Deutschland, wie es singt und lacht

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neuester Beitrag: 04.07.06 17:45
eröffnet am: 04.07.06 10:45 von: quantas Anzahl Beiträge: 4
neuester Beitrag: 04.07.06 17:45 von: Knappschaft. Leser gesamt: 336
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04.07.06 10:45
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15284 Postings, 5647 Tage quantasDeutschland, wie es singt und lacht

Die plötzliche Metamorphose vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan

Am Dienstagabend klopft schon zum elften Mal seit 1934 ein deutsches Nationalteam an die Tür eines WM-Finals. Siebenmal erreichte es diesen, dreimal gewann es ihn. Italien ist in Dortmund ein klassischer Gegner, mit dem die DFB-Auswahl an grossen Turnieren keine guten Erfahrungen machte und in vier Spielen keinen Sieg verzeichnete.

rei. Berlin, 3. Juli

Deutschland zeigt Flagge. Schwarz-rot-goldenes Tuch flattert an manchem Automobil auf der Fahrt zur Arbeit oder zum Einkaufen. Fähnchen mit Befestigungsvorrichtungen sind der Verkaufsrenner dieses Sommers - freilich auch anderswo. An unzähligen Häuserfassaden prangt nationale Farbsymbolik und zeugt vom zurückerlangten Stolz. Dem Fussball und der landesübergreifenden Nationalauswahl sei Dank, dass nach einer längeren Durststrecke wirtschaftlichen Stillstandes und politischen Gleichstands wieder Zuversicht durch die Republik weht. Der sonnig-heisse Frühsommer durchflutet das Gemüt und begünstigt die Verwandlung von Stadt und Land in ein scheinbar einziges Festareal. Nichts jedenfalls an diesem Anlass grundsätzlich sportlicher Natur nistet sich nachhaltiger in Erinnerung ein als die gute Laune, der man täglich ins Antlitz schaut. Deutschland singt und lacht und freut sich zumeist sympathisch-natürlich über die «Neugründung des deutschen Fussballs», wie selbst die spanische Zeitung «El País» die gefreute Entwicklung der klassischen Turniermannschaft hoch gestimmt bezeichnet.

Medien ohne Median

Presse, Radio und Fernsehen neigen in zunehmendem Masse zu starken Überzeichnungen - in Deutschland ganz besonders, im Fussballsport ganz allgemein. Die Himmelhoch-jauchzend- bzw. Zu-Tode-betrübt-Mentalität wird von der Emotionalität genährt, die das professionalisierte Fussballspiel mit allen Schattierungen freisetzt und die der nüchternen Beurteilung immer weniger Raum zugesteht. Sport- bzw. Fussball-Journalismus sei ohne Parteinahme und markante Schwarz-weiss-Einschätzungen langweilig, passé und folglich nicht verkaufsfördernd, raten selbst Intellektuelle - oder vor allem sie. Das deutsche Nationalteam mit seiner gar nicht so unvorbereitet eingetretenen Metamorphose unterlegt die These beispielhaft.

Ein drittel Jahr ist es erst her, da kam aus Florenz die Kunde von der «fürchterlichen Ohrfeige» für den deutschen Fussball, vom «Debakel», vom «Schiffbruch des Systems Klinsmann». 1:4 war die DFB-Auswahl der Squadra Azzurra unterlegen, in einem freundschaftlichen Testspiel, das bestimmt beunruhigende Mängel offenbarte, aber besonneneren Geistern ebenso wenig vernichtende Werturteile abringen konnte wie etwas später die Champions-League-Niederlage des FC Bayern im San Siro gegen Milan. Die Besorgnis nach diesem medial und verbal inszenierten Tiefpunkt schien mit den Fingern spürbar im Fussballland, das so grosse Hoffnungen auf einen allgemeinen Aufschwung durch die Weltmeisterschaft setzte.

Die geradezu erratisch anmutenden Stimmungsschwankungen finden ihren Niederschlag jetzt, am Vorabend des ersten Semifinals, selbst in seriösen überregionalen Publikationen. Plötzlich muss Klinsmanns Mannschaft als Modell für Wirtschaft, Politik und Staat hinhalten, hat sie eine Idee vom eigenen Spiel, was man sonst von keinem Team an dieser WM behaupten könne, und wird die kühne Frage aufgeworfen: «Ist dieses Team noch deutsch?» Der «Spiegel» glaubt unter der Überschrift «Im kollektiven Rausch» eine Mannschaft zu erkennen, die «Ordnung mit Phantasie und Ernst mit dem Mut zum Risiko vereint». Der Vorstoss in die vorletzte Runde basiere auf dem «schwäbischen Manifest» Klinsmannscher Handschrift (offensiv, aggressiv, attraktiv) und zeige in seiner Qualität, dass Deutsche Spass und Zufriedenheit nicht nur aus harter Arbeit und Erfolg beziehen. Klischees und Pathos allenthalben. - Wie fünf WM-Siege, vor allem der erste Erfolg seit rund sechs Jahren gegen einen sogenannten «Grossen», auch Selbstwertgefühl und Überzeugungskraft der Internationalen gestärkt haben, veranschaulicht die Aussage des Borussen-Verteidigers Christoph Metzelder, der in seinem Heimstadion ein Spiel ankündigt, «das es in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben hat». Nicht dass man dies ausschliessen möchte, aber die Italiener werden daran auch zu partizipieren versuchen. Zumal sie von der Vergangenheit zehren, die ihnen mehr Freude bereitet als ihrem Halbfinal-Widerpart. So sind sie noch nie in einem WM- oder EM-Match seit 1934 den Deutschen unterlegen. Meist endeten die Duelle unentschieden wie anno 1962 in Chile (WM), 1978 in Buenos Aires (WM), 1988 in Düsseldorf (EM) oder 1996 in Manchester (EM), wo im Old Trafford die Zuschauer eine Partie von erbärmlichem Gehalt, aber mit dem nachmaligen Europameister sahen. Der letzte Sieg eines deutschen Teams gegen die Azzurri datiert vom 21. Juni 1995 in Zürich (2:0).

Das «Spiel des Jahrhunderts» in Mexiko

Als Schlüsselereignis stufen Italiener wie Deutsche den WM-Halbfinal 1970 in Mexiko-Stadt ein, an den im monumentalen Azteken-Stadion eine Inschrift «Spiel des Jahrhunderts» erinnert. Kurz vor Ablauf der normalen Zeit dieses epischen Duells hatte Schnellinger das 1:0 der Squadra ausgeglichen. In der spielerisch tumultuösen Verlängerung wechselte die Führung von einer auf die andere Seite, schliesslich behielt die Ansammlung von Aushängeschildern des Calcio wie Riva, Mazzola, Rivera, Facchetti oder Burgnich mit 4:3 die Oberhand. Etwas Vergleichbares glauben Semester mit Erinnerung an die erste vierfarbige Fussball-Fernsehübertragung mit Kick-off um Mitternacht mitteleuropäischer Zeit seither nicht mehr erlebt zu haben - dem WM- Triumph Italiens 1982 in Madrid gegen Deutschland zum Trotz.

Ab Dienstag tritt die Endrunde in das letzte Stadium. Repräsentiert werden die ersten Garnituren aus den grössten drei europäischen Ländern rund um die Alpen sowie der flächenmässige Winzling von der westlichen Peripherie (Portugal). Deutschland aber steht im Lift. Und hat die Taste «9. Juli» gedrückt. Nicht auszudenken, käme Klinsmanns Team dort auch an, wo man doch das attributive Steigerungspotenzial längst für ausgereizt hält.

 

04.07.06 11:18
1

21880 Postings, 6773 Tage utscheckSehr schön geschrieben! o. T.

04.07.06 14:22
1

8451 Postings, 5975 Tage KnappschaftskassenKann dem nur beipflichten und deshalb nochmals up o. T.

04.07.06 17:45
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8451 Postings, 5975 Tage KnappschaftskassenFlagge zeigen?

Manche haben damit noch ein Problem!

 

 

Flagge zeigen?

Von Thomas Tuma

Deutschland-Fähnchen sind schon jetzt der Konsumschlager 2006 - und ihr Geld wert, denn die Selbstreflexionen gibt's gratis obendrauf.
 

Manche Themen können unheimlich groß sein - und dabei furchtbar klein daherkommen. Die Wir-sind-wieder-wer-wer-sind-wir-denn?-Debatte etwa hat mich mit einer schlichten Frage kalt erwischt: Meine Tochter wollte plötzlich ein Deutschland-Fähnchen.

SCHWARZ-ROT-GOLD: FLAGGENBOOM IN DEUTSCHLAND

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Sie ist neun Jahre alt. Ich sagte ihr, dass ich mir eher eine Fingerkuppe abschlagen würde oder das Auto verkaufen, als schwarz-rot-golden zum Einkaufen zu fahren.

Konsequenz ist in der Kindererziehung sehr wichtig. Einen Tag später flatterten ZWEI Fähnchen am Wagen.

Ich bin der globalen Fähnchen-Vertriebs-Mafia mittlerweile durchaus dankbar für das reichhaltige Angebot an Devotionalien. Die Diskussion zwischen Ichwill-nicht und Sie-kriegt hat mir allerlei verständlich gemacht, unter anderem mich selbst. Ein deutscher Dialog, Teil I:

Vater: Wozu brauchst du 'ne Fahne?

Kind: So halt. Alle haben jetzt eine.

Vater: Und wenn alle aus dem Fenster springen, springst du hinterher?

Kind: Nee. Ich will doch nur 'ne Fahne.

Vater: Und von welchem Land?

Kind: Deutschland natürlich.

Vater: Kannst du mir einen vernünftigen Grund nennen, weshalb wir ein deutsches Fähnchen brauchen?

Kind: Weil's cool aussieht. Und wir wohnen doch hier.

Okay, sie ist neun. Es hätte nicht wirklich was gebracht, mit ihr einen Parforceritt durch 200 Jahre deutsche Geschichte zu starten - Flaggenkunde in Zeiten von Heine, Holocaust oder Hartz IV sozusagen. Was hätte das auch mit den Fähnchen zu tun? Eben.

 
Eine ähnlich gute Frage wie die, ob sich in puncto Patriotismus in Deutschland wirklich was verändert hat, nur weil wir gerade ganz ordentlich Fußball spielen. Es ist wohl auch eine Sache der Präsentation: Früher haben Zeitungen und Sender das Thema meist mit Skins in bekleckerten Nationaltrikots bebildert. Scham war ein schon ästhetischer Reflex. Heute sind die gezeigten Fans generell vollbusige Germanistikstudentinnen aus Leipzig. Mindestens.

Ich weiß nicht, wo die ganzen Deppen geblieben sind. Vielleicht arbeiten sie jetzt als Ein-Euro-Jobber in ostdeutschen Fahnenfabriken. Jedenfalls sah das gefühlte Deutschland früher schrecklich aus. Heute wird es uns als urban, jung, sexy und schon deshalb modern verkauft.

Darauf fallen auch viele Feuilletons rein. Sie sind die Trittbrettfahrer eines Booms, den sie selbst nicht einmal losgetreten haben, von dessen frischer Optik sie nun aber profitieren. Der Trend zum Flaggezeigen stammt nämlich nicht von älteren Herren, die nun als neudeutsche Patriotismus-Beauftragte durch Talkshows tingeln. Er wurzelt einerseits in unserem Nachwuchs, andererseits weit unten. Eine Bauch-Sache - emotional, gesellschaftlich, generationsspezifisch.



Es ist ein bisschen wie mit "Big Brother" oder Dieter Bohlen. Solche Phänomene der Pop- beziehungsweise Prollkultur ploppen hoch wie Blasen in einer Gulaschsuppe, werden aufgrund ihres hitzigen Erfolgs salonfähig und am Ende auf höchstem Niveau zerkocht.

Es gibt inzwischen fast so viele Jugend-Versteher, Prollkultur-Erklärer und Fußball-Intellektualisierer wie früher Bundestrainer. Dabei geht es doch nur darum, dass das Runde ins Eckige passt - und die Fahne ans Autofenster? Das Geheimnis des Fähnchenerfolgs ist: Jede Gegenwehr wirkte schnell unentspannt, wo wir doch jetzt so super locker drauf sind. Ich wollte aber lange nicht locker werden.

Kind: (augenrollend) Dann zahl ich die Fahne eben von meinem Taschengeld.

Vater: Darum geht's doch gar nicht.

Kind: Sondern?

Vater: Wir könnten ja auch zwei Fähnchen kaufen.

Kind: Welche denn noch?

Vater: Na ja, Brasilien zum Beispiel.

Kind: Wieso denn Brasilien?

WM-AUTOKORSOS: JUBELN AUF RÄDERN

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Ja, warum eigentlich? Weil du, verehrte Tochter, nicht den Schimmer einer Ahnung hast, wie überfrachtet dieses bescheuerte Fahnenthema bisher war. Weil dein Dad mit zwei Fähnchen zum Ausdruck bringen könnte, was für ein supernetter Weltbürger er ist. Und dass vor seinem Fußball-Patriotismus kein Nachbar mit Migrationshintergrund (weder in der Straße noch auf dem Planeten) Angst haben muss.

Es ist ja nicht mal so, dass ich aus ideologischen Gründen gegen das Fähnchen wäre. Selbst unsere französische Nachbarin hat nicht die Trikolore am Auto, sondern l'Allemagne! Ich wollte Schwarz-Rot-Gold aber auch nicht als Ausdruck schleichender Normalisierung spazieren fahren. Das wäre ja mindestens ebenso bescheuert.

Kurz darauf flackerte links Brasilien, rechts Schwarz-Rot-Gold. Es war ein typischer Große-Koalitions-Kompromiss, der zugleich verriet: Deutschland allein traut der Fahrer (sich noch) nicht. Es war komplett bescheuert. Ich war bescheuert - und zog die Brasilien-Fahne dann persönlich wieder ein.

Nach dem Erreichen des Halbfinales machte ich mit dem Ding endgültig meinen vorläufigen Frieden. Denn wahrscheinlich geht es wirklich nur ums Lustig und sonst nix. Wahrscheinlich wird das Fähnchen von breitesten Bevölkerungsschichten als Party-Dekors wahrgenommen und akzeptiert wie ein Wackeldackel im Fondsfenster. Beide sagen: Achtung, der Fahrer ist leicht bekloppt, aber harmlos! Der tut nix. Der will nur spielen.

Entspannen wir uns also! Es war auch schon anstrengender, deutsch zu sein.

 

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