Der Gelehrte aus Amerika

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eröffnet am: 15.12.06 13:29 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 1
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129861 Postings, 6221 Tage kiiwiiDer Gelehrte aus Amerika

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Der Gelehrte aus Amerika


Fischer vor dem Ausschuß / Von Peter Carstens


BERLIN, 14. Dezember. Wird ein altes Zirkuspferd noch einmal in die Manege geführt, kann das ein sehr trauriger Anblick sein. Joseph Fischer, der viele Jahre seines Lebens in der Politik zugebracht hat, weiß offenbar um die möglichen Gemeinsamkeiten dieses Umstandes mit seiner gegenwärtigen Lebensphase. Sein Bestreben als Zeuge vor dem Berliner Untersuchungsausschuß ging deshalb dahin, sachlich und unprätentiös aufzutreten und sich als ein Mann zu präsentieren, den der Politikbetrieb, zumal der deutsche, nur noch mäßig zu erschüttern vermag. Als kleinen, mehrfach wiederholten Hinweis auf sein neues Leben flocht der Gastprofessor aus Amerika in seine Sätze ein, er habe dieses oder jenes in der "Washington Post" gelesen, natürlich "online".


Der frühere Außenminister Fischer wurde im Berliner Untersuchungsausschuß zum Fall des Khaled Al Masri befragt, der Ende Dezember 2003 festgenommen, nach Afghanistan verschleppt und erst im Mai 2004 wieder freigelassen worden war. Die sachlichen Fragen dazu waren von Fischer schnell beantwortet. Meist sagte er nur: "Ich weiß es nicht." Der ehemalige Minister hatte von dem Fall ziemlich sicher erst nach Masris Freilassung erfahren und ihn als "sehr ernst" eingestuft. Allerdings unter der Voraussetzung, daß die Darstellung Masris, die ihm der Anwalt des gebürtigen Libanesen schriftlich übermittelt hatte, zuträfe.


Daran gab es zumindest anfänglich auch bei Fischer Zweifel: "Ich meine die Sache, du hast Ärger mit deiner Frau und fährst deshalb nach Mazedonien" - da gäbe es für ihn heute noch Ungeklärtes. Deshalb schienen das Innenministerium und die ihm unterstellten Behörden Fischer im Sommer 2004 die geeigneten Institutionen, um zunächst einmal die Fakten zu ermitteln. Daher gab es in der Folgezeit keine nennenswerten Aktivitäten des Außenministeriums mehr. Eine Anfrage an die mazedonische Regierung sei "nicht gerade sehr substanzreich" beantwortet worden. Auf die Erkundigung des Ausschußvorsitzenden Siegfried Kauder (CDU), ob man sich darüber nicht ärgern müsse, äußerte der weltweise Fischer: "Wenn Sie sich über jede substanzlose Note in der Außenpolitik ärgern, würden Sie als Außenminister, Herr Kauder, eine schwere Zeit haben." Fischer verwies bei der weiteren Erörterung der Sachverhalte häufiger auf "die eingeschränkte Belastbarkeit des menschlichen Gedächtnisses", mit er schon in früheren Untersuchungsausschüssen Bekanntschaft habe schließen müssen. Auch sonst mühte sich der ehemalige Politiker sehr mit einigen Andeutungen höchster Bildung und einer Sprache so gewählt wie rosenrote Röslein. So sprach er davon, der Masri-Anwalt habe "implicite" dies oder jenes behauptet. Auf eine Frage hin nahm Fischer eine "Generalreservatio in bezug auf mein Erinnerungsvermögen" in Anspruch, wo schlichtere Geister vielleicht gesagt hätten: "Ich weiß es nicht mehr so genau."


Auf die Frage des Ausschußvorsitzenden Kauder, ob er "irritiert" gewesen sei, daß Innenminister Schily (SPD) ihm im Mai 2004 nichts von seinem Gespräch mit Botschafter Coats erzählt habe, antwortete Fischer verneinend. Eine Bewertung des Verhaltens wollte er sich nicht abringen lassen. Zu der Frage, ob eine Wiederholung der Eigenwilligkeit des Kollegen Schily zu unterbinden gewesen wäre, flocht der frühere Außenminister den Satz: "Wenn Sie mich fragen, wie ich meinen bessernden Einfluß auf den Kollegen Schily hätte ausüben können, so muß ich Ihnen sagen: Ich bin ein realistischer Mensch." Das sollte wohl besagen, Schily sei, wie er sei - unabänderlich.


Der Abgeordnete Neskovic (Linke), ein ehemaliger Bundesrichter, verzichtete ganz auf Fragen an den früheren Außenminister. Zur Begründung sagte er, Fischer sei nicht geladen wegen seiner sachlichen Beiträge zur Aufklärung des Geschehens, sondern "nur wegen des Unterhaltungswertes". Der Ausschußvorsitzende Kauder verbat sich eine solche Bewertung des Zeugen, und Fischer entgegnete seinerseits, er hätte sich die Reise auch gerne erspart und sei sicher nicht wegen des Unterhaltungswertes gekommen. Neskovic, der im Ausschuß schon mehrfach die Rolle der beleidigten Leberwurst übernommen hat, verließ bald nach diesem Wortwechsel vorläufig den Saal.


Nachdem auch von dem Grünen-Abgeordneten Ströbele keine ernsthaften Belästigungen zu erwarten waren, wollten auch die Union und erst recht die SPD Fischer nicht plagen. Deshalb fragte deren Ausschuß-Obmann Oppermann, sein ohnehin niedriges Frageniveau aus früheren Sitzungen noch einmal unterbietend, den Gelehrten aus Amerika gar nicht mehr nach Al Masri, sondern bat um allgemeine Einschätzungen der nordamerikanischen Gegenwart nach den Kongreßwahlen vom November. Es blieb der Abgeordnete Stadler von der FDP, dessen neun Minuten Fragezeit pro Sitzungsstunde nicht ausreichen konnten, Fischer im Laufe des Nachmittags zu irgendeiner unvorhersehbaren Reaktion zu verleiten.


Falls Fischer seiner Überzeugung noch Fakten hätte hinzufügen wollen, hätte er an diesem Nachmittag abermalige Bestätigung finden können für die Auffassung: Gut, daß ich raus bin aus der deutschen Politik. Implicite, aber natürlich mit Generalreservatio für Erwägungen des lieben Herrgotts. So durfte sich Fischer nach zwei Stunden verabschieden mit besten Weihnachtswünschen an den Ausschuß und der Hoffnung auf "ein glückliches Wiedersehen im neuen Jahr".


Text: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 3


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MfG
kiiwii

"Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben" (B.R.)
 

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