Besuch im Herz der Finsternis

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eröffnet am: 21.08.05 07:00 von: Pantani Anzahl Beiträge: 1
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Besuch im Herz der Finsternis

Wahlkampf: Seehofers Rückkehr ? Fischer im Selbstzitat ? Ein Sommerabend bei der WASG

von Johann Michael Möller

Es gibt in diesen Tagen manche Abschiede von der Politik. So meldet sich Horst Seehofer auch wieder zu Wort. Natürlich mit Kritik an Merkels Wahlkampfteam. Seehofers Sommerpause ist wohl jetzt erst zu Ende gegangen. Ähnlich von gestern wirkt eine Pressemitteilung der Grünen. Frau Kynast und Frau Lembke, die politische Bundesgeschäftsführerin, geben bekannt, daß sie aus Termingründen leider ihre angekündigte ?Inlineskating-Tour durch das Regierungsviertel? absagen müssen. Sie bäten um Verständnis. Ich habe aber keines. Politisches Inlineskating gehört in die Kategorie Guido-Mobil. Außerdem kann ich nicht Rollschuhfahren.
?Joschka Fischer füllt immer noch die Säle und die Plätze, höre ich. Wann immer er draußen im Land redet, hat er Tausende von Zuhörern. Offenbar wollen ihn alle noch einmal sehen. Nicht den Fischer aus der Welt der blauen Teppichböden. Oder den aus dem Visa-Ausschuß. Sondern den Polemiker, den politischen Raufbold. Der Außenminister im Selbstzitat.

Am Abend war ich im Berliner Norden bei der WASG. Ein Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts hätte wohl notiert: Gestern ins Herz der Finsternis geblickt. Aber es war nur ein Sozialgemeinschaftshaus gleich um die Ecke. Aus Studententagen kennt man die Atmosphäre der wackligen Stühle, der Tapeziertische und der im unregelmäßigen Takt umfallenden Bierflaschen. Da ist viel Sektiererjargon. Und hohe Aggressivität. Alle reden von arm und reich, vom ?Denkgift? des Neoliberalismus, und davon, daß der Staat doch gefälligst für neue Arbeitsplätze zu sorgen habe. Der migrantischer Streetdancer (das Attribut habe ich dort neu gelernt) beschimpft die Gewerkschaften, warum sie keine ?Schulen des zivilen Ungehorsams? mehr seien. Aber der harmlos nette Gewerkschaftssekretär hält das eher für eine ?mittelfristige Aufgabe?.

Die Spannungen zwischen der westdeutschen Wahlalternative und der PDS sind unüberhörbar. Am Eingang gäbe es noch Material von ?unseren Freunden aus dem Bündnis?, sagt der Veranstalter und beim Stichwort PDS-Politik in Berlin geht ein knirschendes Lachen durch den Saal.
Ich schaue mir die Gesichter an. Ein Mann fragt nach der Familie und ob die neue Linke sie denn ins Zentrum ihrer Politik stellen wolle. Ratlosigkeit. Die Vertreterin der Arbeitsloseninitiative erzählt, wie froh sie für jede Stunde war, die sie arbeiten durfte. Und eine Frau mit sorgfältig gelegten weißen Haaren verläßt den Saal. Die Damenhandtasche fest unter den Arm geklemmt.

Das sind die Verlierer, denke ich, von denen uns die Soziologen neuerdings als dem neuen Subproletariat erzählen; Menschen, die sich nur festklammern möchten, denen die Kraft zur politischen Auseinandersetzung längst fehlt. Gysi und Lafontaine haben sie sich als Resonanzboden ausgesucht. Die neue Linke ist keine neue proletarische Bewegung. Sie ist eine ideologische Gründung von oben, eine merkwürdig fluoriszierende Mischung aus Enttäuschung und Demagogie. Am Ausgang wünscht mir ein älterer Mann ?schönes Wochenende?. Es ist erst Donnerstag - und er tut mir sehr

 

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