Bilanz lügt also,dass sich die Balken biegen !

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eröffnet am: 25.08.05 23:54 von: satyr Anzahl Beiträge: 1
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10. Schweizhetze im Kommunistenblatt 17688 Postings, 1891 Tage ecki  25.08.05 23:47 ariva.deariva.de

Thomas Fricke: Stagnation erster Klasse

Die Schweiz hat niedrige Steuern, einen lockeren Kündigungsschutz und grundreformierte Sozialsysteme - und wächst noch schwächer als wir. Daraus könnte das eifrig reformierende Deutschland einiges lernen.

Schwache Schweizer  Schwache Schweizer

Im Grunde haben die Schweizer alles richtig gemacht, zumindest nach klassischer Lehre. Nirgends gibt es so flexible Arbeitsmärkte, umgängliche Steuerregeln und grundreformierte Sozialsysteme - all das, was Professoren in Deutschland bitterlich vermissen. Nach Adam Smith und Paul Kirchhof müssten die Schweizer sozusagen durchboomen.

Die Sache hat nur einen klitzekleinen Haken: Die Schweiz boomt nicht. Im Gegenteil. Kaum einem Land der Welt mangelt es seit 15 Jahren so sehr an Dynamik. Und: Die Auflösung des Rätsels könnte für die Deutschen gerade jetzt sehr lehrreich sein. Denn den alpinen Reformlaureaten scheint seit Jahren vor allem eins dazwischenzukommen: dass die eigene Währung hochschnellt - ein Problem, das noch ein anderes Volk kennt: das stagnierende Deutschland. Kein Zufall.

Mehr Zeit im Büro

In der Schweiz wird ganz legal bis zu 50 Stunden die Woche gearbeitet, dafür kaum gestreikt und relativ wenig Zeit mit so Dingen wie Urlaub verbracht. Im Jahr kommen die Schweizer auf gut 1800 Stunden Arbeit und verbringen damit 200 Stunden weniger als wir vorm Fernseher oder sonstwo. Traumhaft.

Der Arbeitsmarkt kann das Problem nach orthodoxer Lehre nicht wirklich sein. In der Schweiz gilt kaum Kündigungsschutz, laut OECD sind Jobs nicht einmal halb so reguliert wie in Deutschland. Selbst der Staat gibt sich modern bescheiden. Die öffentlichen Ausgaben erreichen nur ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) - mageres US-Niveau weit unter der deutschen Quote von 47 Prozent. Entsprechendes gilt für Steuern und Abgaben, Spitzen- wie Konzernsteuern liegen niedrig. Das Staatsdefizit dümpelt bei einem Prozent statt Eichelscher 3,5 Prozent des BIP.

Reformiert haben die Schweizer ihr Gesundheitssystem. Seitdem gilt die gern von Reformpäpsten empfohlene Kopfpauschale. Die Rentenvorsorge fußt brav auf drei Säulen - samt geförderter Privatvorsorge. Wunderbar.

Nach allen Standardkriterien müsste die Schweiz also das China Europas sein, mit Wachstum von, sagen wir, neun Prozent. Die Deutsche Bank rechnet für 2005 aber nur mit 0,8 Prozent, dagegen wirken die Deutschen fast dynamisch. Seit 1991 expandierten die Schweizer im Schnitt jährlich um 1,1, die Deutschen um 1,2 Prozent. Die Schweizer Arbeitslosenquote verdreifachte sich von 1,5 auf nun 4,5 Prozent der Erwerbspersonen.

Nun könnte eine Erklärung sein, dass es sogar in der Schweiz Dinge gibt, die noch nicht verändert wurden. Irgendwas finden Ökonomen immer. Es fehle oft an Konkurrenz, sagt der Schweizer Chef des Hamburger HWWI-Instituts, Thomas Straubhaar. Die Schweizer leisteten sich zum Beispiel Postboten, die Briefe in die letzten Alpenwinkel trügen. Derlei könnte erklären, warum das Land in vielem so teuer und wenig dynamisch sei.

Ob das reicht, um 15 Jahre Wachstumskrise zu erklären, ist fraglich. Zwar seien die Preise unbestreitbar hoch, so Matthias Lutz von der Universität St. Gallen. Nur könne das kaum an durchweg mangelndem Wettbewerb liegen. Sonst müssten die Firmen hohe (Monopol-)Gewinne einfahren, was nicht der Fall sei. Unwahrscheinlich zudem, dass hochliberale Experten den Konkurrenzmangel übersahen, als sie die Schweiz stets ganz oben in ihre Freiheits- und Wettbewerbsrankings stellten.

Der Grund für die hohen Preise dürfte ein anderer sein. Der Schweizer Franken hat seit 1970 gigantische 265 Prozent aufgewertet, während Briten, Franzosen und Amerikaner bestenfalls mäßige Verteuerungen ihrer Währung verkraften mussten. Folge Nummer eins: Schweizer Exportwaren haben sich seitdem um mehr als 80 Prozent stärker verteuert als alle anderen OECD-Ausfuhren. Folge zwei: Die Aufwertung ließ via Umrechnung die Löhne und Preise im internationalen Vergleich immer höher ausfallen. Folge drei: Die Exporte stürzten rund um den Globus ab.

Seit 1980 bleiben die weltweiten Verkäufe der Schweizer um fast 40 Prozent hinter der Nachfragedynamik wichtiger Absatzmärkte zurück - ein atemberaubender Rückfall. Der Schweizer Weltmarktanteil sackte seit 1990 von 2,5 auf 1,5 Prozent. Das dürfte nur bedingt mit Postboten zu tun haben.

Teure Währung als transalpines Problem

Für die Deutschen ergibt das ein paar erschreckende Parallelen. Im Schnitt haben Mark und dann Euro seit 1970 um nominal 220 Prozent aufgewertet - eine ähnlich krasse Verteuerung von "Made in Germany", auf die Firmen nur etwas anders reagierten. Sie versuchten durch immer neue Kostenkürzungen gegenzusteuern, ließen die Exportpreise damit nur um 15 Prozent stärker steigen als die Konkurrenz und verloren so nur relativ bescheidende zwölf Prozent an "Export Performance" - mit der Folge, dass die Arbeitslosigkeit entsprechend stärker stieg als in der Schweiz.

Deutsche und Schweizer ähneln sich in der Krise weit stärker, als es die Lieblingslisten der Standortpäpste vermuten lassen. Beide sind in gewisser Art Opfer des eigenen Erfolgs. Gerade weil sie als Hort der Stabilität gelten, hat sich der Run auf die Währung verselbstständigt. Die Kurse stiegen und stiegen - bis heute.

Mit diesem gemeinsamen Handicap lässt sich erklären, warum die Wirtschaft beiderseits des Bodensees seit 15 Jahren auf so erschreckend gleichmäßige Weise lahmt - obwohl die Schweizer bei Ökonomen als Mustereinheit und die Deutschen eher als Schmuddelgruppe gelten. Es wird Zeit, dass wir uns mit Wichtigerem beschäftigen als mit Bierdeckelsteuern, längeren Arbeitszeiten und Kostenabbau. Könnte unter den heutigen Währungsverhältnissen sein, dass das gar kein Wachstum bringt. Wie in der Schweiz.

Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle in der Zeitung.

Aus der FTD vom 26.08.2005
© 2005 Financial Times Deutschland

http://www.ftd.de/me/cl/19742.html?p=1

Hoppla ist ja von der

 

 

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