Die Gesundheit wird der Umsätze wegen abgeschafft

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eröffnet am: 21.08.03 07:56 von: ribald Anzahl Beiträge: 4
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21.08.03 07:56
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2101 Postings, 6656 Tage ribaldDie Gesundheit wird der Umsätze wegen abgeschafft

Ärzte und Pharmafirmen "erfinden" ständig neue Leiden
- So wird jedermann als krank definiert
- Kritik auch von Medizinern selbst

von Ina Helms

 
Berlin -  Kein Mensch geht freiwillig in ein Krankenhaus, und die wenigsten Leute gehen gern zum Arzt. Und doch gibt es in Deutschland eine große Zahl "erfundener" Krankheiten, sagt der Medizinjournalist Jörg Blech. Dabei handele es sich keineswegs um Einbildungen von Patienten wie in Jean-Baptiste Molières Komödie beschrieben. Gemeint sind vielmehr Erkrankungen, die "am Schreibtisch von Marketingexperten der Pharmaindustrie entstehen".

Anderthalb Jahre lang hat der "Spiegel"-Redakteur für sein kürzlich veröffentlichtes Buch recherchiert, inspiriert durch die Flut von Pressemitteilungen, die täglich auf seinem Schreibtisch landen. Darin wird vor sonderbaren Krankheiten gewarnt mit angeblich immer mehr Betroffenen. Jörg Blech bezeichnet das Phänomen als "Medikalisierung des Alltags". Ein Trend, der dazu beitragen soll, dass das Wachstum der Gesundheitsindustrie weiter anhält. Vor Journalisten sagte er jetzt in Berlin: "Das Problem daran ist, dass jeder in das Visier der Krankheitserfinder geraten kann. Denn jeder kann heute für krank verkauft werden."

Genutzt werden dazu die Wechselfälle des Lebens und körperliche Veränderungen, die mit dem Altern einhergehen. Bei Männern etwa nimmt der Testosteron-Wert im Laufe eines Lebens langsam ab. Völlig willkürlich werde aber ein Grenzwert festgesetzt, der nicht unterschritten werden dürfe. Dadurch werde in das natürliche Abnehmen des Testosteron-Wertes ein Krankheitsbild hineininterpretiert. 20 Prozent aller Männer über 60 Jahre hätten danach ein Testosteron-Mangel-Syndrom. "Ist solch ein Grenzwert erst einmal gesetzt, gewinnt er schnell an Eigendynamik. In zahlreichen Broschüren wird nun geworben, dass man diesen Mangel mithilfe des richtigen Medikaments beseitigen kann."

Ärzte, die auf Pressekonferenzen auftreten und über solche Krankheiten berichten, kassieren den Angaben von Jörg Blech zufolge nicht selten Honorare um 3000 Euro. Und auch Kongresse ärztlicher Fachgesellschaften, die die Leitlinien zur Behandlung von Symptomen an die niedergelassenen Ärzte weitergeben, werden fast immer von der pharmazeutischen Industrie gesponsert.

Das Streben nach Gesundheit ist jedem Menschen angeboren. Von der Pharmaindustrie wird das ausgenutzt, so die These von Jörg Blech. Aus besorgten Gesunden werden auf diese Weise schnell Kranke. Jörg Blech fordert deshalb so etwas wie eine Stiftung Warentest für Krankheiten. Eine unabhängige Behörde, die nicht nur den Erfolg von Therapien überprüft, sondern auch kontrolliert, ob vermeintliche Krankheiten überhaupt existieren. Und die die niedergelassenen Ärzte informiert. Beraterhonorare sollten transparent gemacht werden.

Martina Dören, Professorin am Forschungszentrum Frauengesundheit des Berliner Universitätsklinikums Benjamin Franklin, sieht jedoch nicht nur die Pharmaindustrie als Krankheitserfinder. "Viele in der Forschung tätigen Wissenschaftler sind genauso beteiligt. Es gibt da oft eine Interessenüberschneidung."

Wie inzwischen viele Ärzte hält Martina Dören die massenhaften Hormonverschreibungen während der Wechseljahre der Frau für eine Fehlentwicklung, die im Trend erfundener Krankheiten liegt. Nirgendwo auf der Welt würden die auftretenden Beschwerden so massiv behandelt wie in Deutschland. Ärztliche Interessenvertreter sprechen sogar davon, dass Frauen in der Menopause krank seien. Doch ausländische Studien, so auch jüngst eine englische Untersuchung, zeigten immer häufiger, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Hormonbehandlung und dem Auftreten von Brustkrebs. Martina Dören: "Ich habe den Verdacht, dass es hinter den Kulissen Bestrebungen gibt, in Deutschland keine solchen Untersuchungen durchzuführen. Durch die Diskussion über die ausländischen Studien kann man das Thema in Fachkreisen unter dem Deckel halten." Stattdessen müssten jedoch, so Dören, die Ergebnisse in einfacher Sprache an die Frauen weitergegeben werden.

Folge der erfundenen Krankheiten ist nach Ansicht von Jörg Blech nicht nur das Schlucken von Pillen. Vielmehr wird die Verantwortung für die Gesundheit zunehmend individualisiert. Wenn das Zappelphilipp-Syndrom, an dem angeblich Millionen Schüler leiden, eine allgemein akzeptierte Krankheit ist, der möglicherweise eine Stoffwechselstörung zu Grunde liegt, dann sind die Eltern in der Pflicht, ihrem Kind ein Medikament zu geben. Dass die Ursache der Symptome vielleicht doch in der Struktur der Klassen, im Lern- oder Lebensumfeld liegt, danach fragt dann niemand mehr.

Fred Harms, Geschäftsführer des Instituts für Life Science Management in Berlin, will der Marketingoffensive der Pharmaindustrie trotzdem einen positiven, nämlich einen vorsorgenden Aspekt abgewinnen. "Laut einer Untersuchung der US-Zulassungsbehörde für Arzneimittel FDA bekommen nur fünf Prozent der Menschen, die auf Grund von Anzeigen und Kampagnen zum Arzt gehen, etwas verschrieben, das sie nicht brauchen. Bei 90 Prozent der Patienten werden dagegen wirkliche Krankheiten entdeckt." Ganz nach dem Motto: Geh zum Arzt, und er wird etwas finden.

Harms, der viele Jahre in führenden Positionen von Pharmafirmen gearbeitet hat, betont außerdem: "Erfundene Krankheiten sind maximal ein Randproblem. Auf Grund der Altersstruktur der Bevölkerung brauchen wir uns Krankheiten nicht einzubilden. Das Problem ist vielmehr: Wie finanzieren wir die Krankheiten, die wirklich auf uns zukommen."
Jörg Blech: "Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden", S. Fischer, Reinbek, 2003, 17,90 Euro


Artikel erschienen am 21. Aug 2003
 
  WELT.de 1995 - 2003
 

21.08.03 08:42
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Clubmitglied, 43205 Postings, 7141 Tage vega2000Das kommt davon wenn man mit einem

Taschenrechner neben dem Arzt steht. Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren nicht nur durch den Kranken/Beitragszahler sondern in erster Linie durch den riesigen Verwaltungsapparat & die Preispolitik der Pharmariesen. Inzwischen muß jeder Bleistiftanspitzer der Kk`s seine Daseinsberechtigung nachweisen... -in dreifacher Ausfertigung.  

21.08.03 09:05

8215 Postings, 6906 Tage SahneIch sag ja: alles Verbrecher!

21.08.03 09:21

8215 Postings, 6906 Tage SahneBsp. Osteoporose

Osteoporose:
Wie die Pharmaindustrie eine Volkskrankheit erfand
Bericht: Mathias Werth, Jörg Blech

   

Volker Happe: "Zu unserem nächsten Thema. 'Die Wechseljahre der Frau sind eine Krankheit'. Diesen denkwürdigen Satz hat der Landesverband Niedersachsen des Berufsverbandes der Frauenärzte unlängst geschrieben. Ärzte und vor allem Pharma-unternehmen haben dazu Halbwahrheiten lanciert, die zur Folge hatten, dass Millionen gesunder Frauen in den sogenannten Wechseljahren Östrogene und Gestagene schlucken. Über die möglichen Folgen wird weniger geredet.

Der Spiegelredakteur Jörg Blech hat ein bemerkenswertes, noch unveröffentlichtes Buch geschrieben, wie neben anderen Krankheiten die Osteoporose bei Frauen von Pharmafirmen regelrecht als Volkskrankheit erfunden worden ist. Er berichtet zusammen mit meinem Kollegen Mathias Werth."

Sie kommen in futuristischen Fahrzeugen und verlangen für ihre Dienste kein Geld. Auf Marktplätzen holen sie die Menschen in ihre Gefährte, checken sie darin gründlich durch - und entlassen etliche von ihnen als Patienten. Die "Osteoporose-Mobile" tourten im letzten Sommer durch Deutschland. Frauen wurden zur Knochendichtemessung in das Vehikel gelockt. Die Fahndung nach Frauen war nicht frei von Eigennutz. Sie wurde gesponsert von 14 Pharmafirmen.  
Christiane Walter: "Es ist schon ein Schreck, ein Schock so'n bisschen, diese Osteoporose. Wo man das überall liest und hört, und plötzlich ist man selbst betroffen, ohne dass man Schmerzen hatte, ohne dass man was gemerkt hat."

Nie hatte Christiane Walter Probleme, niemals Beschwerden - doch nach der Knochendichtemessung ist sie plötzlich krank. Kaum ein Orthopäde kommt heute mehr ohne diese Messung aus. Die Angst vor der Osteoporose treibt ihnen die Frauen in die Warteräume. Jahrzehntelang wurde nur dann von Osteoporose, von brüchigen Knochen, gesprochen, wenn es tatsächlich zu einer Fraktur, also einem Bruch, gekommen war. Doch das trifft nach Statistiken gerade mal 1,2 Prozent der Menschen, die 75 Jahre oder älter sind.

Das reicht kaum für das Etikett "Volkskrankheit". Deshalb wurde die Osteoporose auf Betreiben von Pharmafirmen neu erfunden, vor allem als erklärt wurde, Osteoporose bei Frauen könnte Folge eines Hormonmangels sein und sei deshalb mit Östrogenen zu behandeln.

Der amerikanische Östrogen-Hersteller "Wyeth-Ayerst" sponserte 1982 eine Kampagne, um Osteoporose als Bedrohung für Frauen in den Wechseljahren bekannt zu machen. Bis dahin hatte kaum jemand das Wort "Osteoporose" überhaupt gehört.

15 Jahre später ist "Premarin", das Östrogenpräparat von "Wyeth-Ayerst", das am häufigsten verordnete Arzneimittel in den USA. Für den Durchbruch hatte die angeblich unabhängige Forschungsarbeit des amerikanischen Arztes Robert Wilson gesorgt. Sein Bestseller "Feminine Forever" verwandelte die Östrogene in eine Wunderdroge. Dank der Hormone könnten Frauen ausgedehnter Jugend entgegensehen, schrieb er. Östrogene - die neuen Retter der Frauen.

Erst jetzt, nach 35 Jahren, enthüllte Wilsons Sohn, dass die Forschungen seines Vaters von "Wyeth" bezahlt und sogar manipuliert worden waren.

Reporter: "Wer hat die Arbeit an dem Buch bezahlt?"

 
Ron Wilson: "Wyeth bezahlte die Arbeit am Buch. Wyeth bestand darauf, alle Entwürfe einzusehen, und Wyeth ging sogar soweit, das ganze Sätze und ganze Paragraphen umformuliert oder ganz entfernt werden mussten, und in manchen Fällen auch Zahlen. Die Statistiken wurden geändert, damit es positiver wirkte."

Die Erfindung der Osteoporose als Volkskrankheit ging bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf weiter: Die beiden großen Pharmafirmen "Sandoz" und "Smith-Kline" und andere sponserten ein sogenanntes Experten-Treffen der WHO. Ergebnis: Nun war nicht mehr der brüchige Knochen die Krankheit, jetzt hieß es:

"Osteoporose ist der allmähliche Abbau der Knochenmasse im Alter."

Damit war es von der obersten Gesundheitsbehörde bestätigt: Von nun an konnte die Hälfte der Bevölkerung ab 40 Jahren bis ins hohe Alter mit Medikamenten versorgt werden.

Um das neu erfundene Frauenleiden diagnostizieren zu können, bedarf es einer trickreichen Messung der Knochendichte - meist mit Röntgenstrahlen. Die Messergebnisse bei den Frauen werden mit der Knochendichte eines gesunden 30-jährigen Menschen verglichen. Ergebnis: Fast jede ältere Frau hat eine verringerte Knochendichte. Nur das stellt die Knochendichtemessung fest. Droht allein schon deshalb eine Osteoporose-Gefahr?

 
Prof. Felsenberg, Leiter Muskel- und Knochen-Forschung, Uni-Klinik Berlin: "Die Diagnose setzt sich zusammen aus vielen Mosaiksteinen. Und da ist die Messung der Knochendichte nur eins davon. Das heißt, wir müssen immer eine Synopsis, also ein Zusammenfassen von verschiedenen Befunden zusammenbringen, um die Diagnose zu stellen, da kann man nicht nur sagen, wer jetzt -2,5 standardabweichende Knochendichte hat, der ist gleichzeitig osteoporosekrank. Das ist völliger Quatsch."

Um trotzdem von einem definierten Krankheitsbild sprechen zu können, hat die WHO sogar Grenzwerte festgesetzt: Sobald die Knochenmasse 20 bis 35% unter dem Wert eines gesunden Menschen liegt, wird aus einer gesunden Frau eine Patientin. Auf Geheiß der WHO erkrankten so plötzlich 31 Prozent der Frauen zwischen 70 und 79 Jahren angeblich an Osteoporose - selbst wenn sie sich in ihrem langen Leben niemals etwas gebrochen haben oder noch brechen werden.

Der Mediziner Bernhard Gibis und sein wissenschaftliches Team fragten im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei der WHO nach.

 
Dr. Bernhard Gibis, Kassenärztliche Bundesvereinigung: "Der Eindruck war schon, dass die Weltgesundheitsorganisation, die chronisch unterfinanziert ist, gerade bei der Ermittlung von Grenzwerten häufig auf Experten zurückgreift, die wiederum ihre Finanzierung aus unterschiedlichen Quellen beziehen, und dass hier schon eine Einflussnahme erfolgen kann, dass entsprechend Grenzwerte relativ niedrig festgesetzt werden und damit natürlich auch viele Patienten und Versicherte behandlungspflichtig werden."

Das Schlucken von Östrogenen gehört heute für ältere Frauen der westlichen Welt zum Alltag. Allein an diesem Tag nehmen in Deutschland rund 4,6 Millionen Frauen ab 45 die Präparate. Vergessen scheint jener Krebsverdacht vom Juli vergangenen Jahres, als bekannt wurde, dass der Hormon-Mix das Brustkrebsrisiko erhöht.

In Deutschland gilt als uneinsichtig, wer sich gegen die Hormonersatztherapie sträubt. Die Gabe von Östrogenen oder einer Kombination aus Östrogenen und Gestagenen zählt zum Standard der Medizin und gaukelt den Frauen 'ewige Jugend' vor. Die deutschen Krankenkassen kostet das 500 Millionen Euro Jahr für Jahr.

 
Prof. Martina Dören, Forschungszentrum Frauengesundheit, FU Berlin: "Östrogene sollten meiner Ansicht nach heute nicht mehr empfohlen oder verordnet werden, um Knochenbrüche zu verhindern. Östrogene sind nur gut für Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Behandlung oder Vorbeugung für trockene Scheide, und das war's dann aber auch."

Das sehen einige ihrer ärztlichen Kollegen anders. Nach dem Krebsverdacht verfasste der Berufsverband der Frauenärzte eilig eine angeblich neutrale Information, die sich an die "Sehr verehrte Patientin" wendet.

"Die Heilungsaussichten von Tumoren, die unter einer Östrogentherapie entstehen, sind daher deutlich besser. Da sich hormonbehandelte Frauen regelmäßig frauenärztlich untersuchen lassen, werden diese Tumore üblicherweise auch früher erkannt."

Auf perfide Weise wollen die Krankheitserfinder gleich zweimal verdienen: Die Menopause bekämpfen sie mit Hormonen; die Tumoren, die daraus entstehen können, schneiden sie später raus.

Prof. Martina Dören, Forschungszentrum Frauengesundheit, FU Berlin: "Frauen werden nicht nur beraten, sondern manchmal auch krank gemacht, krank geredet. 'Symptome', die normal sind, sei es Veränderung von Befindlichkeiten in der Pubertät, sei es Veränderung von Fühlen, Empfinden, Beschwerden in den Wechseljahren, werden als Krankheit deklariert und dann einer pharmakologischen Therapie zugeführt."

Die angeblich neutrale Information des Frauenärzte-Verbandes wurde übrigens 11.000-fach von den Faxgeräten der Pharmafirmen Schering und Jenapharm verschickt, die mit den Hormonpräparaten gegen die erfundene Volkskrankheit Osteoporose Millionen umsetzen.

 
   
Links zum Thema:
Homepage des Fischer-Verlages, wo das Buch Jörg Blechs erscheinen wird:
http://www.s-fischer.de
Homepage Wyeth-Ayerst:
http://www.wyeth.com
Infos eines Pharma-Unternehmens zur Osteoporose:
http://www.osteoporose.com
Homepage Kassenärztliche Bundesvereinigung:
http://www.kbv.de
Prof. Dr. Martina Dören:
http://www.akdae.de
 

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Quelle: http://www.wdr.de/tv/monitor/beitrag.phtml?bid=511&sid=100

 

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