Chirac...

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eröffnet am: 30.06.04 14:50 von: börsenfüxlein Anzahl Beiträge: 1
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30.06.04 14:50

18298 Postings, 7241 Tage börsenfüxleinChirac...

als Frankreich (als Hauptbevürworter) vor einigen Jahren Sanktionen gegen Österreich wegen Haider ins Leben gerufen hat (obwohl es in Frankreich mit Le Pen einen weitaus radikaleren Politiker der rechten (braunen) Sorte gibt) , gabs bei uns in Österreich den sehr weitverbreiteten Slogan

"Fuck Jaques Chirac"...einige Touristen aus Frankreich haben sich da einiges anhören können *g*...(ich war natürlich nicht dabei...*LOL*)...

schön langsam find ich den Typen aber wieder ok...wenigstens einer mit Mumm !


CHIRAC GEGEN BUSH

"Ich nerve, also bin ich"

Von Romain Leick, Paris

England, Deutschland, Spanien, Italien oder Mexiko haben alle schon mal Krieg gegen Amerika geführt. Frankreich nie. Paris ist sogar der älteste militärische Verbündete der USA - und doch gibt sich Staatspräsident Jacques Chirac keinerlei Mühe, zu verbergen, wie sehr ihm der Kollege aus Washington auf die Nerven geht.



DPA
Chirac und Bush:"Er hat sich auf ein Terrain begeben, das ihm nicht gehört"
Paris - "Freunde, die sich schätzen und achten seit über 200 Jahren", sagt Chirac gern, wenn es um das französisch-amerikanische Verhältnis geht. Doch das hat Frankreich nicht daran gehindert, so die Diagnose des Historikers Michel Winock, "das Land zu sein, in dem der Antiamerikanismus am lebendigsten ist und bleibt". Während des Nato-Gipfels in Istanbul spielte Chirac mal wieder den widerborstigen Gegner des US-Präsidenten.

Der Antagonismus zwischen Chirac und George W. Bush kann sich an Kleinigkeiten entzünden. Als Bush sich für eine rasche Aufnahme der Türkei in die Europäische Union aussprach, ließ Chirac jede diplomatische Rücksicht fahren. Er verbat sich, in ungewöhnlich harschem Ton, die Einmischung des großen Bruders in innereuropäische Angelegenheiten. Der US-Präsident sei nicht nur zu weit gegangen, so Chirac. "Er hat sich auf ein Terrain begeben, das ihm nicht gehört. Das ist ungefähr so, als würde ich ihm erklären, wie die Politik der USA gegenüber Mexiko aussehen sollte."

Dabei hatte Chirac genau genommen gar keinen objektiven Grund, sich herausgefordert zu fühlen. Denn in der Sache denkt er nicht anders als Bush. Den Beitrittsprozess der Türkei zur EU hält er sogar für "unumkehrbar" - und stellt sich damit klar gegen die öffentliche Meinung in Frankreich und sogar gegen die Ansicht seiner eigenen Regierungspartei daheim.

In der Nato wie in der Uno ist der französische Staatschef die Stimme des Widerstands gegen die Hegemonialmacht USA, der Hüter des Völkerrechts, der populäre Sprecher einer breiten, wenn auch lockeren Koalition von Nationen, denen Bushs Feldzug gegen "das Böse" unheimlich ist. In Istanbul mochte keiner der anderen Regierungschefs ihm offen beispringen, aber es war unverkennbar, dass viele so dachten wie er. Chirac verkörpert die Attraktivität der "sanften Macht" Europa gegen die "harte Macht" Amerika. Auf diese Weise lässt er Bush selbstgerecht, arrogant und bigott aussehen. Süffisant erinnerte Chirac daran, dass seine Einwände gegen Amerikas Strategie im Irak berechtigt gewesen seien: "Wir haben heute nicht das Gefühl, dass wir uns zutiefst geirrt hätten."

Der einflussreiche Kolumnist Thomas L. Friedman stellte vor einiger Zeit in der "New York Times" pikiert fest: "Frankreich ist nicht einfach unser unbequemer Verbündeter. Es ist nicht einfach unser neidischer Rivale. Frankreich wird zu unserem Feind."

Natürlich ist das Verhältnis in Wahrheit komplizierter. Nicht Abneigung und Feindlichkeit, sondern Eifersucht kennzeichnet die französische Haltung zu den USA. Beide Staaten, die ältesten modernen Republiken der Welt, sehen sich als Zwillingsschwestern im Schönheitswettbewerb der Idealnationen, als Töchter der Aufklärung, für die seit 1789 die Bill of Rights und die Deklaration der Menschenrechte im Zentrum ihres Glaubensbekenntnisses stehen. Seit dem Ende des Kommunismus sind sie auch die einzigen Länder, die einen universalen Anspruch erheben und das zivilisatorische Vorbild für alle anderen sein wollen - zwei missionarische Nationen, die ihr Modell von Freiheit und Gerechtigkeit mit gläubigem Eifer in die Welt hinaustragen.

Wie sein großes Vorbild Charles de Gaulle, der sich während des Kriegs häufig mit Franklin D. Roosevelt zankte, ist Chirac persönlich gar nicht antiamerikanisch. Als junger Student verbrachte er mehrere Monate in den USA, seine Erinnerung an diesen Aufenthalt ist bis heute fast schwärmerisch geblieben. Aber Chirac weiß, dass Widerstand gegen die amerikanische Übermacht ein Mittel ist, Frankreichs verlorene Größe wiederauferstehen zu lassen.

Deshalb treibt "Mister Un-America", wie das Nachrichtenmagazin "Newsweek" den französischen Staatschef einmal genannt hat, den Gegensatz immer wieder mit Bedacht auf die Spitze, ohne es jemals zum endgültigen Bruch kommen zu lassen. "Wenn wir verschiedener Meinung sind, dann sagen wir es", erklärte Chirac in Istanbul seine Taktik. "Wir sagen es nicht aggressiv aber mit aller Entschiedenheit." Freunde ja, Diener nein - auch in Zukunft wird sich der Herr des Weißen Hauses Widerspruch vom Herrn des Elysée-Palasts anhören müssen. Denn Chirac ist vielleicht nicht mehr der Führer einer Weltmacht, doch mit seiner Politik der Nadelstiche bleibt er ein globaler Mitspieler, solange er nach der Maxime handelt: "Ich nerve, also bin ich."
 

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