Bayreuth-Livestream für lächerliche 49 ?

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eröffnet am: 30.07.08 09:05 von: Happy End Anzahl Beiträge: 1
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30.07.08 09:05

95440 Postings, 6888 Tage Happy EndBayreuth-Livestream für lächerliche 49 ?

*g*

Nerds auf dem Grünen Hügel

Katharina Wagner entdeckt das Web 2.0, um die angestaubten Bayreuther Festspiele an ein jüngeres Publikum heranzutragen. Ein Selbstversuch, das eigene Wohnzimmer in einen Festspielsaal zu verwandeln.

Katharina Wagner, ihres Zeichens Tochter und designierte Halb-Nachfolgerin des scheidenden Festspielleiters Wolfgang Wagner, hat eingeladen. Freilich nicht nach Bayreuth, das bleibt Ehrengästen und geduldigen Opernfreunden vorbehalten, die schon mal 10 Jahre auf ausgewählte Karten warten können. Viel besser: Katharina will dem jungen Publikum die Bayreuther Festspiele schmackhaft machen ? ausgerechnet die Frau, die von jungen Menschen gerne gefragt wird, ob sie nicht die Dame mit der Steinofenpizza sei.

Für geradezu lächerliche 49 Euro bietet Wagner einen Livestream ihrer ?Meistersinger von Nürnberg? auf der hauseigenen Internetseite an ? moderierter Backstage-Rundgang inklusive. Grund genug, den sonnigen Sonntagnachmittag sausen zu lassen und sich fünf Stunden lang Wagners Persiflage auf die spießbürgerlichen Künstlergilden des 16. Jahrhunderts hinzugeben. Das Ticket kam pünktlich.

Luxus vor dem Laptop

In die Oper geht man nicht mit Chucks und das ausgewaschene Sexpistols-T-Shirt schien mir auch nicht angemessen für den virtuellen Gang auf den Grünen Hügel. Also sitze ich standesgemäß im feinsten Zwirn, den der Kleiderschrank hergab, im Wohnzimmer, die Turnschuhe sind Rahmengenähtem gewichen, die Haare gekämmt. Man weiß ja nie, wer einem beim Backstageaufenthalt so alles über den Weg läuft. Die Merkel war schon da, der Westerwelle auch. Lafontaine kann man zur Not in Jeans begegnen, aber den lädt wohl keiner ein. Außerdem will man Stil beweisen.

Pizza, Chips und Cola habe ich vorsorglich beiseite geschoben und dafür dem Notebook einen prominenten Platz auf dem Couchtisch eingeräumt. Der hässliche Wagner-Salzstreuer ? ein Pressegeschenk und der einzig verbliebene Mitzuschauer ? leistet mir Gesellschaft. Das Libretto liegt ausgedruckt auf meinem Schoß, die Zugangsdaten kann ich trotz minütlich steigender Aufregung immer noch auswendig aufsagen.

Weltkompositionen totkomprimiert

15:45 Uhr. Es geht los. Hastig tippe ich meine Zugangsdaten in die Maske und drücke Enter. Bayreuth lässt mir die Wahl zwischen Flash- und Windows-Media-Player. Als Web-2.0-Kind entscheide ich mich instinktiv für Flash und greife zu meinen Referenzkopfhörern ? Oper will angemessen genossen werden. Doch Bayreuth gibt sich zickig. Trotz überdurchschnittlich schnellem DSL-Anschluss beschwert sich der Player über zu geringe Bandbreite und zeigt ruckelndes Daumenkino ohne Ton. Ich warte und wechsle dann leicht genervt zum Mediaplayer. Der ruckelt weitaus weniger und gibt sogar Ton aus.

Inzwischen ist es 16:15 Uhr und das Spektakel in vollem Gange. Ich lausche zwei Stunden lang dem scheppernden Klang, der einst Richard Wagners ganzer Stolz war ? jetzt zusammengepresst auf mickrige 128 kBit/s. Die Zeit vergeht und meine Augen werden langsam müde. Die Kamera kämpft mit dem Restlicht und in der Bayreuther Puppenkiste will Stimmung nicht so recht aufkommen. Ich versuche auf den Vollbildmodus zu wechseln ? Pixelbrei in 16:10. Ob es wirklich so eine gute Idee war, die Nachmittagssonne gegen ein überteuertes Miniaturmodell der Bayreuther Festspiele einzutauschen? Der Wagner-Salzstreuer hat sich längst beschämt abgewandt und ist über den Teppich davongekullert.

Ich klappe das Notebook zu, ohne auch nur die halbe Distanz des Sitzfleischmarathons ausgesessen zu haben. Der Anzug wandert wieder in den Schrank, die Schuhe waren ohnehin unbequem und das Haar trage ich lieber so, als wäre ich gerade frisch aufgestanden. Wenigstens die letzten Sonnenstrahlen will ich noch genießen, das großartige Libretto nehme ich mit auf die Parkbank. Man wirft uns Youtube-Kindern gerne mangelndes Interesse an der Hochkultur vor, doch wenn man sich vorstellt, dass das feine Opernvolk sich bei sommerlichen Temperaturen freiwillig für fünf Stunden in einen stockdunklen Bunker einschließen lässt, frage ich mich, wer hier wen als Nerds bezeichnet. Später gibt es auf jeden Fall Steinofenpizza.

Quelle: http://www.focus.de/kultur/musik/...enen-huegel_aid_320681.htmlWagner
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