Der große Zauberkünstler - Gerhard Schröder

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eröffnet am: 12.09.05 09:58 von: das Zentrum. Anzahl Beiträge: 4
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3357 Postings, 7338 Tage das Zentrum der M.Der große Zauberkünstler - Gerhard Schröder

Der große Zauberkünstler
Von Berthold Kohler


11. September 2005 Die Deutschen können recht rücksichtslos sein, wenn sie Angst haben. Das bekommt in diesen Tagen besonders der Bundeskanzler zu spüren. Mehr und mehr Wähler scheinen dazu zu neigen, ihm einen seiner ältesten Wünsche abzuschlagen. Er wolle, darum hatte Schröder im Wahljahr 1998 gebeten, dereinst einzig an der Frage gemessen werden, ob es ihm gelinge, die Arbeitslosigkeit massiv zu senken. Das gelang ihm nicht, wie man die Statistik auch dreht und wendet. Noch immer gilt den Deutschen die Massenarbeitslosigkeit als die größte Not. Und dennoch legt die SPD in den Umfragen zu. Seinen eigenen Worten nach hätte Schröder es nicht verdient, wiedergewählt zu werden. Trotzdem liegt er im demoskopischen Vergleich mit der Herausforderin vorne. Ist Zauberei im Spiel?


Zu beobachten ist das Werk eines großen politischen Illusionisten. Man hat David Copperfield dafür bewundert, einen Zug von der Bühne verschwinden zu lassen. Doch was ist das gegen Schröders Trick, die Konturen von fünf Millionen Arbeitslosen in einem Wahlkampfnebel aufzulösen? In beiden Fällen ist nichts und niemand verschwunden. Das Kunststück besteht darin, den Schein zu erzeugen, die Aufmerksamkeit des Publikums auf anderes zu lenken. Darin ist Schröder Meister, wie auch im Auffangen der Bälle, die ihm das Schicksal (oder die Union) für seine Improvisationen zuspielt.

Das bewies er schon im Jahr 2002, als er die Marktplätze der Republik glauben machte, in Amerika liefen bereits die Triebwerke der Truppentransporter warm, um deutsche Soldaten in den Irak zu schaffen. Das Duell hieß damals Schröder gegen Stoiber. Schröder aber trat gegen Bush an, denn der hatte in Deutschland keine Chance.

Diesmal will Schröder die Bedrohung, die er braucht, um sich als Retter in der Not in Szene zu setzen, im eigenen Land ausgemacht haben, an einer altehrwürdigen Universität. Der Zauberer und sein im Polemisieren nicht weniger talentierter Assistent Fischer versuchen "den Professor aus Heidelberg" als verrückten Wissenschaftler, als Sozialdämon, erscheinen zu lassen, der nichts lieber täte, als seine Versuchskaninchen, die Deutschen, in die Tiefkühltruhe zu stecken. Nur das Gespann Schröder/Fischer, so lautet ihre Botschaft, könne verhindern, daß die Eiszeit des Einheitssteuersatzes anbreche. Dabei steht Kirchhofs "Vision" noch gar nicht zur Wahl. Und jeder kann sich denken, was von ihr übrig sein wird, wenn die Sozialpolitiker von CDU und CSU mit ihr fertig sind. Doch Rot-Grün tut so, als habe die Union ein Verarmungsprogramm vorgelegt. Nicht wenige scheinen das zu glauben.

Der Kanzler und sein Koalitionär führen einen Angstwahlkampf, der auf die Furcht der Deutschen vor einer weiteren Verringerung der Fürsorge durch den Staat - man könnte auch sagen: auf die Furcht vor der Freiheit - abzielt. Die Deutschen bekämpfen ihre wachsenden Zukunftsängste selten mit der Forderung nach mehr Selbstverantwortung. Das ist ihnen vom in Jahrzehnten ausgeuferten Sozialstaat abtrainiert worden. Im Zentrum der üblichen Reaktion auf Veränderungen steht der Ruf nach Verteilungsgerechtigkeit, die jetzt, da es nicht mehr soviel zu verteilen gibt, erst recht gewahrt werde müsse. Wie sagte neulich der niedersächsische Ministerpräsident Wulff: Ein einheitlicher niedriger Steuersatz widerspreche dem deutschen Gerechtigkeitsgefühl.

Mit diesem einen Satz ist das Risiko beschrieben, das die Kanzlerkandidatin - auch in ihrer Partei - einging, als sie Kirchhof zum neuen Bannerträger ihrer Reformpolitik machte. Frau Merkel weiß wie der Kanzler, daß Deutschland bei der Reformierung der Sozialsysteme, des Arbeitsmarkts, des Steuerrechts nicht stehenbleiben kann. Im Gegensatz zu Schröder sagt sie das offen. Doch das Volk, das abstrakte Einsicht bekundet, schreckt zurück, wenn es ernst wird, und schenkt jenen Glauben, die jetzt anders reden als vor einem halben Jahr. Damals sollte die Wahl noch zum Plebiszit werden für Schröders Reformpolitik.

Die Furcht vor einer weiteren Rücknahme der sozialen Schutzversprechen des Staates, die er nicht mehr halten kann, ist offenbar so groß, daß sie weitgehend die Erinnerung daran verdrängt, warum jetzt überhaupt gewählt wird. Der Kanzler war nach eigenem Bekunden handlungsunfähig, weil seine Koalition selbst seine gemäßigte Reformpolitik nicht mehr mittragen wollte. Oder klammern sich die Deutschen gerade deswegen an den Gescheiterten? Denn Schröder demontiert mit der Kampagne gegen Kirchhof auch sich selbst, den Agenda-Kanzler.

Mit seinem beeindruckend kämpferischen Einsatz überdeckt der plötzlich sozialdemokratisierte Schröder auch, daß er für eine kommende Amtszeit nichts mehr im Zylinder hat. Könnte Schröder sich, entgegen allen Dementis, vom "Verräter" Lafontaine wählen und dulden lassen? Sollte es, weil die Amnesie um sich griffe oder die Deutschen gänzlich ihre Courage verlören, doch noch einmal für Rot-Grün reichen? Bestenfalls politischer Stillstand, eher Rückschritt wäre in beiden Fällen die Folge. Allein die bürgerliche Opposition bietet dem Wähler Wahrhaftigkeit in der Diagnose und Klarheit in den Absichten. Rot-Grün hat offenkundig wenig anderes zu bieten, als diese ins Monströse zu verzerren.

Mancher setzt in dieser Lage auf eine große Koalition, in der die CDU für das Antreiben und die SPD für das Bremsen zuständig wäre. Doch dieses Gespann käme nicht weit, da die SPD, von der PDS und dem eigenen linken Flügel unter Druck gesetzt, ständig Stöcke in die Speichen stieße. Auch in der CDU würden nicht alle das Scheitern Frau Merkels beweinen. Abgesehen davon können die Wähler eine große Koalition nicht erzwingen; Schröder entschied sich 1998 gegen sie, als er die Wahl hatte. Diesmal könnte er, wenn sich nicht noch alles ändert, nur in Konstellationen ohne die Union Kanzler bleiben. Das aber will er gewiß. Das ist sein Begehren hinter all den Spiegeln, Blenden und Nebelwänden. Vielleicht stammte auch schon das Gerücht, es gehe ihm nur noch um einen anständigen Abgang, aus Schröders anscheinend unerschöpflicher Trickkiste.


Text: F.A.Z., 12.09.2005, Nr. 212 / Seite 1
 

12.09.05 12:30

2505 Postings, 7435 Tage copparadie Diskussion hatten wir doch auch schon x-fach.

 

Jeder Tag ohne Merkel ist ein guter Tag für Deutschland.

 

12.09.05 12:32

3357 Postings, 7338 Tage das Zentrum der M.ist keine Diskussion - nur Information :-)

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