Benchmark für Deutschland

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20752 Postings, 6272 Tage permanentBenchmark für Deutschland

Mehr als ein Traum: die Vollbeschäftigung

Von Oliver Stock, Handelsblatt

Er hatte einen Traum: den Job als Koch hinschmeißen, nach Amerika auswandern und dort das machen, was er schon immer tun wollte. Den Menschen die Welt zeigen. Als Reiseleiter. Bruno Ehrlers? (Name geändert) Traum ist nach zehn Jahren zerplatzt. Jetzt ist der hagere 44-jährige Mann zurück in Zürich und sucht einen Job. Vielleicht wieder als Koch.

                
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Foto: dpa

ZÜRICH. Marie-Hélène Birchler hat ihn noch, ihren Traum. Sie sitzt, nur durch eine Wand von Ehrlers getrennt, an ihrem Schreibtisch im ersten Stock des Arbeitsamts in Zürich-Oerlikon, das die Eidgenossen ?Regionales Arbeitsvermittlungszentrum? (RAV) nennen.

Die Schweizer hatten den Begriff ?Arbeitsamt? schon abgeschafft, als sich Peter Hartz noch überwiegend mit der Namensgebung neuer VW-Modelle und weniger mit der Umbenennung von Arbeitsämtern in Arbeitsagenturen befasste.

Birchler leitet das Zentrum. Bevor sie sich an diesem verregneten Dienstagmorgen Fälle wie den von Herrn Ehrlers widmet, schaut die füllige Frau mit den wuscheligen roten Haaren auf die vier Kalenderblätter vor, neben und hinter ihrem Schreibtisch: karibische Sonnenuntergänge an zuckerweißen Stränden. Irgendwann, wenn sie hier nicht mehr gebraucht wird, möchte Birchler in die Dominikanische Republik ziehen.

In Deutschland wäre das Märchen an dieser Stelle vorbei. Birchler wäre ihrem Traum allenfalls während der ein oder anderen Pauschalreise für ein paar Tage näher gekommen. Und Ehrlers hätte froh sein können, wenn er überhaupt noch eine Stelle findet, die so bezahlt wird, dass er sich noch einmal einen Amerika-Urlaub leisten kann. Doch die beiden begegnen sich in der Schweiz. Ehrlers hat gute Chancen, einen Job zu finden. Und Birchler wird sich ihr Domizil in der Karibik leisten können.
Ist die Schweiz ein Arbeiter- und Angestelltenparadies? Tatsächlich hat das Land mit 3,8 Prozent die niedrigste Arbeitslosigkeit in Westeuropa, und das bei den höchsten Löhnen. An spektakulären Wachstumsraten kann es nicht liegen: Müde 1,8 Prozent hat das Berner Wirtschaftsministerium für dieses Jahr vorhergesagt. Woran liegt es also, dass die Schweizer fast alle in Lohn und Brot stehen?

Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs, hat in einer Untersuchung festgestellt, dass es eine Mischung aus Druck und Service ist, die den Schweizer Arbeitsmarkt als Vorbild auch für Deutschland erscheinen lässt. Tarifverträge gibt es so gut wie keine. Und gekündigt werden kann ohne Angabe von Gründen innerhalb von drei Monaten. Das ist die eine Seite.

Die andere: Ehrlers Entscheidung, sich einen Termin beim RAV-Personalberater geben zu lassen, bedeutet, dass er sich ab sofort einer gut geölten Maschinerie anvertraut. Sie produziert, wie es auf einer Postkarte des Züricher Amts für Wirtschaft und Arbeit heißt, zwar ?keine fertigen Lösungen für Stellensuchende, aber gute Vorschläge für Aufbruchswillige?.

Im Konferenzzimmer des Vermittlungszentrums sind in Augenhöhe farbige Diagramme angeheftet. Jede der 22 Kurven bildet die Erfolge oder Misserfolge eines Personalberaters ab. 104 heißt die magische Zahl, die sich nach einem komplizierten Punktesystem errechnet. Ein wichtiger Faktor dabei ist die durchschnittliche Verweildauer in der Arbeitslosigkeit.

?Wir können nicht zaubern?, sagt Birchler. Aber sie weiß dank der Kurven an der Pinnwand ganz genau, welcher ihrer Mitarbeiter bessere Ergebnisse erzielt und welcher schlechtere.
Schadet so viel Transparenz dem Betriebsklima? Marcel Lenzin, RAV-Leiter im drei Vororte weiter gelegenen Dietikon, schüttelt den Kopf. Zur Erklärung erzählt der Mann mit dem Einstein-Bart aus seiner eigenen Biografie. Vor sieben Jahren saß er noch beim Industriekonzern ABB in der Personalabteilung. Er musste den Kollegen erklären, warum sie nicht mehr gebraucht wurden. Als die Reihe der Entlassungen auch an ihn kam, bewarb er sich kurzerhand bei der Arbeitsverwaltung. ?Die nehmen gerne Leute mit Berufserfahrung?, sagt er. Leute, die es aus ihrer Firma gewohnt sind, mit anderen verglichen zu werden.

Ehrlers knittert seine gelbe Wetterjacke zwischen die Henkel einer abgenutzten Ledertasche, als sein Personalberater in die Wartezone kommt, wo der ehemalige Koch mit einer arbeitslosen Putzfrau und einem Sportlehrer aus Kasachstan Stellenanzeigen durchgeblättert hat, bis er dran ist.

Schlange stehen oder gar eine Nummer ziehen ist in den RAVs von Zürich nicht vorgesehen. Wie ein wichtiger Besucher wird jeder Kunde persönlich zum Termin ins Büro des Vermittlers geleitet. ?Wahrscheinlich?, sagt Ehrlers und ein schiefes Grinsen erscheint auf seinem sonnengebräunten Gesicht, ?muss ich doch wieder alles selber machen.?

Er hat Recht. Ehrlers? Personalberater beherzigt, was seine Chefin predigt: ?Wenn jemand ein Problem erkannt hat und nicht zur Lösung beiträgt, ist er selbst Teil des Problems.? Er spricht Klartext, Beamtendeutsch hält er für eine Art ?Umgehungssprache?.

Der ehemalige Koch erfährt von ihm, dass er sich von nun an einmal im Monat hier melden muss. Dass er jede Menge eigene Bewerbungen vorweisen muss, dass seine monatliche Unterstützung von 2 800 Schweizer Franken rapide zusammengestrichen wird, wenn er sich nicht an die Auflagen hält. Dass er andere Jobs als seinen Traumberuf annehmen muss. Und dass er sich auch nicht auf Zürich versteifen sollte.
?Wir sind Seiltänzer?, meint Birchler und deutet mit ihren ausgestreckten Armen den Balanceakt an, den sie und ihre Kollegen täglich meistern sollen: Sie müssen motivieren und kontrollieren.

Der Tanz auf dem Seil wird noch dadurch erschwert, dass sich die amtlichen Personalberater nicht allein darauf bewegen. Georg Straub ist Chef des Verbands der privaten Arbeitsvermittler in der Schweiz und sieht mit seinem lichten Haar, Schnauzbart und Feinschmeckerbauch gemütlicher aus, als er ist: ?Rechnen Sie nicht mit einem konkurrenzfreien Raum?, warnt er die staatlichen Personalberater.

Die RAV-Vermittler reagieren darauf mit dem Angebot zur Zusammenarbeit: Auf jede offene Stelle, die ein privater Vermittler ihnen meldet, folgt nach Möglichkeit innerhalb von zwölf Stunden ein Personalvorschlag. Und zwar nicht irgendeiner, wie Lenzin präzisiert. ?Sondern wir schicken einen Bewerber à la carte.?

Ehrlers wird nicht dazugehören. Seine Karriere befähigt ihn zu allem ? und nichts. Drei Tage später ist er wieder in Oerlikon, um sich durch das elektronische Stellensuchsystem zu wühlen. Vielleicht klappt es mit einem Job in der Hotelrezeption. Die suchen einen, der gut Englisch kann. Ehrlers will sich bewerben. Marie-Hélène Birchler ist heute nicht da. Sie macht Kurzurlaub. Vielleicht in der Karibik.

Gruss  

29.06.04 16:40

272 Postings, 7248 Tage chrisonlineBenchmark?

meintest doch euro - oder?  

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