Die Rockefellers von Aegypten

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eröffnet am: 27.02.06 10:10 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
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27.02.06 10:10

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Der Name Sawiris ist in der Schweiz mit den Plänen für ein Ferien-Resort in Andermatt erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. In Ägypten dominiert die reiche und tüchtige Familie das Wirtschaftsleben. Zu Besuch bei den Gebrüdern Sawiris und ihrem Vater in Kairo.

Von Kristina Bergmann

Die beiden spiegelnden Orascom Towers sind zum Wahrzeichen Kairos geworden. Ihren Namen verdanken sie ihrer Bauherrin, der Firmengruppe der wohlhabendsten Unternehmerfamilie Ägyptens, den Sawiris. Erst vor kurzem sind Vater Onsi, sein ältester Sohn Nagib und sein Jüngster, Nasef, hier eingezogen. Der Mittlere, Samih, welcher momentan in der Schweiz als Investor in Andermatt auftritt, arbeitet noch im alten Firmengebäude. «Samih ist immer ein bisschen verspätet», sagt Nagib mit der spöttisch-liebevollen Stimme des grossen Bruders. Der 52-Jährige hat sein Büro im 26. Stock. Nicht nur die Sicht auf den Nil, sondern auch auf das ärmliche Viertel Bulak mit seinen Lehmhäuschen ist atemberaubend. Die Büroräume von Nagibs Firma, der Orascom Telecom (OT), sind die schönsten der Stadt. Sessel, Büroschränke und Lampen sind echtes Art déco. «Ich habe jedes Stück einzeln ausgesucht», sagt Nagib. Schliesslich sei er 16 Stunden pro Tag im Büro, da müsse er sich wohl fühlen.

Auch Nagibs eleganter Anzug und die seidene Krawatte lassen nichts zu wünschen übrig. Dennoch spürt man, dass er Erfüllung bei der Arbeit und nicht in Äusserlichkeiten sucht: «Ich war immer Klassenbester.» Auch an der ETH Zürich, wo er Maschinenbau studierte, fiel Nagib durch glänzende Leistungen auf. «Noch mehr beeindruckte meine Professoren, dass ich so schnell wie möglich heim wollte», sagt Nagib schmunzelnd. In Kairo stieg er 1979 ins Baugeschäft Orascom des Vaters Onsi ein. Der heute 75-jährige Onsi stammt aus einer oberägyptischen koptischen Familie; bereits mit 20 Jahren etablierte er sich als Geschäftsmann. Als seine Baufirma unter Präsident Nasser enteignet wurde, wanderte er nach Libyen aus. Auch dort verdiente er gutes Geld, bis seine Firma von Revolutionsführer Ghadhafi nationalisiert wurde. Onsi kehrte nach Ägypten zurück und etablierte sich abermals im Baugeschäft.

Übermut als Gefahr

Der ehrgeizige Nagib wollte mehr als nur dem Vater helfen. Er stieg in die Telekommunikation ein. «Meine Stärken sind meine visionären Fähigkeiten», sagt Nagib und legt zufrieden seine Hände zusammen. Früher als jeder andere ahnte er, dass das mangelhafte Telefonnetz am Nil eine Achillesferse der Entwicklung war. 1997 bot seine Firma OT um die erste Mobilfunklizenz mit. 1998 lancierte er mit France Télécom MobiNil den ersten Natelserver Ägyptens. Anschliessend investierte Nagib in den Mobilfunk in Jordanien, Pakistan und Schwarzafrika. «Der Erfolg machte mich übermütig», sagt Nagib. In Syrien und Jemen wurde er ausgetrickst, und OT geriet in eine Krise. Es war Nagibs Entschlusskraft, welche die Firma rettete. Er verkaufte die jordanische Holding und 50% seiner tunesischen Anteile. Prompt kam OT wieder in schwarze Zahlen.

Direkt unter sich hat Nagib seinem Vater Onsi ein Büro eingerichtet. «Ich wollte ihn in der Nähe haben», sagt er. Der Älteste ist sehr mit dem Vater verbunden: «Ihn rufe ich jeden Morgen als Ersten an.» Über Nagibs Schreibtisch hängt ein Porträt des Vaters. Der habe den Grundstein zu Orascoms Erfolg gelegt, sagt Nagib. Und mit der Ausbildung im Ausland habe er den Söhnen das Rüstzeug für den Ausbau Orascoms gegeben. Onsis klassisch eingerichtetes Bü- ro ist so geschmackvoll wie das Nagibs. Der Blick des Alten ist bescheiden, aber durchdringend. Spricht er Arabisch, so hört man, woher er kommt. «Meine Herkunft und die traditionelle Erziehung haben mich geprägt», sagt Onsi, «ich bin ein Patriarch, versammle die Familie Weihnachten um mich und habe gern das letzte Wort.» So sitzt er im Verwaltungsrat der drei Firmen seiner Söhne, also Orascom Telecom, Orascom Construction Industries (OCI) und Orascom Hotel and Development (OHD). Er hat die unabhängige Entwicklung jedes Unternehmens vorangetrieben. Dies half politische und wirtschaftliche Krisen zu überwinden und ermöglichte die Übergabe an die nächste Generation. «Heute helfe ich nur denen, die Rat bei mir suchen», sagt Onsi und zündet sich eine Cohiba an. Dann lehnt er sich zurück und wartet auf die Söhne, welche sich zum Fototermin bei ihm einfinden sollen.

Als Erster stürmt Nasef ins Büro des Vaters. Er hat in Chicago studiert und dann die Baufirma übernommen. Zum Reden habe er keine Zeit, erklärt er hastig der Reporterin. Oh ja, der Jüngste hat mit Geschick und Fleiss OCI zu einem der grössten Bauunternehmen und Zementproduzenten der Region gemacht. «Den Anstoss gab Ägyptens Liberalisierung der staatlichen Zementindustrie in den neunziger Jahren», erklärt Onsi. «OCI und OT profitierten auch von den Zoll- und Steuererleichterungen der letzten Jahre», ergänzt Nagib, der nun in Jeans und spitzen Schuhen durch die Tür tritt. Tatsächlich verläuft der Erfolg der beiden Firmen parallel zu Ägyptens Entwicklung zur freien Marktwirtschaft.

Als Letzter und auf Krücken trifft Samih in Onsis Büro ein. Er habe sich beim Skifahren in Andermatt verletzt, als er den Kameraleuten imponieren wollte, sagt er mit einer guten Portion Selbstironie. Samih hat in Berlin studiert und ist Inhaber der OHD.

Liebe zum Übervater

Als sich die drei Brüder für das Familienbild um den Vater gruppieren, wird deutlich, wie sehr sie um die Liebe des Alten buhlen. Ein wenig herablassend blicken Nagib und Nasef auf Samihs Lockenkopf. Dieser figuriert auf der Liste der 100 besten Unternehmen Ägyptens gerade mal auf Platz 39. OT führt die Liste an, OCI ist Zweiter und MobilNil Vierter! Doch Vater Onsi schaut den Mittleren voller Zuneigung an: «Meine Hobbys sind Schwimmen und Fischen - und die übe ich mit Samih aus.»

Bei einer Wasser-Tour kam den beiden die Idee, einen Ferienort am Roten Meer aus dem Boden zu stampfen. Samih baute das Resort «Al-Gouna»; heute gibt es dort nicht nur Hotels, einen Jachthafen und einen Golfplatz, sondern auch eine Schule, ein Spital, einen Flugplatz und eine Kläranlage. Gouna litt lange unter den Terroranschlägen in Ägypten. Heute hat es sich zu einer der wichtigsten Feriendestinationen im Nahen Osten entwickelt, obendrein baute Samih im Sinai eine weitere Hotelstadt. Seine Pläne für Hotels am Golf und in der Schweiz weisen auf eine Ausweitung ins Ausland - ähnlich jener der Brüder - hin.

Ob Samih die Rolle des ewig Verspäteten nur spielt? Die Aktien von OHD wiesen im letzten Jahr ein Wachstum von knapp 300% - doppelt so viel wie das von OT - auf. «Jeder meiner Söhne ist anders, aber ich liebe sie, wie sie sind», meint der Vater. Wenn er es auch nicht sagt, so weiss es der gewitzte Alte ganz genau: Die drei sind aus dem gleichen Material geschnitzt wie er - aus beinhartem Sawiris-Holz.

Ob Mobilfunk, Zement oder Hotelanlagen - Expansion ist das Ziel

Vor 30 Jahren gründete Onsi Sawiris in Ägypten die Baufirma Orascom. Heute ist daraus eine Gruppe mit einem Kapital von 12 Mrd. $ geworden. Sie umfasst die drei Branchen, welche ausserhalb des Ölgeschäfts im Nahen Osten boomen: Mobilfunk (Orascom Telecom Holdings; OT), Zementproduktion und Bau (Orascom Construction Industries; OCI) und Tourismus (Orascom Hotels and Development; OHD). Die Unternehmen wirtschaften getrennt und werden von je einem der drei Söhne von Onsi Sawiris geleitet. Die Sawiris-Familie besitzt über 50% der Aktien jeder Firma. Nach mehreren Krisen hat sich seit 2003 die Performance der Gruppe rasant verbessert. Dazu beigetragen hat die Vereinfachung von Ägyptens Importbestimmungen, doch der Hauptgrund ist die Expansion ins Ausland. Die drei Firmen sind von Marokko über Ägypten und Irak bis nach Bangladesh und von Europa bis nach Schwarzafrika tätig. OT überschritt im Dezember die Zahl von 30 Mio. Mobilfunk-Kunden in Ägypten, Afrika, Asien und Irak. Jüngste Erwerbung von OT sind 20% von Hutchinson, die in Indien, Sri Lanka, Thailand und Israel vertreten ist. OCI besitzt in Ägypten und in Algerien Zementfabriken. Pro Jahr produzieren sie 13,5 Mio. t Zement. Durch Investitionen am Golf, im Nordirak, in Pakistan, der Türkei, Nigeria und Spanien wird sich die jährliche Produktion bald auf 33 Mio. t Zement erhöhen. Nach der Errichtung zweier Hotelstädte in Ägypten verlagert auch OHD seine Aktivitäten ins Ausland. Auf dem Programm stehen Hotels im Emirat Ras al-Kheima, in Oman und Jemen sowie ein Resort in Jordanien. Ein Coup ist ein Projekt mit dem Club Med für den Bau von Privatvillen rund um dessen Feriendörfer. Die Expansion spielt sich vornehmlich in Entwicklungs- und Schwellenländern ab, wo das Bedürfnis nach mobiler Telefonie und nach Wohnraum ungestillt ist und wo Westler gerne Ferien machen. Heute stellt die Gruppe Orascom 40% des Kapitalwerts der ägyptischen Börsen. (ber.)

 
 
 

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