Das Geschäft mit der Pleite

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US-INSOLVENZANWÄLTE

Das Geschäft mit der Pleite

Von Marc Pitzke, New York

Im vorigen Jahr gingen bei den US-Gerichten erstmals über zwei Millionen Konkursanträge ein. Der wahre Skandal verbirgt sich hinter dieser Statistik: Clevere Insolvenzanwälte werden an den Pleiten anderer reich - mit Stundensätzen von bis zu 1000 Dollar.
 

New York - Es war ein trauriger Rekord. Erstmals in der US-Geschichte gingen voriges Jahr mehr als zwei Millionen Konkursanträge bei amerikanischen Gerichten ein. 2.039.214 überschuldete Privatleute und 39.201 Firmen meldeten da Insolvenz an - ein Drittel mehr als 2004. Ein Grund für die Pleite-Explosion: Viele wollten ihren Offenbarungseid noch schnell ablegen, bevor zum Jahreswechsel das neue, viel striktere Konkursgesetz in Kraft trat.

APUS-Insolvenzgericht (in New York): Trauriger Rekord
Hinter der trüben Statistik verbirgt sich aber noch eine zweite Geschichte - die derjenigen, die am Ruin anderer flott abkassieren. Diese Schattenseite der Schattenseite enthüllte jetzt der "Daily Report", eine Juristenzeitung aus Atlanta. Denn die recherchierte mal die Anwaltsgebühren, die die US-Kanzleien für die Betreuung von Konkursverfahren in Rechnung stellen. Und stieß dabei auf nicht minder atemberaubende Rekorde: Der Satz betrug manchmal fast 1000 Dollar - pro Stunde.

Keine Frau in der Spitzengruppe

Solch legaler Wucher - Anwaltskosten in den USA sind, anders als in Deutschland, nicht gesetzlich geregelt - bleibt der Öffentlichkeit normaler Weise verborgen, da alle Beteiligten diskret schweigen. Selbst der "Daily Report" entdeckte ihn erst, als er die Akten Tausender Konkursverfahren nachlas, in denen nebenbei auch die Anwaltsgebühren vermerkt sind. Eine "unvergleichliche Fundgrube", so berichtet das Blatt, seien etwa die Konkursverfahren der Fluggesellschaften Delta und Northwest gewesen, bei denen sich "Amerikas reichste Kanzleien" ein Stück abgeschnitten hätten.

Die höchste Stundenrate ließ sich demzufolge Stephen Fraidin anschreiben, ein Partner in der New Yorker Großkanzlei Kirkland & Ellis: 950 Dollar. Fraidin, 67, verweist in seinem Lebenslauf zwar lieber auf seine Beteiligung an konstruktiveren Deals, etwa die Übernahme von Clairol durch Procter & Gamble, macht aber still und leise Millionen mit Insolvenzen. Fraidin ist somit der zweiteuerste Anwalt des ganzen Landes. Nummer eins ist Jimmy Carters früherer Justizminister Benjamin Civiletti, der runde 1000 Dollar pro Stunde verlangt. Der lässt sich allerdings nicht zu Konkursen herab.

Es ist, als sei die Pleite-Abzockerei die heimliche Sünde der profiliertesten US-Juristen. Darunter etwa: Staranwalt John Olson von Gibson, Dunn & Crutcher (895 Dollar), Fraidins Kirkland-Kollegen James Sprayregen (850 Dollar), Donald Rocap (845 Dollar) und William Welke (845 Dollar) sowie der über die USA hinaus berühmte David Boies, der Al Gore im Wahlstreit von 2000 vor dem Supreme Court vertrat (810 Dollar für Konkurse). Skandälchen am Rande: Im elitären 900- und 800-Dollar-Anwaltskosmos findet sich keine einzige Frau. Nur Linda Myers, ebenfalls von Kirkland, kommt dem mit 745 Dollar nahe.

Stundensatz als Anlagevermögen

Die Liste des "Daily Reports" ist ein Who's who der amerikanischen Juristenszene. Alle renommierten Wirtschaftskanzleien tauchen da auf, meist mit den üblichen Doppel-, Drei- und Mehrfachnamen: Greenberg Traurig; Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom; Deloitte & Touche; Dorsey & Whitney; King & Spalding. Und selbst Rechtsanwaltsgehilfen konnten dabei fleißig Kohle machen: Eine juristische Assistentin bei Kirkland verdiente bei einem Konkursverfahren immerhin 170 Dollar pro Stunde, eine "Grafik-Assistentin" 140 Dollar.

Das war nicht immer so. "Der Rat eines Anwalts ist sein Anlagevermögen", sagte zwar schon Abraham Lincoln. Doch Stundensätze für Anwälte setzten sich in den USA erst Ende der siebziger Jahre durch, nachdem der Supreme Court Einheitsgebühren als eine Art der illegalen Preisabsprache verboten und die Kanzleien gezwungen hatte, Stundenzettel zu führen.

Auch bei den ersten Pleiten dieses Jahres hat der "Daily Report" einen weiteren Anstieg der Anwaltsraten beobachtet. Wobei es nun selbst mit abermaligen Rekordgebühren für die Juristen eng wird. Denn dank des schärferen US-Konkursgesetzes ist die Zahl der Insolvenzanträge im ersten Quartal 2006 auf den niedrigsten Stand seit 1985 abgestürzt. So wie es aussieht, müssen sich die Herren Partner langsam eine neue Geldquelle suchen.

 

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