Das doppelte Integrationsproblem der Deutschen

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eröffnet am: 24.11.06 00:28 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 1
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Unterschicht

Das doppelte Integrationsproblem der Deutschen



Die Elite schottet sich gegen Migranten und Ostdeutsche ab. Kein Wunder, dass sie das Gros der Unterschicht bilden. Aber die Debatte über das neue Reizwort des politischen Raums hört dort auf, wo sie eigentlich interessant werden könnte.

Von Alexander Wendt


Eines verblüfft am meisten an der Unterschicht-Debatte in Deutschland: Nahezu allen Beteiligten, vornehmlich in der Politik, fällt kaum mehr dazu ein, als dass die Armut von der Poverté kommt. Das ahnten wir schon. Ein Grundmuster aber, das sich durch alle Armutsstudien der letzten Jahre zieht wie ein Wasserzeichen, wird derart hartnäckig ignoriert, dass man sich fragt, ob die meisten Kommentatoren an dieser Stelle nicht unter Wahrnehmungsstörungen leiden.


Das Grundmuster ist dieses: Der zigfach zitierten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge zählen 25 Prozent der Ostdeutschen zur abgekoppelten Unterschicht, und aus anderen Statistiken ist längst bekannt, dass der Anteil der Langzeitarbeitslosen, der Hartz-IV-Bezieher sowie der Schulabgänger ohne Abschluss bei Einwanderern und deren Kindern etwa doppelt so hoch liegt wie im einheimischen deutschen Durchschnitt.


Das Unterschichtsproblem hat sich also in zwei Gruppen besonders tief und gründlich hineingefressen: in die der Einwanderer und die der Ostdeutschen. Deutschland scheitert seit Jahren an einem doppelten Integrationsproblem: Die Neuankömmlinge, jedenfalls alarmierend viele, kommen nicht wirklich in der Mitte der Gesellschaft an.


Wo aber die Debatte hierüber wirklich interessant zu werden verspricht (oder droht), hört sie regelmäßig auf: Einwanderer und Ostdeutsche sind nicht nur überdurchschnittlich gut in der Unterschicht vertreten, sondern auch außergewöhnlich schlecht in Führungspositionen dieses Landes. Merkwürdigerweise kommt kaum einer auf den Gedanken, dass das eine vielleicht etwas mit dem anderen zu tun haben könnte.


Sowohl die Einwohner mit sogenanntem Migrationshintergrund als auch die Ostdeutschen machen jeweils rund 20 Prozent der Gesellschaft aus. Wo sind ihre Repräsentanten?


Die deutsche Gesellschaft ist keine Meritokratie. Vielmehr werden einflussreiche Positionen fast immer über Netzwerke verteilt, über politische Milieus und Verbände, über deren diskrete Codes der Verständigung. Es sind genau diese Netzwerke, zu denen Neuangekommene selbst bei noch so großem Fleiß kaum Zugang haben können.


Wie hartnäckig sie wirken, sieht man überall dort, wo Einwanderer und Ostdeutsche eigentlich am ehesten reüssieren müssten, es aber nicht tun. Keine Partei trommelte so heftig für die Integration von Zuwanderern wie die Grünen - doch während ihrer sieben Regierungsjahre im Bund schickten sie keinen ihrer Migrationshintergrundpolitiker in ein Staatsamt. Kaum eine andere Organisation verlangt so lautstark gleiche Lebensverhältnisse in West und Ost wie die Gewerkschaften - ihre Chefposten in den neuen Ländern jedoch besetzen sie bis heute größtenteils mit Westfunktionären.


Wenn Einwanderer und Ostdeutsche also selbst unter vermeintlichen Idealbedingungen nicht kollektiv aufsteigen, dann gelingt es ihnen unter Durchschnittsverhältnissen erst recht nicht. Unter allen Leitern von Bundesbehörden, unter Universitätsrektoren, Chefs der Einzelgewerkschaften und Intendanten der Rundfunkanstalten findet sich auch nach Jahrzehnten der Einwanderung nicht ein einziger Abdul, keine einzige Ayse.


Was die Ostdeutschen betrifft, so gilt der Aufstieg Angela Merkels zur Bundeskanzlerin als großes Vorbild. Tatsächlich aber war ihr Weg mit Zufällen gepflastert und gilt in den Augen etlicher Unionspolitiker bis heute als bedauerliche politische Karambolage. Generell ist ein nennenswerter Aufstieg Ostdeutscher in Spitzenpositionen außerhalb von Sport und Unterhaltung aus den gleichen Gründen ausgeblieben wie nennenswerte Karrieren von Einwanderern.


Wie starr die alten europäischen Gesellschaften gegliedert sind, fällt erst im Kontrast mit den USA wirklich ins Auge. Dort sitzen mittlerweile Vertreter aller großen Einwandergruppen im Kabinett und in den Vorständen vieler großer Unternehmen.


Der demokratische Senator Barack Hussein Obama, Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, hat ernsthafte Chancen, nächster Präsident zu werden. Aus den USA stammt der Begriff des Glass Ceiling, der gläsernen Decke, die ebenso unsichtbar wie hartnäckig den Aufstieg bestimmter Gruppen stoppt. Dort sind die Glasdecken allerdings schon brüchig geworden. Im alten Europa sind es feste Glasdächer, die ganze Gesellschaftsschichten überspannen.


Auf guten Willen darf also niemand hoffen. Es hilft nur ein Mittel als Gegengift zur giftigen Separation: Deutschland braucht eine Affirmative Action nach amerikanischem Vorbild, eine gezielte Förderung nach oben. Das heißt: Bei gleichem Talent müssen Ostdeutsche und Einwandererkinder in öffentlichen Institutionen so lange bevorzugt werden, bis ihr Anteil an Führungspositionen ihrem Anteil an der Gesellschaft entspricht. Die Gesellschaft muss sich vor allem um ihrer selbst willen öffnen. Denn ohne inneren Zusammenhalt verarmt sie auch als Ganzes.


Natürlich beseitigt eine europäische Affirmative Action nicht das Unterschichtsproblem. Aber nur dann, wenn die Eliten in Deutschland bereit sind, die Glasdächer wegzuziehen, wird ein Luftzug durch das Land gehen, von dem möglicherweise auch ganz unten noch ein Hauch zu spüren ist und Vorbildwirkung ausgehen kann.

Artikel erschienen am 24.11.2006
WELT.de 1995 - 2006


MfG
kiiwii

"Verfallen wir nicht in den Fehler, bei jedem Andersmeinenden entweder an seinem Verständnis oder an seinem guten Willen zu zweifeln."  

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