Buhu, arme deutsch Arbeitnehmer

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neuester Beitrag: 11.09.05 10:30
eröffnet am: 10.09.05 16:15 von: permanent Anzahl Beiträge: 13
neuester Beitrag: 11.09.05 10:30 von: KTM 950 Leser gesamt: 514
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10.09.05 16:15

20752 Postings, 6222 Tage permanentBuhu, arme deutsch Arbeitnehmer

Die deutschen Arbeitnehmer sollten ihren Arsch einfach mal hochkriegen. Geringe Wochestundenzahl, 30 Tage Urlaub, geringste Jahresstundenzahl aller Arbeitnehmer weltweit, Qualifikation sinkt, in Watte eingepackt nicht einmal faule Schweine kann man auf die Straße setzen dann bekommt man ärger mit dem Betriebsrat. In welcher Welt leben wir denn eigentlich?
Mit Wettbewerb hat das nichts mehr zu tun, aber der deutsche Arbeitnehmer scheint zu Feige um sich dem Wettbewerb zu stellen. Schade drum wandern eben noch mehr Arbeitsplätze ins Ausland.

Hier ein Bericht über den großen Gurooberlooser: Unser allseits geschätzter Arbeitsplatzverteiliger und doch größter Vernichter Jürgen Peters.

Na ja er kann ja nicht anders ein bischen Schimpfen gehört doch dazu, immerhin wird er ja von den kleinen Arbeitnehmern bezahlt. Es hält zumindest seinen Lebensstandart aufrecht.

IG-Metall-Chef lehnt VW-Forderung für Geländewagen ab

HANNOVER (dpa-AFX) - IG-Metall-Chef Jürgen Peters hat die Bedingungen des Volkswagen -Konzerns für eine Produktion des VW-Geländewagens Golf Marrakesch in Wolfsburg abgelehnt. Eine Herunterstufung der VW-Mitarbeiter aus dem Haustarif auf das Niveau der Auto 5000 GmbH sei nicht 'zielführend', sagte der Gewerkschaftsvorsitzende der 'Hannoverschen Allgemeinen Zeitung' (Samstag). 'Wer schon lange im Unternehmen ist und sich etwas erarbeitet hat, muss auch geschützt sein. Bei Auto 5000 waren ja alle Mitarbeiter vorher arbeitslos. Schon da waren die Gleiche-Lohn-für-gleiche- Arbeit-Debatten sehr schwierig zu bestehen', sagte Peters. VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard hatte damit gedroht, das neue Modell ab 2007 nicht in Wolfsburg, sondern im portugiesischen Palmela bauen zu lassen, wo die Fertigung rund 1000 Euro pro Stück günstiger sei. Nur wenn der Betriebsrat einer Produktion zu den Bedingungen der Auto 5000 GmbH zustimme, könne Wolfsburg den Zuschlag erhalten. Bernhards Vorschlag würde geringere Löhne und andere Arbeitszeiten bedeuten. Peters: 'Herr Bernhard macht sich das ein bisschen zu einfach', sagte Peters. 'Wenn man technisch und arbeitsorganisatorisch noch nicht alles im Griff hat, sollte man nicht einfach zur Belegschaft sagen: 'Jetzt müsst ihr das bringen.' Der IG-Metall-Chef zeigte sich dennoch optimistisch: Er könne sich 'schlichtweg nicht vorstellen', dass Wolfsburg das Projekt nicht bekomme, das rund 1000 Arbeitsplätze sichern würde. Ob es die von VW verlangte Einigung bis zum 26. September gibt, mochte Peters aber nicht garantieren./ot/DP/sk

Quelle: dpa-AFX
 

10.09.05 16:41

12570 Postings, 6204 Tage EichiEs ist ein Skandal in Deutschland

Die hohen Löhne und Gehälter sind Arbeitsplatzvernichter!

Auf der anderen Seite speisst man ALG-II-Empfänger mit einem Trinkgeld ab.
 
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Na_denn_Prosit.gif
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10.09.05 16:54

11570 Postings, 6195 Tage polyethylenGrafik o. T.

 
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Arbeitszeit.png (verkleinert auf 91%) vergrößern
Arbeitszeit.png

10.09.05 17:00

8001 Postings, 5588 Tage KTM 950Sind die Jahresarbeitszeiten auf den Tarif bezogen

oder werden da auch Überstunden mit einbezogen?  

10.09.05 17:00

50568 Postings, 6221 Tage SAKUKannst du mir mal schnell...

die AL-Quote für Polen bzw. die Niederlande sagen?  

10.09.05 17:02

4048 Postings, 6101 Tage HeimatloserKann

vielleicht in diese Diskussion auch die Produktivität der einzelnen Länder einbezogen werden?
Nur mit reinen Arbeitszeiten lässt sich nämlich ein schlechter Vergleich ziehen.  

10.09.05 17:03

8001 Postings, 5588 Tage KTM 950Polen hat meines wissens knapp 20 % Arbeitslose

und die Holländer um die 5 %.  

10.09.05 17:04

4048 Postings, 6101 Tage HeimatloserMehrarbeit kann teuer werden

Mehrarbeit kann teuer werden
Sinkt die Motivation der Beschäftigten, ist der Kostenvorteil weg
VON JOACHIM WILLE
Unternehmer argumentieren: Wird ohne Bezahlung länger gearbeitet, werden Produkte und Dienstleistungen billiger und konkurrenzfähiger: Doch oft tritt das Gegenteil ein, warnt das Institut für Arbeit und Technik. Grund: Die Organisati-on verschlechtert sich, die Motivation der Beschäftigten sinkt.

FRANKFURT A.M. - 5. NOVEMBER - Arbeitszeitverlängerung, wie bei Karstadt, VW oder Opel diskutiert, kann die Lohnkosten zwar kurzfristig senken, die Unternehmen langfristig aber doch teuer zu stehen kommen, meint Arbeitszeitforscher Sebastian Schief vom Gelsen-kirchener IAT. Wenn die Manager die Krise nutzen wollen, um Mehrarbeit ohne Lohnaus-gleich durchzusetzen, sollten sie zuvor kritisch Auswirkungen auf Organisation der Arbeit, Produktivität und Motivation der Beschäftigten prüfen.
Längere Arbeitszeiten seien auf Dauer ?kein Weg aus der Krise?; sagt Schief. ?Effektiver ist eine intelligente Neuorganisation der Arbeit, etwa mit Arbeitszeitkonten, Gleitzeit oder ver-setzten Arbeitszeiten, so dass gerade auch mit kurzen Arbeitszeiten Maschinen lange genutzt oder Dienstleistungen länger angeboten werden können." Das IAT ist Teil des Wissenschafts-zentrums des Landes Nordrhein-Westfalen.
IAT-Untersuchungen in europäischen Ländern zeigen, dass längere Arbeitszeiten mit einer niedrigeren Produktivität einhergehen. Kurze Arbeitszeiten wirkten als ?Produktivitätspeitsche", weil sie die Kreativität anregen, wie in kurzer Zeit besser gearbeitet wer-den kann. Dagegen gäben längere Zeiten Anlass und Möglichkeit zu Zeitverschwendung. Schief verweist zudem darauf, dass die Jahres-Arbeitszeiten in Deutschland im Vergleich der alten EU-Länder ?keineswegs besonders kurz sind, sondern mit 1760 Stunden im Mittelfeld liegen". Frankreich verzeichnet nur 1689, Italien 1695 Stunden; Großbritannien mit 1962 und Griechenland mit 1855 Stunden markieren das andere Extrem. Die britische Produktivität liegt mit dem Wert 81,8 deutlich unter EU-Schnitt (ist gleich 100), die deutsche bei 107, die französische indes bei knapp 118.

Einfache Logik bestimmt die Debatte
Der Forscher kritisiert die ?zu einfache Logik" der aktuellen Debatte: ?Arbeiten die Beschäf-tigten zum gleichen Lohn einige Stunden länger, sinken die Kosten je produzierter Einheit. Das gilt aber nur, wenn alle anderen Bedingungen_ innerhalb eines Unternehmens unverän-dert bleiben." Gerade in Bezug auf die Motivation scheine diese Annahme fragwürdig. ?So-bald aber Motivation und Produktivität der Mitarbeiter sinken, schmilzt der scheinbar gewon-nene Kostenvorteil wie Schnee an der Sonne." Schief verweist auf eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, nach der 60 Prozent der west- und 30 Pro-zent der ostdeutschen Unternehmen mit Motivationsproblemen, geringer Akzeptanz und sin-kender Produktivität rechnen.
Besonders kritisch sind die Motivationsprobleme laut Schief, wenn die Mehrstunden ohne Zustimmung der Arbeitnehmer eingeführt werden und die Notwendigkeit auf Grund der pre-kären Lage des Unternehmens nicht glaubhaft vermittelt wird. Wichtig sei vor allem, dass die Maßnahme befristet ist. Mit der Geschäftsführung müsse eine Vereinbarung getroffen wer-den, dass die Mehrarbeit bei wirtschaftlicher Erholung des Unternehmens wieder rückgängig gemacht wird, fordert der IAT-Experte.
Damit sich Firmen langfristig positiv entwickeln, müssten sie für qualifiziertes Personal sor-gen, Weiterbildung fördern und die Organisation der Produktion intelligent gestalten. ?Au-ßerdem müssen sie sich immer wieder die Frage stellen, ob nicht über eine innovative Ar-beits- und Arbeitszeitorganisation kürzere Arbeitszeiten und längere Betriebszeiten kombi-niert werden können." Als Modell nennt Schief die Vier-Tage-Woche bei VW Geschehe das im Einverständnis mit der Belegschaft, könnten ?die besten Ergebnisse erzielt werden". Ein-fallslose Arbeitszeitverlängerung zementiere dagegen eingefahrene Strukturen.

Frankfurter Rundschau Nr. 260 (6. November) 2004, S. 11
 

10.09.05 17:09

50568 Postings, 6221 Tage SAKU@ KTM: Thx

3,7 und 18 Prozent sind es - war eigentlcih an Poly gerichtet, die Frage.

Denn man kann das Problem der Arbeitslosigkeit NICHT an nur einer Determinante festmachen!!! (Das geht im VWL-Studium und als VWLer, wenn man mit dem Begriff ceteris paribus machen kann, was man will)  

10.09.05 17:12

50568 Postings, 6221 Tage SAKUSorry... streiche 3 setze 4... o. T.

10.09.05 18:43
1

1840 Postings, 6135 Tage Wärnaalso ich weiß nicht wo der deutsche Wert herkommt

Ich jedenfalls arbeite an ca. 230 Tagen je 8 Stunden = 1840 Stunden jährlich, Überstunden kommen noch dazu (Automobilzulieferer). Und bei vielen anderen die ich kenne sieht es ähnlich aus, die meisten arbeiten eher noch mehr. Damit liegen wir mindestens an 5. Stelle vor Japan.
Woher kommen die wenigen Stunden? Z.B. von VW mit ihrer 28-Stunden-Woche? ;-)

Aber zum Thema dauerhaft mehr arbeiten: Irgendwo ist dabei eine natürliche Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit erreicht. Meiner Erfahrung nach liegt das bei der gegenwärtigen schon recht hohen Arbeitsverdichtung irgendwo bei knapp über 40 Stunden (wie gesagt - DAUERHAFT. Kurzzeitig ist da viel mehr drin, aber davon rede ich hier nicht). Man darf nicht nur die reine Arbeitszeit sehen, sondern auch die Produktivität in dieser Zeit und damit verknüpft ist eben auch die sogenannte "Arbeitsverdichtung" (schönes Wort), die eben nicht unendlich steigerbar ist.
Daher ist es natürlich, dass wenn man die Arbeitszeit immer mehr ansteigen lässt, auf Dauer die Produktivität abnimmt, weil die menschliche Obergrenze "Zeit mal Arbeitsverdichtung" überschritten wird.
Natürlich kann man auch 45 oder 50 Stunden arbeiten, auch auf Dauer. Nur wird man dabei niemals die gleiche individuelle Produktivität herausholen können wie z.B. bei 40 oder 38 Stunden. Falls man das trotzdem versucht, geht das nur auf Kosten der Gesundheit. Das wird sich bitter rächen.

Gruß
Wärna

 

11.09.05 10:08

8001 Postings, 5588 Tage KTM 950Jahresarbeitszeit und Arbeitslosenquote

Hab mal eine Gegenüberstellung gemacht. Wobei die Arbeitslosenquote je nach Quelle schwankt. Die Jahrearbeitszeit sind Zahlen, die sich wahrscheinlich auf die tarifliche Arbeitszeit beziehen und mit den tatasächlich geleisteten Arbeitsstunden nicht über einstimmen, siehe Wärnä  http://www.ariva.de/board/230937#jump2101870.
Was auch interessant gewesen wäre, wenn man die Arbeitsproduktivität dazu vergleichen kann, hab aber keine Quelle dazu gefunden.

Korea       2390   3,5 %
Polen       1984   18  %
Mexiko      1980   2,7 %
Schweiz     1905   3,6 %
Tschechien  1882   7,7 %
Japan       1828   4,5 %
Griechenl.  1811   9,9 %
USA         1777   5,0 %
Ungarn      1777   6,4 %
Slowakei    1770  15,2 %
Neuseeland  1767   4,1 %
Spanien     1745   9,4 %
Kanada      1717   7,5 %
Portugal    1675   7,2 %
Großbrit.   1652   4,7 %
Irland      1541   4,3 %
Italien     1523   7,8 %
Österreich  1481   4,3 %
Belgien     1449  12,5 %
Dänemark    1423   5,8 %
Deutschland 1362  11,7 %
Frankreich  1346   9,9 %
Norwegen    1328   3,9 %
Schweden    1316   5,4 %
Niederlande 1309   4,7 %

Anhand der geleisteten Jahresarbeitszeit kann man kaum Rückschlüsse auf die Arbeitslosenzahlen ziehen. Es leitet sich keine Korelation dazu ab. Man muss auch sicherlich nationale Gegebenheiten mit einbeziehen. Deutschland mit der Wiedervereinigung, Polen und Slowakei anderes Wirtschaftssystem, ob in Mexiko auf dem Land die Arbeitslosen genau erfasst werden usw.  

11.09.05 10:30

8001 Postings, 5588 Tage KTM 950Die Daten richtig anschauen!


© 2005 «Die Weltwoche

Aus Ausgabe 41/02 |   Weitere Artikel
Wir sind eben doch gut

Von Mathias Binswanger

Eine erfreuliche Nachricht: Die Schweizer Wirtschaft ist weit besser als ihr Ruf und in gewisser Hinsicht sogar dreimal besser als die der USA. Man muss einfach die richtigen Daten anschauen.

Arbeitsproduktivität erhöhen: Pascal Couchepins Trugschluss im Wachstumsbericht.
Aufmerksame Leser sind in den letzten Monaten vermehrt auf Artikel gestossen, die der Schweiz düstere wirtschaftliche Perspektiven prophezeien. Wenn wir nicht höllisch aufpassen, heisst es, sind wir bald nur noch europäisches Mittelmass. Neben den USA erarbeiten nämlich mittlerweile auch Luxemburg und Norwegen ein höheres Bruttoinlandprodukt pro Kopf als die Schweiz. Kein schöner Zustand, denn wie soll man da im Ausland noch mit Selbstvertrauen auftreten? Vielleicht hat sich Bundesrat Couchepin deshalb des Problems angenommen. Der im Frühling publizierte Wachstumsbericht seines Volkswirtschaftsdepartements ist zu einem interessanten Schluss gekommen: An der helvetischen Misere sei die tiefe Arbeitsproduktivität schuld. Sie müsse unter allen Umständen erhöht werden.

Quotienten sind komplizierte Werte

Das Problem ist also die Arbeitsproduktivität. Jener Quotient, der sich ergibt, wenn man das in einem Land erzeugte Bruttoinlandprodukt durch die geleisteten Arbeitsstunden dividiert. Die «Arbeitsproduktivität» ist zu einem Lieblingsbegriff vieler Ökonomen und Politiker geworden, wenn es darum geht, etwas über die wirtschaftliche Leistungskraft eines Landes auszusagen. Denn eine höhere Arbeitsproduktivität, so scheint es, bedeutet automatisch grösseren Wohlstand.

Wenn das stimmen würde, müsste uns in der Schweiz tatsächlich bange sein, denn im internationalen Vergleich sind wir bezüglich Arbeitsproduktivität wahrhaftig nur Mittelmass. Belgien, Frankreich, USA, Niederlande, Deutschland: All diese Länder können aus einer Arbeitsstunde mehr Wertschöpfung herausholen als wir. Weltmeister in Sachen Arbeitsproduktivität sind die Belgier, die mit einer Arbeitsstunde rund vierzig Dollar Wertschöpfung erzeugen, während es in der Schweiz nur etwas über dreissig sind.

Wie schaffen es die Belgier nur, so produktiv zu sein und aus einer Arbeitsstunde so viel Leistung herauszuquetschen? Die Antwort ist so banal wie überraschend: Viele Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeiten in Belgien überhaupt nicht, und diejenigen, die arbeiten, tun dies relativ kurz.

Ein Quotient hat per Definition nämlich die Eigenschaft, dass er sowohl durch eine Vergrösserung des Zählers (hier das Bruttoinlandprodukt) als auch durch eine Verminderung des Nenners (die jährlich geleisteten Arbeitsstunden) erhöht werden kann. Die Arbeitsproduktivität lässt sich also steigern, indem entweder die Beschäftigten mehr produzieren oder indem sich das Ausmass der Beschäftigung reduziert.

Die Belgier verdanken ihre hohe Arbeitsproduktivität vor allem einem kleinen Nenner. Erstens arbeiten sie nur rund 37 Stunden pro Woche, während wir uns in der Schweiz im Durchschnitt über vierzig Stunden abmühen. Und zweitens beträgt die Zahl der Erwerbstätigen in Prozent der Wohnbevölkerung im Erwerbsalter (die so genannte Erwerbstätigenquote) gerade mal sechzig Prozent, während die Schweiz auf stolze achtzig Prozent kommt. Die hohe Beschäftigung und die langen Arbeitszeiten in der Schweiz wirken sich also negativ auf die Arbeitsproduktivität aus. Mit schweizerischen Tugenden wie früh Aufstehen und Fleiss lässt sich keine hohe Arbeitsproduktivität erreichen, ganz im Gegenteil.

Wir können aufatmen

Die Belgier können uns demnach nicht als Vorbild dienen, zumal auch noch ihr Bruttoinlandprodukt pro Kopf markant tiefer ist. Dasselbe gilt für Frankreich, Deutschland und die Niederlande. In all diesen Ländern ist die Erwerbstätigenquote geringer, was die im Vergleich zur Schweiz höhere Arbeitsproduktivität relativiert. Dividieren wir nämlich das Bruttoinlandprodukt durch die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter statt durch die Summe der gearbeiteten Stunden (Arbeitsproduktivität), dann überholt die Schweiz alle der vorhin genannten europäischen Länder und liegt nur noch hinter den USA, die hier, wenn wir einmal vom Sonderfall Luxemburg absehen, ganz vorne liegen.

Wir können also bereits etwas aufatmen, denn wirtschaftspolitisch ist das Bruttoinlandprodukt pro Person im erwerbsfähigen Alter ein aussagekräftigerer Quotient als die Arbeitsproduktivität. Letzterer lässt sich nämlich durch Arbeitslosigkeit steigern, was den Wohlstand eines Landes nicht erhöht.

Weshalb aber sind uns die Amerikaner überlegen? Sie haben wie wir eine hohe Erwerbstätigenquote (rund 75 Prozent) bei einer relativ geringen Arbeitslosigkeit, so dass zwischen der Schweiz und den USA die Arbeitsproduktivität tatsächlich sinnvoll verglichen werden kann. Sind die Amerikaner besser, weil ihr Preisniveau im Vergleich zur Schweiz tiefer liegt, was auf einen besser funktionierenden Wettbewerb hindeutet? Sind es die geringeren Staats- und Steuerquoten, welche die Entfaltung der Privatwirtschaft fördern? Sorgt die höhere Bereitschaft zur Risikofinanzierung für innovativere Produkte? Haben die Amerikaner schlicht die helleren Köpfe, weil mehr junge Menschen Colleges und Universitäten besuchen? Diese und weitere Fragen werden im Wachstumsbericht des Volkswirtschaftsdepartements angesprochen und tendenziell mit «ja» beantwortet.

Dieser Einschätzung kann man sich in einzelnen Punkten durchaus anschliessen. So ist es richtig, dass der Wettbewerb in den USA im Allgemeinen besser spielt, weil der Staat weniger in die Preisgestaltung eingreift, dafür aber Preisabsprachen strenger verfolgt. Klar ist auch, dass die Schweizer gerne über Risikobereitschaft reden, sich aber dann, wenn es drauf ankommt (das heisst bei der Finanzierung), als risikoscheuer erweisen. Hierzulande wartet man lieber ab, ob sich etwas im Ausland auch wirklich bewährt ? das ist keine innovationsfreudige Haltung.

Wir müssen keinen Vergleich scheuen

Was die höheren Staats- und Steuerquoten in der Schweiz betrifft, die im Vergleich zu den meisten anderen Ländern aber immer noch tief sind, können diese kaum als Erklärung für die geringere Leistungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft herangezogen werden. Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass Staatsquoten keinen signifikanten Einfluss auf die Wachstumsraten eines Landes haben. Und in Bezug auf Bildung brauchen wir den Vergleich mit den USA keineswegs zu scheuen. Mit der Berufslehre besitzen wir eine bewährte und praxisnahe Ausbildungsform, die mehr zur Humankapitalbildung beiträgt als mancher College-Abschluss in den USA. Die Zahl der Universitätsabschlüsse sagt nämlich überhaupt nichts über die Qualität der Bildung in einem Land aus. Man würde ja auch nicht behaupten, die Schweizer seien die besseren Salsa-Tänzer als die Kubaner, weil sie mehr Salsa-Kurse besuchen.

Letztlich sind die Gründe für die in den USA höhere Wirtschaftsleistung pro Person im erwerbstätigen Alter in den unterschiedlichen natürlichen Bedingungen und in der unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur zu suchen. Dabei handelt es sich keineswegs um ein neues Phänomen.
So ist zum Beispiel aufgrund der grossen Landreserven die Produktion pro Arbeitskraft in der amerikanischen Landwirtschaft um ein Vielfaches höher als in der engen Schweiz, wo wir die Landwirtschaft mit hohen Staatssubventionen am Leben erhalten müssen, wenn wir sie behalten wollen. Sodann muss man berücksichtigen, dass die Schweiz keine kapitalintensiven Rohstoff- und Schwerindustrien besitzt, die sich durch eine hohe Arbeitsproduktivität auszeichnen. Und schliesslich spielt es eine Rolle, dass in der Schweiz viel mehr Erwerbstätige in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) arbeiten als in den USA. Da die Arbeitsproduktivität der KMU gemeinhin geringer ist, wirkt sich auch der hohe KMU-Anteil zuungunsten der Schweiz aus.

Allerdings ist es im Interesse einer verbesserten statistischen Konkurrenzfähigkeit weder machbar noch politisch wünschenswert, die relativ unproduktive Landwirtschaft aufzugeben, die Schweiz zu einem Standort für die Schwerindustrie zu machen oder die «unproduktiven» KMUs zu produktiveren Grossunternehmen zu fusionieren. Aus diesen Gründen müssen wir uns auch in Zukunft mit einer etwas geringeren Arbeitsproduktivität zufrieden geben.

Wie problematisch es ist, aus dem internationalen Vergleich eines Quotienten wie dem der Arbeitsproduktivität wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen zu ziehen, kann man auch erkennen, wenn man das Bruttoinlandprodukt statt durch die Arbeitszeit durch den Energieverbrauch dividiert. Auf diese Weise erhalten wir analog zur Arbeitsproduktivität die Energieproduktivität eines Landes. Hier steht nun die Schweiz dreimal besser da als die USA, woraus man schliessen könnte, dass sie viel energieeffizienter produziert. Doch auch diese Schlussfolgerung wäre voreilig. Erstens besitzt die Schweiz nur ganz wenig energieintensive Industrien, so dass die meisten energieintensiven Produkte importiert werden müssen, was zu einer höheren Energieproduktivität unserer Wirtschaft zu Lasten des Auslands führt. Und dann sind da auch noch die relativ kurzen Distanzen in der Schweiz, so dass die Summe der zurückgelegten Personen- und Tonnenkilometer im Vergleich zu den USA klein ist, was die Energieproduktivität ebenfalls erhöht.

Was lässt sich daraus schliessen? Unreflektierte Vergleiche simpler Kennzahlen wie der Arbeitsproduktivität, die heute an der Tagesordnung sind, führen zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität. Sicher, in der Schweiz steht nicht alles zum Besten, doch sind wir bei internationalen Wohlstandsvergleichen nach wie vor in der Spitzengruppe und nicht Mittelmass, wie man aufgrund der Arbeitsproduktivität vermuten könnte.

Mittelmass sind vielmehr Wirtschaftsanalysen, die sich allein auf solche Kennzahlen stützen.  

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