Der Juckreiz, quält Millionen Menschen

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eröffnet am: 30.10.05 11:36 von: bammie Anzahl Beiträge: 3
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8970 Postings, 6127 Tage bammieDer Juckreiz, quält Millionen Menschen

Anatomie einer Mißempfindung

Juckreiz, der "kleine Bruder des Schmerzes", quält Millionen Menschen, ist aber erst ansatzweise erforscht

Die Haut juckt, ein Mückenstich. Zunächst hilft Kratzen. Dann juckt es wieder. Quälend, unerträglich, zum Wahnsinnigwerden. Also wird weitergekratzt, und zwar kräftiger. Solange, bis der Schmerz den Juckreiz besiegt, bis die Haut, wund gerieben, endlich Ruhe gibt. Acht Prozent der Deutschen haben chronischen Juckreiz, ihre Haut gibt niemals Ruhe, sie rebelliert unentwegt, erzwingt als Gegenreaktion fortgesetzte Mißhandlung: kneifen, drücken, kratzen, rubbeln.

Juckreiz ist eine der elementaren Mißempfindungen des Menschen - und weitaus schlimmer als Schmerz, sagen die, die ständig darunter leiden. Obwohl der chronische Juckreiz, fachsprachlich "Pruritus", weit verbreitet ist, sind die Mechanismen, die sich in Haut und Nervensystem abspielen, bisher erst ansatzweise geklärt. Kürzlich wurden auf einer internationalen Fachtagung an der Universitätsklinik Heidelberg die neuesten Erkenntnisse vorgestellt.

Dazu gehört die ernüchternde Feststellung: "Chronischer Juckreiz ist ein schweres Leiden, das aber nach wie vor stark unterschätzt, bisweilen sogar belächelt wird", so die Heidelberger Dermatologin und Kongreßleiterin Elke Weisshaar. Und: "Wir stehen bei der Erforschung des Juckreizes dort, wo die Schmerzforschung vor 20 Jahren stand."

Juckreiz gilt als "kleiner Bruder des Schmerzes". Zwischen beiden Empfindungen besteht eine enge Wechselbeziehung. Sie laufen über die gleichen Nervenleitungsbahnen durch den Körper, gehen zum Teil aber auch strikt getrennte Wege, wie Martin Schmelz, Professor für klinische Schmerzforschung an der Universitätsklinik Mannheim, und Kollegen herausfanden.

Dem Schmerzforscher gelang es vor einiger Zeit, Nervenfasern zu identifizieren, die ausschließlich Juckreiz weiterleiten. Diese sogenannten C-Fasern verästeln sich in der Haut wie kleine Bäumchen. An ihren freien Nervenendigungen sitzen Rezeptormoleküle für Histamin, ein Gewebshormon, das eine zentrale Rolle beim Juckreiz spielt. Es wird bei allergischen Reaktionen von den Mastzellen des Immunsystems in großen Mengen freigesetzt. Auch Biene oder Mücke tragen es im Gift, lösen deshalb mit ihrem Stich die unangenehme Empfindung aus.

Entzündungsbotenstoffe wie Substanz P und Interleukin-2 können ebenfalls Juckreiz auslösen. Auch eine ganz leichte mechanische Reizung der Haut, durch ein Insekt oder reine Schurwolle, sorgt für das Mißgefühl. Nach Angaben von Thomas Luger, Direktor der Klinik für Hautkrankheiten an der Universität Münster, ist Juckreiz ursprünglich ein sinnvoller Abwehrmechanismus. "Der Kratzreflex diente dazu, Parasiten von der Haut zu entfernen."

Schmerz und Juckreiz bilden eine seltsame Allianz, eine Art Gleichgewicht des Schreckens. Die für Schmerz zuständigen Neuronen im Rückenmark hemmen die Neuronen für Juckreiz. Deshalb wirkt Kratzen, ein Schmerzreiz, so wohltuend. Umgekehrt funktioniert es ebenso: "Durch Schmerzabschwächung kann Juckreiz ausgelöst werden", so Schmerzforscher Schmelz. Das erleben Patienten hautnah, wenn sie nach einer rückenmarknahen Anästhesie von einem gürtelförmigen Juckreiz überrascht werden.

Patienten mit bestimmten Leberleiden wiederum entwickeln häufig unerträglichen Juckreiz, hervorgerufen durch die krankheitsbedingte vermehrte Ausschüttung von Opiaten. Mit Medikamenten, die diese körpereigene Opiatwirkung blockieren, geht der Juckreiz zurück.

Die Kenntnis der engen Wechselwirkungen zwischen Schmerz und Juckreiz hat zu neuen, vielversprechenden Behandlungsansätzen beim Juckreiz geführt: "Es hat sich beispielsweise gezeigt, daß Patienten mit chronischem Juckreiz durch Medikamente wie Gabapentin Linderung erhalten, die man bei chronisch neuropathischem Schmerz einsetzt", sagt der Mannheimer Mediziner Schmelz.

Doch noch immer ist der Juckreiz ein Stiefkind der Medizin. Viele Patienten mit Pruritus sind nach jahrelanger Odyssee von einem Arzt zum anderen zermürbt, Haut und Seele eine offene Wunde. "Ihre Lebensqualität ist massiv eingeschränkt", sagt Sonja Ständer, die an der Universität Münster die "Juckreiz-Ambulanz" leitet. In dieser europaweit einmaligen Einrichtung wird akribisch nachgeforscht: Steckt hinter dem chronischen Juckreiz ein Mangel an Zink, Vitamin B12 oder Eisen? Liegt eine Hauterkrankung wie Neurodermitis oder Schuppenflechte vor? "Das sind die einfachen Fälle", sagt die Oberärztin.

Oder handelt es sich um eine Leber- oder Nierenkrankheit? Beides kann extremen Juckreiz auslösen. Bösartige Erkrankungen wie Dickdarm- und Gebärmutterhalskrebs können ebenfalls dahinterstecken. Oder ein Lymphom? Jeder vierte Patient mit einer Krebserkrankung des Lymphsystems entwickelt starken Juckreiz. In diesen Fällen ist der Juckreiz sogar das erste Symptom, es eilt der Krebsdiagnose im Schnitt um zwei Jahre voraus.

In 40 Prozent der Fälle läßt sich allerdings keine Ursache feststellen. Womöglich spielt diesen Patienten der eigene Körper einen Streich: Dermatologin Ständer nimmt an, daß sie ein "Juckreiz-Gedächtnis" entwickelt haben, vergleichbar mit dem Schmerzgedächtnis: Ein lang anhaltender oder besonders starker Juckreiz könnte die Nervenzellen verändert haben. Sie bilden vermehrt Rezeptoren aus, die schon bei schwachen Reizen oder auch ohne jeglichen Reiz Juckreizsignale ans Gehirn weiterleiten. Möglicherweise ist aber auch die Reizverarbeitung im Gehirn verändert, wie Dermatologe Ulf Darsow von der TU München vermutet.

In der Ambulanz in Münster wird nach einem Stufenkonzept behandelt, um dem Juckreiz an geeigneter Stelle auf seiner Fahrt von den Nervenendigungen in der Haut bis zur Verarbeitung im Gehirn den Weg abzuschneiden. Das gelinge fast immer, sagt Sonja Ständer. In manchen Fällen helfen sogar Medikamente gegen Depressionen, die sogenannten Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI). "Sie wirken vermutlich genau dort im Gehirn, wo auch der Juckreiz empfunden wird."

In einer Studie, die in Kürze veröffentlicht wird, stellte die Dermatologin fest, daß 70 Prozent der Menschen mit Pruritus zusätzlich unter psychosomatischen oder psychiatrischen Erkrankungen leiden. Eigentlich kein Wunder. Denn viele Patienten sind, wenn sie die Ambulanz aufsuchen, tief verzweifelt. "Manche können seit Jahren nicht mehr richtig schlafen, viele haben von Schulmedizin über Homöopathie, ägyptischen Kreuzkümmel und Bioresonanz alles probiert - ohne Erfolg."

Und sie haben die vernichtende Erfahrung gemacht, vom Arzt nicht ernstgenommen zu werden. Ein oft gehörter Ratschlag an Patienten, so Sonja Ständer, sei dieser: "Kratzen Sie sich nicht soviel. Sie machen die Sache nur noch schlimmer." Ingrid Kupczik

WamS  

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