Braune Brühe im roten Haus

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eröffnet am: 16.12.06 10:44 von: Schwedenku. Anzahl Beiträge: 1
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534 Postings, 6631 Tage SchwedenkugelBraune Brühe im roten Haus

Ex-Minister im Visier
"Da ist vielleicht eine Panne passiert"

Warum Julian Nida-Rümelin in die Rechts-Falle getappt ist und wieso er als "Depp der Nation" betitelt wird: eine Geschichte über falsche Ehrendoktortitel, Hohn und Eitelkeiten.
Von Ruth Schneeberger
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Totgesagte leben also doch länger: Die Zeitschrift Tempo gibt es zwar schon seit zehn Jahren nicht mehr - in einer Jubiläumsausgabe sorgt sie jetzt aber noch einmal tüchtig für Wirbel.

Quasi aus dem Grab heraus verkündet sie "Endlich! Die Wahrheit" auf dem Titel und als eine von 33 "unumstößlichen, unbestreitbaren, unerbittlichen und unverschämten Erkenntnissen über die Welt von heute", dass Deutschlands Elite einen Rechtsruck erfahre.

Angetreten, dies zu beweisen, ist sie mit einer erfundenen Geschichte: 100 Prominenten wurde die "Ehrendoktorwürde" angedient, und zwar im Namen der "Deutschen Nationalakademie". Sie müssten nichts tun - außer sich mit dem Programm der Akademie einverstanden zu erklären.

"Dem besten Volk"

Das aber hat es in sich: Das Programm ist mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" und NPD-Leitlinien gewürzt, und zwar kräftig: "Eine Weltannschauung, die bestrebt ist, unter Ablehnung des demokratischen Massengedankens, dem besten Volk die Erde zu geben, muss auch innerhalb dieses Volkes den besten Köpfen die Führung und den höchsten Einfluss im betreffenden Volk sichern."

Eine Ehrendoktorwürde ist aber trotzdem was feines. Und so lasen viele Prominente das Begleitschreiben nicht oder nur halb oder fanden es nicht so wichtig - jedenfalls haben 14 von ihnen zugesagt. Als erster Dieter Bohlen: Er werde "sehr gern" an der Zeremonie teilnehmen.

Es gibt aber durchaus Dinge, über die man sich wundern kann bei dieser Geschichte: Denn während etwa der DVU-Politikerin Liane Hesselbarth das Gedankengut eindeutig "zu nationalsozialistisch" war (wohlgemerkt gilt die DVU als rechtspopulistische Partei), stimmte ausgerechnet einer der Sache zu, dem man dies so nicht zugetraut hätte: Julian Nida-Rümelin, seines Zeichens Kultur-Staatsminister a.D., damals für die SPD, inzwischen Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie und Philosophie an der Elite-Uni München.

"Rechter politischer Hintergrund"

Auf ihn konzentriert sich nun der Spott: "Depp der Nation" titelt die FAZ an prominenter Stelle im Feuilleton. Nida-Rümelin wird es in seinem Büro im politischen Institut an der Uni ungemütlich - und er veröffentlicht eine Stellungnahme auf seiner Homepage:

"Ich hätte misstrauisch genug sein sollen, im Internet zu recherchieren", räumt er ein. Fakt sei aber, dass die rechtsextremen Zitate in seinem Anschreiben gefehlt hätten. Dem Brief habe auch kein weiteres Programm beigelegen. "Da ist vielleicht eine Panne passiert" vermutet er gegenüber sueddeutsche.de.

Fakt ist auch, dass Nida-Rümelin einen Monat nach Erhalt des Schreibens die Annahme der Ehrendoktorwürde doch noch abgelehnt hat - mit der Begründung, dass er die Stiftung, die es nicht gibt, mit der "Deutschen Nationalstiftung" von Helmut Schmidt verwechselt habe. Außerdem vermute er einen "rechten politischen Hintergrund" hinter der Aktion.

Dies hat Tempo auch so geschrieben - dennoch schlagen die Wellen der Empörung hoch: Wie kann es sein, dass ausgerechnet dieser Mann - Politiker, Philosoph, ehemaliger Kultur-Staatsminister und Politik-Professor in einem - sich so leicht aufs Glatteis führen lässt? Das sorgt für Hohn.

Kaum hat also Nida-Rümelin versucht, sich zu rechtfertigen, gibt es schon wieder Prügel, und schon wieder von der FAZ, vom selben Autor: Die Tempo-Macher würden bezeugen, dass die Zitate auch seinem Anschreiben beigelegen habe.

"Peinlicher Entlastungsversuch"

Außerdem gelte dieser "peinliche Entlastungsversuch" schon deshalb nicht, weil Nida-Rümelin dann eben hätte anrufen und nachfragen sollen, bevor er sich vorbehaltlos mit den Zielen einverstanden erkläre - und, zur Bekräftigung seiner Unterstützung, noch einen 17-seitigen Essay über die "normativen Bedingungen der Macht" beilege.

Die Sache wird womöglich bald die Gerichte beschäftigen. Nida-Rümelin schließt rechtliche Schritte nicht aus. Zumal sich der Spott nur auf ihn konzentriert - dabei haben neben ihm, und zwar nicht minder vorbehaltlos, 13 weitere Deutsche dem Nazi-Programm zugestimmt.

Darunter Staranwalt Rolf Bossi, Unternehmer Claus Hipp, Verleger Benedikt Taschen, Sänger Udo Jürgens und Bergsteiger-Legende Reinhold Messner - alle diese haben ihre Zusage nicht, wie der Münchner Professor, rechtzeitig zurückgezogen.

Nida-Rümelin findet weniger den Coup von Tempo bedenklich, als vielmehr "die Tendenz anderer, darunter auch seriöser Zeitungen, ein solches journalistisches Bubenstück mit staatsmännischem Pathos und ernster Besorgnis zu kommentieren. Das entwertet die nötige politische Wachsamkeit gegen Rechts."

Wie auch immer das Rauschen im Blätterwald endet und wer sich demnächst noch gegenseitig als Nazi beschimpfen mag - eins hat die Geschichte gezeigt: Eitelkeit ist immer noch die beste Methode, den Kopf zu verlieren.

sueddeutsche.de  

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