Brot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier

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eröffnet am: 21.08.05 22:01 von: kiiwii Anzahl Beiträge: 2
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129861 Postings, 6152 Tage kiiwiiBrot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier

Brot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier

Die Linke war einmal fortschrittlich. Heute verteidigt sie westliche Privilegien gegen den Rest der Welt - internationale Solidarität, ade!


Von Dirk Maxeiner und Michael Miersch


Die Linke hat gewonnen. Zwar sind ihre ökonomischen und politischen Konzepte überall gescheitert, wo der Versuch gemacht wurde, sie zu realisieren. Aber die Linke hat die Köpfe erobert. Wertvorstellungen, die einst als dezidiert links galten, sind heute Allgemeingut.


Für Demokratie und Freiheit. Für Fortschritt, Aufklärung und Wissenschaft. Für gleiche Rechte, egal, ob Frau oder Mann, Schwarz oder Weiß. Gegen Armut, Unter-drückung, wirtschaftliche Ausbeutung und religiösen Obskurantismus. Solche Selbstverständlichkeiten, die heute jeder an der Haustür unterschreiben würde, wären vor 100 Jahren (in manchen Ländern noch vor Jahrzehnten) ausgesprochen links gewesen. Ein Gutsbesitzer von 1900 hätte vehement bestritten, daß seiner Dienerschaft gleiche Rechte wie ihm gebühren, er sah es als gottgewollt an, daß seine Landarbeiter in bitterer Armut lebten. Die heutigen Standards wurden von der Linken gesetzt.


Ob man jedoch mit den Lösungsvorschlägen, die die Linke anbietet, diesen Wertvorstellungen heute näherkommt, ist zweifelhaft. Denn in den reichen Industrieländern des Westens ist die Linke strukturkonservativ geworden. Früher kämpfte sie für radikale Veränderungen, heute warnt sie mit sorgenvollem Stirnrunzeln vor allzuviel Veränderung und weist auf die Risiken hin. Technischer Fortschritt? Nein, danke! Offene Grenzen für Waren aus der Dritten Welt? Vorsicht! Mehr Freiheit für den einzelnen? Lieber nicht. Kampf gegen Diktaturen? Ohne uns.


Seit die Vereinigten Staaten und Großbritannien entschlossen sind, einen demokratischen Aufbruch in den Despotien des Nahen Ostens herbeizuführen, stemmt sich ausgerechnet die Linke dagegen. Doch war nicht der Kampf gegen Unterdrücker und Menschenschinder traditionell Sache der Linken? Als die Telekommunikation in Europa liberalisiert wurde, warnten sozialistische Politiker: Rentner und Arbeitslose würden sich das Telefonieren nicht mehr leisten können, und die Rationalisierung werde zu einem drastischen Verlust an Arbeitsplätzen führen. Das Gegenteil trat ein: Die Tarife wurden immer billiger, und viele neue Jobs entstanden. Ergebnisse im Sinne linker Werte - geschaffen mit liberalen Methoden. Staatliche Regulierungen, Verbote und Subventionen dagegen führen oftmals nicht zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Es ist das Gegenteil von sozial, wenn von den Steuern der Verkäuferin das Eigenheim ihres Chefs gefördert wird. Es ist das Gegenteil von sozial, wenn der Fabrikarbeiter das Gratisstudium des Managersohns mitfinanziert.


Vielleicht ist die Zeit für eine neue Linke gekommen. "Würde uns nachgewiesen", schrieb der Sozialist Karl Kautsky, "daß etwa die Befreiung des Proletariats und der Menschheit überhaupt auf der Grundlage des Privateigentums an Produktionsmitteln allein oder am zweckmäßigsten zu erreichen sei, dann müßten wir den Sozialismus über Bord werfen, ohne unser Endziel im geringsten aufzugeben, ja, wir müßten das tun, gerade im Interesse dieses Endzieles." Am Beispiel eines hohen Wertes der Linken, des Internationalismus, möchten wir zeigen, warum etliches, das heute als links gilt, von Kautskys "Befreiung der Menschheit" meilenweit entfernt ist.


Bücher wie "Die Globalisierungsfalle", "Der Terror der Ökonomie" oder "Das Ende der Arbeit" fehlen in keinem linken Bücherregal. Ein begeistertes Publikum erschaudert vor den Grausamkeiten der Weltwirtschaft: Bosse und Börsenspekulanten überziehen die Welt mit der Pest des Freihandels. Damit sie die Dritte Welt noch rücksichtloser ausbeuten können, nehmen sie den Arbeitern in den alten Industrieländern die Jobs weg. Dabei kommen soziale Standards, Umweltschutz, Kultur sowie alles Schöne, Gute und Edle unter die Räder. Doch wovor wollen die Globalisierungsgegner in Gewerkschaften, Regierungen und Redaktionen die Menschheit eigentlich retten? Wie sieht der Prozeß aus, der Globalisierung genannt wird?


Heute finden in den Ländern, die dank Kapitalismus und freiem Markt reich geworden sind, die Parolen von Attac reichlich Zulauf, während sich Revolutionäre neuen Typs in den Regionen der Armen sammeln. Wer wahre kapitalistische Überzeugungstäter finden will, wird in den Slums von Johannesburg, Lima oder Bombay Überraschungen erleben. Denn viele Dritte-Welt-Bewohner sind von Marktwirtschaft und Freihandel überzeugt. Kürzlich brachte eine Umfrage in 44 Ländern an den Tag, daß die absolute Mehrheit der Afrikaner dem freien globalen Handel positiv zugeneigt ist.


In den Pueblos jovenes von Peru, den Favelas in Brasilien, den Ranchos in Venezuela, den Barrios marginales in Mexiko, den Bidonvilles in den ehemaligen französischen Kolonien und den Shanty Towns in den britischen ist eine kapitalistische Graswurzelrevolution im Gange, die Beobachter ob ihrer Dynamik und Kreativität staunen läßt. Die Armen erweisen sich als "risk takers", gegen die sich mancher arbeitslose Europäer wie ein hilfloses Kleinkind ausnimmt. Sie haben beschlossen, die Umverteilung des Reichtums in die eigenen Hände zu nehmen und die Bastionen der Reichen als Kleinstunternehmer zu unterlaufen.


Straßenhändler, Kleinbauern und Arbeitsuchende spüren jeden Tag am eigenen Leibe, daß ihnen zumeist nicht raffgierige Unternehmer das Leben schwermachen, sondern kleptokratische Herrscher und ihre Bürokratien. Die neuen Revolutionäre beziehen ihre wirtschaftlichen Rezepte nicht von Che Guevara und Mao Tse-tung. Sie fordern statt dessen mehr Markt, Chancen für alle und verbriefte Eigentumsrechte. Kaum jemand in Europa und Nordamerika kennt die neue Generation liberaler Intellektueller aus Afrika, Südamerika oder Asien. Hierzulande werden lieber altbackene Ideologinnen wie Arundhati Roy oder Vandana Shiva herumgereicht.


Marktwirtschaft muß ganz unten anfangen, meint Südafrikas liberaler Vordenker Themba Sono. Deshalb ist er, der früher Anhänger marxistischer Ideen war, offensiv prokapitalistisch geworden. Er weigert sich, den Menschen eine Gesellschaft zu versprechen, in der alle gleich seien, doch er fordert ein System, das niemanden daran hindert, seine Lage zu verbessern. "Leider fallen so viele Leute immer wieder auf die Versprechungen der Politiker rein", sagt er. "Sie möchten an das Märchen vom guten Staat glauben, der für soziale Gerechtigkeit sorgt. Doch die Politiker helfen nur sich selbst. Sehen Sie sich Zimbabwe an. So endet populistische Illusionspolitik."


"Was bedeutet Kapitalismus?" fragt er rhetorisch. "Es bedeutet, daß jeder das Recht hat, zu investieren in der Hoffnung, damit Gewinn zu erwirtschaften. Das Leben ist immer eine Form von Investment, egal, was wir tun." Er will, daß auch die Armen Eintrittskarten ins kapitalistische System erhalten: Eigentumsrechte auf ihren geringen Besitz, das Recht, private Initiativen zu gründen, das Recht, einen Job anzunehmen, auch wenn er nicht den Normen der Gewerkschaften entspricht. Wer diese Eintrittskarten nicht erhält, wird immer ganz unten bleiben.


Wie man dagegen in bester Absicht den Menschen Chancen verweigert, zeigt ein Beispiel: Um linken Aktivisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, entzog der Sportartikelhersteller Reebok einem Zulieferer in Thailand alle Aufträge. Begründung: Die Arbeitszeit lag bei über 72 Stunden in der Woche. Dabei war nicht von Belang, daß viele Arbeiter mehr und nicht weniger arbeiten wollten. Es spielte auch keine Rolle, daß die Bezahlung besser als der Mindestlohn war, daß Sicherheits- und Gesundheitsstandards über dem lokalen Niveau lagen. 400 Menschen verloren ihren Job. Echt fair. Themba Sono wirft den Linken vor, sie hätten von den wirklichen Sorgen der Armen keine Ahnung: "Die Celebreties der Globalisierungsgegner jetten zwischen den Hauptstädten Nordamerikas und Europas hin und her und verbringen ihr Leben in Konferenzräumen und in Fünf-Sterne-Hotels." Seine Botschaft an den Njet-set: "Laßt uns in Ruhe."


Julius Nyerere, der sein Land mit sozialistischen "Ujamaa-Dörfern" nachhaltig ruinierte, gilt der Linken immer noch als Held, und Che Guevara, der Kubas Wirtschaft zerstörte, erst recht. Nicht Taten zählen, sondern Worte. Die wahren Erfolgsgeschichten werden dagegen nicht zur Kenntnis genommen. In Südostasien etwa nimmt die Massenarmut seit mehr als zwei Jahrzehnten unübersehbar ab. Es geht nicht nur den Oberschichten, sondern auch den Arbeitern und Bauern immer besser. Mitte der siebziger Jahre hatte der Club of Rome gewaltige Hungersnöte mit Millionen von Toten für die Region prophezeit. Nun nehmen Malaysia, Hongkong und Co. ihren alten Kolonialherren die Märkte ab. Dabei haben auch sie so arm wie Tansania angefangen. Es geht also: Die Verdammten dieser Erde holten gewaltig auf. Leider jedoch mit kapitalistischen Methoden. Und das ist es wohl auch, was den Aufstieg Asiens unter deutschen Linken zum Null-Thema macht.


Die "zweite Befreiung" der Ex-kolonien ist im Gange. Immer mehr afrikanische, asiatische und südamerikanische Intellektuelle stellen den linken Beschützern der Armen in Regierungen und Gewerkschaften kritische Fragen. Solidarität mit der Dritten Welt kann heute nur eines heißen: Fair play, wenn die globale Konkurrenz durch die nachrückenden Länder zunimmt.


Eine Weihnachtsspende für den armen Kaffeepflücker in Nicaragua? Aber gern. Wehe aber, wenn seine Tochter nicht mehr Kaffee pflücken möchte und es zur Software-Entwicklerin schafft. Wenn billige und gute Computer, Textilien und Autos auf Europas Märkte drängen - aus Ländern, die vorher jahrzehntelang in der Rolle des willigen Abnehmers europäischer Waren gefangen waren. Dann ist es schnell vorbei mit der "internationalen Solidarität". Dann protestieren die Bosse der Altindustrien mit den Gewerkschaftlern Hand in Hand: Brot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier!


Die Verfasser leben als freie Autoren in Augsburg und München. Der Beitrag ist ein Auszug aus der Broschüre "Ist die Linke noch links? Der Abschied von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit", die beim Liberalen Institut in Potsdam erscheint.


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.08.2005, Nr. 33 / Seite 11



MfG
kiiwii
ariva.de
Let's ignore, it's so easy,...
 

21.08.05 22:05

95440 Postings, 7197 Tage Happy EndKREISCH - Maxeiner und Miersch

...die frustrierten und fleischgewordenen proxicomis *g*  

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