Die Rauflust der Ziegen als Passion

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 20.11.04 09:37
eröffnet am: 20.11.04 09:37 von: Kicky Anzahl Beiträge: 1
neuester Beitrag: 20.11.04 09:37 von: Kicky Leser gesamt: 202
davon Heute: 1
bewertet mit 0 Sternen

20.11.04 09:37

57827 Postings, 7268 Tage KickyDie Rauflust der Ziegen als Passion

In den Gevierten stehen jeweils zwei Ziegen, mustern sich oder verharren in Imponierhaltung. Dann beginnen die Kampffreudigsten zuerst fast spielerisch und dann mit zunehmendem Körpereinsatz zu fechten. Die kräftigen, oft gegen einen halben Meter langen, säbelartigen Hörner prallen mit einiger Wucht aufeinander. Die Treicheln, die teilweise noch an Holzriemen getragen werden, geben gleichsam den Rhythmus des Kampfgeschehens vor. Ihr Klang ergibt zusammen mit dem trockenen Knall der zusammenstossenden Hornschläuche und dem Raunen oder den Begeisterungsrufen der Zuschauer eine packende akustische Kulisse. Der Kampf der Ziegenköniginnen hat begonnen.
Der Ziegenbestand in der autonomen Region Aosta liegt bei 4000 bis 5000 Tieren. Ein beträchtlicher Teil davon wird ausschliesslich für das Horn, also für den Kampf, gehalten. Die Rasse ist mit einer Schulterhöhe zwischen 60 und 70 Zentimetern von robuster Statur. Sie steht auf kräftigen Läufen, das glänzende Fell weist meist eine einheitliche rostbraune, dunkelbraune oder dann tiefschwarze Färbung auf, seltener sind Tiere gefleckt.

Die Kämpfe, die in der Landwirtschaftsgesetzgebung ausdrücklich als Förderungsmassnahmen für die Schmalviehhaltung in den unwirtlichen Gebieten genannt werden, unterliegen einer umfassenden Reglementierung. Eine Trächtigkeit wird mit einer Ultraschalluntersuchung kontrolliert; Tiere mit krankhaft aggressivem Verhalten bleiben ausgeschlossen. Angetreten wird in vier Kategorien. Für die ersten drei Kategorien ist das Gewicht massgebend, oft deutlich über 70 Kilogramm in der ersten Kategorie. Die Jungtiere kämpfen in einer eigenen Klasse.

Oft weichen unterlegene oder kampfunwillige Tiere ohne jeden Körperkontakt; dabei deuten sie ein Ausweichen vor der Gegnerin kaum merklich an. Das Kräftemessen trägt über weite Strecken deutliche Züge eines Kommentkampfes, also eines Rituals, das darauf angelegt ist, Verletzungen zu vermeiden und Energie zu sparen. Gelegentlich fühlt man sich an die spielerisch-ritualisierten Hierarchisierungskämpfe der Steinböcke erinnert. Aber auch dann, wenn die Tiere in einem Durchgang rassig oder gar rabiat zur Sache gehen, bleiben Verletzungen aus. Selbst harmlose Schrammen oder vom Stirnzapfen losgeöste Hornschläuche, wie sie bei den Ringkühen ausnahmsweise vorkommen, sind nicht zu beobachten.

Frappant ist die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier. Die Geissen lassen sich durch gutes Zureden zu einer weiteren Kampfrunde anspornen; sie verstecken sich hinter ihrem Beschützer und schmiegen sich an ihn, wenn sie verloren haben.
Die Kämpfe der «Kuh des armen Mannes» haben vor allem in den Bergtälern der Südalpen am Fusse des Monte-Rosa-Massivs eine lange Tradition. Sie dürften auf die Anfänge der Alpwirtschaft in diesen kargen Weidegründen zurückreichen.

 

   Antwort einfügen - nach oben