Der König der Wallstreet

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eröffnet am: 21.04.03 13:02 von: Nassie Anzahl Beiträge: 1
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15990 Postings, 6765 Tage NassieDer König der Wallstreet

Stanley O?Neal ist der neue Chairman von Merrill Lynch. Die Bank ging in den vergangenen Jahren durch harte Zeiten. Mit O?Neal wird es nicht ruhiger werden, aber wohl besser. Er ist ein knallharter Sanierer.


Die Revolution findet im Saale statt, genauer gesagt: im Konferenzsaal an der 800 Scudders Mill Road in Plainsboro, New Jersey. Dort beginnt am Montag, 28. April, um zehn Uhr Ortszeit die Hauptversammlung der Aktionäre von Merrill Lynch. Danach wird das Board of Directors Stanley O?Neal zu seinem neuen Vorsitzenden und damit zum unangefochtenen Herrscher über die traditionsreiche Investmentbank wählen.

Die Berufung des 51-Jährigen ist tatsächlich eine Revolution in "Corporate America", der Unternehmenswelt der führenden Wirtschaftsnation.

O?Neal, Nachfahre von Sklaven, der in seiner Kindheit noch der Großmutter beim Baumwollpflücken auf den Feldern von Süd-Alabama half, wird der erste Afro-Amerikaner an der Spitze eines der großen US-Finanzinstitute sein. Außer ihm gibt es nur drei weitere Schwarze, die es zum Vorstands-Chef in einem US-Megakonzern gebracht haben: Richard Parsons bei AOL Time Warner, Kenneth Chenault bei American Express und Franklin Raines bei Fanny Mae. Der Aufstieg der vier schwarzen Männer wird in Amerika nach wie vor als außergewöhnlich betrachtet. Das Magazin "Newsweek" schrieb von einer "New Black Power", die sich in der Macht der Firmenchefs manifestiere. Das Blatt "Fortune" kürte O?Neal zum mächtigsten unter ihnen.

Tatsächlich hat der Bank-Boss, der seine Kindheit ohne fließendes Wasser zubrachte, bei General Motors am Fließband malochte und später durch Intelligenz und Fleiß ein Harvard-Stipendium ergatterte, auf den ersten Blick wenig mit seinem Vorgänger David Komansky zu tun. Der ist ein irischstämmiger, leutseliger Verkäufertyp. O?Neal dagegen ist ein kühler, analytischer Kopf, dem Zahlen wichtiger als das Zwischenmenschliche sind.

Das erfuhren nicht zuletzt die mittlerweile 21700 Mitarbeiter, die Stanley O?Neal bereits entlassen hat, seit er im Juli 2001 ins Amt des Präsidenten von Merrill Lynch aufgerückt ist und das operative Geschäft übernommen hat. Dass die Schrumpfung der Mannschaft um 30 Prozent auf 50000 Angestellte möglichweise nicht der letzte Schnitt war, um im Wettbewerb zu bestehen, hat O?Neal seither immer wieder betont. Dazu müsse noch härter gearbeitet werden. "Wenn Sie das nicht tun wollen oder nicht in der Lage sind, das zu tun, dann gehen Sie woanders hin", schnauzte er am 13. November vergangenen Jahres die versammelte Merrill-Führungsmannschaft an.

Mit vielen tausend Mitarbeitern entsorgte Stanley O?Neal auch gleich seine schärfsten Konkurrenten um das Amt des Vorstands-Chefs und besetzte alle Schlüsselpositionen neu. Karrieretaktisch war das zwar klug, aber natürlich blieb es nicht unbemerkt. Die US-Finanzpresse fühlte sich ob der Radikalität gar an die Säuberungen unter Stalin erinnert.

Stanley O?Neal weiß, dass er unter verschärfter Beobachtung steht. Er selbst gibt ungern Einblicke in seine Psyche: "Ich mag es nicht, wenn Leute herausfinden wollen, was ich denke." Um dann allerdings doch etwas preiszugeben: "Wenn jemand etwas nur sagt, weil er meint, ich könnte es hören wollen, dann mache ich zu."

Der Druck, der auf dem neuen Merrill-Lynch-Chef lastet, ist gewaltig. Das Investmenthaus machte in den vergangenen Jahren mehr durch Skandale als durch lukrative Geschäfte von sich reden. Vor allem, als sich Anfang 2001 herausstellte, dass Analysten mit ihrer Arbeit Schindluder trieben - allen voran der Ende der 90er-Jahre populäre Internet-Guru Henry Blodget, der Aktien zum Kauf empfohlen hatte, die er hausintern als "piece of shit" einstufte. Gegen den Vertrauensverlust kämpft Merrill Lynch immer noch, zumal das Geldhaus auch im Fall des betrügerischen Vorgehens der Verantwortlichen im Enron-Skandal eine undurchsichtige Rolle gespielt hat. Mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer einigte man sich wegen der Verquickung von Aktienanalysen mit Aktiengeschäften auf die Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 100 Millionen Dollar. Eine Buße über 80 Millionen Euro wegen der Enron-Verwicklungen ist im Grundsatz ausgehandelt. O?Neals Marschrichtung ist klar: Er will alles tun, um das Vertrauen - die Basis des Bankgeschäfts - zurückzugewinnen.

Das ist auch bitter nötig. Das früher lukrative Investmentbanking, also die Beratung bei Fusionen und Übernahmen, sowie das provisionsträchtige Geschäft mit Börsengängen, bringen seit dem Einbruch der Aktienmärkte kaum noch Geld.

Das Rezept des neuen Chefs: radikale Kostensenkung. O?Neal legte das US-Broker-Geschäft mit dem internationalen zusammen, schloss Büros in Japan, verkaufte das Business in Kanada und Südafrika und fuhr überall eine Nummer kleiner. So sparte er mehr ein, als an Geschäft verloren ging. Zudem konzentrierte er sich im Privatkundengeschäft auf das rentable Business mit vermögender Klientel.

Mittlerweile trägt der harte Sanierungskurs erste Früchte. Das letzte Quartal 2002 brachte einen Gewinn von 603 Millionen Dollar, im vergleichbaren Vorjahresquartal war noch ein Verlust von 1,2 Milliarden angefallen. Am Mittwoch überraschte Merrill Lynch mit einer Nettogewinnsteigerung um sechs Prozent auf 685 Millionen Dollar im ersten Quartal. Zwar war der Umsatz von 5,1 auf 4,9 Milliarden gesunken, doch kurbelten die niedrigen Zinsen das Kreditgeschäft an. Der Gewinn pro Aktie betrug 72 Cent, die Analysten hatten 61 erwartet.

Gut für O?Neal, der sich vor allem an seiner Performance messen lassen will. Vorgänger Komansky kann auf ein Plus der Merrill-Aktie von 75 Prozent zwischen 1997 und Sommer 2001 verweisen - den Zeitraum, in dem er aktiv die Geschäfte führte. Danach war nicht nur die Aktie, sondern auch das reale Geschäft drastisch eingebrochen. Nun scheint Besserung in Sicht. Analysten wie Reilly Tierney von Fox-Pitt Kelton loben den kompromisslosen Kurs des neuen Königs von Wall Street: "Ich will gar nicht daran denken, was mit dieser Firma passiert wäre, wenn O?Neal nicht gekommen wäre."

Merrill Lynch

wurde 1914 von Charles E. Merrill und Edmund C. Lynch gegründet und ist heute der größte Aktienhändler der Welt. Auch nach der Börsenflaute der vergangenen Jahre verwaltet Merrill Lynch Kundeneinlagen von 1,3 Billionen Dollar und ist damit einer der weltgrößten Finanzdienstleister. Das Geldhaus ist in 36 Ländern vertreten.
 

 

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