Die Utopie der Integration

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neuester Beitrag: 24.02.06 19:25
eröffnet am: 23.02.06 07:40 von: Karlchen_I Anzahl Beiträge: 4
neuester Beitrag: 24.02.06 19:25 von: Bankerslast Leser gesamt: 363
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23.02.06 07:40
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21799 Postings, 7602 Tage Karlchen_IDie Utopie der Integration

Gerade im Radio gehört
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Abschied von lächerlichen Hoffnungen
Die Utopie der Integration
Von Lorenz Jäger

Es scheint, als seien die Tabus, mit denen unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren leben musste, am Abschmelzen. Der internationale Streit über die Mohammed-Karikaturen und der türkische Film "Tal der Wölfe" haben dazu geführt, dass man in der Presse über vieles redet, was lange durch politische Rücksichtnahmen geschützt war.

Samuel Huntingtons Formel vom "Kampf der Kulturen", noch vor kurzem als Ausgeburt eines hoffnungslos reaktionären Denkens belächelt, hat es in die Leitartikel der großen Zeitungen geschafft. Diskutiert werden muss nun auch über die Frage, ob die europäischen Gesellschaften eine muslimische Zuwanderung in dem Ausmaß, wie wir sie erleben, noch verkraften können. Dabei sind die Aufregungen über die dänischen Karikaturen nur der Anlass, der Auslöser, nicht aber der eigentliche Grund. Der liegt tiefer, er liegt in der Demographie. Die muslimische Bevölkerung wächst schneller als die alteingesessene, der Moment ist absehbar, an dem sie in den Ballungsräumen die Mehrheit stellen wird. Und damit ist ein großes Fragezeichen hinter alle Lösungsvorschläge gesetzt, die nun von der politischen Klasse angeboten werden.

Ich rede vor allem von dem Zauberwort "Integration". Denn hunderttausend Menschen, ja eine Million, ließen sich gewiss integrieren. Der zwanglose Zwang der Mehrheitsgesellschaft und ihrer kulturellen Tradition ist in diesem Fall so spürbar, dass den Zugewanderten nur die Anpassung bleibt. Anders aber stellt sich die Sache dar, wenn eine bestimmte kritische Zahl überschritten wird, wenn die bisherige Minderheit einen Schwellenwert erreicht.

Huntington hat es für den Süden der Vereinigten Staaten glaubhaft gemacht, dass die mexikanische Einwanderung eben nicht mehr im alten Sinne eines "Schmelztiegels" integrierbar ist, sondern, indem sie sich angesichts ihrer schieren Zahl auch ihrer Macht bewusst wird, attraktivere Optionen als die der Integration entdeckt. Aber genau dies darf im politischen Diskurs nicht vorkommen, der notorisch auf Optimismus verpflichtet ist und die Frage der Macht meidet, obwohl er doch von nichts anderem als den Machtverhältnissen begründet wird.

Kürzlich sprach ich mit einem angesehenen deutschen Bevölkerungswissenschaftler, der in lockerer, fast heiterer Stimmung die Zukunftsaussichten umriss: Natürlich, so erklärte er mir, werden aus den Stadtvierteln, in denen der Ausländeranteil den Schwellenwert übersteigt, die Alteingesessenen wegziehen, wenn es ihre wirtschaftliche Lage erlaubt. Und natürlich, so fügte er mit einer etwas unheimlichen Gelassenheit hinzu, sei ja die europäische Kultur nicht die erste, die durch eine Völkerwanderung verdrängt zu werden drohe.

Und natürlich, so möchte ich hinzufügen, ist der finanziell arrivierte Teil der Multikulturalisten der erste, der nach Privatschulen für den Nachwuchs suchen wird, wenn an den staatlichen Schulen die Präsenz von Kindern mit muslimischem Hintergrund sich der Marke von hundert Prozent nähert. Sagen wir es deutlich: eine Integration jener dreißig Prozent männlicher türkischer Jugendlicher ohne Hauptschulabschluss wird es nicht geben.

Was aber ist der Grund unserer Neigung zur Selbsttäuschung? Es mag eine fundamentaldemokratische Idee sein, der Glaube an die politische Planbarkeit von Verbesserungen des Menschen selbst. Er soll gleich sein, und zwar nicht nur vor dem Gesetz, sondern schlechthin in allen seinen Eigenschaften und Fähigkeiten, also sind Hinweise auf die Ungleichheit oberstes Tabu. Es ist der Bogen einer egalitären Utopie, der sich von ganz links bis in Teile der CDU erstreckt. Wie allen Utopien, so liegt auch der deutschen ein geschichtsphilosophischer Optimismus zugrunde. Insofern ist der Konservative, der den Glauben an Utopien verloren hat oder nie teilte, in eine gar nicht zufällige, sondern strukturelle Randstellung verwiesen. Man vermutet von ihm, dass er sozusagen aus bösem Willen sich dem Guten in der Welt und seiner Durchsetzung verweigert, ja dass er das Schlimmere mit seiner Skepsis erst herbeiredet. Wie immer ist der Bote schuld, der die schlechte Nachricht überbringt.

Der amerikanische Journalist Henry Louis Mencken hat vor einem Menschenalter in seinem Buch "Demokratenspiegel" wunderschön formuliert, was unseren Diskurs bestimmt: "Der Mann" sagt Mencken, "der sich lächerlichen Hoffnungen hingibt, ist, wie es scheint, auf irgendeine Art ein besserer Bürger als derjenige, der auf die Wahrheit hinweist." Von diesem Aberglauben, dass gut ist, wer an ein gutes Gelingen noch der illusorischsten Ideen glaubt, ist die Integrationsdebatte in der Bundesrepublik bestimmt.


Lorenz Jäger, geboren 1951, ist Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zuletzt erschien von ihm das Buch "Adorno. Eine politische Biographie" bei der Deutschen Verlagsanstalt.  

24.02.06 19:10

33505 Postings, 5641 Tage PantaniSehr guter Beitrag Karl.

sollten hier mal einige vielleicht lesen.

 

Gruss Pantani.

 

24.02.06 19:24

2629 Postings, 5376 Tage TTTraderJep.. o. T.

24.02.06 19:25

6506 Postings, 6982 Tage BankerslastPrädikat lesenswert o. T.

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