Das Auto als Leidenschaft und Schicksal

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 16.12.06 10:56
eröffnet am: 16.12.06 10:56 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
neuester Beitrag: 16.12.06 10:56 von: quantas Leser gesamt: 299
davon Heute: 0
bewertet mit 6 Sternen

16.12.06 10:56
6

15331 Postings, 5719 Tage quantasDas Auto als Leidenschaft und Schicksal

Regazzoni stirbt in Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe Parma

Clay Regazzoni steuerte seinen Wagen, den er ausschliesslich mit den Händen bedienen konnte, am Freitagnachmittag auf der Überholspur der Autobahn, bei der Abzweigung zum Cisa-Pass, als er mit einem Camion kollidierte. Das Auto schleuderte und überschlug sich.

 

Von Peter Hartmann

Clay Regazzoni, der Rennfahrer aus Leidenschaft, der seit dem schweren Unfall am 30. März 1980 in Long Beach querschnittgelähmt war, kam in den Trümmern ums Leben, mit 67 Jahren und, auch das ein schicksalhafter Zufall, nicht weit von Maranello entfernt, dem Sitz des Ferrari-Rennstalls. In den siebziger Jahren gewann der Tessiner fünf Formel-1-Rennen, das erste 1970 in Monza, und 1974 verpasste er den WM-Titel nur um drei Punkte. Der schnauzbärtige Pisten-Haudegen begeisterte die Massen mit seinem spektakulären, aggressiven Fahrstil, als eine Art Asphalt-Cowboy mit der Aura eines Latin Lover. Aussehen, Charakter und Klasse bildeten eine Übereinstimmung wie vielleicht bei keinem andern Rennfahrer vor und nach ihm. Er war der «Unzerstörbare», der alle Unfälle überlebte, auch den grauenhaften Crash mit 280 km/h in Kalifornien, der ihn in den Rollstuhl zwang.

Immer ein leidenschaftlicher Fahrer

«Ich sehe die Grenzen des Risikos etwas weiter entfernt als andere», sagte er 2003 in einem der wenigen Fernseh-Interviews in seinem zweiten Leben. Er rüstete als Tüftler ? er hatte zuerst als Karosseriespengler in der Werkstatt seines Vaters in Mendrisio gearbeitet, aufgewachsen war er in Lugano ? Autos für die Anforderungen von Behinderten um, etwa mit Handgasvorrichtungen, aber er selber blieb immer der leidenschaftliche Fahrer, der 1986 noch die Strapazen des Wüstenrallys Paris?Dakar unter die Räder nahm, mit einem Lastwagen. Seine Karriere begann, nachdem Jo Siffert, des Freiburger Rennfahrer-Gentleman, in den Flammen von Brands Hatch verbrannt war. Als Europameister der Formel 2 fiel er dem alten Enzo Ferrari auf, der ihn 1970 im holländischen Zandvoort als dritten Fahrer (neben Ickx und Giunti) in den ersten Grand Prix schickte. Schon in seinem fünften Rennen wurde Clay (eigentlich Gianclaudio) Regazzoni als Sieger abgewinkt, in Monza schlug die Begeisterung von 200'000 Zuschauern über ihm und seinem roten Boliden zusammen, es war das Wochenende, als im Training der Österreicher Jochen Rindt in der Parabolica tödlich verunglückt war.

Erstaunliches Comeback mit vierzig Jahren

In den nachfolgenden zwei Jahren fuhr Regazzoni im Ferrari nicht mehr in die Podestränge und wechselte 1973 in den britischen BRM-Rennstall, kehrte jedoch 1974 nach Maranello zum «Springenden Pferd» zurück. Es wurde sein bestes Jahr: Er gewann den GP von Deutschland auf dem Nürburgring, belegte viermal den zweiten und dreimal den dritten Platz, aber er verlor den Weltmeistertitel um drei Punkte an den Brasilianer Emerson Fittipaldi ? wie er glaubte als Opfer von chaotischen Missverständnissen in der Ferrari-Boxe. Er wurde auch zur Nummer zwei hinter Niki Lauda zurückgestuft, siegte 1975 trotzdem wieder in Monza und 1976 in Long Beach und belegte jeweils den fünften Schlussrang in der WM-Wertung. Danach fuhr er für marginale Firmen wie Ensign und Shadow, doch 1979, mit bereits vierzig Jahren, gelang ihm mit dem neuen Wagen von Frank Williams ein erstaunliches Comeback.

An seinem 40. Geburtstag war Regazzoni ein Mann, der mit sich im Reinen war, gelassen, voller Lebensfreude, die Enttäuschungen und Intrigen bei Ferrari hatte er abgehakt. Er gewann dann mit dem Williams den englischen Grossen Preis in Silverstone und erhielt vom Patron dennoch keinen neuen Vertrag mehr. Deswegen heuerte er erneut bei der Desperado-Marke Ensign an und bretterte in Long Beach in die fatale Mauer.

Vielgefragter Kommentator

Mit melancholischer Entschlossenheit suchte sich Clay Regazzoni eine neue Zukunft. Er wurde ein vielgefragter Kommentator auf italienischsprachigen Sendern, ein Polemiker, der kein Blatt vor den Mund nahm und nun plötzlich überall die Gefahren sah, die er zuvor ausgeblendet hatte. Nachdem er auf dem Monitor Ayrton Sennas Todessturz gesehen hat im Mai 1994 in Imola, muss Regazzonis Leidenschaft für die fliegenden Kisten erloschen sein. Er forderte als Kritiker in der vordersten Front radikale Sicherheitsbestimmungen.

Er igelte sich allmählich nostalgisch in den Zeiten ein, als Rennfahrer noch Spass am Abenteuer hatten und nicht wie programmierte Astronauten ihre Umlaufbahnen drehten. Er nahm in Kauf, als Nestbeschmutzer betrachtet zu werden. Er lebte, geschieden von seiner Tessiner Jugendliebe Maria-Pia, im beschaulichen Menton an der Côte d'Azur und doch fast in Hörweite des Rummels von Monte Carlo. Unlängst hat er in einem Telefon-Interview mit der «Weltwoche» seinen Ärger abgelassen über den abgetretenen kalten Serien-Weltmeister Michael Schumacher und den Ferrari-Boss Luca di Montezemolo. Aber hinter den Ressentiments suchte er auch seine alten Gefühle wieder, die vertrauten Gesichter, er brauchte Heimat und fuhr deshalb Hunderte von Kilometern ins Tessin, nur um mit seinen Freunden Karten zu spielen.

 
 

   Antwort einfügen - nach oben

  1 Nutzer wurde vom Verfasser von der Diskussion ausgeschlossen: yurx