Bürokratie hemmt Wachstum

Seite 1 von 1
neuester Beitrag: 09.07.04 18:00
eröffnet am: 09.07.04 18:00 von: AbsoluterNe. Anzahl Beiträge: 1
neuester Beitrag: 09.07.04 18:00 von: AbsoluterNe. Leser gesamt: 229
davon Heute: 1
bewertet mit 0 Sternen

09.07.04 18:00

26159 Postings, 6161 Tage AbsoluterNeulingBürokratie hemmt Wachstum


Eine dynamische Marktwirtschaft mit Unternehmen, die investieren, damit Produktivitätsfortschritte erzielen und Arbeitsplätze schaffen, erzeugt Wirtschaftswachstum und Wohlstand für die Menschen, die in ihr leben. Dass darin aber kein Automatismus steckt ,wie manch einer glauben mag , lässt sich insbesondere anhand der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands in den letzten Jahren eindrucksvoll nachvollziehen.

Bürokratie belastet die Unternehmen

Die Ursachen für das schwache Wirtschaftswachstum und die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland sind sicherlich vielfältig. Aber auch hierzulande ist inzwischen die Einsicht gewachsen, dass die Qualität der gesetzlichen Rahmenbedingungen einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Wohlstands eines Landes besitzt. Unnötige Regulierungen und bürokratische Hemmnisse gefährden den Erfolg der Unternehmen auf zweierlei Weise. Sie verursachen Kosten und schwächen so die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, und sie verringern die Reaktionsfähigkeit der Unternehmen. Hierfür gibt es zahlreiche Belege. So gaben in einer Umfrage des Ifo-Instituts im Jahr 2002 50 % der befragten Unternehmen an, dass Vorschriften, Meldepflichten und Genehmigungsverfahren nach der Last der Steuern und Abgaben das zweitgrößte Hindernis für den unternehmerischen Erfolg seien.

Solche Klagen werden immer wieder laut. Schwieriger ist es allerdings, die Belastungen, die den Unternehmen durch Bürokratie entstehen, in Euro und Cent zu beziffern. Eine Befragung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn bei mittelständischen Unternehmen in Deutschland im Herbst letzten Jahres hat ergeben, dass die zeitliche und finanzielle Belastung mit bürokratischen Pflichten gerade für kleinere Unternehmen überdurchschnittlich hoch ist. Insgesamt werden die Kosten der Bürokratie für die Unternehmen in Deutschland auf 46 Mrd ? geschätzt, davon entfallen 84 % auf kleinere und mittlere Unternehmen. Diese Daten werden auch durch die Umfrage des Ifo-Instituts und der Deregulierungskommission der Staatsregierung in Bayern bestätigt. Letztere hat für kleinere Unternehmen eine finanzielle Belastung durch Bürokratie von 4000 ? pro Jahr und Mitarbeiter für kleinere und 100 ? pro Jahr und Mitarbeiter für Großunternehmen ermittelt.

Bürokratie im internationalen Vergleich

Diese auf Umfragen basierenden Daten genügen jedoch nicht, um nachzuweisen, in welchem Umfang Bürokratie tatsächlich die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes behindern kann. Die Weltbank hat nun in einer umfangreichen Studie für mehr als 130 Länder - Industrie- und Entwicklungsländer - Daten zusammengetragen, die den Einfluss der Bürokratie auf die wirtschaftliche Entwicklung untersuchen und so vor allem einen internationalen Vergleich des Einflusses von Bürokratie ermöglichen.

In der Studie wurden für fünf Bereiche Indikatoren gesammelt, von denen für einen Vergleich der bürokratischen Hemmnisse innerhalb der EU jedoch nur zwei von Bedeutung sind. Es sind dies die bürokratischen Hindernisse, die bei einer Unternehmensgründung zu überwinden sind und Eingriffe in den Arbeitsmarkt. Die anderen Kriterien, wie die Frage nach der Durchsetzbarkeit von Verträgen oder die Dauer und Kosten von Insolvenzverfahren, weisen in Europa keine so großen Unterschiede auf, dass daraus ein signifikanter Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung abgeleitet werden könnte.

Insgesamt ist die Marktregulierung und sind die bürokratischen Hürden nach der Studie der Weltbank in Dänemark, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden mit deutlichem Abstand niedriger als im Rest der EU. Eine stärkere Regulierung der Märkte ist in aller Regel mit einer größeren Ineffizienz in den Behörden, längeren Wartezeiten und höheren Kosten verbunden. Am Beispiel des Prozesses einer Unternehmensgründung lässt sich dies klar nachvollziehen. So ist die Gründung eines Unternehmens in Dänemark am einfachsten. Sie erfordert nur vier Tage Zeit und verursacht dem Unternehmer keine Kosten. Am längsten dauert die Unternehmensgründung in Spanien und am teuersten ist sie in Griechenland. Um international vergleichbare Daten zu erhalten, beschränkt sich die Studie der Weltbank auf die Gründung von Kapitalgesellschaften.

In Deutschland muss ein Unternehmer nach den Recherchen der Weltbank zur Gründung einer Kapitalgesellschaft 9 Verwaltungsakte durchlaufen, wofür er 45 Tage benötigt. Dies sind 5 Tage mehr als im Durchschnitt der EU. Dabei entstehen einem deutschen Unternehmer Kosten in Höhe von 1340 $. Wie die nachstehende Graphik belegt, lässt sich generell der Schluss ziehen, dass die Kosten der Unternehmensgründung mit der Anzahl der Verwaltungsakte steigen.

 
Infografik

Bürokratie verteuert die Unternehmensgründung in der EU




 
 


Die Bedeutung eines flexiblen Arbeitsmarktes für das Entstehen neuer produktiver Arbeitsplätze ist weitgehend unbestritten. Es wird allgemein anerkannt, dass die Unternehmen in der Lage sein müssen, sich rasch an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Die Studie der Weltbank liefert ebenfalls neue Belege für die Richtigkeit dieser These. Zum internationalen Vergleich der Regulierung an den Arbeitsmärkten dient der Weltbank ein Index, der die Flexibilität bei Einstellungen, Entlassungen und während der Beschäftigungsdauer zusammenfasst. Je höher der Indexwert ist, umso mehr wird ein Unternehmen im jeweiligen Land durch Vorschriften eingeengt.

Der Arbeitsmarkt mit der geringsten Regulierung ist innerhalb der EU mit einem Indexwert von 25 in Dänemark zu finden, dicht gefolgt von Großbritannien. In Deutschland erreicht der Index einen Wert von 51. Angesichts der großen Probleme am Arbeitsmarkt kann es kein Trost sein, dass die Arbeitsmärkte in Spanien, Portugal und Griechenland noch eine weit höhere Regulierung aufweisen.

 
Infografik

Arbeitsmarktregulierung behindert das Produktivitätswachstum




 
 


Trotz dieser deutlichen Unterschiede in der Regulierung der Arbeitsmärkte in Europa, fällt es schwer, einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Regulierung und dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts oder der Beschäftigung herzustellen. Dieser Umstand ist zum einen darauf zurückzuführen, dass viele Faktoren auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigung einwirken. Zum anderen benötigen die Reformen, die in verschiedenen EU-Ländern in den zurückliegenden Jahren durchgeführt wurden Zeit, bis sie ihre Wirkung entfalten können.

Eindeutig ist allerdings der Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichen Produktivitätswachstum der vergangenen zehn Jahre und dem Index. Je höher die Regulierung des Arbeitsmarktes in den einzelnen EU-Ländern ist, um so geringer war demnach der Produktivitätsfortschritt. Dieser Zusammenhang kann unter anderem dadurch erklärt werden, dass in flexibleren Arbeitsmärkten, die Unternehmen schneller auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage reagieren können. Sie sind nicht daran gebunden in wirtschaftlich schwachen Phasen Mitarbeiter mit unterdurchschnittlicher Produktivität weiter zu beschäftigen, und in Phasen einer konjunkturellen Erholung können rasch neue Mitarbeiter eingestellt werden.

 
Infografik

Inflexible Arbeitsmärkte fördern die Schattenwirtschaft in der EU




 
 


Dass der Grad der Regulierung des Arbeitsmarktes Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes hat, zeigt die Studie der Weltbank noch in einem weiteren Punkt. Wie die nachstehende Graphik zeigt, besteht ein zweifelsfreier Zusammenhang zwischen dem Grad der Regulierung des Arbeitsmarkts und dem Ausmaß der Schattenwirtschaft in den EU-Ländern. Das Ausweichen in die Schattenwirtschaft scheint sowohl von Unternehmen als auch von Arbeitnehmern als ein effizienter Weg erachtet zu werden, eine als übermäßig empfundene Regulierung zu umgehen.

Fazit

Die Studie der Weltbank belegt, dass das Ausmaß der Regulierung und der Bürokratie auch innerhalb der EU noch recht unterschiedlich ist und dass Deutschland im Vergleich einen eher hohen Regulierungsgrad aufweist. Sie zeigt außerdem, dass mehr Bürokratie in der Regel einher geht mit mehr Ineffizienz in öffentlichen Institutionen, einer höheren Arbeitslosigkeit, einer niedrigeren Produktivität, aber selten mit einer besseren Qualität der bereit gestellten öffentlichen Güter. Die vorliegenden Indikatoren, die von der Weltbank in Zukunft in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden, sollten deshalb von der Wirtschaftspolitik in Deutschland als Benchmark für Maßnahmen zum Bürokratieabbau genommen werden. Dabei sollte sie sich von der Maxime leiten lassen, dass bei effizient gestalteten Rahmenbedingungen für die Marktwirtschaft Wettbewerb ein ausgezeichnetes Substitut für Regulierung ist.
 

   Antwort einfügen - nach oben