Deutschland, lach auf

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eröffnet am: 09.09.05 16:34 von: quantas Anzahl Beiträge: 4
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09.09.05 16:34

15328 Postings, 5716 Tage quantasDeutschland, lach auf

Jede Stadt eine Nekropole, jeder Mensch ein Vergessener, jeder Morgen schwärzer als die Nacht. Mit diesem von den Medien gezeichneten Bild reist man vor der «Schicksalswahl» durch die Republik. Und sieht mehr Farbe, als einer Nylonjacke steht, die unsere Nachbarn so gerne tragen.

Mittwoch - Die Lektüre auf der Zugfahrt von Zürich nach München bietet wenig Anlass zur Vorfreude. «Schlamasseldeutschland» (der Soziologe Ulrich Beck). «Das Land steht am Abgrund» (der Ökonom Hans-Werner Sinn). «Die schwerste Krise der Bundesrepublik seit ihrer Gründung» (der Politologe Dieter Oberndörfer). Besonders deprimierend: die nicht enden wollenden Berichte zur totalen Misere auf dem Arbeitsmarkt im Spiegel. «Würde man das Magazin jede Woche lesen», wird einem ein paar Tage später eine alleinerziehende Berlinerin beipflichten, «könnte man sich gleich einen Strick drehen.»

Selbst die Bevölkerungsgruppe, der gemeinhin ein Hang zu Unbeschwertheit und Optimismus zugeschrieben wird, verströmt schlechte Laune: 52 Prozent der jungen Deutschen würden laut einer Umfrage der Zeitschrift Neon «lieber in einem anderen Land leben». Und da selbst das Fernsehen keinen Trost bietet (vor der Abreise sah man einen mehrstündigen, an einen Nachruf erinnernden Beitrag über den Niedergang der Industrienation), bereitet man sich innerlich vor auf eine Tour de Tristesse durch ein Land mit zerfallenden Städten, versteppten Ackerlandschaften und bleichen, niedergeschlagenen Menschen. Deutschland, ein neues Rumänien? Ob man Wolldecken und Fresspakete hätte mitnehmen sollen aus der schönen, reichen Schweiz?

Legt man die mit einem gewissen Pathos formulierten Leitartikel und Analysen («Die deutsche Angst vor der Freiheit»; «Unser Land braucht eine neue Aufklärung») für einen Moment beiseite und schaut zum Zugfenster hinaus, wo das Allgäu in strahlendem Spätsommerlicht vorbeizieht, stellt man fest: Hier sieht alles genauso perfekt aus wie in einem Heidi-Film. Nur wohlhabender. Kaum ein Haus, das nicht picobello renoviert wäre; der Limousinen-Quotient ist erheblich höher als in der Schweiz, geschweige denn sonst wo in Europa. Und der ICE, aus dem heraus man die ersten Banalbeobachtungen macht, erinnert mit seiner Hightech-Ausstattung, den geräumigen, holzverkleideten Toiletten und dem freundlichen Reisebegleiter, der einem den Tomatensaft auf einem Tablett an den Sitz bringt, an ein Viersternehotel.

Kann ein Land, das sich solche Züge leistet, in der Krise sein?

Donnerstag - Ein Besuch bei Andreas Harlander im Münchner Stadtteil Pasing. Harlander ist 35 Jahre alt, Fliesenleger mit Meisterbrief und führt in dritter Generation ein Familienunternehmen mit derzeit elf Mitarbeitern. Seine Firma gehört zum mittelständischen Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Das Land zählt sagenhafte 2,7 Millionen Betriebe, die weniger als fünf Millionen Euro Umsatz im Jahr machen, jedoch zusammen mehr Angestellte beschäftigen als die Grosskonzerne. Allerdings sind die Fliesenleger, einst die Upperclass auf deutschen Baustellen, in Bedrängnis geraten, seit sich billigere Allrounder aus Osteuropa in den Markt schieben. Allein im letzten Jahr haben Handwerker aus den neuen EU-Ländern in Deutschland 4400 Betriebe gegründet.

Mit seinem melancholischen Blick und der freundlichen Bescheidenheit ist Andreas Harlander die Antithese zum fidel herumpolternden Klischeebayern. Und er ist bemüht, nicht den jammernden Gewerbetreibenden zu geben. «Mei, dass es Durststrecken gibt, ist ja klar», sagt er, während er in seinem blitzblanken Büro Kaffee und frische Brezen serviert. «Wir machen zwar nicht die Bombengewinne. Aber meiner Firma geht?s relativ gut, weil ich brutal spreiz und um jeden Kunden kämpfe.»

Was ihm, der sechzig Stunden in der Woche arbeitet und dies weder schlimm findet noch je darüber nachdenkt, Mühe macht: dieses ständige Gerede von den satten Deutschen. «Die Spiesse sind einfach nicht gleich lang. Meine Leute zahlen vierzehn Prozent ihres Lohns in die Krankenkasse. Wer hier lebt, muss sich auf den Wohlfahrtsstaat einlassen. Ein Pole hingegen, der schwarzarbeitet, betreibt letztlich Sozialdumping.»

Auch wenn er nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es sein Geschäft in fünf Jahren noch gibt, blickt er «persönlich schon optimistisch» in die Zukunft. Eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, die seinem Betrieb zu schaffen mache, sei «die Geiz-ist-geil-Mentalität». Heute, sagt Harlander, muss alles billig sein, Qualität zählt nichts mehr. «Der Wert der Arbeit ist immer weniger wert.»

Mit der U-Bahn zum nächsten Termin. Beim Aussteigen perlt Chopin aus den Stationslautsprechern. In einer Wohnstrasse wird man vom Klacken einer fernbedienten Autotürverriegelung aufgeschreckt: Eine junge Frau, höchstens 22, mit Flipflops, Adidas-Jäckchen und Rucksäckchen steigt in einen türkisfarbenen BMW 630i.

Ein Jugendstilhaus im Münchner Universitätsviertel Schwabing. «Sie sitzen einer Heuschrecke gegenüber», sagt Jürgen Diegruber. Der Mittvierziger mit himmelblau-orangefarbener Krawatte grinst derart unbeschwert und dynamisch, dass er als Amerikaner durchgehen könnte. Heuschrecken, man weiss es, sind jene Spezies, mit welcher der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering die kapitalistische Internationale oder zumindest den aus seiner Sicht unanständigen Teil davon verglichen hat.

Als Inhaber einer Private-Equity-Gesellschaft, die in mittelständische Unternehmen investiert, fühlt sich Diegruber naturgemäss angesprochen. Ärgern mag er sich deswegen nicht. Erstens ist es eine Tatsache, dass seine Branche dank der Bereitstellung von Kapital Arbeitsplätze schafft und nicht vernichtet. «So gesehen ist Private Equity der Motor der Wirtschaft.» Zweitens ist er zuversichtlich, dass die Politik die Hauptprobleme des Landes, das Steuersystem und die hohen Abgaben, nun endlich angeht. «Es ist ein Erkenntnisprozess in Gang gekommen, dass der Wohlfahrtsstaat so nicht funktioniert.» Und drittens fährt Jürgen Diegruber anderntags mit seiner Familie in die Ferien. Im Auto geht es durch Ostdeutschland, «weil ich möchte, dass die Kinder das mal kennen lernen».

Mit seiner Neugier für das neue Deutschland, so wird sich im Lauf der Woche herausstellen, gehört der promovierte Betriebswirtschaftler nicht wirklich zum Mainstream. Seiner Offenheit hat Diegruber etliche pfiffige Geschäftsideen zu verdanken. Schon als Zwanzigjähriger handelte er mit reparaturbedürftigen Wohnmobilen, später, als er «in Deutschland etwas bewegen wollte», stieg er ins Bestattungswesen ein. Das war damals ein Sektor «mit geringem Professionalisierungsgrad, unterentwickeltem Servicegedanken und überhöhten Preisen». Er hatte derart durchschlagenden Erfolg, dass ihn die Konkurrenz alsbald «Fielmann der Bestattungsbranche» schimpfte.

«Wir hatten eine super Nachkriegszeit mit tollen Unternehmern», sagt er. In den vergangenen Jahrzehnten seien den Deutschen jedoch Tugenden wie Mut, Offenheit und Beharrlichkeit ein wenig abhanden gekommen. Es gebe Firmenbesitzer, die Ersatzteile für ihre Maschinen lieber im eigenen Land bestellen als in Italien, wo sie günstiger wären ? nur weil sie keine Fremdsprache lernen wollen. Ein weiteres Beispiel für die partielle Verschnarchtheit: Businessschulen. «Was man in Harvard und anderswo schon seit Jahren kennt, ist hier erst allmählich am Entstehen.»

Zum Abschied drückt er dem Deutschlandreisenden ein sperriges, blaues Buch in die Hand. Es heisst «Produzieren ohne Verschwendung». Diegruber hat es zusammen mit einem pensionierten Toyota-Manager verfasst, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Lean Production. «Um das Neue zu errichten», zitiert er seinen Lehrmeister, «muss man das Alte niederreissen.»

Freitag - Mit dem lautlos durch sattgrüne Hügellandschaften sausenden ICE nach Mannheim und von dort in die Pfalz. Gelegenheit für ein Telefongespräch mit Hellmuth Karasek, dem Literaturkritiker, Romancier und Universalgelehrten.

Zugfahrten erweisen sich für das Protokollieren von Handy-Unterhaltungen als gänzlich ungeeignet. Karaseks Äusserungen zur Deutschen Bahn lauteten in etwa so: «Der ICE, wenn man Glück hat, ist ein Prunkstück. Von Köln über Frankfurt nach Stuttgart, das ist ein wunderbarer Zug! Und Sie finden jede Stunde eine gute Verbindung in die grossen Städte. Ich bin aber an den zwei heissesten Tagen des Jahres von Hamburg nach Weimar gefahren, und beide Male ist die Klimaanlage ausgefallen. Und wenn es frostig ist, frieren die Oberleitungen ein. Auch werfen sich relativ viele vor die Schnellzüge. Das verzögert die Weiterfahrt und ist natürlich ganz furchtbar für die Lokführer. Ich habe gehört, dass es mittlerweile ein Heim gibt, in dem sie psychologisch betreut werden. Sie sehen, Deutschland ist ein zwiespältiges Land.»

Dank dem beispiellos grosszügigen Spesenreglement des Arbeitgebers hat man sich erste Klasse gegönnt. In Ulm steigen zwei überaus fröhliche Paare Ende dreissig zu. Die Männer tragen ausgelatschte Mokassins und Rüeblijeans, die in Deutschland gemäss einer eiligen Internetrecherche tatsächlich Karottenjeans heissen. Die Frauen mögen?s noch bequemer und sehr bunt, ihre Windjacken sind mindestens sechsfarbig.

Über die erklärungsbedürftige Diskrepanz zwischen mehr als passablen Modedesignern (Lagerfeld, Jil Sander, er selbst) und einer erbarmungslos schlecht gekleideten Durchschnittsbevölkerung hätte man sich gerne mit Wolfgang Joop unterhalten, dem klugen, schreibgewandten Modemacher aus Potsdam. Doch erstens ist er unterwegs zwischen Rom und seinem Drittwohnsitz New York, zweitens lässt er derzeit jedes Gespräch abwimmeln, das sich auch nur im Ansatz um den deutschen Wahlkampf zu drehen droht.

Im pfälzischen Niederkirchen, 2000 Einwohner, Riegelhäuser, Rebberge, scheint dagegen gerne über Politik geredet zu werden. Am Stammtisch im Gasthof «Zum Schwanen» haben sich knapp ein Dutzend Einheimische versammelt, Weinbauern, Handwerker, ein Fabrikarbeiter, eine Büroangestellte, um sich mit dem Schweizer Journalisten über die Lage der Nation zu unterhalten. Die Sätze, die man zu hören bekommt, sind einem nach wenigen Tagen Deutschland bereits vertraut: Mit dem Land im Allgemeinen geht es bergab; im eigenen Dorf, Betrieb oder Viertel hat man aber noch Glück gehabt. Uschi formuliert es so: «Wir leben nicht in Saus und Braus, es herrscht einfach ein gesunder Wohlstand. Ich möchte aber nicht in die Stadt gucken, wo ständig Stellen abgebaut werden.»

Dass Gerhard Schröder in dieser ländlichen, mehrheitlich katholischen Gegend unweit der Geburtsstätte von Dr. Helmut Kohl kein Popstar ist, durfte vermutet werden. Aber eines müssen sie dem abgehobenen Gauner, der in seinem Leben noch nie richtig gearbeitet hat, lassen: Wie er vor dem Irakkrieg den Amerikanern die Stirn geboten hat ? Respekt. «Ich bin saufroh», sagt einer, «dass wir da nicht mit drinhängen.»

Im Lauf des Abends werden Beispiele für den um sich greifenden Niedergang des Landes vorgebracht. Schule: Wenn die Klassenlehrerin merkt, dass ein Kind ein wenig unruhig ist, darf es sich in der Spielecke entspannen. Lehrlinge: Einer ist am zweiten Tag nicht mehr zur Arbeit erschienen. Begründet hat er das wörtlich so: Hier muss man ja richtig arbeiten, das habe ich mir anders vorgestellt. Ausländer: Der Pole, der ist willig bis in die Haarspitzen. Bückt sich auf dem Feld jeden Tag zehn Stunden, ohne zu klagen. Dem Ostdeutschen tut das Kreuz schon nach einem halben Tag weh. Dann bekommt er Sozialhilfe. «So etwas», sagt Uschi, «treibt einem den Aggress ins Gesicht.» Hartz IV: Eine Familie, die Mietzuschuss bezieht, wurde aus ihrer Wohnung gewiesen, weil die drei Quadratmeter grösser war, als es die Verordnung erlaubt. Jetzt lebt die Familie in einer kleineren Wohnung, die teurer ist. Lehrlinge II: Bei BASF im nahen Neustadt hat einer eine Halterung falsch angeschraubt. Schief!, bemängelte der Chef. Das liegt im Auge des Betrachters, antwortete der Lehrling.

Die Diskussion ist jetzt sehr laut und lebhaft. Als man, um das Thema ein wenig zu wechseln, das vorzügliche Rumpsteak lobt, senkt sich der Lärmpegel augenblicklich. Die Frau eines Winzers sagt: «Ja, uns geht?s schon gut in der Pfalz.» Die anderen pflichten brummelnd bei.

Samstag - Der Bahnhof von Gütersloh (Nordrhein-Westfalen) kommt von dem, was man bisher gesehen hat, Rumänien am nächsten. Dann aber das Übliche: propere Einkaufsstrassen und eine Passantin, die sagt, «dank Bertelsmann und Miele geht es uns hier noch verhältnismässig gut».

Am Berlinerplatz herrscht Wahlkampf, wobei «Kampf» nur in sehr sublimierter Form zu verstehen ist. Ein Mann mit Fünftagebart befestigt an einer Strassenlaterne ein Pappschild der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands; ein Bub im Vorschulalter hopst mit einem CDU-Luftballon herum; zwei Nachwuchsaktivisten der FDP verteilen so super gelaunt Faltprospekte, als seien sie bei Guido Westerwelle im Grins-Seminar gewesen.

Auch die Grünen machen es einem einfach, sich über sie lustig zu machen: An ihrem Infostand gibt es Einladungen für das «abendliche Falafelbacken» mit dem lokalen Spitzenkandidaten, einem jungen Juristen mit Strebergesicht. Überhaupt gewinnt man hier den Eindruck: Deutsche Politik ist etwas für die unter Dreissigjährigen.

Anna Lührmann zum Beispiel, die ebenfalls Flyer für den Falafel-Event unters Volk bringt, ist soeben 22 geworden. Unter den Freiwilligen, die ein wenig verklemmt herumstehen und sich alle paar Minuten dazu durchringen, einen Passanten anzusprechen, fällt sie kaum auf. Dabei ist Anna, wie sie hier alle nennen, keine ehrenamtliche Standaktivistin, sondern Bundestagsabgeordnete der Grünen und somit eine Art Stargast, der eigens für den heutigen Aktionstag aus Berlin angereist ist. Lührmann ist die jüngste Parlamentarierin Deutschlands; als sie 2002, also mit 19 Jahren, gewählt wurde, war das sogar Weltrekord. Auf einen Eintrag im Guinness-Buch hat sie verzichtet, weil der 300 Euro gekostet hätte.

Um drei Uhr wird der Infostand abgebaut, danach gibt es in der lokalen Parteizentrale eine Pressekonferenz. Westfalen-Blatt und Die Glocke haben sich angemeldet, kommen aber nicht; die Neue Westfälische hat sich nicht angemeldet und kommt wirklich nicht. Zeit also, sich mit Anna Lührmann und dem enttäuschten Jungjuristen über Deutschland zu unterhalten.

Man möchte von den beiden wissen, ob es heutzutage noch so etwas wie deutsche Tugenden gibt. Auf die harmlose und durchsichtige Provokation hereinfallend, bemängelt er, der Begriff Tugend sei ein wenig antiquiert. Sie erwähnt Zuverlässigkeit und «Toleranz gegenüber Minderheiten». Er nickt anerkennend. Eine gleichaltrige Kollegin von der Kreispartei, die bisher schweigend am Tisch gesessen hat, gibt zu bedenken: Dennoch dürfe man gewisse Probleme nicht unter den Teppich kehren, etwa die hohe Kriminalitätsrate unter Russlanddeutschen. «Haben wir ja eine Tagung dazu gemacht», fällt er ihr ins Wort.

«Als Jurist», fährt er weiter, «sage ich mal Strukturiertheit.» Man glaubt, einen Anflug von Entsetzen in Anna Lührmanns Blick erkennen zu können. Er unbeirrt: «Die Deutschen wollen eben wissen, wie sieht das Bildungssystem in zehn Jahren aus? Wie viel Rente werde ich kriegen?» Sie wendet ein: Man müsse doch akzeptieren, dass die Zukunft ein wenig unsicher sei. Er: «Wirkliche Änderungen basieren immer auf Strukturänderungen, nicht auf Unsicherheit. Wenn man das den Leuten erklärt, akzeptieren sie das Neue durchaus. Was es braucht, sind Kompaktänderungen.»

Ferner möchte man von den beiden wissen, wieso Deutsche so sehr um politische Korrektheit bemüht sind. «Eine grauenhafte Einheitssauce», zitiert man Hellmuth Karasek, mit dem man sich nicht nur über Züge unterhalten hatte, sondern auch über die bemerkenswert homogene Meinungsfront gegen alles Amerikanische.

Anna Lührmann, die für eine Spitzenpolitikerin so unkonventionelle Dinge tut wie zuhören oder dem Gesprächspartner Recht geben, schweigt lange. Es scheine schon einen sehr engen Konsens darüber zu geben, sagt sie schliesslich, was gesagt werden darf und was nicht. «Und das ist gut so!», ergänzt ihr Parteikollege. In Deutschland gebe es ja keine Beschränkung der Meinungsäusserung. «Nur beim Wie sind gewisse Grenzen gesetzt. Das finde ich in Ordnung.»

Sonntag - Berlin, Berlin. Es ist schon fast eine Befreiung: Am fünften Tag der Reise, in einem Restaurant am Kurfürstendamm, wird man endlich einmal unhöflich behandelt. Ansonsten scheint sich das Land durch eine flächendeckende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft auszuzeichnen, die jedem Schweizer zu denken geben muss. Kommt hinzu: Beim erwähnten Lokal handelte es sich um eine Pizzeria, die Kellner waren Italiener.

«Lustig, ich glaube, man hat immer das Gefühl, in der Fremde seien die Leute freundlicher», sagt Thea Dorn, mit der man sich im lauschigen Café «Literaturhaus» zum Lunch verabredet hat. Ihre Vita ist der Beweis dafür, dass Deutschland, trotz regelmässiger Abschiffer bei der Pisa-Studie, nicht nur Halbschlaue hervorbringt: 1970 geboren, abgeschlossenes und als Dozentin angewandtes Philosophiestudium, erster Kriminalroman mit 24 Jahren («Berliner Aufklärung», preisgekrönt), Dramaturgin am Staatstheater Hannover, eigene Literatursendung auf SWR 3 etc. Thea Dorns Bücher zeichnen sich durch einen ziemlich unsentimentalen Blick auf die Welt aus. Entsprechend mitleidlos ihre Sicht aufs eigene Land.

Wie schlimm steht es um Deutschland?
Jammern ist eine der Haupttugenden der Deutschen. Natürlich ist es ein Witz, wenn man sich in der Welt umschaut, zu behaupten, Deutschland sei an der Grenze zum Schwellenland.

Woher kommt der Pessimismus?
Bis zur Wende war das hier ein vollkommen erstarrtes Land. In gewisser Weise traf das blöde Schlagwort vom Ende der Geschichte auf Deutschland zu. Von den saturierten Achtundsechzigern, die sich ja auf ihren Posten solide eingerichtet haben, bis zu meiner Generation der heute Dreissig- bis Fünfunddreissigjährigen hielten wir die Welt, wie sie damals war, für eine unverrückbare Selbstverständlichkeit. Es gab zum Beispiel kein Bewusstsein, dass Papa Staat vielleicht einmal nicht mehr für uns da sein würde, dass irgendwann wieder soziale Kämpfe ausbrechen könnten.

Und jetzt sind die Leute verunsichert.
Sicherheit ist ein menschliches Urbedürfnis. Die ganze abendländische Kultur ist im Grunde genommen eine einzige Anstrengung, dem Schicksal das Schicksal auszutreiben und für Sicherheit zu sorgen. Das haben verschiedene Gesellschaften auf unterschiedliche Weise bewältigt. Offensichtlich sind die Deutschen ? was ganz viel mit dem Bismarckschen Sozialstaat zu tun hat ? besonders empfänglich für staatliche Lösungen.

«Jeder ist seines Glückes Schmied» ist doch ein deutsches Sprichwort.
Das galt vielleicht vor 130 Jahren, als die Deutschen nach Amerika ausgewandert sind. Heute gibt es eine wahnsinnige Unflexibilität auf dem Arbeitsmarkt, die mich rasend macht. Die Leute bekommen gesagt, es ist normal, dass ihr eine Ausbildung macht und dann einen Job fürs Leben kriegt, am allerbesten im Staatsdienst und am zweitbesten bei VW oder Mercedes. Falls ihr scheitert, macht ihr euch zur Not halt selbständig. In der ganzen EU ist Deutschland das Schlusslicht bei den Selbständigerwerbenden. Da ist offensichtlich eine tiefe Angst, initiativ werden zu müssen. Denn das hiesse ja, ich muss Verantwortung übernehmen.

Dieses Bedürfnis nach Sicherheit scheint eine deutsch-deutsche Gemeinsamkeit zu sein.
Eine Freundin von mir sagte neulich zynisch, sie wundere sich, dass es noch keine Fernsehshow gebe mit dem Titel «Deutschland sucht den sichersten Job». Und klar, denen im Osten ist noch mehr beigebracht worden, dass der Staat alles regelt. Deswegen sind sie womöglich noch unfähiger, mit den Herausforderungen einer unsicher gewordenen Welt umzugehen. Wobei, wie gesagt, die Welt schon immer eine unsichere Veranstaltung war. Aber irgendwie hat es die Bundesrepublik, und mehr noch die DDR, fertig gebracht, die Illusion zu nähren: Hier wird für die Ewigkeit gebaut.

Werden Sie wählen?
Auf jeden Fall. Obwohl ich alles für Pest und Cholera halte, finde ich, nicht wählen geht gar nicht.

Und wem werden Sie Ihre Stimme geben?
Schwarz oder Gelb, das weiss ich noch nicht mit Bestimmtheit. Natürlich fällt es mir habituell schwer, zum ersten Mal etwas zu wählen, was nicht rot-grün ist. Wahrscheinlich gehe ich mit verbundenen Augen zur Wahl. Gerade in dem Milieu, in dem ich mich bewege, Literaturbetrieb und Fernsehen, wird man ja angeschaut, als ob man in die Psychiatrie gesteckt gehört, wenn man erklärt, man sei nicht dafür, dass die jetzige Regierung weitermacht.

Was ist von einem Regierungswechsel zu erwarten?
Es wird bestimmt kein sozial-arktischer Wind durchs Land wehen. Die Differenz zwischen den beiden Lagern ist verschwindend, und mir ist selbst die CDU noch viel zu sehr Sozialstaatspartei. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wo die Intellektuellen den Weltuntergang sehen, wenn Angela Merkel Kanzlerin wird. Natürlich hat sie die schlechteren B-Noten als Schröder, aber sonst? Günter Grass hat ja dazu aufgerufen, die jungen Dichter zu versammeln, um für die Erhaltung des Abendlandes in Form von Rot-Grün zu kämpfen. Da kann ich nur lachen. Was ist denn das für ein Mut, in diesem Land für Rot-Grün zu kämpfen?

Montag - Berlin, realisiert man beim Spaziergang durch die Friedrichstrasse, ist ein beinahe absurd geschichtsträchtiger Ort. Schön ist die Stadt auch, im Sinne der semimorbiden Melancholie, die sie umweht. Gewisse Dinge sind für Aussenstehende jedoch schwierig nachzuvollziehen. Wieso gehen die Leute so langsam? Warum hat es kaum Verkehr? (Immerhin handelt es sich um die 3,5 Millionen Einwohner zählende Kapitale der drittgrössten Wirtschaftsnation auf Erden.) Wie ist es möglich, dass man an bester Lage eine Vierzimmerwohnung für 500 Euro im Monat bekommt? Weshalb bleiben die Fussgänger selbst dann vor roten Ampeln stehen, wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist? Und wieso kann man im Hotel bis 13 Uhr frühstücken?

Eigentlich wollte man sich mit Jens Bisky über Ost- und Westdeutschland unterhalten. Der Feuilleton-Redaktor der Süddeutschen Zeitung, der in Leipzig in der DDR aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in Berlin lebt, hat soeben einen kontroversen Artikel publiziert, in dem er schreibt, dass die deutsche Einheit gescheitert ist und ein «patriotisches Tabu» bestehe, «über die Unterschiede und die substanziell verschiedenen Interessen in Ost und West» zu streiten. Nun aber, da wir in der Abendsonne vor dem «Borchert» sitzen, einem von der Journalistenprominenz der Stadt besuchten Café, fällt die Rede zuerst auf die Eigenheiten Berlins.

«Wer hier arbeitet», sagt Bisky, «gehört zu einer kleinen, radikalen Minderheit.» Vermutlich sei Berlin nach Tirana die billigste Hauptstadt Europas, was «eine Menge Leute mit einer natürlichen Neigung zur Reflexion» anziehe. Er erzählt von Kommilitonen aus seiner Generation, er ist 39, die sich überlegen, ob sie ihr Soziologiestudium allmählich abschliessen wollen. «Gleichzeitig leben in der Stadt 300 000 Polen, die sozusagen ihren privaten Businessplan immer dabei haben. Ich beschäftige einen polnischen Putzmann. Der rackert wie ein Idiot und hat mittlerweile zwei Angestellte.» An Berlin gefalle ihm, sagt Bisky, dass es Platz hat für beide Lebensentwürfe. «Nur sollen die Kommilitonen nicht rumjammern, wenn ihnen irgendwelche Zuschüsse gekürzt werden. Wer sagt, auf Kosten anderer zu leben, ist auch unsozial, gilt in dieser Stadt bereits als neoliberal.»

Der häufigste Einwand gegen Biskys Artikel lautet, Deutschland sei ohnehin ein regionalisiertes Land. Bayern und Bremer seien sich mindestens so fremd wie Sachsen und Schwaben. «Immer heisst es, Unterschiede gibt?s so viele, und nicht alle verlaufen an der Ost-West-Grenze», sagt Jens Bisky. Das lenke doch nur davon ab, zu fragen, ob «dieser Transferwahnsinn» noch Sinn mache. Leipzig erhalte 580 Millionen Euro für den Bau eines S-Bahn-Tunnels, während in Hessen keine Mittel für die Sanierung von Hauptstrassen vorhanden seien. «Da geht es um viel Geld, darüber muss man reden können.»

Allmähliches Zusammenwachsen? Selbst Gelsenkirchen, die westdeutsche Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit, habe ein höheres Steueraufkommen als Dresden, die Boomtown des Ostens. Und nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst habe es bei der Berliner Zeitung zahlreiche Abo-Abbestellungen gegeben. Viele Ostdeutsche, deren Atheismus etwas völlig anderes sei als die Gleichgültigkeit im Westen, hätten die ausführliche Berichterstattung als stossend empfunden. «So könnte man jetzt Lebensbereich für Lebensbereich durchgehen», sagt Bisky, «und überall liessen sich signifikante Unterschiede finden.»

Dienstag - Unterwegs nach Mecklenburg-Vorpommern. Woran denkt ein Schweizer Journalist, der Ostdeutschland nur aus dem Fernsehen kennt, wenn er erstmals selber hinfährt? Natürlich an Rechtsextreme. Die erste Glatze steigt bei Eberswalde in den Zug. Sie trägt eine schicke Hornbrille und ein edles Hemd. Es muss sich um eine Designerglatze aus dem Bereich Architektur & Kunst handeln.

Es lässt sich nicht behaupten, dass, je weiter nach Osten man gelangt, die Häuser schöner, die Strassen breiter und die Fabriklandschaften blühender würden. Nur: Von Andalusien über den Mezzogiorno nach Sheffield ? in welchem Land sind Randregionen schon besonders wohlhabend?

Vor der Weiterreise von Berlin hatte man sich im feudalen «Ritz-Carlton» mit Frank Elbe getroffen, bis zum vergangenen Jahr Botschafter Deutschlands in der Schweiz und während der Wiedervereinigung Stabschef im Aussenministerium. Elbe, eine hochgewachsene, elegante Erscheinung, machte keinen Hehl daraus, wie wenig Sympathie er für die Defätisten und Schlechtmacher im Land aufbringt. «Ich wehre mich vehement gegen die Behauptung, mit unserem Land gehe es bergab. Wir besitzen eine grosse Leistungskraft, gerade wenn uns das Wasser Oberkante Unterlippe steht.»

Und die deutsche Einheit sei, bei allen Problemen, «zunächst einmal ein grosser Erfolg, aufgrund dessen sich die Welt verändert hat». Das Gerede von den lethargischen Ostdeutschen bezeichnete er als «Quatsch». Was erwarte man denn von einem Arbeitslosen in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Werftindustrie zu fast neunzig Prozent in die Sowjetunion lieferte, dieser Markt nun aber nicht mehr existiere? «Mobilität», spielte man den Ball zurück. «Stimmt. Darum ist ja ein Viertel der Bevölkerung schon weggezogen.»

Genau so habe er sich einen Schweizer vorgestellt! Am Bahnhof von Karlsburg, einer Ortschaft, fünfzig Kilometer vor der polnischen Grenze, steht Horst Zilm und streckt strahlend die Hand zum Gruss aus. Zu Hause wartet seine Frau Waltraud schon mit dem Mittagessen. Und natürlich bieten die Zilms ihrem Gast an, heute bei ihnen zu übernachten. Die beiden sind Mitte sechzig und leben seit 44 Jahren in Karlsburg. Er ist gelernter Lokführer, sie arbeitete im Dorf als Kindergärtnerin. Während der fünfminütigen Sightseeingtour durch den winzigen Ort erzählt Horst Zilm, dass die Arbeitslosigkeit in der Region mehr als zwanzig Prozent betrage. Dank der Herzklinik, dem weitaus grössten Arbeitgeber in der Umgebung, die zu DDR-Zeiten ein Zentrum für Diabeteskranke war, gehe es Karlsburg aber noch verhältnismässig gut. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie viele gepützelte Eigenheime und Neuwagen in einer der ärmsten Gegenden Deutschlands zu sehen sind.

Die Einfamilienhäuser an der Gartenstrasse, so erfährt man, gehören nicht selten ehemaligen SED-Kadern, welche die Immobilien nach der Wende dank Beziehungen und Informationsvorsprung zu günstigsten Konditionen erworben haben. Wende, Mauerfall: Schon sechzehn Jahre sind seither vergangen, und doch scheinen sich in Karlsburg alle Gespräche sofort um das Damals und Heute, um die DDR und die Bundesrepublik, zu drehen.

Die Zilms waren nie in der Partei. Im Gegenteil, als aktive Christen waren sie den Kommunisten suspekt. Als sich dann die Tochter in einen Westdeutschen verliebte und einen Ausreiseantrag stellte, war es vorbei mit der friedlichen Koexistenz. Die Tochter wurde aus dem Dorfchor gemobbt, weil sie doch jetzt unmöglich Arbeiterlieder singen könne. Der Vater verlor die Stelle, und man entzog ihm, was ihn besonders schmerzte, die Leitung des Ferienlagers, das er zehn Jahre lang jeden Sommer zur Begeisterung aller Kinder und Eltern durchgeführt hatte.

Horst Zilm, der sich schon in der DDR aus Prinzip an jeder Wahl beteiligte, wird seine Stimme auch diesmal der CDU geben. Nur schon aus Dankbarkeit dafür, was Helmut Kohl, dem er einst drei Chrysanthemen überreichte und von dem ihm «ein fleischiger, unangenehmer Händedruck» in Erinnerung geblieben ist, für die Leute im Osten getan hat. «Ich bin jeden Tag froh», sagt er, «dass es diesen Staat nicht mehr gibt.»

Zum Feierabendbier geht es zu einer kleinen Garage am Dorfrand, die einem pensionierten Metzger gehört. Er hat sie zu einer inoffiziellen Bar umfunktioniert, weil ihm die Dorfkneipe zu teuer war. Das Tor ist hochgeklappt, drinnen sitzen ein halbes Dutzend Männer auf Holzbänken und trinken Lübzer Pils. Im Lauf des Abends schauen noch einige mehr vorbei. Handwerker die meisten, einige Rentner, kaum Arbeitslose, alles Männer.

Offenbar gilt es, in der Garage verschiedene Regeln zu beachten. So gibt es einen Stuhl, der allein dem Chef (so nennen die Gäste den Garagenbesitzer) vorbehalten ist. Zudem sammelt der Chef Flaschenöffner. Von den diversen Modellen, die herumliegen, warnt ein Gast, dürften nicht alle benutzt werden.

Der Raum ist mit Teppichen ausgelegt und reichhaltig dekoriert. An den Wänden und an der Decke hängen unter anderem: Karl Marx, eine Viagra-Uhr, Landschaftsfotografien in Schwarzweiss, FDJ- und DDR-Fahne, die Karikatur einer beschwipsten Katze mit einer Mass zwischen den Pfoten, Erich Honecker, ein selbstgefertigtes Schild mit der Aufschrift «Landespolizei 1935», das Playgirl des Monats und Adolf Hitler. Zudem ein Jutesack, der eine Schildkröte zeigt, die einen Frosch küsst, und auf dem steht: «Trag sorge zu Deiner Umwelt».

Der Empfang ist nicht überschwänglich, eine Mischung aus Misstrauen, Scheu, Neugier und Verlegenheit. «Arbeiten Sie für RTL?», will einer wissen. Die Information, dass man von einer Schweizer Zeitschrift sei, wirkt entspannend.

«Der Zustand unseres Landes ist nur noch im Suff zu ertragen», brüllt der Chef unter allgemeinem Gelächter.

Ein Gast zeigt aufs Honecker-Porträt und sagt: «Über den haben wir früher geschimpft. Aber so einen bräuchte es heute wieder.»

«Oder so einen», brüllt der Chef und zeigt auf Hitler.

«Schreib auf», sagt ein Automechaniker, «der westdeutsche Arbeiter ist in Ordnung, der ostdeutsche Arbeiter ist in Ordnung, die Politiker in Deutschland sind Scheisse.»

«Der hat?s gut», sagt ein Rentner über den Automechaniker. «Die haben beide Arbeit, er und seine Frau.»

«Die Ostdeutschen», sagt ein anderer, «wollen die Mauer am liebsten wieder aufbauen. Nur zehn Meter höher. Und die Westdeutschen würden das Material dazu geben.»

«Wer soll uns denn regieren? Die SPD taugt nichts, die CDU taugt nichts, die NPD taugt nichts.»

«Und die PDS schon gar nicht.»

«Wobei: Lafontaine, der versteht was von Wirtschaft.»

«In die eigene Tasche vielleicht.»

«Was passiert eigentlich, wenn du nicht wählen gehst? Kriegt dann ein anderer deine Stimme?»

«Ein-Euro-Jobs, das ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.»

«Schwachsinn. Wenn einer seine Firma nicht über Wasser halten kann, dann soll er eben Strassen fegen.»

«Genau.»

«Du, sei mal schön ruhig, mit deinen fünf Garagen.»

«Ich hab halt gearbeitet, während du die Eier geschaukelt hast, du rote Socke.»

«Sag du bloss nicht rote Socke zu mir, das kotzt mich an.»

«Hat einer von euch schon mal Straussenfleisch gegessen?»

«Mir schmeckt das nicht. Ich hab lieber einen schönen Wildschweinbraten.»

«?So sind die Geschmäcker verschieden?, sagt der Bauer und leckt die Kuh am Arsch.»

«Deutschland ist ein schönes Land. Es wohnen auch genug Deutsche hier. Aber sie machen zu wenig draus.»

«Der Deutsche ist eine Rasse. Wir hätten den Krieg nie verlieren sollen. Jetzt gibt es kein Deutschland mehr. Alles Untertanen.»

«Wir mussten ja alles von den Wessis übernehmen. Aber dass man bei uns an den Ampeln rechts abbiegen darf, wenn kein Fussgänger da ist: Selbst das haben die nicht begriffen.»

«Fragt sich, wer hier dumm ist.»

«Die können ja nicht mal ihre Autos anständig pflegen.»

«Dumme gibt?s überall. Es gibt dumme Deutsche, dumme Neger, dumme Bayern.»

«Das Bier in Bayern, das schmeckt, als ob einer ringekotzt hat.»

«Leben und leben lassen.»

«In gewissen Punkten, da hat der Stoiber Recht.»

Zum Abschied klopft einer dem Berichterstatter aus der Schweiz auf die Schultern und sagt: «Du bist ein kerniger Deutscher.»

Mittwoch - Frau Zilm bereitet ein reichhaltiges Frühstück zu, mit Ei, Käse und Kernenbroten. Am Radio läuft ihr Lieblingssender, NDR Kultur. In den Sommermonaten hatte die Station, was Frau Zilm besonders freute, eine mehrteilige Lesung von «Effi Briest» gebracht. Ihr Mann hingegen bevorzugt die russischen Klassiker.

Nachdem die beiden ihrem Gast ein kleines Abschiedsgeschenk überreicht haben, fahren sie ihn zum Bahnhof im benachbarten Züssow. In einem Land mit vielen netten Menschen waren die Zilms vielleicht die nettesten.

Zum ersten und einzigen Mal während der gesamten Reise hat ein Zug Verspätung. Acht Minuten. Bei der Ankunft in Berlin Ostbahnhof ist er längst wieder im Fahrplan.

Die Weltwoche, Zürich

 

09.09.05 16:35

26159 Postings, 6112 Tage AbsoluterNeulingSchweiz, schlaf weiter.


A.N.
(vincit sedendo)

geschichtsunterricht ist das eine, die wahrheit oftmals eine andere. war in meck/pomm und es gab nur einen, der bei diesem lehrer je eine 1+ in der mündl. prüfung bekam.

 

09.09.05 16:43

15328 Postings, 5716 Tage quantasMuss sagen AN



Bist ein absoluter Schnellleser! Du bist sensationell!
Schaff ich nicht.

salute quantas  

09.09.05 16:56

26159 Postings, 6112 Tage AbsoluterNeulingDu glaubst doch wohl nicht, dass ich...

...proxicomis oder Deine 100 DIN-A4-Seiten-Sermone lese?
A.N.
(vincit sedendo)

geschichtsunterricht ist das eine, die wahrheit oftmals eine andere. war in meck/pomm und es gab nur einen, der bei diesem lehrer je eine 1+ in der mündl. prüfung bekam.

 

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  1 Nutzer wurde vom Verfasser von der Diskussion ausgeschlossen: yurx