Bayern übernimmt US-Modell "Teen Court"

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eröffnet am: 11.07.04 07:40 von: bilanz Anzahl Beiträge: 3
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11.07.04 07:40

5698 Postings, 6772 Tage bilanzBayern übernimmt US-Modell "Teen Court"

 
Zur Strafe drei Strophen, aber gereimt.
In drei bayrischen Städten werden junge Straftäter nicht von der Justiz, sondern von Gleichaltrigen abgeurteilt. Nach dem Vorbild der Teen Courts in den USA soll jugendlicher Gruppendruck erzieherisch genutzt werden. Das Projekt hat Erfolg und wird ausgedehnt. Von Thomas Isler  

Die Richterin trägt Hotpants und eine Zahnspange. Ihr Kollege fläzt sich in Shorts und Turnschuhen auf seinem Stuhl. Und der dritte Richter, um dessen schlaksigen Körper ein XL-T-Shirt flattert, sagt: «Gesprächsführung und Körperhaltung sind wichtig, man soll ja auf den Beschuldigten nicht abweisend wirken.» Die drei Jugendlichen verhängen im Auftrag der Staatsanwaltschaft in Ingolstadt Sanktionen gegen Gleichaltrige, die ohne Ausweis Auto fahren, CDs klauen, Mofas frisieren oder sich prügeln. «Aber Richter sind wir nicht», sagt der junge Mann in Shorts, «eher so eine Art Schlichter oder Gesprächsführer.» Das Gericht heisst offiziell auch nicht Gericht, sondern Schülergremium, die Verhandlungen werden Sitzungen, die Angeklagten Beschuldigte genannt. Die Schüler haben sich den Namen «Projekt Fallschirm» gegeben, weil die drei Richter den Beschuldigten sanft auf den Boden der Legalität bringen sollen. Statt in einem Gerichtssaal wird in einem Zimmer des Vereins «Jugendhilfe e. V.» verhandelt, das aussieht wie das Wartezimmer beim Arzt oder ein Seminarraum im Kirchgemeindehaus: karg, funktional, sauber, mit hellen Möbeln und Selbstgebasteltem an der Wand.

Die Idee stammt aus den USA und hat sich dort in den neunziger Jahren unter dem Namen «Teen Court» oder «Peer Court» schnell verbreitet. Die amerikanischen Jugendlichen spielen regelrechte Gerichtsverhandlungen nach, mit kleinen Richtern in kleinen Roben und jungen Geschworenen, Verteidigern und Staatsanwälten. Der Vortrag einer amerikanischen Wissenschafterin hat vor einigen Jahren den bayrischen Pilotversuch angestossen. Der Münchener Strafrechtsprofessor Heinz Schöch war begeistert, ebenso der damalige CSU-Justizminister Manfred Weiss. Und weil in konservativen Gemeinwesen Experimente oftmals unbefangener angegangen werden, startete schnell ein wissenschaftlich begleiteter Versuch in Aschaffenburg («Projekt Wellenbrecher»), seit eineinhalb Jahren gibt es das Schülergericht in Ingolstadt, wo bisher 13 Richter 92 Fälle erledigt haben, und auch in Ansbach richten Jugendliche. Anders als in den USA wird in Bayern aber nicht Strafjustiz nachgespielt. Das Echo ist gut, die Rückfallquote von 5 Prozent gilt wegen der noch schmalen Datenbasis zwar als statistisch nicht signifikant, liegt aber deutlich unter den üblichen 12 Prozent. Die Idee, den Gruppendruck Gleichaltriger erzieherisch zu nutzen, scheint sich zu bewähren. Das Gespräch unter Jugendlichen hat mehr Wirkung als die vom Schreibtisch aus angeordnete Erziehung des Jugendstaatsanwaltes. Das bayrische Justizministerium will das Projekt nächstens auf Memmingen ausweiten.

Mädchen richten härter
«Es geht darum, ein Gespräch zu führen - sag ich mal.» Der Junge mit den Shorts heisst Jonas, ist 17 Jahre alt und findet, als Gremiumsmitglied habe man auch eine Art Vorbildfunktion: «Es geht darum zu zeigen, dass man auch ein cooles Leben führen kann, wenn man die Regeln einhält.» Ein bisschen erschrocken sei er schon, als er auf der Deliktsliste Dinge entdeckte, die er als legal erachtet und auch getan habe. Jux-Anrufe bei Polizei und Ambulanz etwa. Jonas hat eben die Realschule - die mittlere der drei Oberstufenschulen - abgeschlossen. Er war der Einzige seiner Klasse, der sich als Richter gemeldet hatte. «Wir waren eben eine Jungenschule», sagt er. Die Mädchen seien übrigens nicht nur zahlreicher vertreten, sondern urteilten im Gremium tendenziell härter und zeigten weniger Mitleid. Der grösste Teil der dreissig jugendlichen Richter in  Ingolstadt sind Richterinnen. Die meisten kommen vom Gymnasium. So wie Gurpal, 16, das Mädchen in den Hotpants. Auch Daniel, 17, der Junge mit dem grossen T-Shirt, besucht das Gymnasium. Schüler von Haupt- oder Berufsschulen fehlen als Richter. «Das ist eindeutig eine Schwäche des Projekts», sagt Heinz Schöch.

Jonas, Gurpal und Daniel treffen an diesem Nachmittag auf die 17-jährige Sabina (Name geändert), die kurz zuvor von einem Gremium verurteilt wurde, weil sie ohne Führerschein Auto gefahren war. Sie hatte ihren 21-jährigen Freund angebettelt, ob sie sich nicht schnell ans Steuer des Ford Escort setzen dürfe. Sabinas Freundin nahm auf dem Rücksitz Platz. «Auf der Höhe vom Südfriedhof in Richtung städtisches Gartenamt», wie es später im Schreiben der Staatsanwaltschaft hiess, hielt die Polizei Sabina an - nach wenigen Metern. Irgendwann kam der Brief, in dem man ihr anbot, sich von einem Schülergericht beurteilen zu lassen. Das ist möglich, wenn das Delikt gering und der Täter geständig ist. Der Vorteil: Es gibt keinen Vermerk im Strafregister. Sabina, die eine Hauswirtschaftsschule besucht, musste zu einem Vorgespräch, an dem ein jugendlicher Richter aus dem Gremium sowie die Sozialpädagogin Christine Metzger von der «Jugendhilfe» teilnahmen. Man zeigte ihr Bilder von den Richterinnen und Richtern: Schüler, die sie kannte, konnte sie ablehnen. Der eigentliche Verhandlungstermin folgte kurz darauf. «Ich war viel aufgeregter, als wenn ich zur Polizei oder Staatsanwaltschaft hätte gehen müssen», erzählt Sabina. «Da sassen eben Leute in meinem Alter.» Die Befragung war kurz. Die Schüler wollten Sabinas Motiv erforschen und fragten auch, ob sie mit dem Schwarzfahren - so heisst Fahren ohne Führerschein in Bayern - herumgeprahlt habe. Sabina schlug dann selbst eine Strafe vor und sagte, ihr Handy würde sie schon vermissen. Dann musste sie den Raum  verlassen, bis die Richter das Urteil gefunden hatten, das in einer schriftlichen Vereinbarung sogleich festgehalten wurde: Das Handy kam für eine Woche in einen versiegelten Umschlag. Zudem musste Sabina ein Gedicht über ihr Delikt verfassen. Drei  Strophen à vier Zeilen, gereimt, schrieb das Gericht vor. «Schwarzfahren ist illegal / das mache ich nicht noch einmal / Die Polizei war schnell dabei / da war's auch gleich vorbei», lautete die erste Strophe des Gedichts, das Sabina eine Woche später abgab.

Gedichte als Strafe sind beliebt, auch Zeichnungen werden hin und wieder verlangt, und Heinz Schöch hat festgestellt, dass sogar der «gute, alte Besinnungsaufsatz, der von Juristen eher belächelt wurde, mit den Teen Courts eine erstaunliche Renaissance erfahren hat». Die Vorbehalte seiner Kollegen, solche Gerichte könnten überaus streng urteilen und stigmatisierend wirken, sieht Schöch nicht bestätigt: «Das Gesetz erlaubt Arbeitsstrafen bis zu 30 Stunden, bisher wurden durchschnittlich bloss fünf bis sieben Stunden angeordnet.» Die jungen Richter erfinden bisweilen ungewöhnliche Strafen. Beliebt ist der Handy- Entzug, ein wegen Körperverletzung Beschuldigter musste sein Opfer zu einem Kinobesuch einladen, und jüngst hat einer im Altersheim Saxophon spielen müssen. Verbreitet sind auch spiegelnde Strafen: Vandalen müssen Spielplätze reparieren, wer jemanden beleidigt hat, muss sich 300 nette Worte ausdenken. In Aschaffenburg spazierte ein jugendlicher Ladendieb gar einen Nachmittag lang als Sandwich- Mann durch das beklaute Warenhaus mit dem Schild: «Ladendiebstahl lohnt sich nicht!» Wie sich zeigte, hatte der Beschuldigte diese Strafe in der Sitzung selbst vorgeschlagen. Er und seine drei Richter haben das als ganz probate Sanktion empfunden.

Flirten mit der Richterin
In Ingolstadt sind auch schon Gedichte über das Kiffen geschrieben worden. Erst später hat das Gremium gemerkt, dass der Missetäter Legastheniker war und entsprechend an seinem Werk gelitten hatte. «Aber mein Gott», seufzt Daniel ein wenig altklug, «es ist ja keiner perfekt. Der Beschuldigte hat sich immerhin Mühe gegeben und seine Zeit geopfert. Das reicht doch.»

Sozialpädagogin Christine Metzger vom Verein «Jugendhilfe», die bei jeder Sitzung dabei ist, ohne sich einzumischen, hat beobachtet, dass die Richter keineswegs lasch sind. «Beim Kiffen sind sie sogar streng, beim Frisieren von Mofas zeigen sie ein gewisses Verständnis.» Der Ton sei sehr unbefangen und offen. So hat ein Beschuldigter beim Vorgespräch auch schon die gleichaltrige Richterin, die ihm gefiel, um die Handy-Nummer gebeten. Die Richter haben einem Beschuldigten auch schon ins Gesicht gesagt: Du musst eine Therapie machen! Sozialpädagogin Metzger ist vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. «Aber es kam zu einem guten Gespräch, und als der Vater später erschien, um den Beschuldigten abzuholen, ging die Diskussion weiter», sagt Metzger. «Am Schluss sprachen alle zusammen über das, was wirklich hinter dem Delikt steckte.»

Im wissenschaftlichen Zwischenbericht heisst es, die deutliche Mehrheit der Beschuldigten gebe an, das Schülergremium habe sie besser verstanden als ein Richter oder Staatsanwalt. Im bayrischen Justizministerium ist man stolz auf das Projekt, zumal dafür keine Gesetze geändert werden mussten und es sich selbst finanziert. In Ingolstadt etwa wird einfach ein Teil der Geldbussen für gemeinnützige Organisationen künftig an den Verein «Jugendhilfe» geleitet, der pro erledigten Fall 200 Euro verrechnen kann.

Mittlerweile findet Heinz Schöch gar, die Schülergerichte sollten mehr Kompetenzen und von der Staatsanwaltschaft schwerere Delikte zur Aburteilung erhalten. «Sonst kommt es dazu, dass bis anhin straflose Bagatellen künstlich aufgemotzt werden, um Schüler zu beschäftigen.» Auch Zweittäter sollten von Schülern abgeurteilt werden können. Sabina wird kaum darunter sein. Wie lautet doch ihre letzte Strophe? «Eine Strafe muss sein / das seh ich ein / Einmal und nie wieder / ist mir wesentlich lieber.»

NZZ am Sonntag  

11.07.04 16:00

192 Postings, 6047 Tage Blackboykannste ja wieder einen therad eröffnen

siehst du nur geduld bilanz---
alles wird gut
gruss Jimmy
 

11.07.04 16:12

192 Postings, 6047 Tage Blackboyach kuck mal einer an

ich hab gar nicht gewusst--das du schwarze sterne verteilen kannst---
aber passt schon zu mir
gruss Jimmy  

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