könnte, denen es versagt ist, frei über ihre Arme und Hände zu gebieten, nicht immer wieder genau diesen symbolischen Überschuss produzieren.

Da alle es tun - möchte auch ich eine Weile den symbolischen Ball spielen und so tun, als ließe sich aus den Ergebnissen der EM so etwas wie ein Charakter- und Leistungsprofil der beteiligten Nationen gewinnen.

Unbestreitbar ist, dass die kleinen Länder Europas sich gegen die großen durchgesetzt haben. Die traditionellen und bevölkerungsreichen Fußballgroßmächte (Deutschland, Italien, England, Spanien und selbst Titelverteidiger Frankreich) sind von den frechen, kleineren Nationen (Schweden, Niederlande, Dänemark, Griechenland, Portugal, Tschechien) aus dem Spiel geworfen worden. Nur knapp blieb den bisherigen Verlierern dabei der Tort erspart, dass das von Donald Rumsfeld diskreditierte "alte Europa" komplett vom "neuen Europa" degradiert wurde. Zufällig oder nicht: Es handelt sich bei den kleinen, frechen Siegern fast durchwegs um Mannschaften aus Ländern, die jene wirtschaftlichen Reformen, die Deutschland, Frankreich und Italien noch bevorstehen, längst hinter sich gebracht haben. Die Arbeitslosigkeit in den Siegerländern ist entweder halb so groß wie in den großen Verlierernationen oder das Wirtschaftswachstum weit dynamischer. Kann es sein, dass reformfreudigere Länder am Ende auch besser Fußball spielen? An dieser Stelle taucht am Rand des Spielfelds eine strategische Frage auf. Was kommt zuerst: wirtschaftliche und gesellschaftliche Erneuerung und danach fußballerischer Erfolg - oder genau umgekehrt? Müssen wir, um mit dem runden Leder endlich wieder dorthin zu gelangen, "wo wir hingehören", erst einmal das ganze Land in Schwung bringen, oder wäre ein Sieg im Fußball der Anstoß für einen landesweiten wirtschaftlichen Sturmlauf?

Was diese Schicksalsfrage betrifft, ist ein bedauerlicher Mangel an Diskussion und Beratung zu vermelden. Vor allem fällt eine verblüffende Diskrepanz ins Auge. Während der Fußball-Bundestrainer in seinem Bemühen, die Lähmung der Nationalelf zu beheben, von vielen Millionen selbst ernannter Co-Trainer unterstützt wird, sehen sich die wenigen entschlossenen Reformer des Landes bei ihren Bemühungen ganz auf sich allein gestellt. Erschwerend kommt hinzu, dass die vom Wähler bestellten Bundestrainer es nicht etwa mit vielen Millionen Co-Trainern, sondern mit vielen Millionen - meist störrischen - Spielern zu tun haben. Umso wichtiger wäre es, dass ein paar engagierte und unerschrockene Beobachter, die nicht im Verdacht der Parteilichkeit stehen und fähig sind, über den Spielfeldrand hinauszuschauen, Vorschläge machen.

Eigentlich ist es ja keine Kleinigkeit, wenn ein großes, früher erfolgsverwöhntes Land wie Deutschland aus den ersten Rängen der Industrienationen auf die unteren Plätze abstürzt und sich nur mit halbherzigen, quälend langsamen Stolperschritten aus dem selbst gemachten Schlamassel zu befreien sucht. Wo sind in den zwei Jahrzehnten, in denen sich der wirtschaftliche Niedergang der Republik angebahnt hat, all die Intellektuellen geblieben, deren Stimme man in anderen Fragen - Asylrecht, Globalisierung, Irak-Krieg, Rechtschreibreform - nie vermisst hat. Wie ist es zu erklären, dass Deutschlands Großintellektuelle von Grass bis Habermas zu dieser Existenzfrage der Nation nichts zu sagen hatten? Liegt es daran, dass sie sich in Wirtschaftsfragen nicht kompetent genug fühlen - und misstrauen sie dem neuen Bundespräsidenten etwa deswegen, weil er ökonomisch beschlagen ist?

Wohl kaum: Mangelnde Kompetenz hat Intellektuelle selten davon abgehalten, sich zu Wort zu melden, auch wenn es sich um so hoch komplexe Streitfragen wie Atomkraft, genetisch veränderte Lebensmittel, Eingriffe in das menschliche Erbgut, Globalisierung oder Klimaveränderung handelte. Jedes einzelne dieser Themen ist schwieriger zu beurteilen und erfordert mehr Sachkenntnis als der ökonomische Verfall der Bundesrepublik.

Die simple, durch jeden Hauptschüler nachvollziehbare Tatsache ist, dass den Ausgaben für die sozialen Leistungen des Gemeinwesens die entsprechenden Einnahmen nicht mehr gegenüberstehen, dass diese Leistungen seit vielen Jahren vor allem durch Pump und gestiegene Arbeitskosten finanziert werden. Aus dem Bundesetat fließt derzeit jeder zweite Euro in Schulden, Renten und Pensionen. Wer in Berlin lebt und Kinder hat, die zur Schule gehen, kann die asozialen Folgen der Verschuldungspolitik mit Händen greifen. Das Geld, das an einem einzigen Vormittag für Zinsen verbrannt wird, steht für den jährlichen Betrieb eines Schwimmbades, der Schuldendienst eines einzigen Tages verschlingt die Finanzierung eines Theaters für ein ganzes Jahr, der für vier Tage die Jahreskosten einer ganzen Klinik. Wie man weiß, wurden bisher dank kaum gebremster Schuldenpolitik nicht etwa diese Zinszahlungen, sondern die genannten Einrichtungen und Institutionen abgeschafft. Die brutalste und unsozialste Politik, die es geben kann, ist offensichtlich jene, die durch das starre Festhalten an nicht mehr finanzierbaren Sozialausgaben ein wachsendes Heer von Arbeitslosen produziert.

Im Prinzip und in abstracto stimmen denn auch 80 Prozent der Deutschen überein, dass radikale Reformen unausweichlich sind. Aber sobald eine noch so bescheidene Korrektur auf den Weg gebracht wird, zerfällt die eben noch kompakte Mehrheit in lamentierende Lobbys und Interessengruppen, die sich nur in einem einig sind: im Blockieren. Statt Adam Riese gilt das Sankt-Florians-Prinzip: Verschone mein Haus und zünde das des Nachbarn an! Eine ganze Nation, in den älteren Generationen mathematisch noch gut ausgebildet, scheint sich plötzlich nicht mehr an die Grundrechenarten zu erinnern. An die Stelle der Frage, ob und wovon ein bestimmter Posten eigentlich bezahlt werden soll, tritt die andere, ob es "gerecht" sei, ihn zu kürzen. "Rentendiebstahl", "Sozialraub", "unausgewogen", "Pendlerfolter" schallt es, vom Boulevard verstärkt, aus allen Ecken der Republik.

Es ist natürlich ein allzu durchschaubarer Propagandatrick, wenn die Siegerpartei bei der Europawahl so tut, als wäre die Regierungskoalition deswegen so grausam abgestraft worden, weil den Wählern die bisherigen Reformen nicht schnell und nicht radikal genug gewesen seien. Die Wahrheit ist, dass auch jede andere Regierung, die mit den notwendigen Reformen Ernst machte, ein ähnliches Schicksal erlitten hätte. Es ist absurd und unredlich, die Wut des Wählers ausschließlich mit den unstreitigen Fehlern und auch Ungerechtigkeiten des Reformwerks zu erklären; es sind gerade die notwendigen und richtigen Reformen, auf die der Wähler mit Wut reagiert hat. Es ist absurd und unredlich, die Schuld für den Wählerunmut allein bei der Regierung zu suchen und den Wähler zu einer heiligen, unfehlbaren Instanz zu stilisieren; selbstverständlich ist der Wähler genauso kritikwürdig wie die Regierung.

Zu was für demagogischen Versprechen das hemmungslose Anschmieren bei den Wählern führt, hat kürzlich Oskar Lafontaine vorgeführt. Der Bürger könne das Wort "Reform" einfach nicht mehr hören, befand er, und gab damit zu verstehen: Schluss damit. Niemand wird im Ernst behaupten, solche Überlegungen würden für die sonst um gelbe oder rote Karten nie verlegenen Intellektuellen in unerreichbarer Ferne liegen. Und natürlich wären gerade sie dazu berufen, in der Reformdebatte zwischen erlaubter Härte und unerträglichen Fouls zu unterscheiden und, wo nötig, auch einmal Wählerkritik zu betreiben. Dass nichts davon bisher geschehen ist, hat wohl eher mit linken Berührungsängsten und Tabus zu tun als mit mangelnder Kompetenz.

Denn man kann die deutsche Krise - und die anderer großer westeuropäischer Staaten - nicht analysieren, ohne einige Säulenheilige des linken Weltbildes unsanft zu berühren. An erster Stelle wäre hier die neu formierte Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di zu nennen. Die Debatte darüber, wie aus einem Verein zur Verteidigung der sozial Schwachen und Benachteiligten eine konservative Bastion geworden ist, die vor allem die Rechte der Arbeitsinhaber gegen die Arbeitslosen verteidigt, hat unter den Mahnern und Warnern der Nation noch kaum angefangen. Wie eine zuschauerfeindliche Fußballmannschaft, die nach dem ersten erzielten Tor sofort auf Verteidigung umstellt, ist Ver.di, statt auf Angriff und die Schaffung neuer Chancen, vor allem auf Verteidigung eingestellt. Ver.di setzt nicht auf den Spielwitz und die Eigenverantwortung der einzelnen Belegschaften, sondern auf zentral verordnete Mannschaftstugenden: auf den Flächentarif, die 35-Stunden-Woche und die längst widerlegte Theorie, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Umverteilung der knapper gewordenen Arbeit führe zu mehr Arbeitsplätzen. Mit dieser Strategie ist Ver.di erwiesenermaßen nicht einmal in der Lage, die vorhandenen Arbeitsplätze zu verteidigen; nachweislich begünstigt sie deren Export. Tatsächlich haben denn auch die kleineren und nicht gerade als asozial bekannten Nachbarländer - Schweden, Dänemark, Holland - den Deutschen mit ihrer flexibleren Spielweise sowohl im Fußball wie in der Wirtschaft (insbesondere bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit) längst den Rang abgelaufen. Weniger Kündigungsschutz oder die Erhöhung des Arbeitsvolumens, zeigen sie uns, führen überraschenderweise nicht zu weniger, sondern zu mehr Arbeitsplätzen.

Die Frage bleibt, warum sich Deutschlands Intellektuelle für solche Überraschungen nicht interessieren. Dabei mag die Tatsache eine Rolle spielen, dass sie seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung mit ihren Einschätzungen und Diagnosen ("die DDR - ein Schnäppchen") oft auf groteske Weise falsch gelegen haben und dass Irrtümer in einer Nation von Rechthabern nicht leicht bekannt und nicht leicht vergeben werden. Ich fürchte allerdings, dass für diesen verblüffenden Mangel an Neugier vor allem das alte Lagerdenken verantwortlich ist. Wichtiger als die Frage, ob ein Gedanke und ein Satz wahr sind, ist immer noch die andere, in welche (unerwünschte) Gesellschaft man sich damit bringt.

Ich gestehe, dass ich seit ungefähr zwei Jahrzehnten einem anderen Prinzip folge - und die großzügig verteilten roten Karten wegstecke: Der Wetterbericht kann wahr sein, obwohl er in der "Bild"-Zeitung steht. Ich muss schon aus dem Fenster schauen, um die im Blatt meiner inbrünstigen Abneigung aufgestellte Behauptung, dass es draußen regne, widerlegen zu können. Da die deutsche Lähmung bekanntlich seit zwei Jahrzehnten andauert, ist es für einen beherzten Auftritt der Intellektuellen nicht zu spät. Zumindest ist es nicht zu spät, die deutsche Nationalelf und ihre Fans für die Einsicht zu erwärmen, dass die Kicker bei der WM 2006 nur dann über die Vorrunde hinauskommen werden, wenn die Deutschen insgesamt mit Spielfreude und Risikobereitschaft die Reformen angehen, die die Viertel-, Halb- und Final-Mannschaften der diesjährigen EM längst hinter sich gebracht haben. Und sollten sie bei der WM trotzdem verlieren, hätten sie trotzdem gewonnen.  

04.07.04 19:12

13475 Postings, 7868 Tage SchwarzerLordWer bitte sind Deutschlands Intellektuelle?

Mir ist noch keiner begegnet. Für namentliche Nennungen wäre ich sehr dankbar. Überhaupt: Was ist ein Intellektueller, unabhängig von der Nationalität?  

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