Chinas Expansionskurs weckt Sorgen im Westen

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eröffnet am: 31.10.05 16:49 von: KTM 950 Anzahl Beiträge: 3
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8001 Postings, 5434 Tage KTM 950Chinas Expansionskurs weckt Sorgen im Westen

Angetrieben vom rasanten Wirtschaftswachstum in der Heimat, kaufen chinesische Staatskonzerne rund um den Globus Rohstoffreserven auf. Dabei kollidieren sie immer öfter mit den Interessen anderer Industriestaaten

von Martin Kühl in Peking

Mehr als 8000 Kilometer vom eigenen Land entfernt feierte das energiehungrige China am vergangenen Mittwoch seinen bislang größten Sieg im Kampf um globale Ressourcen. Ein kanadisches Gericht gab der China National Petroleum Corp. (CNPC) grünes Licht für die Übernahme der in Calgary ansässigen PetroKazakhstan und beendete damit ein monatelanges Tauziehen um die Öl- und Gasfelder der Firma in Zentralasien. Ein indischer Rivale und Rußlands größte Ölfirma Lukoil, die den Kauf stoppen wollten, hatten das Nachsehen.

Mit einem Volumen von rund vier Milliarden Dollar ist der Deal die größte Auslandsübernahme einer chinesischen Firma überhaupt. Nicht zufällig geschah er im Rohstoffsektor. Mehr als die Hälfte aller chinesischen Auslandsinvestitionen fließen in Projekte zur Ressourcensicherung. Rund um die Welt kaufen sich Unternehmen aus dem Reich der Mitte in Öl-Vorkommen, Gasfelder, Aluminium-Hütten oder Eisenerz-Minen ein - und stoßen dabei immer öfter mit den Interessen westlicher Staaten wie den USA zusammen. "Das Bedürfnis, Zugang zu natürlichen Ressourcen zu bekommen, ist eine mächtige Antriebskraft für China", urteilt die Handels- und Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen, UNCTAD.

Das rasante Wirtschaftswachstum im Reich der Mitte von zuletzt über neun Prozent im Jahr hat die Rohstoffnachfrage in die Höhe katapultiert. Die Volksrepublik hat Japan unlängst als zweitgrößten Öl-Verbraucher der Welt abgelöst. Zwei Drittel des globalen Nachfrageschubs nach Öl in den vergangenen zwei Jahren gingen auf das Konto Chinas, so ein Report der Investmentbank Goldman Sachs.

"Vor fünf Jahren konnte sich China noch weitgehend autark versorgen. Mittlerweile muß das Land seinen Bedarf zunehmend mit Importen decken", sagt Andy Rothman, Analyst der Investmentbank CLSA in Shanghai. Die daraus resultierende Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten sorgt Peking. Um die Versorgungssicherheit zu verbessern, ermutigt die Regierung daher ihre Unternehmen mit Vorzugskrediten und Steuerboni zur Übernahme ausländischer Fördergebiete. So ist Chinas Ölkonzern CNOOC bereits der größte ausländische Förderer vor Indonesiens Küste.

Für China steht dabei im Vordergrund, seine Abhängigkeit vom Mittleren Osten zu reduzieren. Vor allem schielt es nach Zentralasien, wo es mit den USA und den lokalen Anrainermächten Iran, Rußland und Indien um Einflußsphären ringt. Die Region ist rohstoffreich und birgt noch viele Reserven. Entsprechend umkämpft war der PetroKazakhstan-Deal. Der indische Premierminister Manmohan Singh räumte dieses Jahr ein, China sei seinem Land "beim Planen der Energiesicherheit voraus".

So weit, daß es bereits Skepsis im Ausland weckt. Mehrfach wurde Chinas Expansionswille bereits von politischen Vorbehalten ausgebremst. So scheiterte im Sommer das 18,5 Milliarden Dollar schwere Kaufangebot von CNOOC für den US-Ölkonzern Unocal am Widerstand Washingtons. Repräsentantenhaus und Kongreß riefen die Bush-Regierung auf, das CNOOC-Angebot unter Berufung auf "nationale strategische Interessen" zu blockieren. Der Ressourcenkauf stärke die Herrschaft der Kommunistischen Partei, so die Kritiker.

CNOOC-Chef Fu Chengyu dagegen verteidigte seinen Deal als "normales ökonomisches Handeln". Der Unocal-Vorstand beugte sich schließlich dem politischen Druck und akzeptierte das niedrigere Übernahme-Angebot des US-Konzerns Chevron. "Was Chinas Firmen heute machen, das haben BP, Shell oder die Rockefellers vor 100 Jahren begonnen", sagt Analyst Rothman. "Sie wollen zu globalen Playern reifen, und dazu müssen sie ins Ausland."

Und das wohl noch viel stärker als bisher. Es wird erwartet, daß sich Chinas Ölnachfrage bis 2030 verdoppelt. "Das kann eine Verfünffachung der chinesischen Importe bedeuten", sagt Abdallah S. Jum'ah, Chef von Saudi Aramco, dem größten Ölproduzenten in Saudi-Arabien. Die Welt müsse anerkennen, daß China sein Wachstum mit einer "stabilen Energieversorgung absichern muß". Zumal ein beträchtlicher Teil der chinesischen Nachfrage selbst ihren Ursprung im Ausland hat. "Die internationale Arbeitsteilung ist ein wichtiger Faktor für den Nachfrageschub" aus China, so Tong Lixia von der chinesischen Akademie für internationalen Handel und Wirtschaftskooperation. So bezieht etwa US-Handelsriese Wal-Mart mehr als drei Viertel seiner Produkte aus China.

Chinas eigene Ölreserven kommen da längst nicht mehr mit. Rund ein Drittel der lokalen Produktion kommt aus dem nordchinesischen Feld Daqing. In den sechziger und siebziger Jahren wurde dort mehr gepumpt, als das Land selber brauchte. "Studiert Daqing" proklamierten Maos Rote Garden und feierten das Feld als sozialistischen Erfolg. Heute sprudeln Daqings Quellen von Jahr zu Jahr weniger. Ähnlich sieht es in Liaohe aus, dem zweitgrößtem Fördergebiet des Landes.

Heimischen Unternehmen beim Gang über die Grenze unter die Arme zu greifen ist auch im Westen gang und gäbe. Im Fall Chinas macht jedoch Sorge, daß das Gros der Welteroberer Staatsfirmen ist. CNOOC ist seit 2001 an der New Yorker Börse gelistet, 70 Prozent der Anteile hält jedoch der chinesische Staat - ebenso an Petrochina und Sinopec, den beiden anderen börsennotierten Ölkonzernen Chinas. CNPC - Mutterkonzern von Petrochina - gehört dem Staat gar komplett. Als Moskau 2002 drei Viertel der Anteile an der Ölfirma Slawneft zur Auktion freigab, wollte CNPC zuschlagen. Im Eiltempo verabschiedete die russische Duma damals eine Resolution, mit der sie staatlich kontrollierten Konzernen die Tür zur Auktion zuschlug.

Für Stirnrunzeln sorgt zudem, daß China bei der Auswahl seiner Investitionsziele nicht zimperlich ist und sich bereitwillig mit umstrittenen Regimes einläßt. Chinesisches Geld fließt nach Libyen, Angola, in den Sudan oder den Iran. Im Sudan, dessen Gewaltregime 2004 von der UN mit Sanktionen belegt wurde, ist China an fast allen entscheidenden Ölprojekten beteiligt. Erst kürzlich warnte US-Vize-Außenminister Robert Zoellick, Peking müsse mit zunehmenden Konflikten mit Washington rechnen, sollte es weiterhin Energie-Deals mit "problematischen" Staaten anstreben.

Kritiker werfen den USA vor, sie würden aus Sorge um die eigene Versorgungssicherheit marktwirtschaftliche Prinzipien über Bord werfen. So schrillten bei Hardlinern in Washington die Alarmglocken, als China mit Venezuela zusammenrückte, einem der wichtigsten Öl-Lieferanten der USA. Venezuelas sozialistisch angehauchter Präsident und US-Antipode Hugo Chávez sagte bei seinem Peking-Besuch Ende 2004 eine stärkere Kooperation im Energiebereich mit China zu. CNPC wird in Venezuela Ölfelder erschließen. Venezuelas Ölminister ließ gar ein Opec-Treffen sausen und empfing statt dessen eine chinesische Delegation.

Auch in die Beziehungen der USA zu seinem Golfkrieg-Bündnispartner Australien spielt China hinein. China hat die USA als zweitgrößten Exportmarkt Australiens nach Japan verdrängt, hat Abnahmeverträge für australisches Erdgas im Wert von über 20 Milliarden Dollar unterzeichnet, pumpt Geld in Eisenerz-Minen. Dank dieses Engagements schlägt Canberra leise Töne an gegenüber Peking. Trotz eines Beistandsabkommens mit den USA hat Australien deutlich gemacht, daß es kein Interesse hat, in einen Konflikt um Taiwan hineingerissen zu werden, dessen Inseldemokratie die USA zur Not militärisch vor China verteidigen wollen. Australien fing sich dafür scharfe Töne aus Washington ein. Ein australischer Akademiker beschrieb China als "außergewöhnlichen Markt und gleichzeitig größten Alptraum" für die Regierung von John Howard.

Auch Japan, das zu fast 100 Prozent auf Ölimporte angewiesen ist, macht Druck. Nachdem sich China und Rußland 2002 auf den Bau einer Pipeline von Sibirien nach Nordchina einigten, intervenierte Japans Premier Junichiro Koizumi nur wenige Wochen später bei einem Moskau-Besuch. Koizumi propagierte eine Alternativleitung an die russische Pazifikküste und stellte Milliardenzuschüsse in Aussicht. Rußlands Premier Wladimir Putin rückte wieder vom Chinaplan ab. Zudem streiten Japan und China um den Zugang zu Gasvorkommen im sie trennenden Meer. Als Tokio dieses Jahr einer japanischen Firma Bohrrechte für das umstrittene Gebiet erteilte, bezeichnete China das als "schwerwiegende Provokation". Noch hält sich Peking Japans jüngstem Vorstoß gegenüber bedeckt, das Areal "gemeinsam" zu erschließen. Man fühlt sich als der Stärkere. Die chinesischen Rohstoffinvestitionen stehen erst am Anfang, prophezeit Experte Rothman. "Der chinesische Drache wird sehr sehr hungrig bleiben."

Artikel erschienen am 30. Oktober 2005

http://www.wams.de/data/2005/10/30/796385.html?s=1  

31.10.05 17:08

13393 Postings, 6060 Tage danjelshakewirklich sehr interessant...

in 5 jahren wird man über die stänkereien der usa in der weltpolitik nur noch lachen.

mfg ds  

31.10.05 17:11

9123 Postings, 7216 Tage ReilaTja, während die Chinesen in Rohstoffsicherung

investieren, investieren wir ein paar Milliarden zusätzlich in Hartz IV. Könnten wir die Chinesen von unserem Sozialsystem überzeugen, hätte wir sie in wenigen Jahren platt. Kommt aber wohl andersrum.  

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