Das doppelte Deutschland

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eröffnet am: 03.07.06 15:25 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 1
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129861 Postings, 6161 Tage kiiwiiDas doppelte Deutschland

Das doppelte Deutschland


V.Z. Was ist nun Deutschland?


Der kranke Mann Europas, der schmelzende Standort, ein Raum ohne Volk, die blockierte Nation, das verschleuderte Erbe unserer Kinder, Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, Diskriminierung, Rassismus, Gewalt, No-Go-Areas, No Future, Big Nothing?


Oder das Land, in dem die bunten Fahnen wehen, das Leidenschaft und Selbstvertrauen verbindet, das unsere Besucher aus aller Welt sauber und ordentlich, fröhlich und gastfrei, schön und wohlhabend finden? Aus der Sicht des politischen Beobachters: Es ist ein WM-Gastgeberland mit einem Bundestrainer, der mit seiner Familie in Kalifornien wohnt.


Klinsmanns Erfolg ist nämlich auch ein politisches Lehrstück. Natürlich hängt er mit dem Charakter dieses Schwaben, mit seiner Persönlichkeit zusammen - vor allem aber auch damit, daß Klinsmann sich seine Freiheit gegenüber den Kartellen des deutschen Fußballs und der veröffentlichten Meinung bewahren konnte. Das ermöglichte ihm durchzusetzen, was er als richtig erkannt hat. Er hat sich in vieles nicht einbinden, also auch an vieles nicht ketten lassen. Das hat ihm zum Beispiel ermöglicht, seine Mannschaft weitgehend selbst auszusuchen: Sie ist nicht so sehr wie andere ein (verbands- und vereins)politischer Kompromiß.


Dieses Prinzip, hier nur grob skizziert, ist aber auf die Politik nicht einfach zu übertragen. Eine Nation ist keine Fußballmannschaft, und ein Bundeskanzler ist kein Bundestrainer.


Aber beides wird auch nicht verlangt. Es genügt, wenn alle sich ein Scheibchen abschneiden: vom Willen, vom Fleiß, vom Mut, die da sichtbar werden. Auch von der Kameradschaft. So darf man den neuen deutschen "Partyotismus" auch sehen, der mitmachen möchte und mitmacht bei dem, was Mannschaft und Trainer zuwege bringen.


Das doppelte Deutschland gibt es gar nicht. Wir haben es eher mit so etwas wie einer doppelten (oder gespaltenen) Öffentlichkeit zu tun. Es sind nicht grundverschiedene Dinge, die da betrachtet werden, sondern es ist eine grundverschiedene Art, die Dinge zu betrachten.


Wie sagte doch Johann Wolfgang von Mayer-Vorfelder? "Wer zu schwankender Zeit schwankend gesinnt, der mehret das Übel und breitet es weiter und weiter. Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich."

Text: F.A.Z., 03.07.2006, Nr. 151 / Seite 1


MfG
kiiwii  

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