Die Krise des Privatfernsehens, Teil 1.

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neuester Beitrag: 29.05.04 16:51
eröffnet am: 24.08.03 12:49 von: SchwarzerLo. Anzahl Beiträge: 22
neuester Beitrag: 29.05.04 16:51 von: lumpensamm. Leser gesamt: 731
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24.08.03 12:49

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordDie Krise des Privatfernsehens, Teil 1.

P R I V A T S E N D E R
Wimmern und Rauschen
Von Klaus Boldt

Nach einigen Jahren des Florierens befindet sich der private Teil des deutschen Fernsehens in der schwersten Krise seiner jungen Geschichte. Das duale Rundfunksystem offenbart seine Konstruktionsmängel. Neben allen kulturellen Fortschritten und anderen Abwechslungen, die das Privatfernsehen zweifellos über uns alle gebracht hat und immer noch unablässig bringt, ist seine Geschichte doch vor allem eine Geschichte des Hängens und Würgens.

Privatfernsehen: ARD und ZDF erobern verlorenes Terrain zurück
 
Eine halbe Ewigkeit verging, bevor der erste Veranstalter überhaupt Gewinne erwirtschaftete. Statt eines guten Geschäfts war die Mattscheibe allenfalls und jahrelang nur die Projektionsfläche televisionären Überschnappens. So geschah es, dass solche Bombenkanäle wie RTL oder Premiere oder Neun Live oder Tele 5 oder ProSieben oder weiß der Himmel in der Zeit ihres pausenlosen Herumsendens, ja fröhlichen -strahlens nur drei Qualitätsanführer hervorgebracht haben: Helmut Thoma und seinen Nachfolger Gerhard Zeiler bei RTL sowie Georg Kofler, der einst ProSieben veredelte und augenblicklich den Bezahlkanal Premiere saniert. Nach einigen Jahren des Florierens befindet sich der private Teil des deutschen Fernsehens nun in der schwersten Krise seiner, zugegeben, jungen Geschichte: Seit zwei Jahren schrumpfen die Werbeeinnahmen, die Wachstumsaussichten sind generell und mittelfristig trübe. Mehr als 3 Prozent sind wohl nicht drin. Trotz sinkender Preise für TV-Rechte und Produktionen: Es gibt zu viele Privatsender für zu wenig Reklame.

Erstaunlich ist nicht die Werberezession selbst. Verlage sind von ihr weit stärker betroffen. Erstaunlich ist vielmehr, mit welcher Gleichgültigkeit die Marktkräfte nun das Leitmedium selbst heimsuchen. Schließlich befinden wir uns seit Jahren im Zeitalter der Erlebnis-, Fun-, Spaß-, Event-, Ereignis-, Kommunikations- oder Informations-, jedenfalls doch gewiss der großen Mutter Mediengesellschaft. Keine zweite Branche auf Erden kann eine ganze Epoche für sich in Anspruch nehmen. Gemessen freilich an der schon rauschnahen Flimmerkastenfixierung der Volksmassen und ihrer Bereitschaft, sich der Glotze täglich über Stunden und Generationen hinweg zu widmen - gemessen also an den Wallungswerten, mit denen das Publikum auf Produkte wie "Wetten, dass ..?" reagiert, macht die Zunft doch ganz miserable Geschäfte. Nun ist es nicht so, dass es den Zeitungs- oder Buch- oder Zeitschriftenlesern Leid täte um die TV-Gewerbetreibenden. Schließlich haben die Strategen in den Sendeanstalten jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt.

Quelle: http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,257390,00.html  

24.08.03 18:03

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordDie Krise des Privatfernsehens, Teil 2.

R I V A T S E N D E R
Wimmern und Rauschen (2)
Von Klaus Boldt

Seit Genehmigung des privaten Rundfunkverkehrs 1984 wurden nach zuverlässiger Schätzung zehn Milliarden Euro größtenteils für Kanäle verbrannt, versenkt, mit Sicherheit aber vernichtet, die sich heute meist nur noch mithilfe ihrer Logos auseinander halten lassen und deren Ramschprogramme - sprechen wir's aus, schreiben wir's hin - größtenteils von jener Fickrigkeit und jenem Firlefanz durchzogen sind, die sich nur mit einer schlechten Schulbildung ertragen lassen. Aber eigentlich gar nicht.

Fernsehen kennt nur Fortschritt: "Ran" und Raab (im Bild: Raabs "TV Total" bei ProSieben, Quote: 8,4 Prozent im ersten Halbjahr 2003), Jauch, Gottschalk und Wickert gelten als Höhepunkte dessen, was mit Geld gerade noch bezahlt werden kann.

Größter Minusmacher unter den Flimmerschaffenden war bekanntlich Leo Kirch (siehe: "Die Chronik eines Abstiegs"), ein Mann, dessen geschäftliche Darbietung sich an der Dramaturgie einer halbmafiosen Schattenwirtschaft orientierte, der sich dutzende von Knechten und Claqueuren hielt, die noch heute ganz hingerissen von seinem Charme sind. Und dessen nimmersatter Unfug zu einer Reihe von Skurrilitäten führte, zu deren augenfälligsten nicht einmal gehörte, dass er Helmut Kohl (CDU) oder den FC Bayern München (Bundesliga) dafür bezahlte, dass sie taten, wofür er sie bezahlte. Um es mal ganz vorsichtig auszudrücken.

Großschaumschläger Kirch hat maßgeblich zur Verrohung und Verblödung weiter Teile des hiesigen Fernsehbetriebs beigetragen und das Ansehen der gesamten Branche nachhaltig beschädigt. Doch auch sein Wirken war nur der traurige Reflex auf eine weit höhere Macht - nennen wir sie: die Umstände. Es ist das "viel gelobte" ("Handelsblatt") duale Rundfunksystem selbst, das in diesen rezessiven Zeiten seine Konstruktionsmängel offenbart: Zwischen den Staatssendern ARD und ZDF sowie RTL und ProSiebenSat1 Media (PSSM)  herrscht kein fairer Wettbewerb.

Bezahlbares Fernsehen: Jauchs "Wer wird Millionär?" (RTL), Quote: 27,8 Prozent im ersten Halbjahr 2003.

Gewiss, jahrelang hatte Kirch (ProSieben, Sat1) mit Bertelsmann (RTL) um die Vorherrschaft im Privatfernsehen gerungen. Seine Methode bestand darin, mehr Sender für mehr Programme und dann wieder mehr Programme für mehr Sender zu kaufen. Aus Leidenschaft. Oder weil der kleine Visionsmann in seinem Ohr es ihm flüsterte. Oder aus Daffke. Doch so paradox es klingt: Das frei flottierende und böse endende Medien-Remmidemmi schien die einzige Erfolg versprechende Methode zu sein, um gegen die steinreichen Organe ARD und ZDF zu bestehen. Das System klappte so lange, wie die Werbeeinnahmen stiegen und stiegen. Als vor zwei Jahren die Krise über den Spot-Markt hereinbrach, war es freilich sofort aus & vorbei mit dem Mann, der alles kaufen wollte, was sich kaufen ließ. Die Trümmer seines verwüsteten Reichs standen über ein Jahr lang zum Verkauf. Niemand auf der ganzen Welt wollte sie haben. Bis auf einen: Haim Saban, der Zocker aus Los Angeles.

Quelle: http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,257390-2,00.html  

24.08.03 18:07

95440 Postings, 7023 Tage Happy EndWarum postest Du nicht alle 4 Teile auf einmal?

Privatsender

ARD und ZDF erobern verlorenes Terrain zurück

Teil 1: Wimmern und Rauschen
Teil 2: Das bös endende Remmidemmi
Teil 3: Zwei Vielfraße namens ARD und ZDF
Teil 4: Nun rächt es sich, dass ...
 

24.08.03 19:05

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordIn der Ruhe liegt die Kraft.

Warum so hektisch?  

24.08.03 19:07

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordDie Krise des Privatfernsehens, Teil 3.

Wimmern und Rauschen (3)
Von Klaus Boldt

Bereits im Frühjahr hatte der US-Milliardär versucht, ProSiebenSat1 zu kaufen. Damals scheiterte die Übernahme - trotz eines Schleuderpreises - an Finanzierungsproblemen. Erst im zweiten Anlauf erhielt Saban jetzt den Zuschlag. Rund eine Milliarde Euro kostet ihn die Mehrheitsübernahme der Münchener Senderfamilie - inklusive Kapitalerhöhung sowie Pflichtangebot an die freien Aktionäre. Dass sich der Deal so lange hinzog und dass er verhältnismäßig wenig einbrachte, sagt einiges über das Verkaufsgeschick der Insolvenzspitzenstrategen aus, aber mehr noch über die Anziehungskraft des hiesigen TV-Marktes, des immerhin weltdrittgrößten. Vom Fernsehen lässt man lieber die Finger.

Aus gutem Grund: ARD und ZDF sind Vielfraße mit dem Hunger mehrerer Behörden. Seit der Einführung privater Konkurrenz vor knapp 20 Jahren halbierte sich zwar der Marktanteil der Anstalten, ihre Gebühren indes verdoppelten sich auf 16,15 Euro monatlich. Weit über 6 Milliarden Euro streichen ARD/ZDF inzwischen jährlich ein: 6,3 Milliarden Euro aus Gebühren sowie an die 250 Millionen Euro aus der Werbung. Die Nettowerbeumsätze aller Privatsender betragen 3,7 Milliarden Euro. Binnen zwei Jahren mussten sie ihren Sendebetrieb mit 750 Millionen Euro weniger bestreiten. Tendenz: weiter fallend. "In der Fernsehindustrie", spektakelt Premiere-Chef Kofler, "haben wir heute eine Staatsquote von 60 Prozent." Wundern allerdings tut er sich nicht: "Da sind viele medienpolitische Machiavellis unterwegs. Die können einen großen Teil ihrer Zeit dem Politik-Lobbying widmen. Wir haben dafür keine Zeit, wir müssen den operativen Karren ziehen."

Das Karrenziehen ihrer Konkurrenten nutzen die Staatsfunker zur Expansion: Sechs bundesweite Kanäle (ARD, ZDF, 3sat, Arte, Phoenix, Kinderkanal) unterhält das teuerste öffentlich-rechtliche Fernsehsystem der Welt; hinzu kommen acht Dritte Programme, die größtenteils bundesweit verbreitet werden, diverse Digital- sowie 60 Radiosender.
Erwartungsgemäß und Behörden-typisch haben ARD und ZDF erhöhten Finanzbedarf für die nächste Gebührenperiode (2005 bis 2008) angemeldet: Sie wollen 10 Prozent mehr. Dies entspräche in vier Jahren 2,9 Milliarden Euro. Nur so ließe sich die mediale Grundversorgung gewährleisten, zu der die Öffentlich-Rechtlichen verpflichtet seien.

Pro-Sieben-Kapitän Urs Rohner beschwert sich über eine "immer bedrohlicher werdende Schieflage, die politisch nicht gewollt sein kann". Das Problem ist: Niemand weiß, was Grundversorgung eigentlich ist. Deshalb können ARD/ZDF bis 2007 eine Milliarde Euro für Fußballrechte ausgeben, unter anderem für die Bundesliga. Kosten pro Saison: 70 Millionen Euro. Doch wenn Fußball Grundversorgung ist, warum hat Sat 1, das jahrelang "Ran" übertrug, keinen Gebührenobolus erhalten?

Quelle: http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,257390-3,00.html  

24.08.03 19:09

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordDie Krise des Privatfernsehens, Teil 4.

Wimmern und Rauschen (4)
Von Klaus Boldt

Nun rächt es sich, dass es den privaten Meinungsmachern vor lauter Visionen und Sendergründerei nicht gelungen ist, Politik und Publikum von der Absurdität der wettbewerbsfeindlichen Rundfunkverfassung zu überzeugen. Immer noch, sagt Georg Kofler, sorgt "dieser Touch der Allgemeinnützigkeit und der Gemeinwohlorientierung dafür, dass sich alle Gutmenschen gleich schon einmal besser fühlen, wenn die Fußball-Bundesliga in der ARD läuft". RTL-Chef Gerhard Zeiler, der in seinem Programm aus Kostengründen völlig auf Fußball verzichtet und als Einziger der Innung wirklich gute Geschäfte macht, hält die Lage für einen "Skandal". Lange her, dass die ARD abgeschafft und das ZDF ernstlich privatisiert werden sollte.

Die Stimmung im Fernsehen ist gereizt. Mit hohen Rabatten kämpfen RTL und ProSiebenSat1 Media um jeden Werbekunden; beide Unternehmen verbuchen sinkende Umsätze; die PSSM schrieb im ersten Quartal gar einen Verlust von 33 Millionen Euro. Im ersten Quartal schrumpften die Werbeeinnahmen aller Sender um weitere 6 Prozent. PSSM-Chef Urs Rohner rechnet für 2003 mit einem "Minus im Fernsehwerbemarkt von 5 bis 10 Prozent". Und, ach! Wie so viele Weltprobleme hält auch dieses keine Lösung parat, auf die man nach längerem Nachdenken von allein käme - es sei denn, man schaffte nach dem Vorbild der BBC die Werbung in der ARD ab und privatisierte das ZDF nun doch einmal.

So bleibt den TV-Managern nur wenig mehr zu tun, als auf ein baldiges Ende der Konjunkturkrise zu hoffen. Denn im Vergleich zu den Verwaltungsapparaten ARD und ZDF mit ihren 23.800 beziehungsweise 3600 Planstellen verfügen die Privaten über "relativ effiziente Kosten- und Erlösstrukturen", sagt Karl Ulrich, Medienexperte von Roland Berger. Leider bedeutet dies auch: Die Sparpotenziale sind klein. Vielen Fernsehmachern schwant, dass die Energie zur Gewinnung der immer schmaleren Erträge auf anderen Fachgebieten womöglich größere Wirkungen erzielen würde.

Sicher ist, "ohne eine Reform des Rundfunksystems" (Ulrich) wird es für den einen oder anderen Privatkanal böse enden. Zumal, wenn nach einer Gebührenerhöhung weitere zugkräftige Programme an ARD und ZDF gehen, die schon heute gemeinsam auf eine Zuschauerquote von über 40 Prozent kommen. Der Markt steht vor der Zäsur; Fachleute erwarten innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre eine Konsolidierung. Zum Schluss deshalb die beunruhigende Frage, wozu etwa die Produktionsstätten n-tv (Marktanteil: 0,6 Prozent) oder Neun Live (0,5) oder N 24 oder Arte oder der ARD-Digitalkanal Eins Muxx (jeweils kaum messbar) wirklich da, geschweige denn dröhnend nötig sind, und sei es nur aus Fortschrittsgründen.

Hier die nicht minder beunruhigende Antwort von Georg Kofler: "Vielfalt im Fernsehen heißt: mehr vom Guten, mehr vom Mittelmäßigen, mehr vom Schlechten - wie im gesamten Leben auch." Dabei wollen wir es für heute belassen.

Quelle: http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,257390-4,00.html  

19.12.03 17:09

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLord20 Jahre Privatfernsehen: Länderpunkte u.a.

20 Jahre Privatfernsehen
Die Erfindung der gestrippten Länderpunkte

Geburtstag bei Sat 1 und RTL: Kleider fielen zu Boden, Gäste brüllten im Studio, die Nachrichten menschelten - so wurde also das Fernsehen bunter, manchmal blöder, insgesamt seichter und oft schräger.

TITUS ARNU, HANS HOFF
 
Am Anfang war ein ?Urknall?. So nannte man das damals, vor 20 Jahren, in der pfälzischen Provinz von Ludwigshafen, als Geschäftsführer Jürgen Doetz in einem Kellerstudio sagte: ?Meine sehr verehrten Damen und Herren, in diesem Moment sind Sie Zeuge des Starts des ersten privaten Fernsehveranstalters in der Bundesrepublik Deutschland.? Programm für Kabel und Satellit (PKS) nannte sich, ein wenig sperrig, die Innovation, aus der dann bald Sat 1 wurde. Am 1. Januar 1984 begrüßte der neue Winzling einige hundert Zuschauer im Ludwigshafener Kabelpilotprojekt mit Dvoràk-Musik: Aus der neuen Welt.

Einen Tag später, am 2. Januar 1984, holte um 17.27 Uhr der mit einem Chirurgenkittel verunstaltete Moderator Rainer Holbe vor laufender Kamera einen Fernseher, auf dem das Senderlogo RTL plus prangte, ans Licht der Welt. Etwas später folgten Nachrichten mit dem Trio Hans Meiser, Geert Müller-Gerbes und Björn Hergen Schimpf. Sie sendeten aus umgebauten Garagen in Luxemburg und über eine Frequenz, die in eher menschenleere Gegenden funkte und anfangs lediglich 200 000 Haushalte erreichte. Später wurde daraus RTL, Deutschlands Fernsehmarktführer für viele Jahre.

Alles war putzig und gemütlich damals, nur die Geldgeber hatten Angst, wann die vielen Millionen, die sie in dieses Abenteuer investieren mussten, sich wohl rentieren würden. Wie schnell würde es dauern, bis den öffentlich-rechtlichen Sendern von ARD und ZDF die Marktanteile und damit die Werbeeinnahmen abgeluchst sein könnten? Und was würden die Zuschauer nach all den Jahren mit Köpcke, Löwenthal, Merseburger, Thoelke, Kulenkampff, Valérien, Heck und Vivi Bach wohl goutieren? Es wurde bunter, manchmal blöder. Es wurde informeller, sicher industrieller. Es wurde seichter, oft schräger.

Schon im März des Startjahres gab es die erste Formel 1-Übertragung: RTL-Chef Helmut Thoma war überzeugt, dass Motorsport im Autoland Deutschland ein Erfolgsprodukt sei. Leisten konnte man sich lediglich einen Reporter am Telefon, der nicht immer zu hören war, weil er am Rande der Strecke stand und oft von den Rennautos übertönt wurde. Dazu stellte man geliehene Bilder eines belgischen Senders. Irgendwann aber schaltete diese TV-Station frühzeitig auf ein Pferderennen um, wozu auf RTL noch der Formel 1-Fachkommentar zu hören war: Alles eine Frage der Pferdestärke.

RTL hatte früh Aufreger im Programm. ?Das Verhältnis zwischen dem verfügbaren Geld und der Größe der Provokation war gigantisch?, urteilt der NRW-Medienwächter Norbert Schneider. Thoma ließ Karl Dall seine Gäste anraunzen und Erika Berger in Eine Chance für die Liebe Tipps für erotische Leibesübungen geben, während Ulrich Meyer schon früh einen Heißen Stuhl bereitete und später dann bei Sat 1 Einspruch! brüllte. Menschen, die sich anschrieen, waren damit nicht mehr dem Internationalen Frühschoppen vorbehalten. RTL plus holte Spielshows wie Der Preis ist heiß, Tennis und Bundesliga-Fußball ins Programm. Doch all das sollte ein Nichts sein gegen Tutti Frutti ? eine Ausziehschau, die Thoma in Mailand gekauft hatte. In Italien trugen die Mädchen noch Blumennamen, in Deutschland wurden sie Früchtchen. Moderator Hugo Egon Balder tat genau das, was er heute wieder erfolgreich in seiner Sat 1-Show Genial daneben macht: Er stellt Fragen, die keiner kapiert und sorgt dafür, dass sich die Kandidaten entblößen. Was inzwischen nur noch mental passiert, geschah 1990 physisch.

Im Zusammenspiel mit dem billigen Sex der Lederhosenfilme brachte es RTL kurzzeitig auf eine neue Definition für das Senderkürzel: Rammeln, Töten, Lallen. Das mochte man nicht auf sich sitzen lassen und empfahl sich 1992 mit der Traumhochzeit wieder für die ganze Familie. Auch hatte man nun Geld, um bessere Filme und Serien zu zeigen, etwa Columbo, während die Rivalen von Sat 1 ihre an die ZDF-Kunst angelehnten Dauerwerke Bergdoktor, Kommissar Rex oder Der Bulle von Bad Tölz zeigten.

Um die dem R und T unterlegten Bedeutungen indes nicht gänzlich aus dem Sichtfeld zu verlieren, installierte Thoma 1992 Explosiv, ein Magazin, das bis heute Haut und Blut auf dem vorabendlichen Boulevard präsentiert. Im selben Jahr startet die Billigserie Gute Zeiten, schlechte Zeiten, immer noch ein profitabler Zusammenschnitt aus der Welt der Teenager. Gleichzeitig führte Hans Meiser den Daily Talk ein und bat Thomas Gottschalk zur ersten Late Show. Zwei Jahre später startete das Nachtjournal. Und RTL machte Boxen hoffähig und Peter Kloeppel zum amerikanisch-jungen Gesicht der Nachrichten.

Und Sat 1? Hier hießen die Hauptnachrichten um 18.30 Uhr zunächst APF blick (später blick) und gingen in ein Quiz über. Armin Halle ließ es menscheln. Gegen das öffentlich-rechtliche Verlesen von Nachrichten setzte man eine lange ?News Show? mit ?Human Interest?-Beiträgen. Später kümmerte sich Heinz Klaus Mertes um die nie florierende Angelegenheit und ließ sich Zur Sache Kanzler einfallen, eine regelmäßig gesendete Kohl-Audienz. Das war der Tiefpunkt des Infotainments, aber man hatte ja noch einmal pro Woche Schreinemakers live mit einer Moderatorin, die drei Stunden Sendezeit mit Themen wie Sex, Schicksalsschläge und Verbrechen totquatschen konnte. Und man hatte die ran-Truppe, die Fußball flott machte.

Auch bewährte sich die tägliche Talkshow als öffentliche Therapiesitzung. Das war für die Sender billig. Hans Meiser (RTL) machte den Anfang, es folgten Bärbel Schäfer und Kerner (Sat 1) und Arabella (Pro Sieben), ehe Gerichtsshows dem bizarren Geschehen Struktur gaben. Als weitere Spielart entwickelten sich Bekenntnisshows wie Verzeih mir!.

Zu den Verdiensten des deutschen Privat-TV gehört auch, dass sich jungen Leuten mit Viva neue Job-Chancen boten, etwa als VJ (Wietschäi) oder VJane (Wietschäin). Zu den Qualifikationen gehörten bunte Haare, Dauergrinsen und Grundalbernheit. Stefan Raab passte gut ins Schema, sonst hätte er vielleicht musizierender Metzger werden müssen.

Angeregt vom Erfolg von RTL Samstag Nacht sprangen die anderen Privaten auf den Comedy-Boom auf. Sat 1 setzte etwa auf Ingolf Lück und Anke Engelke. Und dann startete am 5. Dezember 1995 die Harald Schmidt Show. Dass Talker Schmidt jetzt selbst schon Geschichte ist, qualifiziert ihn besonders für die Moderation der Geburtstagsshow 20 Jahre Sat 1 am Neujahrsabend. Das Schmidt-Team wird im Original-Deko des Glücksrades ein paar Runden der einst mega-erfolgreichen Game-Show nachspielen.

Längst aber hat sich das Glücksrad ausgedreht. Die Privaten sind recht seriös geworden. Bei RTL heißt das, dass der Sender bald in ?Günther Jauch? umgetauft werden könnte, so viel moderiert und produziert der Glücksbringer von Wer wird Millionär?. Nur die ziemlich tumbe Kuppelshow Der Bachelor deutet an, dass der Weg zurück zur Körperlichkeit gehen könnte ? dann wäre es konsequent, endlich auch Tutti Frutti zu wiederholen.

SZ v. 18.12.2003

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/760/23737/  

27.05.04 08:15
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13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordIst das Fernsehen ein Nullmedium?

ZEITGEIST
Schönes neues Fernsehen
Von Reinhard Mohr

Dass die Flimmerkiste ein beliebiges "Nullmedium" sei, beklagen Kulturkritiker von jeher. Doch nun zeigt selbst ein unvoreingenommener Blick aufs TV-Programm: Die Quote ist heilig, das Niveau sinkt auf breiter Front - auch bei ARD und ZDF. Verdummt die Nation? Die Hölle, das ist der Samstagabend. Wehe dem Unglücklichen, der zu dieser Zeit krank im Bett liegt oder von Freund oder Freundin versetzt wurde! Wehe dem, der gerade eine fesselnde Lektüre beendet hat und für Neues noch nicht bereit ist oder sonstwie weltverloren im Wohnzimmer hockt statt sich dem wirklichen Leben draußen hinzugeben!

Das Fernsehen, ansonsten Hüter der versprengten modernen Seelen und Kaminfeuer unserer Zeit, stürzt den Einsamen an diesem Tag jedenfalls nur in noch tiefere Verlorenheit. Am vergangenen Samstag etwa konkurrierte der "Musikantenstadl" in der ARD mit der "Ultimativen Chart-Show" auf RTL, das "Wie-fit-ist-Deutschland?"-Spektakel im ZDF mit dem "Großen deutschen Prominenten-Buchstabiertest" auf Sat.1. Von der "Volkstümlichen Hitparade" bis zum "Star Duell" und "ZDF in Concert - Sarah Connor" - überall herrscht lärmende Ödnis und grellbunte Tristesse. Selbst die Dritten Programme der ARD, hier und da noch Retter in der TV-Wüste, bieten unter dem Siegel der Heimatliebe weithin geballte Trostlosigkeit, allen voran der ostdeutsche MDR. Doch auch das Hessische Fernsehen macht seinen Zuschauern ein Angebot des Schreckens. Kleiner Auszug eines beliebigen HR-Abendprogramms im Frühling 2004: 20.15 Uhr: SOS - Haus & Garten; 20.45 Uhr: die Sofashow; 21.15 Uhr: Straßen Stars (mit Rateteam); 21.45 Uhr: Vipshow - Geburtstagsmatinee zum 85. Geburtstag von Liesel Christ. Die Sendung "Herrchen gesucht - Im Porträt: Nymphensittiche" - lief an diesem Tag schon um 15.30 Uhr.

So gibt der verzweifelte Zuschauer auf der Suche nach einem Fernseherlebnis, das ihn für zwei Stunden in eine andere, fremde und spannende Wirklichkeit entführen könnte, irgendwann erschöpft auf - zwischen "Krüger sieht alles", "Bombenterror: Todesangst im Schulbus" und "Boxen live" mit den Klitschko-Brüdern. Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann hat der Samstagabend im deutschen Fernsehen seit einiger Zeit Signalcharakter für den Rest der Woche. Das Niveau des Programms sinkt auf breiter Front, und der Kampf um die Quote nimmt immer absurdere, fast religiöse Züge an. "Der Samstag ist der Faschist unter den Wochentagen", hämte einst der Kabarettist Matthias Beltz, doch auch wenn man die Satire beiseite lässt, bleibt der Befund: Am Samstagabend zeigt das Fernsehen seine hässlichste Fratze. Sie ist billig und gemein, penetrant gegenwärtig und geschichtslos: einfach deprimierend.

Das einzige, was am deutschen Samstagabend stimmt, ist die Einschaltquote. Fünfzehn Millionen können nicht irren, wetten, dass...? Dass die mit Werbung finanzierten Kommerzsender wie RTL, Sat.1 und ProSieben unentwegt nach gut verkäuflicher TV-Ware fahnden, liegt auf der Hand, so unschön der Drang nach immer neuen Sensationen und vermeintlich allerletzten Tabubrüchen im Namen der Zuschauerbedürfnisse auch sein mag.
Doch längst schon haben auch die öffentlich-rechtlichen Großsender ARD und ZDF den Ehrgeiz entwickelt, im gnadenlosen Rennen um die Zuschauergunst mitzuhalten, koste es, was es wolle. Obwohl mit milliardenschweren Gebühreneinnahmen und einem Rundfunkstaatsvertrag ausgestattet, kopieren sie nur zu gern die massentauglichen Programmideen der Privatsender.

Verpanschung von Geist, Geschmack und Geschichte

"Me-too-Projekte" nennt das ZDF-Intendant Markus Schächter jargontreu - Talkshows, Castingshows, Quizshows, Gameshows, Ostalgie-Shows und seichte Fernsehfilmchen unter Palmen, dazu stunden-, ja tagelange Sportberichterstattungs-Teppiche, in denen vom einwärts auswärts gesprungenen doppelten Rittberger in Stockholm bis zum Stock-Curling in St. Moritz rein gar nichts ausgelassen wird und das Restprogramm auf fünfminütige Kurznachrichten schrumpft. Allein gänzlich unterirdische Sendeformate wie "Big Brother 2", "Dschungelcamp" oder "Fear Factor" überlassen ARD und ZDF einstweilen noch den Schmutzfinken der privaten Konkurrenz.

In dieser schönen neuen Fernsehwelt scheint es sogar der eigentlich unbeugsam seriösen "Tagesschau" angebracht, einen gewiss bedauerlichen, doch allenfalls mittelschweren Zusammenstoß des 18-jährigen Sangesknaben Daniel Küblböck mit einem Gurkenlaster auf einer bayerischen Landstraße zu melden - gerade so, als wären Elizabeth Taylor und Marlon Brando an ein und demselben Tag gestorben. Am Morgen nach der 1:5-Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Rumänien machten die "heute"-Nachrichten im ZDF um neun Uhr die - gewiss blamable - Fußballpleite in einem Freundschaftsspiel zur ausführlichen Topmeldung: Dies an einem Tag, da der israelische Staatspräsident Berlin besuchte, die Antisemitismuskonferenz der OSZE in Anwesenheit von US-Außenminister Colin Powell ihre Abschlusserklärung formulierte und der Kampf um Falludscha wieder einmal eskaliert war.

Zufall oder nicht: Einen Tag zuvor waren die 37. Mainzer Tage der Fernsehkritik - Thema: "Info ohne -tainment" - in schönster Ergebnislosigkeit zu Ende gegangen. ZDF-Intendant Schächter hatte wieder einmal einen weiteren Ausbau der seriösen Informationsprogramme versprochen und ernsthaft behauptet, schon jetzt betrage deren Anteil im Programm unglaubliche 51,3 Prozent. Auf die Frage, welche Sendungen denn hier unter "Information" subsumiert würden - "Aktenzeichen XY... ungelöst", "Volle Kanne", "Hallo Deutschland"? -, wusste auch Programmdirektor Thomas Bellut keine rechte Antwort. Oder zählt das ZDF etwa auch die unsägliche Ranking-Show "Unsere Besten" zur "Information", bei der im vergangenen Herbst Goethe gegen Gysi antrat und Bohlen gegen Beethoven? "Eine systematische Spekulation der Fernsehsender auf die Dummheit des Zuschauers" nannte die "Zeit" diese besinnungslose Verramschung letzter Bildungsreste, und tatsächlich gab es in letzter Zeit kaum ein anschaulicheres Beispiel für die skrupellose Verpanschung all dessen, was einmal mit Geist, Geschichte und Geschmack zu tun hatte. "Goethe im Sinkflug" meldete Moderator Steffen Seibert nach der neuesten Zuschauerbefragung wahrheitsgetreu.

Auf der Mainzer Tagung jedenfalls hatte der Medienwissenschaftler Siegfried Schmidt diese offenkundigen Grenzverwischungen zwischen Fiktion, Show und Information heftig kritisiert. "Das Fernsehen pflegt seine ganz eigene Art des Wirklichkeitsverlusts", resümierte die "FAZ": Die Programmverantwortlichen seien "sich selbst genug und durch gar nichts zu erschüttern". Der scheinbar unerschütterliche Trend zum Infotainment, zur unterschiedslosen Mischung aus Information und Unterhaltung, führt bei einigen Fernsehmachern inzwischen sogar zu dem offenen Bekenntnis, dass Qualität überhaupt keine Rolle mehr spiele: "Gut und schlecht gibt es für mich nicht", sagte RTL-Moderatorin Sonja Zietlow ("Dschungel-Camp", "Fear Factor") dem "Stern". "Ich finde, alles hat seine Daseinsberechtigung, solange die Leute sich dafür interessieren." Zietlow, 35, die vor Jahren dadurch berühmt wurde, dass sie bei einem Flic Flac in der "Harald Schmidt Show" für Sekundenbruchteile unfreiwillig ihren Slip entblößte, formuliert ganz unumwunden, was gesetzte Programmmacher nur denken. Im Massenmedium Fernsehen gilt die urdemokratische Parole: One Man, One Vote. An der Fernbedienung sind alle gleich - und zehn Millionen, die Karl Moik sehen wollen, sind mehr als 100.000, die sich für "kulturzeit" auf 3Sat interessieren.

Intellektuelle Dauerklagen

Aber klar doch: Kritik am Fernsehen ist so alt wie das Fernsehen selbst, und das dünkelhafte Gejammer über die "Infantilisierung der Fun-Gesellschaft", Titel eines TV-kritischen Sammelbandes, gehört zur Dauerklage von Intellektuellen, die überall und immer schon "organisierte Sprachlosigkeit", "soziale Aphasie" und "postmoderne Beliebigkeit" am Werke sehen. Die traditionelle Medienkritik, die noch von der klassisch bürgerlichen (Selbst-)Aufklärung im Sinne von Kant träumt, hat sich auf ähnliche Weise am unfassbaren Gegenstand totgelaufen wie die gute alte "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno, die noch den unschuldigen Jazz mit dem tödlichen Bann der Kulturindustrie-Kritik belegten.

So folgenlos die These von der "universellen Verdummung" in der Praxis ist, so fragwürdig ist sie auch in der Theorie: Denn woher käme wohl die messerscharfe Intelligenz all der fernsehsüchtigen Fernsehkritiker und Medienexperten, wenn die Glotze allein das Werkzeug des Blöden und des Bösen wäre? Und selbstverständlich: Mit der Vervielfachung der überwiegend kommerziellen Fernsehprogramme hat sich auch eine neue, prinzipiell libertäre Haltung zum Fernsehen entwickelt. Erlaubt ist, was gefällt; jeder kann - und niemand muss - dem zusehen, was die Grenzen von Verstand, Stil und Geschmack überschreitet.

Lesen Sie morgen in Teil 2: Selbst die Intellektuellen kapitulieren und bekennen sich zum kruden TV-Trash. Wenn sich aber der Bildungsauftrag des Massenmediums Fernsehen durch die Quotenfixierung völlig auflöst, droht die breitenwirksame Verdummung der Gesellschaft. Wenn niemand mehr weiß, was eigentlich ein Kieferorthopäde ist, kann man auch keinen guten Zahnarzt-Witz mehr erzählen...

Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,301268,00.html  

27.05.04 09:27

4561 Postings, 6417 Tage lutzhutzlefutzVolle Zustimmung! o. T.

27.05.04 09:39

13786 Postings, 7481 Tage ParocorpSUPER Thread SL !

Es ist ein Krampf, aber im Ausland ist es (leider) auch nicht besser!

Gruss
 

27.05.04 17:47

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordDanke, Parocorp.

Aber von manchen werden Sky und Co. in den Himmel gelobt. Dabei wäre es so einfach, gutes Fernsehen zu machen. Leider fehlt mir das nötige Kleingeld.  

29.05.04 09:37

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordIst das Fernsehen ein Nullmedium? Teil 2

SCHÖNES NEUES FERNSEHEN (2)
Kanal voll, Kopf leer
Von Reinhard Mohr

Verblödung ist Programm im deutschen Fernsehen. Die Kritik reagiert pragmatisch, die Zuschauer schalten ein und ab. TV-Macher betrachten die Entwicklung mit Kalkül und Zynismus, dabei ist der kulturelle Flurschaden enorm.

Hans Magnus Enzensbergers zynisch überspitzte These vom "Nullmedium Fernsehen", bereits Ende der achtziger Jahre formuliert, hat sich in der Praxis weithin bestätigt. Das Zapping, das ruhelose Herumsuchen im großen televisionären Weltraum, ist zur zweiten Natur des modernen Menschen geworden. Das Nullmedium ist tatsächlich jene "buddhistische Maschine", die alles und nichts produziert, eine "technische Annäherung an das Nirwana": Ein einziges großes Rauschen. Daran ändern auch einzelne gelungene oder gar herausragende Sendungen nichts, Features, zeitgeschichtliche Dokumentationen und Fernsehfilme (etwa von Heinrich Breloer oder Oliver Storz), ein spannender "Tatort", gut gemachte Serien wie "Berlin, Berlin" oder segensreiche Wiederholungen von "Loriot", die auch nach zwanzig Jahren frischer wirken als die meisten aktuellen "Comedy"-Stümpereien samt ihren dilettantischen Witzkomparsen.

"Eigentlich machen wir in allen Sendern Privatfernsehen", sagt Cornelia Schwab, Producerin von "Familie Dr. Kleist", einer derzeit sehr erfolgreichen ARD-Serie, die zur besten Sendezeit läuft. Der Unterschied bei der inzwischen fast überall "industriellen TV-Produktion" bestehe nur noch im Ausmaß der "handwerklichen Qualität", die freilich ihren Preis hat - und in jener "Ehrlichkeit", mit der man auf die legitimen Unterhaltungsinteressen der Zuschauer eingehe, ohne bloß zynisch mit ihnen zu spielen. Eine "Sklerotisierung des Programms" beobachtet der Kölner Medienexperte Professor Dietrich Leder. Gerade die Vielfalt und Unübersichtlichkeit des Fernsehmarkts habe zu jener "Formatierung" und Standardisierung der Programme geführt, in denen nun kaum mehr Platz sei für Wagnis und Experiment - nicht einmal in den "Dritten" der ARD, einst eine Art TV-Labor, in dem auch Harald Schmidt das Laufen lernte. Nahezu alles gehorche der Logik von "Megathema und Prominenz": "Eine fatale Strategie gerade von ARD und ZDF". Schieres Opportunitätsdenken verdränge eine "qualitative Diskussion". Das "Unformatierte, Überraschende, Poröse, Offene" gerate so ins Hintertreffen.

Intellektuelles Bekenntnis zum Trash

Unterdessen ist es auch in Intellektuellenkreisen schick geworden, sich zum kruden TV-Konsum zu bekennen. Je prolliger, desto besser, je mehr Trash, desto cooler: In der RTL-Sendung "Fear Factor" müssen die Kandidaten gekochte Schafsaugen essen und Hähnchenschenkel aus einem mit Insekten gefüllten Becken herausfischen - natürlich mit dem Mund. Die Sendung "Star Search 2" hat vor allem durch "Lippen-Gate" Schlagzeilen gemacht - den offen ausgetragenen Streit darum, ob die TV-Jurorin Alexandra Kamp ihre Lippen aufspritzen (und auch andere Körperteile chirurgisch nachbessern) ließ oder nicht.

Bei "Big Brother 2" waren die Fernsehzuschauer kürzlich Zeuge, wie ein Container-Insasse auch beim siebten oder achten Versuch das Wort "Kieferorthopäde" nicht richtig aussprechen konnte. Der junge Mann hatte das Wort noch nie in seinem Leben gelesen. So geht die Generation Pisa ihren Weg. Vor Jahren schon staunte der Autor Michael Rutschky über die "kulturell siegreiche Arbeiterklasse", die per Fernbedienung die Herrschaft über das Massenmedium erobert habe, und "Zeit"-Redakteur Jörg Lau stellte ironisch übertreibend und zugleich fast bewundernd fest: "Der entfesselte Pöbel (alle außer uns) dreht hier ohne leiseste Zeichen von Scham die Glücksräder, plaudert von seinen erstaunlichen sexuellen Gepflogenheiten, lässt sich unter mildem Zotengeplapper verkuppeln oder feiert vor Millionen... tränenreich Versöhnung."

Jüngst ging "Tagesspiegel"-Autor Harald Martenstein noch einen Schritt weiter. Anlässlich der Debatte um das RTL-Spektakel "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" - meinte er im vollen Ernst: "Wir haben in Deutschland keine ernsten Probleme mit dem Programmniveau. Wir haben eher ein Problem mit der Kompetenz der Medienkritik." Was die vermeintlich niederen Instinkte des Publikums betreffe, so zeige sich im historischen Kulturvergleich eindeutig: "Wir sind nicht brutaler, sondern zivilisierter als früher."
Fest steht: Weil sich die immer gleiche intellektuelle und moralische Kritik an all den Shows die Zähne ausbeißt, wechseln nicht wenige Kritiker die Grundstellung. Nun wird lieber streng ironisch mitgefiebert als schlecht gelaunt protokolliert, wer wohl als Nächstes bei "Big Brother V" rausgewählt wird. Nicht wenige mögen dabei an das wegweisende Wort von Marcel Reich-Ranicki denken, im Zweifel mache das Fernsehen die Klugen klüger und die Dummen dümmer. Ein schöner Trost für die Klugen.

Harald Schmidt und seine glorifizierte Late-Night-Show lieferten schließlich die Probe aufs Exempel: Hier machte einer Fernsehen, indem er mit dem Fernsehen spielte: Selbstreferentiell, unterhaltsam, intelligent, ironisch. Am Ende war er so unangreifbar wie das Medium und hob sich selber auf. Vielleicht war es zugleich eine symbolische Zäsur. Nein, die Ironie ist weiß Gott nicht abgeschafft, aber womöglich dürfen wieder einmal ein paar ernste Fragen gestellt werden. Denn Ironie und Dauerspaß zehren immer auch von einer Substanz, die sie selbst nicht geschaffen haben, auf die sie sich aber zumindest implizit berufen. Wenn keiner mehr weiß, was eigentlich ein Kieferorthopäde ist, kann man auch keinen guten Zahnarzt-Witz mehr erzählen. Gerade weil das Fernsehen längst mehr als ein Medium unter anderen ist, sondern das Medium schlechthin, Schule der Nation und Monopolist der Sinnstiftung in einem, ist es möglicherweise doch nicht völlig gleichgültig, was in Zukunft über die Bildschirme flackert.

Aus für den erzieherischen Konsens

Christoph Stölzl, ein gebildeter Hedonist, ehemals Direktor des Deutschen Historischen Museums und später Kultursenator in Berlin, warf jüngst den öffentlich-rechtlichen Sendern vor, "stillschweigend einen erzieherischen Konsens" aufgekündigt zu haben. Auf einer Medientagung in der Evangelischen Akademie Tutzing kritisierte er die Abschiebung von Kultursendungen auf randständige Termine und in Spartenkanäle für Minderheiten als "Pyrrhus-Sieg der Quotenfixierung".

Ihm geht es, man glaubt es kaum, um die "Idee der demokratischen Nation als einer Lerngemeinschaft", in der "alle alles Bedeutende gleichermaßen" betrifft, wenigstens im Prinzip. Es sei der "unschätzbare Vorteil der alten Mischprogramme" gewesen, dass die "Nachbarschaft von Politik, Unterhaltung, Sport und Kultur eine sozial integrierende, die unterschiedlichen Bildungsmilieus versöhnende Wirkung hatte". Die Verwechslung von Demokratie und Demoskopie, so Stölzl, schaffe nicht zuletzt jene Bedingungen, auf die sich die berufsmäßigen Quotenritter anschließend berufen könnten. Das Fernsehen zieht sich eben auch selbst sein Publikum heran: "Ohne Kulturpräsenz zur Prime Time, so könnte man überspitzt sagen, auch keine Entwicklung von Talenten, die, mit allen Wassern des Entertainment gewaschen, dennoch die ernsten, großen Themen an den Mann und an die Frau bringen."

Es käme ja heute auch niemand auf die Idee, etwa die Schulpflicht, die einst unter Zwang eingeführt wurde, in Frage zu stellen, nur weil sie nicht dem freien Spiel von Lust und Laune entspricht. Man ahnt schon das genervte Stirnrunzeln der Fernsehgewaltigen (in Tutzing sah man es), wenn sie derart antiquiert romantische, ja naiv-optimistische Vorstellungen hören - "Aufklärung mit sinnlichen Mitteln", das Fernsehen mit "Kulturquote", gar die "Selbstbindung an ein sittliches Programm, das den Menschen in seinem Möglichkeitssinn" ernst nimmt, kurz: Fernsehen als ein anderes Wort für "in die Ferne sehen". Ach Du lieber Gott. Quatsch mit Soße, hört man sie schon murmeln. Sekunden später aber sagen sie laut: Das machen wir doch alles! Und dann zählen sie ihre schönen, bildendenden und kulturvollen Sendungen auf und beschwören die laufende "Informationsoffensive". Dass etwa "aspekte" und "Kulturweltspiegel", die kulturellen Flaggschiffe der Sender, seit Jahren immer weiter ins beginnende Nachtprogramm geschoben werden, spielt da keine Rolle; offenbar auch nicht, dass die Rosamunde-Pilcher-Soße immer häufiger auch über einst ansehbare Fernsehfilme gegossen wird und die Eigenwerbung für selbst produzierte "Events" überhand nimmt.

Bildung und Wissen als Spartenprogramm für die Elite

Stölzls Grundsatz-Kritik trifft die ganze Gesellschaft im fortgeschrittenen Medienzeitalter. Plötzlich erscheint das alte kulturkritische Ressentiment gegenüber dem Fernsehen in neuem Licht: Die Kritik an Geschmacklosigkeit und schleichender Verblödung ist hier im Kern nicht mehr moralisch, sondern pragmatisch, nicht vorrangig ästhetisch, sondern ganz rational: Wenn tatsächlich immer mehr "Dumme" auf diese Weise nur noch dümmer werden sollten und die wenigen Klugen, falls sie noch zuschauen, jedenfalls nicht mehr klüger würden, dann wäre der Bildungssaldo negativ, und die ganze Gesellschaft trüge den Schaden davon - politisch, ökonomisch, kulturell. Genau danach sieht es derzeit aus. Ausgerechnet die "Bild"-Zeitung, der man einen Mangel an Gespür für Themen jedenfalls nicht vorwerfen kann, lancierte Ende April die Serie "Berlin - wie dumm sind wir?", in der groteske Beispiele alltäglicher Unwissenheit präsentiert wurden. Dreißig Prozent der Zuschauer von "Tagesschau" und "heute", so eine aktuelle Umfrage, verstehen schon die normalen Nachrichten nicht mehr oder vergessen sie umgehend, und die Klagen über schreibunkundige Lehrstellenbewerber sind leider keine Erfindungen bösartiger Unternehmer.

So droht die entscheidende Ressource einer modernen Gesellschaft - Bildung, Wissen, Kreativität - selbst zum Spartenprogramm für eine kleine Elite zu werden. Der Zynismus der abgebrühten Fernsehmacher, ihre Spekulation auf vermeintliche Massenbedürfnisse könnte eines Tages zum Bumerang werden: Eine Gesellschaft, die sich selber dumm macht, verliert die Fähigkeit, sich kritisch, also realistisch wahrzunehmen und, wo notwendig, zu verändern. Vielleicht können am Ende all die arbeitslosen Analphabeten eines Tages nicht einmal mehr ihre Programmzeitschrift studieren, um ihren Lieblings-Gruselschocker zu finden. Von Stellenanzeigen ganz zu schweigen. Irgendwann werden dann am Samstagabend nur noch diejenigen vor dem Fernsehapparat sitzen, die im wirklichen Leben draußen sowieso keine Chance mehr haben.

Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,301538,00.html  

29.05.04 14:18

33495 Postings, 7152 Tage DarkKnightKann man hiervon vielleicht ein

konstruktives Fazit haben?

Und, mit Rücksicht auf den Respekt, den ich vor SL habe: es darf auch mehr als ein Einzeiler sein.  

29.05.04 14:20

95440 Postings, 7023 Tage Happy EndSchwarzerLord ist auch so ein Nullmedium

29.05.04 14:27

33495 Postings, 7152 Tage DarkKnight@HE: Nein. Das sehe ich nicht so. o. T.

29.05.04 14:37

33495 Postings, 7152 Tage DarkKnightDie von SL hereinkopierte Kritik

am Privatfernsehen beruht auf zwei Säulen:

1. Die zunehmende Verdummung der Menschen
2. Die Verschwendung von Geld


dazu möchte ich folgendes sagen:

1. Verdummung ist eine Folge des Wohlstands, insofern möchte ich weder SL noch mich davon ausnehmen

2. Kirch hatte i. w. nur Personalkosten, insofern hat er lange Jahre die Bundesanstalt für Arbeit von unvermittelbaren Idioten entlastet, die heute auf unserer Tasche liegen. Bezahlt wurde das durch die BayLaBa, die wiederum durch Garantien der bayerischen Staatsregierung gedeckt wird, die wir demnächst mit höheren Steuern bezahlen werden. Insofern ist Kirch ein neoliberaler Märtyrer: er hat die Kosten für Arbeitslosigkeit in die Zukunft verschoben und nebenbei noch ein paar Jahre Party-Stimmung verbreitet. Sowas nennt man doch in der Regel "Erfolgsmensch", oder?  

29.05.04 14:40

129861 Postings, 5978 Tage kiiwiiPanem et Circensis

glaube ich, hieß es im alten Rom
Es gibt nix Neues unter der Sonne.

(doch: frisches Grillgut; gleich)  

29.05.04 14:46

33495 Postings, 7152 Tage DarkKnightWas ich noch vergessen habe zu erwähnen:

ca. 20 meiner Ex-Kollegen haben bei Kirch gearbeitet, alle dotiert mit 200.000 bis 600.000 DM pro Jahr.

Da ist heute keiner mehr da. Ich frage mich: wie schaffen die das demnächst mit dem Arbeitslosengeld II?  

29.05.04 16:37

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordJaja, DK.

Keiner von uns kann sich diesem Vorgang wirklich entziehen. Du hast zweifelsohne Recht. Warum nennst du dich nicht mehr MüderJoe?  

29.05.04 16:46

33495 Postings, 7152 Tage DarkKnight@SL: gibs zu: in Wirklichkeit bist Du

ein verkappter Sozialist?

Diese unglaubliche Energie, die Welt retten zu wollen, das haben nur S-geprägte Menschen.

By the way: der Müde Joe ist gesperrt, zuviele Türkenpostings.

Ich bin mir sicher, daß Du genauso SPD wählen könntest, so wie ich jetzt CSU wählen kann. Weils einfach scheißegal ist, hauptsache, man hat das Gefühl, weniger als vorher verarscht zu werden.  

29.05.04 16:49

13475 Postings, 7573 Tage SchwarzerLordSehr schön formuliert.

Ich bilde mir zumindest ein, im Grunde genommen ein sozial eingestellter Mensch zu sein.  

29.05.04 16:51

10068 Postings, 5785 Tage lumpensammlerScheiße mann,

wie kann Jesus - mein Sohn! - CSU wählen?  

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