Das Merkel-Allein zu haus-Hat sowas von fertig-

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eröffnet am: 11.09.05 19:02 von: satyr Anzahl Beiträge: 2
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42128 Postings, 7805 Tage satyrDas Merkel-Allein zu haus-Hat sowas von fertig-

Heimatwahlkampf
 
Merkel allein zu Haus

Aus Templin berichtet Carsten Volkery

Seit Wochen belagern Reporter das brandenburgische Städtchen Templin, den Heimatort von Angela Merkel. Heute kam die Kandidatin zum ersten und einzigen Wahlkampfauftritt. Doch selbst hier stoßen die Steuerpläne auf Skepsis.

REUTERSMerkel mit ihrer Mutter: "Schlimm ist das"
Templin - Herlind Kasner sitzt auf einer Holzbank unter einem Zeltdach, auf das der Regen prasselt. Sie trägt eine gelbe Windjacke. Das Bierzelt steht vor der alten Stadtmauer von Templin. Die CDU hat zum sonntäglichen Frühschoppen in die "Roßschwemme" geladen. Ein Quartett spielt Volksmusik. "Bei einem kühlen Bier und Blasmusik, da möchte ich wieder sein", singt ein Mann mit dem Akzent von Franz Müntefering. Die alte Frau Kasner wartet wie alle anderen geduldig auf die Ankunft des berühmten Gastes.

Um kurz nach halb elf drängen die ersten Fotografen rückwärts ins Zelt. Sie ist da. Die Kanzlerkandidatin der Union steuert auf die Frau mit der gelben Windjacke zu, die gleich am Eingang sitzt. Mutter und Tochter begrüßen sich. Angela Merkel, geborene Kasner, ist zuhause.

Dutzende Fotografen, Kameraleute und Reporter sind gekommen, um Merkels einzigen Wahlkampfauftritt in ihrem Heimatort 80 Kilometer nördlich von Berlin zu verfolgen. Sogar das polnische und das französische Fernsehen sind da, und alle drängen unters Dach, um nicht nass zu werden. Frau Kasner schüttelt den Kopf. "Schlimm ist das", sagt sie. Aus Prinzip gibt sie keine Interviews. "Von mir bekommen Sie kein Wort".

Viele Templiner nutzen die Gelegenheit, um einen Blick auf die berühmteste Tochter des Ortes zu erheischen. "Das letzte Mal habe ich sie vor sechs Jahren gesehen", erzählt Elisabeth Kalliske, eine Rentnerin. "Da kam sie zur Einweihung der Therme". Jeder, so scheint es, hat seine persönliche Merkel-Geschichte. Die eine hat am gleichen Tag Geburtstag, der andere hat im Bauamt geholfen, Merkels alte Schule wieder instand zu setzen.

Merkel scheint nicht besonders glücklich in Templin

CDU-Direktkandidat Jens Koeppen begrüßt seinen Gast, "eine Frau, die eigentlich kein Gast ist, denn sie ist hier zuhause". Die Leute steigen auf die Tische, vor lauter Fotografen können sie nichts sehen. Sie spenden der Heimkehrerin warmen Applaus. Merkel steht hinter einem weißen Stehtisch. Ihre Arme sind verschränkt, die Schultern gekrümmt, als ob sie friere. Sie scheint nicht besonders glücklich, in Templin zu sein.

DDPAutogrammstunde mit Merkel: "Das, was man Heimat nennt"
"Ich habe das Wetter nicht bestellt, aber wir versuchen, das Beste draus zu machen", sagt sie als Erstes. Dann hakt sie kurz den Umstand ab, dass sie vom 3. bis 18. Lebensjahr in Templin gewohnt hat. "Die Uckermark ist für mich das, was man Heimat nennt", sagt sie. Es klingt so, als hätte sie keine Heimat. Sie erwähnt noch, dass ihre Eltern in Templin wohnen und dass sie ein Wochenendhaus in der Nähe habe. Aber heute, fährt Merkel fort, sei das Thema nicht die Uckermark, sondern die Entscheidung in einer Woche. Und schon ist sie mittendrin in ihrer Wahlkampfrede, die in Bayern genauso klingt wie in Schleswig-Holstein.

Ihre Heimat, über deren Badeseen sie auf dem Kirchentag in Hannover noch schwärmte, ist heute nichts weiter als der "Worst Case" in ihrer "Vorfahrt-für-Arbeit"-Rede. In der Uckermark, so Merkel, seien die Probleme Deutschlands noch "drastischer sichtbar" als in anderen Gegenden. Sie redet über den Verlust von Arbeitsplätzen, die "wahnsinnigen Schulden" der Bundesregierung, die Bürokratiekosten der Unternehmen, das komplizierte Steuersystem und die Rente.

Der Applaus bleibt verhalten. Merkel mag zwar hier aufgewachsen sein. Aber ihre Rede appelliert an die Köpfe, nicht an die Herzen. Sie redet über Freibeträge, Eingangssteuersätze und Einkommensgrenzen. Es fallen viele Zahlen. Sie redet so viel über Steuern, weil die SPD überall neue Plakate aufhängt, auf denen behauptet wird, die Pläne von Merkels Schattenfinanzminister Paul Kirchhof seien "radikal unsozial". Sie muss sich verteidigen. Ein ums andere Mal erwähnt sie die SPD-Kampagne, "obwohl ich das sonst nicht mache". "Glauben Sie den Anzeigen nicht", sagt sie. "Das ist nicht redlich, was da gemacht wird". Die Krankenschwester etwa werde im Steuermodell der Union nicht belastet, wie die SPD behaupte, sondern entlastet. "Das kann ich jedem vorrechnen".

"Ich bitte um Ihr Verständnis"

Im übrigen habe auch Finanzminister Hans Eichel eine Streichliste "im Panzerschrank", die er nur vor der Wahl nicht heraushole. Die Union sage wenigstens vorher, was sie nach der Wahl mache. Dazu zähle auch die Mehrwertsteuererhöhung, die nötig sei, um die Arbeitskosten zu senken und so neue Arbeitsplätze zu schaffen. Sie wisse, das sei "schwierig" für die Rentner. "Aber ich bitte um Verständnis."

AFPMerkel und Beeskow: Zweitwichtigster Templiner
Insgesamt ist es eine defensive Rede, die Attacken der SPD und die gesunkenen Umfragewerte zeigen ihre Wirkung. Merkel verteidigt ein Vorhaben nach dem anderen, sogar ihre Mitwirkung in der Kohl-Regierung, ein beliebtes Angriffsziel Gerhard Schröders. Sie sei "acht gute Jahre" Ministerin unter Kohl gewesen, sagt sie, und aus dem Publikum schallt ein Zwischenruf: "Genau, sie ist mit schuld". Merkel sagt, sie habe in der Opposition viel nachgedacht darüber, "warum wir abgewählt wurden". Kohl habe den Fehler gemacht, Reformen auf die lange Bank zu schieben und Unhaltbares zu versprechen. Diesen Fehler, sagt Merkel, habe sie sich geschworen, nicht zu wiederholen. Dafür gibt es den größten Applaus an diesem Tag.

Eingeladen hatte Merkel ihr alter Mathelehrer, Hans-Ulrich Beeskow. Der ist in diesen Tagen, da alle Welt die mögliche neue Kanzlerin Deutschlands kennen lernen will, der zweitwichtigste Templiner. Er führt Buch über seine Interviews. "Ich bin bei Nummer 38", sagt er. "Morgen kommen noch mal vier, auch das irische Fernsehen". Weil er Merkel eingeladen hat, darf er schräg hinter ihr auf dem Podium stehen. Beeskow ist zufrieden mit dem ersten Wahlkampfauftritt Merkels im Ort seit 2002. Templin liege ja im roten Brandenburg und habe nur eine kleine CDU-Ortsgruppe, erzählt er.

Die meisten werden wohl wieder SPD wählen, trotz Merkel. "Die Frau ist ok", sagt Wilfried Baesler. "Aber das Programm gefällt mir nicht." Nach ihrer Rede signiert Merkel Autogrammkarten, gibt ein paar kurze Interviews, dann muss sie weiter. Das Saarland ruft. Nicht einmal fürs Mittagessen hat sie Zeit. Zurück unter einem weißblauen Regenschirm bleibt Herlind Kasner.

 

11.09.05 21:04

15332 Postings, 5721 Tage quantasKevin allein zu Hause o. T.

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