Deutsche Industrie hat "Trend verschlafen"

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eröffnet am: 01.11.05 11:54 von: bammie Anzahl Beiträge: 2
neuester Beitrag: 01.11.05 12:06 von: Depothalbiere. Leser gesamt: 163
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01.11.05 11:54

8970 Postings, 6126 Tage bammieDeutsche Industrie hat "Trend verschlafen"

Nur mit «grüner Technologie» könnten aus Schwellen- Industriestaaten werden. Bedauerlich sei aber, dass deutsche Firmen dabei nicht an der Spitze stehen, sagt Staatssekretärin Eid.

Die Staatssekretärin im Entwicklungshilfe- Ministerium, Uschi Eid (Grüne), warnt vor übertriebenen Hoffnungen beim Kampf gegen die extreme Armut. «Es wäre fast Scharlatanerie zu behaupten, dass man in Afrika (...) innerhalb von fünf oder zehn Jahren mit extrem viel Geld das Problem lösen kann», sagte die Politikerin der Netzeitung.

Deshalb lehnt Eid auch den Ansatz des UN-Direktors für die Armutsbekämpfung, Jeffrey Sachs, ab: Er propagiere den «Big-Push»-Ansatz, also den einmaligen Einsatz einer massiven Summe in den Entwicklungsländern. «Das wird meiner Ansicht nach nicht funktionieren», so Eid. «Damit bereitet man den Boden für Frustrationen.»

Die Entwicklungshilfe brauche vielmehr «einen langen Atem», ist die Expertin überzeugt. Sie warnt davor, einen «Allmachtsanspruch an die Entwicklungskooperation» zu formulieren. «Wir können lediglich die Rahmenbedingungen vor Ort verbessern helfen», schränkte Eid ein.

Autoindustrie: «Trend verschlafen»

Im Kampf gegen Korruption plädierte Eid dafür, dass internationale Konzerne publik machen, wie viel sie an welche Regierungen zahlen - zum Beispiel für den Bezug von Erdöl. Ferner müssten diese Länder die Öffentlichkeit und das Parlament darüber informieren, «wie viel Geld aus dem Erdölverkauf das Land erhält, um dann zu verhindern, dass es in irgendwelchen dunklen Kanälen verschwindet».

Eid machte sich dafür stark, den Schwellenländern wie China, die sich derzeit industrialisieren, den Zugang zu «grüner Technologie» zu erleichtern und so dafür zu sorgen, dass die Ökologie nicht «auf der Strecke bleibt». «Wir können diesen Ländern ja nicht verbieten, sich zu industrialisieren», argumentierte Eid. Dabei übte sie Kritik an der deutsche Autoindustrie, die «einen Trend verschlafen» habe: «Mit einem Zwei-Liter-Auto oder mit alternativen Antriebsenergien wären die auf dem chinesischen Markt jetzt an der Spitze.»

Netzeitung: Gerade die Volkswirtschaften in den bevölkerungsstarken Ländern Indien und China wachsen kräftig. Frau Eid, bleibt da die Ökologie auf der Strecke?

Uschi Eid: Die westlichen Industrieländer haben in ihrer Geschichte vorgemacht, dass die Ökologie in der Phase einer sehr starken Industrialisierung zunächst auf der Strecke bleibt. Das muss aber nicht so sein! Deshalb ist es außerordentlich wichtig, den sich jetzt industrialisierenden Volkswirtschaften zu helfen, leicht an grüne Technologie heranzukommen. Ein Kooperationsschwerpunkt mit China dreht sich daher um Klimaschutz. Wir können diesen Ländern ja nicht verbieten, sich zu industrialisieren. Wir müssen sie vielmehr unterstützen, nicht dieselben Fehler zu machen wie wir ? und Fehler, die schon gemacht wurden, schnell zu korrigieren.

Netzeitung: Allerdings ist der Rohölbedarf in China kräftig gestiegen. Wenn alle Chinesen vom Fahrrad aufs Auto umsteigen, nehmen die schädlichen Emissionen gewaltig zu...

Eid: Das ist richtig, aber wir können den Chinesen nicht sagen: Ihr dürft das nicht. Allerdings ist es auch ein Thema für die Automobilindustrie, und da vermisse ich bei unseren deutschen Autokonzernen konsequente Initiative. Sie könnten ? auch angesichts der ökologischen Debatten in den letzten 30 Jahren ? jetzt Marktführer bei energiesparenden Autos sein. Mit einem Zwei-Liter-Auto oder mit alternativen Antriebsenergien wären die auf dem chinesischen Markt jetzt an der Spitze. Da hat unsere Industrie einen Trend verschlafen.

Netzeitung: Man gewinnt den Eindruck, gerade die internationalen Organisationen IWF und Weltbank klammerten das Thema Ökologie weitgehend aus und dächten nur an den wirtschaftlichen Fortschritt ? auf Kosten der Umwelt.

Eid: Das sehe ich nicht so, damit tut man der Weltbank unrecht. Sicher gab es mal eine Zeit, in der etwa das Thema Erneuerbare Energien nur eine untergeordnete Rolle spielte. Aber das hat sich geändert. Ressourcenschutz und ökologische Standards spielen heute eine wichtige Rolle. Es gibt in den Entwicklungsländern Nichtregierungsorganisationen, die geradezu darauf drängen, dass die Weltbank in Projekten beteiligt wird, weil dies der einzige Garant ist, dass Umweltfragen überhaupt thematisiert werden. Der öffentliche Druck in den Industrieländern auf die Weltbank, in solche Projekte nicht hineinzugehen, kann kontraproduktiv sein.

Netzeitung: Vor kurzem erschien in Deutschland «Das Ende der Armut» des UN-Sonderberaters für die Millenniumsziele, Jeffrey Sachs. Der Titel des Buches klingt zu schön, um wahr zu werden. Ist die Vorstellung utopisch?

Eid: Es gibt zwei verschiedene Ansätze, wie die Armut bekämpft werden kann: den Schritt-für-Schritt-Ansatz und den «Big-Push»-Ansatz. Jeffrey Sachs propagiert den zweiten, also einmal massiv eine ganze Menge Geld in die Entwicklungsländer zu investieren. Aber das wird meiner Ansicht nach nicht funktionieren. Es wäre fast Scharlatanerie zu behaupten, dass man in Afrika ? auf einem Kontinent, wo sich Tradition und Moderne noch sehr stark reiben und Institutionen schwach sind ? innerhalb von fünf oder zehn Jahren mit extrem viel Geld das Problem lösen kann.

Damit bereitet man den Boden für Frustrationen: In fünf oder zehn Jahren wird man Bilanz ziehen und feststellen, dass es doch nicht geklappt hat. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass wir einen langen Atem brauchen. Europa hat sich Jahrhunderte Zeit genommen, um sich dahin zu entwickeln, wo wir heute stehen. Ich rechne etwa mit 50 bis 60 Jahren, um bestimmte Probleme, die es heute in Afrika noch gibt, zu überwinden.

Zudem muss man zu dem Buchtitel klar sagen: Es wird nie ein Ende der Armut geben. Gesellschaften entwickeln sich und differenzieren sich aus. Es hat immer Menschen gegeben, die gemessen am statistischen Durchschnittseinkommen relativ arm sind. Natürlich bemühen wir uns, die Zahl der absolut Armen bis 2015 zu halbieren ? also die Zahl derer, die weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben haben. Man darf aber keinen Allmachtsanspruch an die Entwicklungskooperation formulieren. Wir können lediglich die Rahmenbedingungen vor Ort verbessern helfen.

Netzeitung: Wir tun das auch nicht ganz uneigennützig, wenn man sich nur die jüngsten Bilder aus den spanischen Exklaven in Nordafrika ansieht. Es ist ja in unserem eigenen Interesse, dass die Menschen in Afrika erst gar nicht mehr ein so starkes Verlangen haben, unbedingt nach Europa zu gelangen.

Eid: Entwicklungskooperation hat letztlich das Ziel, Ursachen von Armut, Hunger und Kriegen zu bekämpfen. Aber diese Flüchtlinge sind ja nicht die Armen, sondern Mitglieder von Familien aus einer aufkeimenden Mittelschicht. Sonst hätten sie nicht 3000 oder 5000 US-Dollar zusammenbekommen können, um eine Schlepperbande zu bezahlen. Das Problem ist, dass diese entstehende Mittelschicht für sich im eigenen Land keine Perspektive sieht. Deswegen ist es wichtig, daran zu arbeiten, dass dort Arbeitsplätze entstehen, dass Unternehmen dort investieren und dass das Kapital nicht massiv aus Afrika auf Banken im reichen Norden abfließt, wie das derzeit noch geschieht ? und zwar nicht nur von irgendwelchen Diktatoren, sondern auch von reichen Afrikanern, die kein Vertrauen in die eigene nationale Politik haben.

Netzeitung: Bei einem massiven Hineinpumpen von viel Geld bestünde zudem weiterhin in vielen Ländern das Problem der Korruption und der dunklen Kanäle, in denen die Hilfen verschwinden.

Eid: Es gibt viele Länder, die dieses Probleme ernsthaft anpacken. Zum Beispiel in Nigeria ? das ist ein klassisches Negativbeispiel ? hat die Regierung Mechanismen entwickelt, um Korruption zu bekämpfen. Wir unterstützen diese Länder in ihren Anstrengungen. Ein anderer Punkt ist aber mindestens genauso wichtig: Dringend erforderlich ist, dass internationale Konzerne öffentlich machen, welche Gebühren und Lizenzen sie an welche Regierungen bezahlen. Und die Partnerregierung muss in ihrem nationalen Budget diese Einnahmen ausweisen. Jahrelang hat zum Beispiel Kamerun nie im Haushalt ausgewiesen, wie viel das Land durch den Erdölverkauf eingenommen hat.

Netzeitung: ... und was es mit dem Geld macht.

Eid: Nun, auch das muss im nationalen Haushalt ausgewiesen werden. Der erste Schritt muss aber sein, dass die Öffentlichkeit und das Parlament überhaupt erfahren, wie viel Geld aus dem Erdölverkauf das Land erhält, um dann zu verhindern, dass es in irgendwelchen dunklen Kanälen verschwindet.

Mit Uschi Eid sprach Matthias Breitinger.  

01.11.05 12:06

25551 Postings, 6988 Tage Depothalbiererschön, daß es noch echte utopisten gibt.

" ... konzerne müßten veröffentlichen, wieviel schmiergelder sie an welche regierungen zahlen..." ??!!

da sind die bestimmt schon ganz heiß drauf, hehehehe.  

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