Bevölkerungsentwicklung und Ölkonsum

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eröffnet am: 12.11.04 13:27 von: bammie Anzahl Beiträge: 1
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8970 Postings, 6215 Tage bammieBevölkerungsentwicklung und Ölkonsum

Erdöl ist das Lebensblut der Wirtschaft. Mobilität und Globalisierung wird durch Erdöl und seine Destillate (Benzin, Kerosin, Diesel etc.) erst ermöglicht. Immer wieder wird über den hohen Ölpreis diskutiert, ohne allerdings die globale Perspektive ausreichend zu berücksichtigen. Insbesondere fehlt die Nennung des Zusammenhangs zwischen Bevölkerungsentwicklung und Ölkonsum.
Es ist unstrittig, dass die Weltbevölkerung weiter zunehmen wird. Nicht notwendigerweise in den Industrienationen, aber umso mehr in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Wir halten uns an die so genannte "mittlere Variante" des Bevölkerungswachstums der Vereinten Nationen, die im folgenden Chart dargestellt ist.

Danach wird die Weltbevölkerung im Jahr 2013 die Sieben- und im Jahr 2028 die Acht-Milliarden-Grenze überschreiten. Die Wachstumskurve verläuft allerdings immer flacher, so dass das Weltbevölkerungswachstum jenseits des Jahres 2050 zwischen Neun- und Zehn Milliarden Menschen wohl zum Stillstand kommen wird.

Derzeit verbraucht jeder Erdenbürger im Schnitt zwei Liter Erdöl pro Tag. Die Verteilung ist dabei äußerst ungleich: In Indien beträgt der Pro-Kopf-Verbrauch 0,35, in China 0,8 Liter, in Deutschland fünf und in den USA elf Liter pro Tag.

China, das ein Fünftel der Weltbevölkerung umfasst, hat im Jahr 2003 seinen Ölkonsum gegenüber 2002 um 11 Prozent gesteigert. Seit 1965 wächst der Ölkonsum Chinas durchschnittlich um 9,5 Prozent pro Jahr, der Pro-Kopf-Verbrauch steigt jährlich um 7,8 Prozent. Allein diese Fakten würden uns ausreichend Rückendeckung geben, die weltweiten Pro-Kopf-Wachstumsraten für die kommenden Jahrzehnte auf 2 bis 3 Prozent festzulegen.

Doch seien wir konservativ und gehen wir davon aus, dass der weltweite Öl-Konsum pro Kopf in den kommenden Jahrzehnten jeweils nur um 0,5 Prozent pro Jahr wächst. Das würde im Jahr 2030 einem weltweiten Pro-Kopf-Verbrauch von 2,25 und im Jahr 2050 von 2,5 Litern entsprechen.

Die Auswirkungen selbst dieser geringen Wachstumsrate wären fatal. Der weltweite Ölkonsum würde von jetzt 80 auf 120 Millionen Fass pro Tag im Jahr 2030 ansteigen. Das entspricht einem Zuwachs von 50 Prozent. Bis 2050 würden weitere 20 Millionen Fass täglich benötigt.

In einem perfekten marktwirtschaftlichen Umfeld befinden sich Angebot und Nachfrage im Einklang. Wir wissen, dass der Ölmarkt nicht gerade als Paradebeispiel eines solchen Umfeldes angesehen werden kann. Dennoch gelten auch hier die Gesetze des Marktes: Eine Stagnation oder eine Verknappung des Angebots bei höherer Nachfrage lässt die Preise steigen.

Fachleute davon aus, dass der Produktionshöhepunkt bei den fossilen Brennstoffen noch in diesem Jahrzehnt bevor steht. Außer Saudi-Arabien produzieren derzeit alle Erdöl exportierenden Staaten an ihrer Kapazitätsgrenze; doch selbst auf der arabischen Halbinsel werden die freien Kapazitäten geringer. Neue Ölfelder werden kaum noch entdeckt. Immer raffiniertere Technologien müssen angewendet werden, um die Restmengen aus den alten Feldern herauszudrücken. Es erscheint möglich, die tägliche Fördermenge auf 90 Millionen Fass, mit viel gutem Willen und unter äußerster Kraftanstrengung auch noch ein wenig darüber auszuweiten. Aber 120 oder gar 140 Millionen Fass erscheinen außerhalb jeglicher Reichweite.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Erdöl wird uns auch in 100 Jahren noch zur Verfügung stehen, dann aber wohl nur noch in der pharmazeutischen Industrie. Doch als Großvater werde ich mir von meinen Enkeln später die Frage gefallen lassen müssen, was denn in uns gefahren war, diesen kostbaren Rohstoff so einfach in Motoren zu verbrennen.

In einer separaten Studie gehen wir exemplarisch auf die Entwicklung einzelner Regionen und Länder ein. Im Nahen Osten steigen die Bevölkerungszahlen derzeit gewaltig an, was die Exportwilligkeit der dortigen Staaten zusätzlich einschränken wird. Die Situation in Deutschland, China, Indien und den USA wird dargestellt und erläutert. Wir wollen auch die Frage klären, wie denn die Kapazitäten verteilt sein müssten, um mit einer zukünftig stagnierenden bis fallenden Öl-Förderung leben zu können.

Robert Rethfeld ist Wirtschaftsjournalist und Mitglied der Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands (VTAD). Seit Mitte 2002 betreibt er die Website www.wellenreiter-invest.de, eine Online-Publikation für wirtschaftliche, finanzielle und gesellschaftliche Entwicklungen.

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die Smarthouse Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.
 

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