Die Befürworter der Todesstrafe werden dazu wohl

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3379 Postings, 5668 Tage B GhostDie Befürworter der Todesstrafe werden dazu wohl

leider  wieder nur sagen "Shit happens".

 

 

SPIEGEL ONLINE - 17. August 2005, 10:23
URL: 
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,370027,00.html

Begnadigung einer Hingerichteten
 
"Baker brennt"

Von Roman Heflik

60 Jahre nach ihrer Hinrichtung ist im Süden der USA eine Afro-Amerikanerin begnadigt worden. Lena Baker hatte gestanden, einen Weißen erschossen zu haben, der sie wie eine Sex-Sklavin behandelte und ihr Leben bedrohte. Doch die Jury aus weißen Männern kannte keine Gnade.

APLena Baker vor ihrer Hinrichtung: "Er hätte mich getötet"

Cuthbert - Wie das alles passieren konnte, wusste Lena Baker hinterher selbst nicht mehr so genau. Vermutlich war sie an diesem 30. April 1944 mal wieder einfach zu betrunken gewesen. Am Ende lag Ernest B. Knight tot mit dem Gesicht auf dem Boden seiner Mühle. Im Kopf des alten Mannes klafften zwei Löcher: Eine Pistolenkugel hatte seinen Schädel durchschlagen.

Für die Geschworenen, die sich im Gerichtssaal des kleinen Südstaaten-Städtchens Cuthbert, tief in der Provinz von Georgia, versammelt hatten, war der Fall schnell klar: Eine Negerin hatte einen Weißen ermordet. Was gab es da noch zu fragen und zu diskutieren? Nach nur einem einzigen Verhandlungstag und einer lediglich 30-minütigen Beratung fällten die zwölf Männer ihr Urteil: Die dreifache Mutter sollte auf dem elektrischen Stuhl sterben. Bis heute ist sie die einzige Frau in dem Bundesstaat, die auf diese Weise hingerichtet wurde.

Vor dem Richter lagen zwei Pistolen

Dem Vorsitzenden Richter William Worrill, genannt "Die Kanone", war der zügige Schuldspruch ganz recht, so kam er wenigstens rechtzeitig zum Abendessen nach Hause. Worrill war weniger für sein juristisches Talent und seine weisen Urteile bekannt als für seine schnelle rechte Hand: Seinen Spitznamen hatte man ihm verliehen, weil er sich brüstete, damals im Wilden Westen als Gesetzeshüter in zwölf Schießereien verwickelt gewesen zu sein und dabei sieben Menschen erschossen zu haben. Während des Prozesses gegen Lena Baker habe Worrill für alle sichtbar ständig ein Paar Pistolen liegen gehabt, berichtet der amerikanische Journalist Seamus McGraw auf der Internetseite www.crimelibrary.com.

Dass an diesem Tag kein einziger Zeuge aufgerufen worden war, der die Angeklagte hätte entlasten können, störte den Richter nicht. Es kümmerte ihn auch nicht, dass Bakers Pflichtverteidiger nach dem Urteil zunächst Berufung angekündigt, dann aber kurzerhand den Fall abgegeben hatte, so dass die Angeklagte nun ohne Anwalt dastand. Und die Geschichte, die Lena Baker Gericht und Geschworenen erzählt hatte, interessierte auch niemanden wirklich: Der betrunkene Knight habe sie mit seiner Pistole bedroht und immer heftiger bedrängt. Als der Mühlenbesitzer sie mit einer Metallstange habe schlagen wollen, da habe sie nach seiner Waffe gegriffen und ihn getötet.

Heutzutage würde ein Gericht in einem solchen Fall vermutlich auf Notwehr, maximal auf Totschlag erkennen. Lena Baker aber musste sterben.

"Bereit, Gott zu treffen"

APElektrischer Stuhl im Gefängnis von Jackson, Georgia: "Ich habe gegen niemanden etwas"

Am Mittag des 5. März 1945, weniger als ein Jahr nach dem Tod Knights, banden Justizbeamte Lena Baker auf dem elektrischen Stuhl fest. "Was ich tat, tat ich in Notwehr", beteuerte die Todeskandidatin bis zuletzt. "Ich habe gegen niemanden etwas. Ich bin bereit, meinen Gott zu treffen." Eine Lokalzeitung vermeldete lapidar die Exekution: "Baker brennt." Die Leiche wurde auf einem kleinen Friedhof in einem namenlosen Grab verscharrt, die Akte geschlossen.

Doch der Fall wurde nicht vergessen. Lela Bond Phillips, eine Dozentin am Andrew College in Cuthbert, beschäftigte sich eingehender mit Bakers Schicksal - und verfasste ein Buch mit dem Titel "The Lena Baker Story." Phillips stieß bei ihren Recherchen auf eine Person, die an der Härte des Lebens zerbrochen zu sein schien.

Wegen des niedrigen Einkommens als Baumwollpflückerin und Dienstmädchen hatte Baker mit einer Freundin eine Art Provinzbordell gegründet. Die schwarze Gemeinde von Cuthbert reagierte empört und grenzte Baker aus. Trost suchte die dreifache Mutter im Alkohol, dem sie immer mehr verfiel. Dann geriet sie an Ernest B. Knight, einen gescheiterten Farmer Mitte Sechzig, der berüchtigt für seine laute und gewalttätige Natur war. Meist trug Knight eine Pistole bei sich.

"Du gehst, wohin ich will"

Zwischen Knight und Baker habe sich etwas wie eine Hassliebe entwickelt, glaubt Phillips. Knight missbrauchte Baker als eine Art Sex-Sklavin, aber er versorgte sie auch mit Alkohol. Vor Gericht sagte Lena aus, am Vorabend der Tat habe Knight an ihre Tür geklopft. "Ich sagte 'Mister Knight, es ist spät, gehen Sie nach Hause und ins Bett'". Aber der alte Mann habe sich nicht abweisen lassen und gesagt: "Ich soll verflucht sein, wenn ich jetzt heimgehe, bevor du dahin gehst, wohin ich will. Ich werde dich heute Nacht nicht in Ruhe lassen."

Dann hätten sich die Ereignisse überschlagen. Zuerst sei sie vor Knight geflohen, gab die Frau zu Protokoll. Aus Angst habe sie sich betrunken und im Wald übernachtet. Doch am nächsten Morgen sei sie Knight in die Arme gelaufen. Möglicherweise habe die Alkoholsucht Baker in die Arme ihres Verfolgers getrieben, vermutet Autorin Phillips.

"Lena, gottverdammt", zitierte Baker später ihren Peiniger, "Du wirst in meine Mühle gehen." Dann habe er sie mit seiner Pistole bedroht und in das Gebäude gedrängt. Dort sei es nach einer Weile zu einem Gerangel um die Waffe gekommen. Wütend habe der Mühlenbesitzer nach einer Eisenstange gegriffen, um die widerwillige Frau zu schlagen. Die Schwarze griff nach der Waffe und schoss. "Ich glaube, er hätte mich getötet, wenn ich nicht getan hätte, was ich tat", sagte die Angeklagte aus.

APRoosevelt Curry kniet neben dem Grab seiner Großtante, Lena Baker: "Legale Lynchaktion"

Vor zwei Jahren nahmen sich einige Angehörige vor, Lena Bakers Namen vom Schuldspruch des Mordes rein zu waschen. Sie stellten einen Antrag beim Begnadigungsausschuss des Staates Georgia. Die Aussichten waren alles andere als günstig: Seit 1943 hat das Gremium nur zwei Gnadengesuche positiv beantwortet - eins davon Jahre, nachdem die Todesstrafe bereits vollstreckt worden war. Die Familie erhielt Unterstützung von John Cole Vodicka, dem Leiter einer Vereinigung von Gefängnisanwälten.

Schrei nach Barmherzigkeit

Doch jetzt ist Lena Baker postum begnadigt worden. Das teilte Scheree Lipscomb, Sprecherin des Gnaden-Ausschusses von Georgia, am Montag mit. Zwar halte man Lena Baker nicht für unschuldig, doch sei es ein schwerer Fehler gewesen, ihr im Jahr 1945 keine Gnade gewährt zu haben. "Dieser Fall schrie nach Barmherzigkeit."

Bakers Großneffe, Roosevelt Curry, der im Namen der Familie ihre Rehabilitierung betrieben hatte, zeigte sich erfreut über die Entscheidung des Gnadenausschusses. "Ich glaube, Lena ist irgendwo bei Gottes Thron und kann runterschauen und lächeln."

Auch Vodicka freute sich über das Ergebnis des Verfahrens: "Obwohl es 60 Jahre zu spät ist, ist es erfreulich zu sehen, dass diese himmelschreiende Ungerechtigkeit endlich erkannt worden ist - nämlich als eine legale Lynchaktion."
 


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