CDU will Elend für alle !

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neuester Beitrag: 29.06.04 16:09
eröffnet am: 29.06.04 14:21 von: ruhrpottzock. Anzahl Beiträge: 28
neuester Beitrag: 29.06.04 16:09 von: lumpensamm. Leser gesamt: 1204
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29.06.04 14:21
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19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerCDU will Elend für alle !

Alle sind gegen allgemein längere Arbeitszeiten, Arbeitnehmer, Parteien, Arbeitgeber - nur die CDU ist dafür !

Dabei zeigt der europäische Vergleich:

Je mehr Stunden in der Woche gearbeitet wird, desto unproduktiver wird gearbeitet. Logische Konsequenz: Arbeiten wir immer länger, kommt immer weniger dabei heraus, da jeglicher Anreiz zur Produktivitätssteigerung fehlt !

Das wiederum führt zu einer höheren Arbeitslosigkeit, weil immer weniger menschen immer mehr arbeiten, und dadurch zu einer Sprengung der Sozialsysteme.

Ausserdem: wo soll denn das Ende einer Arbeitszeitverlängerung sein ? Bei 40, 50 oder 90 Stunden ?

Wollen wir denn wirklich jeden technischen Fortschritt, der zu einer Hebung der Produktivität und auch der Qualität führt, vermeiden und verteufeln ?

Dass die CDU als EINZIGE Vereinigung diese Forderung stellt, hat Sinn. Schließlich sind sie auch gegen jede neue und moderne Technik bei der Stromerzeugung, sondern wollen zur völlig veralteten Kernkrafttechnik zurück.

Wer gibt der CDU endlich mal den Rat, sich mit Sachverstand zu schmücken ?  



 
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2 Postings ausgeblendet.

29.06.04 14:33

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerKostet kaum etwas ?


Die Rechnung für die Kernkraft als gewaltigste Fehlinvestition aller Zeiten werden noch Hunderte von Generationen zahlen müssen !  

29.06.04 14:34

120 Postings, 6057 Tage MegafishAlso ich hab' eigentlich keine Lust, dass mir

irgentwann mal so ein sicheres AKW um die Ohren fliegt und dann halb Deutschland verseucht ist.

OK sicher würde sich dann irgent ein CDU Politiker finden, der die sogenannte politische Verantwortung dafür übernimmt und sich dann mit 20000 ? Pension pro Monat aus dem verseuchten Deutschland verpisst.

Das muss wirklich nicht sein.

grüsse  

29.06.04 14:34
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2101 Postings, 6955 Tage ribaldEtwas sachlicher

Aus der FTD vom 29.6.2004 www.ftd.de/arbeitszeit

Ökonomen streiten über Effekte einer Arbeitszeitverlängerung
Von Mark Schieritz, Berlin

Die möglichen Effekte einer Arbeitszeitverlängerung sind unter Ökonomen umstritten. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen sind weiterhin unklar.

Während die Befürworter darauf setzen, dass die Streichung von Feiertagen oder eine längere Wochenarbeitszeit das Wirtschaftswachstum in Deutschland ankurbeln würden, fürchten die Gegner gegenteilige Auswirkungen.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute beziffern das Wachstum, das 2004 allein dadurch entsteht, dass das Jahr vier Feiertage weniger hat als 2003, auf etwa einen halben Prozentpunkt. Die Streichung eines Feiertags würde den BIP-Zuwachs damit gerade einmal um gut 0,1 Punkte erhöhen. Volkswirte sind sich einig, dass der Wachstumsgewinn noch geringer ausfällt, wenn die Konjunktur schwächelt. Würden keine zusätzlichen Güter nachgefragt, werde in der zusätzlichen Arbeitszeit schlimmstenfalls nichts produziert.

Grundsätzlich aber schafft der Verzicht auf einen Feiertag zusätzliche Nachfrage im Inland: Weil viele Arbeitnehmer nach Stunden bezahlt werden, erhalten sie für die Mehrarbeit auch mehr Geld. Wesentlich umstrittener sind die Effekte einer längeren Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich: Sie schafft zunächst keine zusätzliche Nachfrage, für das gleiche Geld wird nur mehr gearbeitet.

Impulse von außen

Konservative Ökonomen setzen darauf, dass sich das zusätzliche Angebot seine Nachfrage sucht. Dieser klassische Ansatz ist aber in der modernen Volkswirtschaftslehre hoch umstritten. Die eigentlichen Impulse durch längere Arbeitszeiten erhoffen sich Experten deshalb von außen. Unbezahlte Mehrarbeit bedeutet de facto eine Senkung der Lohnstückkosten. Dadurch erhöht sich die Wettbewerbsfähigkeit, was in der Tendenz die Exporte steigert.

Es ist aber umstritten, ob dies die richtige Therapie für die deutsche Wirtschaft ist. Laut Bundesbank steigen die Löhne in Deutschland seit Jahren langsamer als bei den meisten Handelspartnern, die Unternehmen gewinnen in Europa stetig Marktanteile, der Export boomt ohnehin.

Experten wie der Sachverständige Peter Bofinger bezweifeln deshalb, dass Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzung das Problem Deutschlands - die schwache Binnennachfrage - lösen werden. Die Lage drohe sich sogar zu verschärfen: Im Extremfall könne es, wie in Japan geschehen, zu einer deflationären Spirale aus sinkenden Preisen und Löhnen kommen. Statt mit den Billiglohnländern zu konkurrieren, müsse sich Deutschland auf die Produktion hochwertiger Güter spezialisieren.

Financial Times Deutschland  

29.06.04 14:37

16575 Postings, 6769 Tage MadChartWarum so kompliziert?

Wenn die Leute länger arbeiten, haben sie weniger Zeit zum Geldausgeben. Folge: Die ohnehin schwache Binnennachfrage wird weiter sinken.

Ist doch irgendwie logo, oder...?

:-)  

29.06.04 14:38

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerJetzt sage mir einer, die FTD sei ein


regierungsfreundliches Kampfblatt.

Darum geht es auch nicht. Die CDU ist tatsächlich die einzige nennenswerte Organisation, die diesen Weg beschreiten will.

Merke: jede starre Regelung führt zu Stagnation und Rückschritt. Flexibilität ist angesagt !  

29.06.04 14:42

2718 Postings, 6180 Tage IDTEmegafish ruhrpottzocker

ok wir schliessen die sichersten kernkraftwerke der welt in dtl. und verkaufen die technik ins ausland!? irgendwie komisch...

während um dtl. herum neue kernkraftwerke entstehen bauen wir windkrafträder!?

wenn dort was schief geht passiert uns ja nichts???

mal abgesehen davon haben alle parteien ein paar gute idden und viele schlechte. ist jetzt die frage welche am ende umgesetzt werden...  

29.06.04 14:44

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerWelch Argument, DTE !


Wenn andere aus dem Fenster springen, springst du dann hinterher ? Wenn ich dich als Nichtraucher vollqualme, fängst du dann auch an zu qualmen ?

Jetzt sag nicht, du rauchst sowieso ! *ggg*

 

29.06.04 14:46

16575 Postings, 6769 Tage MadChart@ruhrpottzocker, zu #1

Seit wann sind die Arbeitgeber gegen längere Arbeitszeiten? Hab ich da was nicht mitgekriegt?  

29.06.04 14:47

2718 Postings, 6180 Tage IDTEruhrpottzocker

nein wir verkaufen unsere alten anlagen weiterhin nach china und in andere dritte welt staaten. waffen in den nahen osten, bio- und chem. kampfstoffe ebenfalls.
aber dtl. ist sauber...

wie naiv seit ihr eigentlich?

tolle rogrüne politik...  

29.06.04 14:52

120 Postings, 6057 Tage MegafishIDTE

Wenn die Dinger in China oder im Nahen Osten laufen ist es mir relativ egal, solange deutsche Unternehmen durch den Verkauf Profite machen.

 

29.06.04 14:52

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerDTE, was hast du mit rotgrüner Politik ?


Das Thema war längere Arbeiszeiten und die Stellung der CDU dazu !

Ich werde nie behaupten, dass ich für die Politik dieser Regierung bin, ich bin aber auch nicht pauschal dagegen.

Ich erhebe aber den Anspruch, dass eine Partei wie die CDU mit ihren satten Prognosen von über 40 % Wählerschaft sich ERNSTHAFT Gedanken über die Geschicke unserer Wirtschaft und der arbeitenden Menschen macht. So viel Mühe muss sein.

Natürlich bin ich gegen Waffen- und Kampfstoffexporte. Geschieht dies dennoch habe ich noch lange nicht das Recht, noch dazu weiteren Unsinn zu betreiben.

MadChart:

Gegenfrage: Welche Arbeitgeberorganisation ist für längere Wochenarbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich ?  

29.06.04 14:58

16575 Postings, 6769 Tage MadChartNun, ruhrpottzocker, als da wären zum Beispiel

Handwerkspräsident Dieter Philipp oder der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ludolf von Wartenberg.

Hier nachzulesen  

29.06.04 14:59

2718 Postings, 6180 Tage IDTEok dann zum thema

"Dabei zeigt der europäische Vergleich:

Je mehr Stunden in der Woche gearbeitet wird, desto unproduktiver wird gearbeitet. Logische Konsequenz: Arbeiten wir immer länger, kommt immer weniger dabei heraus, da jeglicher Anreiz zur Produktivitätssteigerung fehlt !"

1. was für ne geile theorie!!! im umkehrschluss verkürzen wir dort die arbeitszeiten und die werden produktiver???? hätte ich empirisch gerne bewiesen...

2. sonderrolle dtl.: selbst wenn es z.B.in portugal und spanien so wäre, dann liesse sich das doch nicht ohne weiteres auf dtl. übertragen!

nur mal so zum nachdenken. ihr macht euch das ein wenig einfach.

3. anreize zur produktivitätssteigerung bleiben doch erhalten oder wie sieht es mit der konkurrenzsituation aus?  

29.06.04 15:01

12570 Postings, 6254 Tage EichiDas Problem der CDU/CSU

liegt in der sozialen Radikalität.

Die nächste Bundestagswahl ist für Schwarzgelb noch nicht gewonnen.

Schätze es geht so aus:

Mindestens 30 % für die SPD (es ist bekannt, das die u. a. nichtwählenden SPD-Sympathiesanten zur Bundestagswahl rennen, wenn sie merken, die Radikalen könnten gewinnen).

17 % für die Grünen.

10 % für die PDS.

Das sind gemeinsam 57 %. Die Regierung wird durch diese 3 Parteien gebildet. Die PDS ist im Osten auf dem Weg zur Volkspartei. Eine Volkspartei darf in der Demokratie nicht in's Abseits gestellt werden! Auch wenn sie etwas kommunistisch angehaucht ist.  

29.06.04 15:02

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerMadChart,


das sind einzelne Personen, mehr nicht. Auf die Stellungnahme der organisationen kommt es an.

DTE, die Untersuchung hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Länge der Wochhenarbeitszeit und der Produktivität wurde heute morgen in N-TV gezeigt. Ich denke mal, das braucht man auch nicht lange zu untersuchen, das ist ganz einfach logisch.  

29.06.04 15:06

7336 Postings, 6592 Tage 54reabim rahmen der arbeitszeitverkürzung richtung 35-

stundenwoche "ohne lohnausgleich" wurde der binnenkonjunktur ein erheblicher schlag versetzt.

natürlich gab es ein "lohnausgleich". die verkürzung der wochenarbeitszeit wurde immer gleichzeitig mit den lohnerhöhungen verhandelt. die geringere wochenarbeitszeit führte zu geringeren lohnerhöhungen. die arbeitnehmer partizipierten an der produktivitätsentwicklung primär über reduzierte arbeitszeiten. sie gewöhnten sich an die relativ "niedriegeren einkünfte" und die größere freizeit.

zu zeiten der 40-stundenwoche war die sparquote nicht viel anders als heute. heute ist, neben der aktuellen verunsicherung, der mangel an geld die bremse für die aktuelle binnenkonjunktur.

ein wichtiges argument war damals: arbeitszeitreduzierung, damit jeder arbeit bekommt. in wirklichkeit hat man damit arbeitsplätze in der (export)industrie erhalten und (dienstleistungs)arbeitsplätze für die binnenwirtschaft verhindert.

die heutige diskussion ist allerdings völlig daneben. heute glauben manche manager die bevölkerung für eine allgemeine lohnreduzierung (gratis mehrarbeit) weichschießen zu müssen und manch minderbemittelte politiker glaubt sich dabei auch noch einmischen zu müssen.


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29.06.04 15:07

16575 Postings, 6769 Tage MadChartÄhheeem, ruhrpottzocker,

natürlich sind das einzelne Personen. Aber es sind die maßgeblichen Personen, die für die gesamte Organisation sprechen. Was erwartest Du denn?

Wenn z.B. Daimler-Chrysler die Geschäftspolitik der kommenden Jahre erläutert, macht das schließlich auch der Herr Schrempp alleine. Oder hast Du schon mal gesehen,dass der gesamte Vorstand vor die Presse tritt und dann im Chor singt??  

29.06.04 15:08

2718 Postings, 6180 Tage IDTEruhrpottzocker

wenn das so logisch ist, wieso wird dann nicht nur 20 stunden gearbeitet???

irgendwo muss es doch eine zeit geben, wo dieser effekt ins gegenteil umschlägt! vielleicht bei 42 stunden und keiner hats gemerkt...

mal abgesehen davon, ist die produktivität denn neuerdings das mass für die wohlfahrt einer gesellschaft? habe ich was verpasst?  

29.06.04 15:12

21799 Postings, 7725 Tage Karlchen_IEs geht doch gar nicht um Arbeitszeitverlängerung

Es geht um Arbeitszeitverlängerung bei gleichen Löhnen - das ist nix anderes als Lohnkürzung.  

29.06.04 15:13

10382 Postings, 6084 Tage lumpensammlerZur Sachlichkeit zurück

Ich verteidige ungern reaktionäre Kollegen, aber diesmal muß es sein.

Die Kernkraft hat bei der Einführung der Technologie sicherlich auch Unmengen von Subventionen gekostet. Jetzt aber, da sie quasi finanziell selbsttragend (eventuelle Langzeitschäden einmal ausgeschlossen) arbeitet, daraus auszusteigen und konzeptlos in Richtung erneuerbare Energien zu marschieren, ist wie Aktien am oberen Totpunkt kaufen und am unteren Umkehrpunkt zu verkaufen.

Die erwähnte Konzeptlosigkeit bei der Förderung der erneuerbaren Energien ist schon frappierend. Wer sich etwas näher mit der Thematik (und bitte auch der Technik) befaßt, wird fststellen, dass vor allem die Förderung der Windenergie in einem finanziellen Fiasko enden wird. Gerade dieser Bereich trägt je nach Rechenmodell effektiv gerade einmal 1-2% zum Energiemix bei und das wohlgemerkt bei der ca. 5-fachen installierten Kapazität. Hauptgrund ist das fehlende Speichermedium, das die Bereitstellung der Energie zeit- und windunabhängig sicherstellen würde. 80% der Energie verpuffen also wirkungslos oder werden wegen fehlender Netzkapazitäten und mangelnder Nachfrage in die osteuropäischen Länder umgeleitet. Noch nicht eingerechnet sind die Kosten, die für Ausgleichskraftwerke benötigt werden. Diese Form der Energiegewinnung wird frühestens in 20 bis 30 Jahren (wenn die Brennstoffzellentechnik und die Infrastruktur soweit sind) sinnvoll nutzbar sein. Jetzt aber alles sinnlos zuzuspargeln ist wirklicher blinder Idealismus!

Neue Kernkraftwerke zu bauen ist wahrscheinlich auch nicht unbedingt der richtige Weg, da wie gesagt die Langzeitfolgen immer noch unklar sind. Aber die alten und sicheren Kernkraftwerke sollten wenigstens solange wie wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden können. Bis die neue Technik (wahrscheinlich Brennstoffzelle) soweit ist, muß für Neuinstallationen auf die energetisch derzeit sinnvollste und sauberste Alternative zurückgegriffen werden, und das sind nun Gasblockheizkraftwerke der neuesten Generation. Eigentlich ganz einfach, wenn nur da nicht die ganzen Stakeholder wären, wie

- Steinkohlelobby
- Erneuerbare Energien Lobby
- Kernkraftlobby
- Stromnetzbetreiber

Die Chancen einer vernünftigen Lösung sehe ich deswegen auch illusions- und hoffnungslos pessimistisch. Die meisten Kommentare bei Ariva bestätigen mich in der Ansicht.  

29.06.04 15:14

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerDTE,


so ähnlich sehe ich das auch. Sicher schlagen Effekte um, wenn man zu weit nach oben oder zu weit nach unten geht. Ich denke, dass diejenigen, die Flexibilität fordern, richtig liegen. Man sollte es den Sozialpartnern überlassen, aber nicht zentral über alle Branchen, sondern regional und branchenspezifisch bzw sogar firmenbezogen.

Das ist das, was ich an der CDU-Forderung nicht verstehe.

Natürlich spielt die Höhe der produktivität eine große Rolle für den Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung.    

29.06.04 15:23

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerLumpensammler, diese Regelung habe wir doch:


Es gibt die Restlaufzeit.  

29.06.04 15:25

19279 Postings, 7705 Tage ruhrpottzockerIch bedanke mich gerne für


die konstruktive Diskussionsweise und für die sachlichen Beiträge, obwohl mein Eingangsposting, na ja sagen wir mal, knackig formuliert war.

Hat Spaß gemacht.

Allen noch einen schönen Tag
RZ ;-)  

29.06.04 15:30

129861 Postings, 6277 Tage kiiwiiDie Schweiz: Kein Traum -- hat Vollbeschäftigung!

HANDELSBLATT:



Mehr als ein Traum: die Vollbeschäftigung


Von Oliver Stock, Handelsblatt

Er hatte einen Traum: den Job als Koch hinschmeißen, nach Amerika auswandern und dort das machen, was er schon immer tun wollte. Den Menschen die Welt zeigen. Als Reiseleiter. Bruno Ehrlers? (Name geändert) Traum ist nach zehn Jahren zerplatzt. Jetzt ist der hagere 44-jährige Mann zurück in Zürich und sucht einen Job. Vielleicht wieder als Koch.


ZÜRICH. Marie-Hélène Birchler hat ihn noch, ihren Traum. Sie sitzt, nur durch eine Wand von Ehrlers getrennt, an ihrem Schreibtisch im ersten Stock des Arbeitsamts in Zürich-Oerlikon, das die Eidgenossen ?Regionales Arbeitsvermittlungszentrum? (RAV) nennen.

Die Schweizer hatten den Begriff ?Arbeitsamt? schon abgeschafft, als sich Peter Hartz noch überwiegend mit der Namensgebung neuer VW-Modelle und weniger mit der Umbenennung von Arbeitsämtern in Arbeitsagenturen befasste.

Birchler leitet das Zentrum. Bevor sie sich an diesem verregneten Dienstagmorgen Fälle wie den von Herrn Ehrlers widmet, schaut die füllige Frau mit den wuscheligen roten Haaren auf die vier Kalenderblätter vor, neben und hinter ihrem Schreibtisch: karibische Sonnenuntergänge an zuckerweißen Stränden. Irgendwann, wenn sie hier nicht mehr gebraucht wird, möchte Birchler in die Dominikanische Republik ziehen.

In Deutschland wäre das Märchen an dieser Stelle vorbei. Birchler wäre ihrem Traum allenfalls während der ein oder anderen Pauschalreise für ein paar Tage näher gekommen. Und Ehrlers hätte froh sein können, wenn er überhaupt noch eine Stelle findet, die so bezahlt wird, dass er sich noch einmal einen Amerika-Urlaub leisten kann. Doch die beiden begegnen sich in der Schweiz. Ehrlers hat gute Chancen, einen Job zu finden. Und Birchler wird sich ihr Domizil in der Karibik leisten können.

Ist die Schweiz ein Arbeiter- und Angestelltenparadies? Tatsächlich hat das Land mit 3,8 Prozent die niedrigste Arbeitslosigkeit in Westeuropa, und das bei den höchsten Löhnen. An spektakulären Wachstumsraten kann es nicht liegen: Müde 1,8 Prozent hat das Berner Wirtschaftsministerium für dieses Jahr vorhergesagt. Woran liegt es also, dass die Schweizer fast alle in Lohn und Brot stehen?

Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs, hat in einer Untersuchung festgestellt, dass es eine Mischung aus Druck und Service ist, die den Schweizer Arbeitsmarkt als Vorbild auch für Deutschland erscheinen lässt. Tarifverträge gibt es so gut wie keine. Und gekündigt werden kann ohne Angabe von Gründen innerhalb von drei Monaten. Das ist die eine Seite.

Die andere: Ehrlers Entscheidung, sich einen Termin beim RAV-Personalberater geben zu lassen, bedeutet, dass er sich ab sofort einer gut geölten Maschinerie anvertraut. Sie produziert, wie es auf einer Postkarte des Züricher Amts für Wirtschaft und Arbeit heißt, zwar ?keine fertigen Lösungen für Stellensuchende, aber gute Vorschläge für Aufbruchswillige?.

Im Konferenzzimmer des Vermittlungszentrums sind in Augenhöhe farbige Diagramme angeheftet. Jede der 22 Kurven bildet die Erfolge oder Misserfolge eines Personalberaters ab. 104 heißt die magische Zahl, die sich nach einem komplizierten Punktesystem errechnet. Ein wichtiger Faktor dabei ist die durchschnittliche Verweildauer in der Arbeitslosigkeit.

?Wir können nicht zaubern?, sagt Birchler. Aber sie weiß dank der Kurven an der Pinnwand ganz genau, welcher ihrer Mitarbeiter bessere Ergebnisse erzielt und welcher schlechtere.

Schadet so viel Transparenz dem Betriebsklima? Marcel Lenzin, RAV-Leiter im drei Vororte weiter gelegenen Dietikon, schüttelt den Kopf. Zur Erklärung erzählt der Mann mit dem Einstein-Bart aus seiner eigenen Biografie. Vor sieben Jahren saß er noch beim Industriekonzern ABB in der Personalabteilung. Er musste den Kollegen erklären, warum sie nicht mehr gebraucht wurden. Als die Reihe der Entlassungen auch an ihn kam, bewarb er sich kurzerhand bei der Arbeitsverwaltung. ?Die nehmen gerne Leute mit Berufserfahrung?, sagt er. Leute, die es aus ihrer Firma gewohnt sind, mit anderen verglichen zu werden.

Ehrlers knittert seine gelbe Wetterjacke zwischen die Henkel einer abgenutzten Ledertasche, als sein Personalberater in die Wartezone kommt, wo der ehemalige Koch mit einer arbeitslosen Putzfrau und einem Sportlehrer aus Kasachstan Stellenanzeigen durchgeblättert hat, bis er dran ist.

Schlange stehen oder gar eine Nummer ziehen ist in den RAVs von Zürich nicht vorgesehen. Wie ein wichtiger Besucher wird jeder Kunde persönlich zum Termin ins Büro des Vermittlers geleitet. ?Wahrscheinlich?, sagt Ehrlers und ein schiefes Grinsen erscheint auf seinem sonnengebräunten Gesicht, ?muss ich doch wieder alles selber machen.?

Er hat Recht. Ehrlers? Personalberater beherzigt, was seine Chefin predigt: ?Wenn jemand ein Problem erkannt hat und nicht zur Lösung beiträgt, ist er selbst Teil des Problems.? Er spricht Klartext, Beamtendeutsch hält er für eine Art ?Umgehungssprache?.

Der ehemalige Koch erfährt von ihm, dass er sich von nun an einmal im Monat hier melden muss. Dass er jede Menge eigene Bewerbungen vorweisen muss, dass seine monatliche Unterstützung von 2 800 Schweizer Franken rapide zusammengestrichen wird, wenn er sich nicht an die Auflagen hält. Dass er andere Jobs als seinen Traumberuf annehmen muss. Und dass er sich auch nicht auf Zürich versteifen sollte.

?Wir sind Seiltänzer?, meint Birchler und deutet mit ihren ausgestreckten Armen den Balanceakt an, den sie und ihre Kollegen täglich meistern sollen: Sie müssen motivieren und kontrollieren.

Der Tanz auf dem Seil wird noch dadurch erschwert, dass sich die amtlichen Personalberater nicht allein darauf bewegen. Georg Straub ist Chef des Verbands der privaten Arbeitsvermittler in der Schweiz und sieht mit seinem lichten Haar, Schnauzbart und Feinschmeckerbauch gemütlicher aus, als er ist: ?Rechnen Sie nicht mit einem konkurrenzfreien Raum?, warnt er die staatlichen Personalberater.

Die RAV-Vermittler reagieren darauf mit dem Angebot zur Zusammenarbeit: Auf jede offene Stelle, die ein privater Vermittler ihnen meldet, folgt nach Möglichkeit innerhalb von zwölf Stunden ein Personalvorschlag. Und zwar nicht irgendeiner, wie Lenzin präzisiert. ?Sondern wir schicken einen Bewerber à la carte.?

Ehrlers wird nicht dazugehören. Seine Karriere befähigt ihn zu allem ? und nichts. Drei Tage später ist er wieder in Oerlikon, um sich durch das elektronische Stellensuchsystem zu wühlen. Vielleicht klappt es mit einem Job in der Hotelrezeption. Die suchen einen, der gut Englisch kann. Ehrlers will sich bewerben. Marie-Hélène Birchler ist heute nicht da. Sie macht Kurzurlaub. Vielleicht in der Karibik.

HANDELSBLATT, Dienstag, 29. Juni 2004, 10:53 Uhr
 

29.06.04 16:09

10382 Postings, 6084 Tage lumpensammler@rpz

Die Restlaufzeiten sind ein Witz, was die Wirtschaftlichkeit betrifft, und die Neuinvestitionen in ineffiziente Kohlekraftwerke und Windparks ebenso. Insofern kann ich hier alles andere nur keine energiepolitische Vernunft erkennen.  

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