Die Wahrheit über die Befreiung von Jessica Lynch

Seite 1 von 2
neuester Beitrag: 12.11.03 15:36
eröffnet am: 16.04.03 17:34 von: Nassie Anzahl Beiträge: 34
neuester Beitrag: 12.11.03 15:36 von: Nassie Leser gesamt: 891
davon Heute: 1
bewertet mit 2 Sternen

Seite: 1 | 2  

16.04.03 17:34
2

15990 Postings, 6759 Tage NassieDie Wahrheit über die Befreiung von Jessica Lynch

Wie ein Arzt die Befreiung der schönen Soldatin erlebte

US-Präsident Bush war begeistert. Mutige Marines hatten die Soldatin Jessica Lynch in einer gefährlichen Nacht-und-Nebel-Aktion aus einem irakischen Krankenhaus befreit - so die Darstellung des Pentagon. Irakische Ärzte erzählen jetzt eine ganz andere Geschichte.


Nassirija - Die Rettung von Jessica Lynch löste in Amerika Jubel aus - nicht nur ihre Familie weinte Freudentränen. Die Heldentat der US-Soldaten kam zum rechten Zeitpunkt. Unerwartet starke Gegenwehr der irakischen Armee im Süden des Landes, Bilder von US-Kriegsgefangenen im irakischen Fernsehen und verheerende Sandstürme ließen die Begeisterung in der amerikanischen Öffentlichkeit für Bushs Feldzug merklich schwinden.
Die PR-Strategen im Pentagon präsentierten die Rettung als mutige Tat inmitten von Kämpfen rund um das Krankenhaus. Irakische Zeugen in Nassirija erzählen allerdings, dass überhaupt keine einheimischen Kämpfer mehr da waren. Nur die Amerikaner hätten für Angst und Schrecken gesorgt.

"Wir hörten sie schießen und rufen: Los! Los! Los!", erzählt der Arzt Harith al-Houssona seine Version der Befreiungsaktion. Eine Gruppe amerikanischer Soldaten habe begonnen nach Jessica Lynch zu suchen, eine andere hätte tote US-Soldaten aus Gräbern vor dem Krankenhaus ausgegraben, und eine dritte Gruppe Ärzte über das Versteck des gesuchten Politiker Ali-Hassan al-Majid, bekannt als Chemical-Ali, verhört.

Vier Ärzten und zwei Patienten seien Handschellen und Fesseln angelegt worden, berichtet ein Korrespondent der "Times-Online" aus Nassirija. Einer der von den US-Soldaten gefesselten Patienten sei gelähmt gewesen und habe an einem Tropf gehangen. Auf einem Videoband von der Befreiung sind laut "Times-Online" auch diese Szenen zu sehen. Der Presse seien sie bisher aber nicht gezeigt worden. "Das waren Ärzte mit Stethoskopen um den Hals", sagte Harith. "Auch im Krieg sollte kein Arzt so behandelt werden".

Angestellte als Gefangene

Einer der Verwaltungsbeamten des Krankenhauses, Abdul Razaq, habe Schutz in Lynchs Krankenzimmer gesucht, weil er sich dort sicher fühlte. Die US-Soldaten hätten ihn per Hubschrauber zu ihrem Lager mitgenommen und drei Tage unter freiem Himmel gefangen gehalten.


Harith sagte dem "Times"-Reporter, er habe auch Dienst gehabt, als Jessica Lynch von irakischen Soldaten eingeliefert wurde. Nach seiner Erzählung rettete er der jungen US-Soldatin gleich mehrmals das Leben. Zunächst habe er ihre Wunden an Kopf, Bein und Arm behandelt und ihre Atmung stabilisiert.

Freundschaft zur US-Soldatin

Kurz vor der Flucht der meisten Saddam-Treuen aus Nassirija seien einige irakische Soldaten ins Krankenhaus gekommen und wollten die gefangene Soldatin als Druckmittel gegen die Amerikaner mitnehmen. Harith habe Lynch daraufhin in einem anderen Teil des Krankenhauses versteckt. Seine Kollegen erzählten den irakischen Soldaten, dass er nicht da sei und dass Lynch vermutlich gestorben sei und sie nicht wüssten, wo sie sei.

Durch den engen Kontakt zu seiner Patientin habe sich eine Art Freundschaft zu Jessica Lynch entwickelt, sagte Harith. "Ich sehe viele Patienten, aber sie war etwas Besonderes. Sie war eine sehr einfache Person, eine Soldatin, nicht sehr gebildet. Aber sie war sehr, sehr nett."

"Niemand hätte sie beschießen können"

Die Berichte, die die amerikanischen Militärs nach der Rettung abgaben, kann Harith al-Houssana nicht verstehen: "Sie sagten, dass es im Irak keine medizinische Versorgung gegeben hätte und dass dieses Krankenhaus sehr stark verteidigt wurde. Aber außer Ärzten und Patienten war niemand hier. Es gab niemanden, der sie hätte beschießen können." Irakische Truppen und Führer der Baath-Partei hätten die Stadt schon am Vortag verlassen.



 
Seite: 1 | 2  
8 Postings ausgeblendet.

16.04.03 18:10

1766 Postings, 6517 Tage kunibertIhr verwechselt

Ursache (Saddam-Regime)
und Wirkung (UN-Resolution 1441/Irakkrieg)  

16.04.03 18:16

9123 Postings, 7176 Tage Reilakunibert,

will Deine Überlegungen gar nicht wegwischen. Die Berichte über die Folterkeller sind ja eindeutig. Und daß Saddam ein Schwein war, wurde nie bezweifelt. Und natürlich kann ein Volk sich nicht gegen solche Diktatoren wehren und sie stürzen, erst recht nicht, wenn das Regime z.B. durch das Öl über erhebliche Einnhamequellen verfügt und damit seinen Machtapparat finanzieren kann. Aber wer von außen darf das, eine fremde Regierung absetzen?

Es kann nicht gut sein, wenn ein anderes Land oder zwei sich quasi zum Weltpolizisten aufspielen. Daß es dabei nur um Terrorismusbekämpfung oder Massenvernichtungswaffen geht, hätte nicht mal meine Oma geglaubt.

Eigentlich könnte die Rolle des Weltpolizisten nur die UNO übernehmen. Dort haben aber auch alle Diktatoren eine Stimme. Für mich wäre deshalb der einzige Weg, die UNO zu stärken. Warum kann man die Menschenrechtslage z.B. nicht zum bestimmenden Thema in der UNO machen. Warum konnte man Inspektoren nur zum Thema Waffen und nur im Irak durchsetzen? Utopische Gedanken? Mag sein. Bei allen Verbrechen von Diktatoren ist es für mich keine angenhme Vorstellung, daß der selbsternannte Weltpolizist sich nicht einmal der internationalen Gerichtsbarkeit unterwirft.
Um es auf eine schlichte Formel zu bringen. Diktatoren sind Scheiße. Aber Polizist und Richter in einem ist auch Scheiße, selbst, wenn der Polizist ein Volk erst mal befreit hat. Und es steht auch noch gar nicht fest, ob das neue Regime im Irak demokratischer wird als das alte.

R.  

16.04.03 18:17

1766 Postings, 6517 Tage kunibertReila, kein Widerspruch o. T.

16.04.03 18:21

9123 Postings, 7176 Tage Reilakunibert,

ist Dir schon einmal aufgefallen, daß seit dem Ende des Kalten Krieges in der UNO kaum noch über Menschenrechtsverletzungen geredet wird? Das Thema hat sich erledigt, so wie niemand mehr über Massenvernichtungswaffen im Irak reden wird. Es ist wie an der Börse: Die passende Begründung wird immer nachgeliefert.

R.  

16.04.03 18:21

1766 Postings, 6517 Tage kunibertallerdings,

es ist so wie es ist.
Wünschen kann ich mir viel und alles.
Gewalt (wie Krieg) erlebt man in
Deutschland jeden Tag (als Kleinkrieg).  

16.04.03 18:23

6422 Postings, 7621 Tage MaMoe@Reila: mit deiner Doppelmoral haben die Türken

auch die Armenier ausgerottet ... "wer von außen darf das, eine fremde Regierung absetzen?" ... Herzlichen Glückwunsch ... ein Unverschämtheit, dass man damals Hitler abgesetzt hat ...

hahahaha
MaMoe .....  

16.04.03 18:23

9123 Postings, 7176 Tage Reilakunibert, das freut mich denn doch,

daß Konsens möglich ist. Notwendigerweise sind ja Argumentatioinen in Form von Postings immer stark verkürzt.

Angenehme Ostertage

R.  

16.04.03 18:25

1766 Postings, 6517 Tage kunibertWarum die Uno gegen Menschenrechtsverletzungen

Warum die Uno gegen Menschenrechtsverletzungen noch immer weitgehend machtlos ist.

Von Paul-Emile Dentan und Françoise Weilhammer

TAGTÄGLICH WIRD MIT FÜSSEN GETRETEN, was mit der Allgemeinen Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen geschützt werden sollte; im Bereich der Menschenrechte scheint sich die Ohnmacht der Uno deutlicher als in allen andern ihrer Tätigkeitsfelder zu zeigen. Das jüngste und zugleich aussergewöhnlich dramatische Beispiel dafür ist die Hinrichtung des nigerianischen Schriftstellers und Menschenrechtskämpfers Ken Saro-Wiwa Mitte November letzten Jahres.

Der nigerianische Oppositionelle war am 31.Oktober 1995 mit acht seiner Gefährten von einem Militärgericht in Port-Harcourt zum Tode verurteilt worden. Sein Fall war den zuständigen Gremien der Uno bestens bekannt. Das Zentrum für Menschenrechte in Genf hatte die Angelegenheit seit zwei Jahren verfolgt, und ein Tag nach dem Todesurteil richteten die beiden Sonderberichterstatter der Menschenrechtskommission der Uno, die für «willkürliche Hinrichtungen und die Unabhängigkeit der rechtsprechenden Gewalt» zuständig sind, nochmals einen dringlichen Appell an die Regierung von Nigeria. Sie erinnerten die Regierung an ihre Verpflichtung als Unterzeichnerin der Allgemeinen Menschenrechtserklärung; sie unterstrichen auch die zahlreichen Formfehler des Prozesses, der die ganze Welt schockiert hatte, und forderten Gnade für die Verurteilten. Doch trotz internationalen Protesten und Sanktionsdrohungen wurden die Verurteilten acht Tage darauf gehängt.

Nun erwartete man allgemein eine scharfe Reaktion von José Ayala Lasso, dem Uno-Hochkommissar für Menschenrechte - schliesslich hatte der ehemalige Aussenminister von Ecuador im April 1994, als er sein Amt antrat, erklärt, er werde «gegebenenfalls nicht zögern, die Stimme zu erheben, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen». Doch Ayala Lasso begnügte sich mit einem Brief an die ständige nigerianische Mission in Genf, in dem er eine Erklärung zu den Todesurteilen forderte, die ihm «zur Kenntnis gebracht» worden seien. Ungeachtet der Appelle an seine Autorität weigerte sich der Hochkommissar, die nigerianische Militärregierung zu verurteilen, um «die Möglichkeit eines zukünftigen Dialogs offenzuhalten». Die Zurückhaltung erstaunte um so mehr, als der im Dezember 1993 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen ernannte Spitzenbeamte sehr wohl über ein Interventionsrecht verfügen würde, um sofort auf dringliche Situationen reagieren zu können - ein einzigartiges Recht seit Gründung der Menschenrechtskommission 1947.

«Das Mandat des Hochkommissars wurde in der Uno-Bürokratie als revolutionär bezeichnet, da es ihm ermöglicht, Präventivmassnahmen zu treffen», sagt Claude-Adrien Zoller, Verantwortlicher der privaten Organisation Internationaler Dienst für Menschenrechte. «Die Ernennung eines Hochkommissars erweckte deshalb grosse Hoffnungen. Man sah darin ein Mittel gegen die Zersplitterung der Uno-Kräfte.» Sehr schnell jedoch mussten Zoller und andere Spezialisten ihre Erwartungen herunterschrauben.

NEUARTIGE MISSION. José Ayala Lasso hatte einen vielversprechenden Einstand in seinem Amt. Drei Tage nach seiner Ankunft in Genf flog er nach Rwanda, damals Schauplatz eines verheerenden Völkermords, um, wie er sagte, Vorschläge für einen Aktionsplan zur Beendigung der Gewalthandlungen machen zu können. Er legte damit den Grundstein zu einer neuen Art von Mission, jener der Menschenrechtsbeobachter, die beauftragt sind, sich im Feld ein Bild der Ereignisse zu machen und durchzusetzen, dass ein Minimum an Menschenwürde respektiert wird.

Doch der anfängliche Elan hielt nicht lange an. Mehrere Monate verstrichen, bis die ersten Beobachter ausgewählt und nach Rwanda geschickt wurden. Inzwischen hatte die Menschenrechtskommission eine zweitägige Sondersession einberufen. Aber die Kommission war von der Angst gelähmt, bei den Regierungen, die sich die Hände blutig gemacht hatten, Missfallen zu erregen, und wagte nicht, das Massaker an einer Million Rwandern als Genozid zu bezeichnen.

Auch im Falle von Ex-Jugoslawien zeichnete sich José Ayala Lasso durch Passivität aus. Kein einziges Mal begab er sich ins Kriegsgebiet. Zur Zeit der Massaker von Srebrenica habe er dazu die Erlaubnis der serbischen Verantwortlichen nicht gehabt, verteidigte er sich. «Ich besuche ein Land nur, wenn ich mir davon konkrete Resultate erhoffen kann», betonte er und fügte hinzu, er müsse sich auf die «entscheidende Phase nach der Beendigung der Kämpfe und den Aufbau des Friedens konzentrieren». Angesichts der schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa begangenen Greueltaten waren vom Uno-Spezialisten für Menschenrechte nichts als schöne Worte zu vernehmen.

«Die Hoffnungen der Generalversammlung waren zu hoch gesteckt», räumte José Ayala Lasso nach 18 Monaten im Amt ein. «Mir wurde sehr schnell bewusst, dass meine Mission zu umfangreich war, als dass ich sie hätte erfüllen können. Ich konnte nicht gegen alle Menschenrechtsverletzungen der Welt ankämpfen.» In der Folge bestimmte er fünf Schwerpunkte für seine Arbeit: schnelle Reaktion in dringlichen Situationen (zum Beispiel Rwanda), Präventivmassnahmen (zum Beispiel Burundi), Zusammenarbeit mit den Staaten (zum Beispiel Osteuropa), Koordination mit den übrigen Uno-Stellen und spezielle Berücksichtigung von vernachlässigten Rechten (zum Beispiel die Rechte von Frauen, Kindern und indigenen Völkern oder das Recht auf Entwicklung). Das verbleibende Arbeitsfeld ist freilich immer noch gewaltig.

UNO-KRANKHEITEN. Das Zentrum für Menschenrechte der Vereinten Nationen leidet an den typischen Uno-Krankheiten. Zuerst war es Opfer eines «Vorgesetztenkriegs» zwischen José Ayala Lasso und Ibrahima Fall, dem früheren Aussenminister Senegals, der vor José Ayala Lassos Amtsantritt für das Zentrum für Menschenrechte verantwortlich war und als natürlicher Kandidat für den Posten des Hochkommissars galt. Es dauerte mehrere Monate, bis die beiden Männer den Weg der Versöhnung zwischen ihren, nur durch einen langen Gang voneinander getrennten, Büros fanden.

Zu den persönlichen Fehden kamen organisatorische Schwächen. Wie in allen Uno-Verwaltungsabteilungen ist das Pflichtenheft des Zentrums sehr umfangreich. Es muss die Gesamtheit der von der Kommission und ihren verschiedenen Organen verabschiedeten Sonderverfahren koordinieren. Die Beschwerden aus der ganzen Welt laufen hier zusammen, durchschnittlich 30 000 im Jahr. «Wir müssen uns der Realität anpassen», sagt Ibrahima Fall, der Direktor des Zentrums. «In den letzten drei Jahren hat sich das Ausmass der Menschenrechtsverletzungen dramatisch verändert. Um glaubwürdig zu bleiben, insbesondere gegenüber den viel beweglicheren Nichtregierungsorganisationen, den NGO, muss das Zentrum flexibler werden.» Seit zwei Jahren befinden sich deshalb mehr als die Hälfte seiner 115 Beamten im Feld, zum Beispiel in Ex-Jugoslawien. Auch die Organisationsstruktur des Zentrums wurde überprüft. Bleibt abzuwarten, ob die neuesten Reformen erfolgreicher sind, als es die früheren waren.

Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, ob ein Organ der Uno - das also einer Absichtserklärung der Regierungen entspringt - sich überhaupt der Unabhängigkeit rühmen kann. Ihrer Natur nach ist die Handlungsfreiheit der Uno im Bereich der Menschenrechte eingeschränkt. Denn sie kollidiert mit drei fundamentalen Prinzipien der Vereinten Nationen: der nationalen Souveränität, dem Nichteinmischungsprinzip und der territorialen Integrität. Im übrigen setzen die Vereinten Nationen nur 0,7 Prozent ihres ordentlichen Budgets für die Menschenrechte ein, obwohl ihre Verantwortlichen letztere immer im Munde führen.

Die Menschenrechtskommission widerspiegelt dieses Dilemma am deutlichsten. In dieser Kommission konzentriert sich die Arbeit der Uno für die Menschenrechte. Jährlich finden sich Tausende von Spezialisten im Palais des Nations in Genf ein, um an diesem Ritual teilzunehmen, das ein immer wieder verblüffendes Schauspiel bietet.

DER ZIRKUS DER KOMMISSION. Man betrete den Saal XVII im Ostflügel des Palais des Nations in Genf. In diesem grossen, halbkreisförmig angelegten überfüllten Saal verkündet ein Redner - der Sprecher einer Regierung - das Verfahren und die Änderungen der Tagesordnung. Man nehme Platz. Wie aus dem Lautsprecher in einer Bahnhofhalle spricht der Diplomat, dem offensichtliche Gleichgültigkeit entgegenschlägt, begleitet vom gedämpften Geräusch der Männer und Frauen, die sich erheben, ruhelos von einer Delegation zur nächsten eilen und dabei Kommentare, Notizen und schriftliche Stellungnahmen austauschen oder sich zur Bar begeben, einem grossen gläsernen Käfig mit Blick auf das prächtige Alpenpanorama.

Verfahrensprobleme, Emsigkeit, Hektik . . . Die Menschenrechtsverletzungen aus aller Welt scheinen so fern. «Sie dürfen sich keine Illusionen machen», sagt ein längst an den Zirkus der Kommission gewöhnter Routinier. «Das Verfahren ist das Herz unserer Arbeit. Ein durchgestrichenes Wort, ein zusätzliches Adjektiv, eine kurze Abstimmung - und schon haben Sie eine Resolution, in der vom ursprünglich Beabsichtigten nichts übrig bleibt.» Auf seinem Schreibtisch türmen sich die Akten zu Bergen. Er liest täglich die Dokumente der Kommission, um nichts von dem zu versäumen, was gesagt worden ist. In den sechs Arbeitswochen im Februar und März 1995 waren 2352 Leute anwesend. Zu den 53 Mitgliedstaaten kommen 80 Beobachterstaaten, das macht ungefähr tausend Diplomaten und Regierungsexperten. Auch die Vertreter der NGO sind hier - letztes Jahr wurden 170 Organisationen gezählt.

Die Struktur der Kommission ist schwerfällig, zu schwerfällig. «Ohne tiefgreifende Reformen riskiert sie, lebendig begraben zu werden», sagte ihr Präsident, der Malaysier Musa Hitam, im Frühling 1995.

Seit dem Fall der Berliner Mauer ist auch dieses Gremium nicht mehr in deutlich getrennte Lager geteilt; der Ausgang der Abstimmungen ist nicht mehr so einfach absehbar, alles ist unberechenbarer geworden. Die Koalitionen wechseln, und das gibt gewissen Staaten einen Einfluss, der in keinem Verhältnis zu ihrem realen Gewicht steht. «Letztlich werden so die Mechanismen der Uno in Frage gestellt», sagt Claude-Adrien Zoller vom Internationalen Dienst für Menschenrechte. Eine neue Front ist hier im Entstehen, errichtet von den Staaten, die sich gegenseitig schützen, um Anklagen zu vermeiden. Es handelt sich dabei um einen harten Kern von 13 Staaten: Indien, Pakistan, Indonesien, Sri Lanka, Singapur, Malaysia, China, Iran, Jemen, Syrien, Kuba, Mexiko und Kolumbien. Es sind Staaten, die zwar nichts gegen einen Bericht über Bhutan einzuwenden haben, aber die Menschenrechtszustände in China verharmlosend als «beunruhigend» bezeichnen. Sie würden alles tun, was die Diplomatie erlaubt, um Afrika vor einer Verurteilung zu bewahren. Und meistens greifen sie mit Erfolg auf das zurück, was in den Bestimmungen als «Nichteintretensmotion» bezeichnet wird und vor der Schlussresolution zur Abstimmung gelangt. Der Irak, Iran und China sind Meister dieses Spiels geworden, das sie ungeschoren davonkommen lässt.

Die Diplomaten verhandeln in den Hotels oder am Telefon mit den Staatskanzleien befreundeter Länder, um die nötigen Stimmen zur Verhinderung eines Antrags zusammenzubekommen. Andere Staaten entgehen einer Verurteilung dank der Interessenpolitik der Grossmächte. Wer würde es schon wagen, die Türkei wegen ihrer Behandlung der Kurden zu verurteilen? Oder Indien wegen der Ereignisse in Kaschmir? Oder Saudiarabien, dessen Verstösse gegen die Rechte von Frauen und Kindern und dessen Sklaverei nur im Rahmen eines vertraulichen Verfahrens untersucht werden? Auch angesichts der Massaker an den Tschetschenen rang sich die Kommission nur zu einer einfachen «Erklärung des Präsidenten» ohne rechtliche Folgen durch. Tatsächlich ist die Menschenrechtskommission die Kommission der Uno, die am stärksten dem politischen Kräftespiel ausgesetzt ist.

Weiter:
http://www-x.nzz.ch/folio/archiv/1996/01/articles/unomensch.html

 

16.04.03 18:32

9123 Postings, 7176 Tage ReilaMaMoe, lachst Du vor Schmerz über Deine

Ahnungslosigkeit.
Hitler ist ein geiles Beispiel, nachdem er die halbe Welt mit Krieg überzogen hatte. Hätte er sich mit etwas weniger zufrieden gegeben, wäre die NSDAP vermutlich heute noch Regierungspartei. Sag mal, Du Scheckheftflieger, Du fliegst doch für das Königreich Saudi-Arabien. Wie geht man denn da mit Regimegegnern um? Da die Amis schon im Land sind, sollten sie die Oberaffen gleich stürzen? Und wie siehts denn z.B. mit Simbabwe aus oder Turkmenistan? Zähl lieber Deine Steuerrückerstattungen und vergiß nicht, weiter darüber zu informieren. Das interessiert die Welt.

R.  

16.04.03 18:37

9123 Postings, 7176 Tage Reilakunibert danke.

Schätze mal, die UNO wäre in der Menschenrechtsfrage stärker, wenn sich die führenden westlichen Länder einig wären. Mit der KSZE hatte man ja auch etwas erreicht. Aber die Verfolgung ökonomischer Interessen ist sicher immer stärker motiviert als die Durchsetzung humanistischer Ideale. Für letztere kann man sich kurzfristig nichts kaufen.

R.  

16.04.03 18:39

33522 Postings, 7207 Tage DarkKnightWie bitte, Reila? MaMoe gehört auch zu

den Leibeigenen der Saudis?

Das erklärt vieles. Wenn man immer nur wie ein dreckiger Hund behandelt wird, das ist auf Dauer nicht gut für die Psyche.  

16.04.03 18:41

9123 Postings, 7176 Tage ReilaDK, bin mir da nicht so sicher.

Gegebenenfalls steckt hinter MaMoe einfach nur ein Redakteur der Titanic.

R.  

16.04.03 18:41

9123 Postings, 7176 Tage Reila... oder die Augsburger Puppenkiste. o. T.

16.04.03 19:05

6422 Postings, 7621 Tage MaMoeoder die ARIVA-Weltuntergangssekte ... hahahaha.. o. T.

16.04.03 19:07

9123 Postings, 7176 Tage ReilaNa, immerhin hast Du Humor.

Liegt wahrscheinlich daran, daß in den Emiraten dafür bezahlt wird.  

16.04.03 19:11

6422 Postings, 7621 Tage MaMoedort wird für alles bezahlt ... und das erfreut ..

die armen Lufthansa-Kollegen werdens mir vergeben ... soll ich mich als Gastarbeiter jetzt minderwertig fühlen oder freuen, dass ich überhaupt arbeit habe ... eines der vielen Probleme meiner Tage .....  

16.04.03 20:28

42128 Postings, 7611 Tage satyrBush ist einer der gefährlichsten

Spinner der neueren Geschichte!

Und gehört normalerweise eingewiesen in eine Heilanstalt!

 

16.04.03 21:46

6422 Postings, 7621 Tage MaMoeBush ist einer der größten

Staatsmänner der neueren Geschichte!

Und gehört normalerweise eingewiesen bei Madame Toussot!

hahahahahahahahahaha



Satyr, was geht?? Schon wieder ´ne Laus über die Leber gekrochen ??
Oder ist´s diese verdammte Ohnmacht, mit ansehen zu müssen, wie der  ARIVA-Weltuntergang über alle hereinbricht ... aber ich dachte, du bist einer der Ausserwählten, die sich Kainszeichen in die Stirn geritzt haben und deshalb von Außerirdischen gerettet werden ..."

hahahahaha
MaMoe .......  

16.04.03 22:14

1766 Postings, 6517 Tage kunibertWas soll man

von solchen .....geistern anders erwarten.
- Handel mit den US-Soldaten treiben!
- Die Hand, die man nicht abschlagen kann,
muß man schütteln.
satyr versteht dies.  

17.04.03 09:41

42128 Postings, 7611 Tage satyr@kunibert es stimmt man muß den Gegner studieren

ihm die Kohle nehmen,nur so kann man ihn besiegen.

Seit ich mit ihnen gehandelt habe weiß ich es sind Blödmänner.

@mamoe leider scheinst du der Erwählte zu sein denn wie heißt es:

Selig sind die,die arm im Geist sind denn das Himmelreich ist ihrer.  

17.04.03 09:45

6422 Postings, 7621 Tage MaMoe@Satyr: bald sind wieder die OSTERMÄRSCHE: frisch

vorne mitmarschiert und laut gebrüllt ... ich steh am Strassenrand und lach aus vollem Hals ... sofern ich Zeit dazu hab ...

Ich lebe bereits im Himmelreich ... insofern ist´s keine große Umstellung für mich ...
hahahaha
MaMoe ....  

17.04.03 09:56

42128 Postings, 7611 Tage satyrKeine Ostermärsche denn die Amis sind

besiegt.Weil wenn sie freie Wahlen zulassen werden die Shiiten einen Staat,nach Vorbild
des Iran errichten.Und das wird der größte Witz der Weltgeschichte die Amis setzen einen Gottesstaat ein.
Sollten sie keine freien Wahlen zulassen müssen sie den Irak über Jahre besetzt halten und das wird sie ruinieren.  

22.07.03 17:20

15990 Postings, 6759 Tage NassieDie triumphale Heimkehr der Jessica Lynch

Die triumphale Heimkehr der Jessica Lynch

Jeder Krieg braucht einen Helden. Im jüngsten Krieg war das Jessica Lynch - auch wenn das einzige Verdienst der US-Soldatin darin bestand, sich aus einem irakischen Krankenhaus befreien zu lassen. Jetzt kehrt die 20-Jährige in ihre Heimatstadt zurück.



Washington/Hamburg - Jessica Lynch war der Held, den Amerika brauchte. Als sich im jüngsten Golfkrieg die Nachrichten über Verluste mehrten, war es Zeit für ein Wunder. Was bot sich da Besseres als die Geschichte von der blutjungen Soldatin aus West Virginia, die fern der Heimat gegen das böse Saddam-Regime kämpfte, gefangen und gerettet wurde?
Tapfer sei Private Lynch gewesen, als ihre Kollegen am vierten Kriegstag, dem 23. März, in einem Hinterhalt getötet wurden, berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf Geheimdienstler nach der geglückten Rettungsaktion durch US-Spezialkräfte. Selbst von feindlichen Kugeln getroffen, habe sie dennoch verzweifelt Gegenwehr geleistet. Dann sei sie niedergeschlagen, verschleppt und in einem Krankenhaus in Nassirija als Kriegsgefangene gehalten worden. Bei Nacht und Nebel, mit einem überraschenden Blitzeinsatz, mit raffinierten Ablenkungsmanövern und überhaupt mit allen Schikanen hätten die Kollegen die junge Frau schließlich nach sieben Tagen der Ungewissheit befreien können.

Später stellte sich die Geschichte als wesentlich schlichter heraus. So waren die Verwundungen nicht von irakischen Kugeln oder Messern verursacht worden, sondern dadurch, dass Lynchs Fahrzeug nach einem Granatentreffer verunglückte. Doch das ist in Amerika egal. Jessica Lynch war eine Heldin, und sie soll eine Heldin bleiben.


Am Dienstag kehrt Lynch in ihre Heimat in West Virginia zurück. Nach dreimonatiger Behandlung in einem US-Krankenhaus wird sie in Palestine erwartet. Auch die glückliche Heimkehr wird - wie die Befreiung - perfekt inszeniert sein. Ein Kampfhubschrauber vom Typ Black Hawk wird die junge Frau einfliegen, dann wird sie sich erstmals seit ihrer Befreiung öffentlich äußern. In der Stadt Elizabeth steht die Bühne bereit, die Fernsehanstalten sind mit Übertragungswagen angerückt, berichtet die "New York Times".

Laut "Washington Post" wurden Hunderte Stühle für das Publikum herangeschafft, das hören will, was Lynch zu sagen hat. Viel kann das nicht sein - laut "New York Times" ist eine Rededauer von 150 Sekunden vorgesehen, Fragen werde sie nicht beantworten.

Jule Lutteroth

 

07.11.03 21:57

15990 Postings, 6759 Tage NassieLynch klagt US-Militärs an

GI Lynch klagt US-Militärs an

In den Vereinigten Staaten ist sie die Heldin des Irak-Kriegs. Doch jetzt meutert Jessica Lynch gegen das US-Militär. Bei ihrer Befreiung aus irakischer Gefangenschaft, die von dem Rettungskommando gefilmt wurde, sei sie für PR-Zwecke missbraucht worden, klagt sie in einem Interview des US-Senders ABC.


Palestine - Die Truppen hätte ihre Gefangennahme und dramatische Rettung benutzt, um die Unterstützung der Öffentlichkeit für den Krieg zu gewinnen, sagte Lynch, 20, in einem Interview. Es habe keinen Grund gegeben, ihre Befreiung zu filmen, sagte sie der US-Fernsehmoderatorin Diane Sawyer.

Nach dem Überfall auf Lynchs Konvoi im Irak am 23. März war zunächst berichtet worden, die junge Frau habe gegen ihre Angreifer gekämpft, bis ihr die Munition ausgegangen sei.  

Sie habe Stich- und Schusswunden erlitten. Später berichteten die Streitkräfte dann, sie sei nicht von Kugeln getroffen worden.

Lynch stellt den Vorfall aber ganz anders dar: Sie habe nicht einen Schuss abgegeben. Ihre Waffe habe geklemmt. "Ich bin auf die Knie gegangen und habe gebetet. Das ist das letzte, an das ich mich erinnere." Der Sender ABC veröffentlichte Auszüge des Interviews auf seiner Internetseite.



Lynch wurde für ihren Einsatz mit mehreren Medaillen ausgezeichnet. Sie kehrte nach einem langen Krankenhausaufenthalt im Juli in ihre Heimat im US-Staat West Virginia zurück. Auch Monate nach ihrer Befreiung erhält sie fünf Mal in der Woche zwei Stunden Physiotherapie und muss 18 Tabletten am Tag nehmen. Sie hat kein Gefühl in ihrem linken Fuß und geht mit Stützen. Lynch hatte bei dem Überfall mehrere Knochenbrüche erlitten. Nach acht Tagen wurde sie befreit. Inzwischen wurde sie auf eigenen Wunsch ehrenhaft aus der Armee entlassen.

US-Zeitungen hatten am Donnerstag berichtet, Lynch sei während ihrer Gefangenschaft vergewaltigt worden. Sie beriefen sich auf medizinische Unterlagen, die in Lynchs Biografie "I Am a Soldier, Too: The Jessica Lynch Story" (Ich bin auch ein Soldat: Die Geschichte der Jessica Lynch) zitiert worden seien. Das Buch kommt in den USA am Dienstag auf den Markt.

Lynch sagte Sawyer, sie könne sich an einen Übergriff nicht erinnern. "Nur daran zu denken ist zu schmerzhaft." Der irakische Arzt, der sie nach ihrer Gefangennahme behandelt hatte, sagte, er habe keine Hinweise auf eine Vergewaltigung gefunden, auch wenn er sie nicht explizit daraufhin untersucht habe. Sie sei komplett bekleidet gewesen, die Uniform nicht zerrissen








--------------------------------------------------

© SPIEGEL ONLINE 2003  

12.11.03 15:36

15990 Postings, 6759 Tage NassieDas Ende des Mythos Jessica


Von Marc Pitzke, New York

Jessica Lynch, das PR-Postergirl des Pentagons, hat gestern Abend im US-Fernsehen ihr Schweigen gebrochen - und den Heldenmythos entzaubert, mit dem das Weiße Haus den Irak-Krieg verherrlicht. Stattdessen bleibt ein übler Nachgeschmack: Der Feldzug wird von ahnungslosen Kindern ausgefochten.



New York - Sie ist wütend. Wütend auf die Iraker, wütend auf die Medien - und wütend auf ihre einstigen Dienstherren im Pentagon. "Sie haben mich benutzt", sagt Jessica Lynch, "um all dieses Zeugs zu symbolisieren." Soldatin, Heldin, Symbol des siegreichen Amerikas: zum Lachen - oder, je nach Schmerzgrad ihrer Wunden, zum Weinen. "Ich bin doch nur ein Mädchen vom Lande." Ein Phantom des Krieges redet sich frei.

Da sitzt sie also, vor Abermillionen TV-Zuschauern zur besten Sendezeit am gestrigen Abend, dem 237. Tag des Irak-Krieg, "Veterans Day", ausgerechnet. Weich gezeichnet, perfekt ausgeleuchtet, Herzchen im Ohr, Herzchen um den Hals, irgendwo zwischen Frau und Mädchen, Soldatin und Pfadfinderin. Und immer noch, doch nicht immer, ganz die "Miss Freundlichkeit", zu der sie einst auf der Bezirkskirmes gekrönt wurde.

Und plötzlich offenbart sie sich schlagartig, die bittere Moral dieser Geschichte von "Private Jessica": Der Irak-Krieg ist ein Krieg, der von ahnungslosen Kindern gefochten wird.

Perfektes Abziehbild des "American Dream"

Jessica Lynch, 20, bricht ihr Schweigen. Die berühmteste Kriegsgefangene des Irak-Dramas - und die erste seit dem letzten Weltkrieg, die lebend aus Feindeshand befreit wurde: "An American Story", tutet ABC, das Network, das den Zuschlag bekam, aber erst, nachdem sein Interview-Star Diane Sawyer das Objekt der TV-Begierde mit Präsenten beglückt hatte.


"Ich sehe mich nicht als Heldin", sagt Lynch. "Ich bin eine Überlebende." Überlebende von Krieg, Verwundung, Gefangenschaft und, glaubt man den Ärzten, Vergewaltigung, sie selbst erinnert sich an nichts. Und dann, zurück in der Heimat, Überlebende einer Propaganda-Kampagne des Weißen Hauses und eines beispiellosen Medienspektakels.

Monate lang existierte sie, ganz nach Wunsch ihrer Befehlshaber, nur als zweidimensionale Schablone. Als Collage nationaler Sehnsüchte, zusammengesetzt aus ihrem Rekrutenfoto, dem Nachtvideo ihrer Befreiung, den Bildern des "Heldenempfangs", bei dem sie sie im Cabrio durch ihr Heimatkaff kutschierten wie einen Popstar. Blass, blond, stumm: ein perfektes Abziehbild des "American Dream" - und ein perfektes Postergirl fürs Pentagon.

"Ich fiel auf die Knie und betete"

Damit ist nun Schluss, ein für allemal. "Der Preis ist hoch, so hoch", sagt Lynch. "Seinem Land zu dienen", fügt sie hinzu, fast höhnisch, heiße im Prinzip doch nur eines: "Verlust."

Nicht gerade die beste Werbung für die Army. Dabei hat sie das Pentagon aufs Podest der Legende beordert, um die Kriegszweifel des Volkes zu zerstreuen. Und der US Postal Service hat ihr einen eigenen Poststempel gewidmet, der, dank ihres Wohnorts, gleich zur biblischen Adresse wurde: "Jessica Lynch Station, Palestine, West Virginia."

Davon will sie nichts mehr wissen. Sie zerreißt die Mythen, zerstört die Illusionen und holt die Nation auf den Boden der Tatsachen zurück.

Zum Beispiel die "Rambo"-Sache. Wie ein Action-Held habe sie sich gegen die bösen Iraker gewehrt, habe eine Handvoll von denen auch mit ihrem M-16 niedergemäht. "Sie kämpfte bis zum Tod", schrieb die "Washington Post", unter Berufung auf "Militärkreise".

Eine Ente, vom Pentagon gebilligt, wenn nicht gar lanciert: "Es tut weh", sagt Lynch, "wenn Leute Sachen erfinden." Fast böse sprudelt es aus ihr heraus. "Mein Gewehr klemmte, ich habe nicht geschossen, keine Salve, nichts, ich hatte Angst, ich war nervös, ich fiel auf die Knie und betete, das ist das Letzte, woran ich mich erinnere."

Sex-Symbol von der Front


Ein Märchen entpuppt sie als, nun ja, Märchen. Auch das mit den irakischen Folterknechten. Geschlagen und gequält habe man sie im Krankenhaus "Saddam Hussein", wo sie zehn Tage gefangen lag, mit zerschmettertem Bein und kaputter Wirbelsäule.

"Nein", widerspricht sie kategorisch. "Keiner hat mich geschlagen, keiner hat mich geohrfeigt." Vielmehr hätten sie die irakischen Ärzte und Krankenschwestern wunderbar behandelt, und eine Schwester habe sie jeden Abend mit einem arabischen Lied sanft in den Schlaf gesungen, "ich liebe sie", sagt Lynch.

Auch dass das Pentagon eine kleine Armee zu ihrer Befreiung nach Nasirija abkommandierte, Marines, Army Ranger, Navy-Seals, die Härtesten der Harten, die die wehrlose, unbewaffnete Klinik nachts stürmten und das ganze Spektakel auf Film festhielten: Das geht Lynch bis heute nicht so recht in den Kopf. "Ich wusste nicht mal, dass die eine Kamera dabei hatten." Alles, was sie wollte, war nach Hause.

Es war ein grandioser PR-Coup. Der Einmarsch bekam endlich jenen dramaturgischen Drall, jenen Hauch von patriotischer Mission, den er bis dahin vermissen ließ. Und Lynch bekam alle Orden, die ein US-Soldat kriegen kann. Sie wurde zum Covergirl von "Time", "Newsweek" und "People". Annie Leibovitz, die berühmteste Fotografin der Welt, porträtierte sie als Sex-Symbol, in Jeans und mit bloßem Nabel. Zwei Ex-Kameraden boten Nacktbilder von ihr feil, für 200.000 Dollar. Doch stets blieb sie stumm.

Girl-Talk unter Pop-Stars

Die Networks rissen sich um die Exklusivrechte für das erste Interview. CBS lockte mit einem Paket-Deal (Film, Buch, MTV-Special), NBC schickte ihr einen Stapel erhebender Literatur ans Krankenbett, Diane Sawyer ein Medaillon mit einem Foto des Lynch-Elternhauses.


Am Ende kriegen sie doch alle ihre Lynch. ABC gestern, NBC heute im Frühstücksfernsehen, CBS am Freitag auf David Lettermans Talk-Couch. Schließlich hat sie auch ein Buch zu verkaufen, das gestern auf den Markt kam. Für eine halbe Million Dollar hat sie es dem entehrten Pulitzer-Preisträger Rick Bragg in die Edelfeder diktiert, den die "New York Times" dieses Jahr feuerte, weil er seine tollen Geschichten von anderen recherchieren ließ, ohne das zu sagen.

Jessica, das Medienereignis: So unschuldig ist sie selbst daran also auch nicht mehr. Mit Trommelwirbeln untermalt ABC das zum Doku-Drama geblähte Interview, zerhackt es in verdauliche Soundbites, dazwischen Werbung für Anti-Depressiva, Erektionspillen und Geländewagen. Diane Sawyer - die heute Abend einen anderen Pop-Star umgurrt, Britney Spears - trägt Schwarz, heuchelt Betroffenheit und macht einen auf Girl-Talk.

Doch Lynch ist nach Girl-Talk nicht mehr zumute. Sie sieht aus wie ein Püppchen, doch ihre Worte offenbaren jemanden, den der Krieg um Jahrzehnte altern ließ. Sie zog in die Armee und mit der dann in den Irak, um endlich mal raus zu kommen aus ihrem 350-Seelen-Nest, wo jeder Fünfte unter der Armutsgrenze lebt; mit gebrochener Seele kam sie zurück. "Ich hatte so viel Angst", sagt sie bebend.

Invalide für einen guten Zweck

Die hat sie auch heute noch - vor den Erinnerungen. "Ich will überhaupt keine Erinnerung mehr haben", sagt sie. "Ich hoffe, dass das langsam ganz verschwindet." Damit meint sie vor allem die physischen und psychischen Spuren der Vergewaltigung, die die Ärzte festgestellt haben, doch an die sie sich nicht erinnert. "Das ist zu schmerzhaft."

Auch sonst quält sich Lynch mit ihrem Dasein. Sie hat überall Narben, ihr linkes Bein ist voller Stahl, sie kann ihren Fuß nicht fühlen, aber immerhin 40 Schritte ohne Krücken laufen. Täglich schluckt sie 18 Pillen, morgens zehn, mittags zwei, abends sechs. Die Armee hat sie entlassen und zahlt ihr eine Behindertenrente: Eine von 7000 Früh-Invaliden, die dieser Krieg nach Zählung des Frontblatts "Stars and Stripes" bisher hinterlassen hat, "für einen guten und gerechten Zweck", wie US-Präsident George W. Bush es an diesem "Veterans Day" ermutigend formuliert.

"Ich bin keine Heldin", wiederholt Lynch da: "Ich bin doch nur ein Mädchen vom Lande."







--------------------------------------------------

© SPIEGEL ONLINE 2003
 

Seite: 1 | 2  
   Antwort einfügen - nach oben