Deutschland fürchtet die Unterschicht

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neuester Beitrag: 24.12.06 10:42
eröffnet am: 24.12.06 08:55 von: quantas Anzahl Beiträge: 2
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24.12.06 08:55
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15324 Postings, 5712 Tage quantasDeutschland fürchtet die Unterschicht

Der SPD-Chef Kurt Beck legt den Finger auf den wunden Punkt

Haben sich acht Prozent aller Deutschen selber aufgegeben? Die SPD hat die Unterschicht entdeckt und so die Ängste des Mittelstands geweckt.

David Hesse

Sie suchen keine Arbeit mehr, pflegen kaum soziale Kontakte, vereinsamen und verfetten vor ihren Fernsehgeräten. Wenn sie wählen, dann die Linkspartei oder die rechtsradikale NPD. Sie verkriechen sich in Wohnblock-Ghettos und lassen sich in zweiter Generation schon Arbeitslosengeld auszahlen. Ihren Kindern bläuen sie ein, dass «da draussen» niemand auf sie wartet, dass Aufstieg für «die andern» ist.

So leben, glaubt man einer Stu- die  der Friedrich-Ebert-Stiftung, bald sieben Millionen Deutsche. Sie haben sich gänzlich von der Gesellschaft verabschiedet und bilden das «abgehängte Prekariat», benannt nach ihren prekären Lebensumständen. 25 Prozent aller Wahlberechtigten in Ostdeutschland und 4 Prozent aller erwachsenen Westdeutschen zählt die Studie dazu; Kinder und Ausländer wurden nicht mitgezählt. Der Report, der vollständig erst nächstes Jahr erscheint, zeichnet das Bild einer gespaltenen Gesellschaft: ein Drittel ist privilegiert, ein zweites fühlt sich bedroht, das dritte hat sich abkoppelt. Für die deutschen Sozialdemokraten ist dieser Zustand ein «gesellschaftlicher Skandal»: «Deutschland hat hier ein zunehmendes Problem. Manche nennen es Unterschichten-Problem», sagte der SPD- Vorsitzende Kurt Beck Anfang Oktober in einem Interview. Daraufhin ist eine hitzige und bis heute andauernde Diskussion um das «U-Wort» und die «neue Armut» entbrannt. Manche Politiker tun die Unterschicht als eine weltfremde Erfindung von Soziologen ab, andere sehen Deutschland gefährdet durch gesellschaftlich desinteressierte Sozialschmarotzer.

«Armut ist nicht neu, aber langsam hat das Prekariat die Mittelschicht erreicht», sagt der Berliner Soziologe Martin Kronauer. In fetten Jahren würden die Verlierer totgeschwiegen, in harten Zeiten aber fielen sie auf. Und nun, da es auch der Mittelklasse «an die weissen Krägen» gehe und der soziale Abstieg fast jeden ereilen könne, komme es endlich zur lautstarken Auseinandersetzung mit den sozial Abgehängten. Angekündigt habe sich deren Misere schon lange: «Wir haben bereits 1993 in Untersuchungen bemerkt, dass sich eine Schicht von Langzeitarbeitslosen herausbildet, die sich aufgibt und zurückzieht», so Kronauer.

Wie können Menschen, Staatsbürger gar, nicht illegale Einwanderer, der Gesellschaft in so grosser Zahl abhanden kommen? Linkspolitiker wie Franz Müntefering führen die Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Feld, den Zwang zu Ein-Euro-Jobs und die Sozialhilfereform, die eher zu Boden drücke statt auf die Beine helfe. Wirtschaftslibera- le hingegen beklagen die verwöhnte, reformunwillige Erwartungshaltung vieler Bundesbürger gegenüber dem in Finanznot geratenen deutschen Versorgerstaat. Auch der SPD-Vorsitzende Kurt Beck bemerkte mit Unmut, manche Unterschichtler hätten sich zu sehr arrangiert mit der Ausweglosigkeit.

Die Unterschicht ist keine vernetzte Klasse, sondern ein Mosaik isolierter Haushalte. Scham ist mit ein Grund dafür. Alle Abgehängten, sagt der Soziologe Thomas Kronauer, «sind noch immer mit Rechten ausgestattete Bürger und geprägt von den Wertvorstellungen der Gesellschaft». Etwa von der Überzeugung, dass jeder gesunde Bürger das Rüstzeug zum Erfolg hat. Nur wer sein Potenzial nicht nutzt oder Fehler macht, wird arbeitslos.

Die ständige Angst, nicht zu genügen und abzustürzen, regiert auch die mittleren Schichten, die sich oft aggressiv gegen unten abgrenzen. «In der Unterschichtendebatte geht es stets auch um Bedrohung», so Kronauer. Die Angst vor den brennenden Pariser Banlieues verschmilzt mit der Angst vor dem eigenen Abgehängtwerden. Autoren wie Gabor Steingart oder der Historiker Paul Nolte beschreiben die Unterschicht primär als eine Gefahr für das Bürgertum. Illustrierte wie «Stern» und «Focus» schrecken ihre Leser mit Reportagen aus Welten der häuslichen Gewalt, der frühen Schwangerschaften, der Süchte. Der «Unterschichtler» wird zum Schreckgespenst, zum Fremden und zum Bremsklotz.

 
 
 

http://www.nzz.ch/2006/12/24/al/articleERWCB.html

 

24.12.06 10:42
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441 Postings, 5265 Tage nasgulEs gibt in Deutschland ein Blatt, dass nennt sich

"Die Zeit". Wenn man dort so manchen Schreiber liest, der die Gesellschaft der BRD zu beschreiben versucht, dann könnte man meinen, der hat sein Büro am Nordpol, so weltfremd kommen die Ansichten daher. Allerdings die "NZZ" scheint ihr den Anspruch von verklärten Sichtweisen, die deutsche Gesellschaft betreffend, nun langsam aber sicher ablaufen zu wollen.

Das die Gesellschaft der Schweiz und damit auch ihre Medien noch nicht in der Gegenwart angekommen sind, beweisen sie ja nun schon länger am Festhalten längst überholter Vorstellungen. Zumindest fangen sie so langsam an zu begreifen, dass sie mit ihren Wertvorstellungen politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich den Anschluss an ihre Umgebung verlieren. Dieser Zwang zur Veränderung mit all seinen hervorgerufenen Ängsten treibt wohl die Blüten wie im obigen Artikel.

Wer die BRD und eigentlich auch die Schweiz berachtet, der wird feststellen, dass sich die Gesellschaftsstrukturen von ganz unten bis ganz oben betrachtet schon lange nicht mehr abgrenzen lassen, sondern ineinander verfließen.

Also was ist die Mittelschicht oder das Bürgertum und wie wird es in der heutigen Zeit definiert? Und was soll das dämliche Geschwätz von der Bedrohung durch die s.g. Unterschicht gegenüber der s.g. Mittelschicht? Nimmt diese s.g. Unterschicht der s.g. Mittelschicht etwa ihr Hab und Gut, ihre scheinbar sicheren Arbeitsplätze oder bedroht sie gar an Leib und Leben?

Aber vielleicht nimmt man in der Schweiz bei Gelegenheit ja mal zur Kenntnis, dass eine s.g. Bedrohung eine Folge der s.g. Globalisierung ist, die wiederum aus Teilen des s.g. Bürgertums auch ganz schnell Teile einer s.g. Unterschicht macht. Das hat aber wenig bis gar nichts mit Wertvorstellungen, Qualifikationen oder persönlichem Wollen zu tun, sondern mit marktwirtschaftlichen Folgen, an dessen Anpassung es gesellschaftliche Prozesse bedarf, die ihre Zeit benötigen. Das sich Menschen auf allen! Ebenen mit diesem Prozess mehr oder weniger schwer tun liegt dabei auf der Hand.

In der Schweiz scheint man ja über derartige Dinge erhaben zu sein, auch wenn es unübersehbar ist, dass es auch dort schon an allen Ecken bröckelt. Manche sind allerdings so langsam und beschränkt, dass sie nicht mal in der Lage sind die allernächsten Dinge vor ihrem eigenen Auge noch erkennen zu können. Man kann nur froh sein, dass diese bei europäischen Entscheidungen so gut wie keine Rolle spielen.  

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