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Auf ins Grüne

Ökoaktien werden immer beliebter. Doch das Umweltetikett kann täuschen. Es fehlen einheitliche Kriterien

Von Marcus Rohwetter

Seit Monaten dreht sich alles um den Ölpreis. Erst stieg im vergangenen Jahr nahezu wöchentlich der Wert des schwarzen Goldes; im September kostete ein Barrel Rohöl (159 Liter) aus den Ölfeldern der Nordsee mehr als 37 US-Dollar. Die Ökosteuer tut seit zwei Jahren ein Übriges - und die Autonation Deutschland muss sich an Spritpreise jenseits der Zweimarkgrenze gewöhnen. Volle Tanks und warme Wohnungen drohen zum Luxus zu werden.

Mit einem Mal kennt nun jeder die Unternehmen, die dank alternativer Energiegewinnung die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern wie Öl oder Erdgas versprechen. Betreiber von Windparks, Hersteller von Solarzellen, Turbinen- und Brennstoffzellenproduzenten.

Viele dieser Unternehmen sind an der Börse notiert und haben die allgemein schlechte Stimmung auf dem Parkett in den vergangenen Monaten vergleichsweise glimpflich überstanden. Die wahre Glanzzeit könnte den als Ökoaktien bezeichneten Wertpapieren allerdings noch bevorstehen. Denn die mittelfristigen Aussichten für die weltweiten Hauptenergiequellen Öl und Gas sind nicht rosig. Die Organisation Erdöl exportierender Länder, Opec, denkt über eine Drosselung ihrer Fördermengen nach. Nach Angaben der Rohstoffexperten des New Yorker Finanzhauses Prudential Securities steckt die Zukunft der Ölpreisentwicklung "voll von Unsicherheiten". Und auch beim Erdgas "scheint es kein Limit nach oben zu geben".

Immer mehr Finanzdienstleister entdecken und bewerben das Investment in alternative Energiequellen als lohnendes Geschäft. Geld verdienen und nebenbei noch ein gutes Gewissen haben zu können - ein unschlagbares Verkaufsargument. Nach Angaben vom Öko-Zentrum Nordrhein-Westfalen und von dem Branchendienst ECOreporter werden allein in Deutschland die Aktien von 16 reinen Umweltunternehmen an der Börse gehandelt. Darunter befinden sich auch die Anteile von Energiekontor, Umweltkontor, SAG Solarstrom und SolarWorld, die im vergangenen Jahr die Berichterstattung der Medien dominiert haben.

Wie die meisten deutschen Ökounternehmen haben sie sich auf erneuerbare Energien spezialisert. Vier bis fünf neue streben jedes Jahr an die Börse. Das Bundesumweltministerium zählt darüber hinaus 21 Ökofonds und acht ökologische Lebensversicherungen, die die eingenommenen Beiträge wiederum in Ökobeteiligungen investieren. Vor allem die Fonds waren im vergangenen Jahr gefragt. Laut ECOreporter legten die Deutschen im Jahr 2000 fast 680 Millionen Euro dort an, zehnmal so viel wie im Jahr zuvor, dreißigmal so viel wie 1998.

Öko kommt an. Doch was bedeuten die Bezeichnungen "Öko", "Umwelt" oder "Nachhaltigkeit" bei einem Finanzprodukt im konkreten Einzelfall? Die Kriterien, nach denen Fonds oder Versicherungen ihre Anlageentscheidungen treffen, sind so vielfältig wie die Produkte selbst. Ein einheitliches Gütesiegel gibt es nicht, der Ökofinanzbranche fehlen Standards.

Einer, der mit einem eigenen Aktienindex einen solchen Standard setzen möchte, ist Max Deml aus Wien, einer der bekanntesten Köpfe in der Szene der Ökoinvestoren. Der 43-jährige Bayer studierte Philosophie und Psychologie in Deutschland und Österreich. Er stieß zu einer Gruppe kritischer Aktionäre, die sich für ökologisch sinnvolle Geldanlagen interessierten. Nur konnte ihnen niemand sagen, nach welchen Kriterien sie ihre Investmententscheidungen treffen sollten. "Mit drei Leuten bin ich dann in die Vereinigten Staaten gefahren, um rauszufinden, wo man entsprechend investieren kann", sagt Deml. Als er feststellte, dass sich auch andere für diese Frage interessierten, gründete er Anfang der neunziger Jahre den Branchendienst Öko-Invest. Am 1. April 1997 startete er - zusammen mit der Zeitschrift Natur und Kosmos - den Natur-Aktienindex Nax. Er enthält Aktien von 20 Unternehmen aus der ganzen Welt, die ökologische Vorreiter in ihrer Branche sind. Dazu gehören unter anderem der amerikanische Solarenergieproduzent Astropower, der dänische Windturbinenfabrikant NEG Micon und Wedeco aus Deutschland, die sich auf Wasseraufbereitung spezialisiert hat.

Der Nax-Kriterienkatalog ist hart: Aufgenommen werden können Aktien von Unternehmen, die beispielsweise alternative Energie erzeugen, Recyclingsysteme oder Naturheilmittel entwickeln. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise wird bei den Indexkandidaten vorausgesetzt, Firmen etwa aus der Atom-, Waffen- oder Tabakindustrie sind ausgeschlossen. Drei Viertel der Nax-Mitglieder müssen langjährig etablierte Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 100 Millionen Mark sein. Alle drei Monate wird über die Neuzusammensetzung des Index beraten. Eine Arbeit, die sich auch für den Anleger lohnt, glaubt Max Deml. Immerhin schlage der Nax regelmäßig den MSCI World-Index, der die Entwicklung aller weltweiten Aktienmärkte abbildet. Im Frühjahr kommt der erste Investmentfonds auf den Markt, der nach dem Vorbild des Aktienindex Nax aufgebaut ist. Der Securvita GreenEffects enthält ausschließlich die Papiere, die auch in dem Index vertreten sind.

Nur die wenigsten Aktienfonds für ökologische Geldanlage stammen aus Deutschland. Für Norbert Schnorbach von Securvita hat das damit zu tun, "dass das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen eine außerordentlich restriktive Haltung bei der Zulassung von Ökofonds hat". Deswegen ziehe es fast alle Anbieter nach Luxemburg oder Irland, weil sie dort schneller zugelassen werden. Ist der Fonds im europäischen Ausland genehmigt, ist es in der Regel kein Problem, ihn auch in Deutschland vertreiben zu dürfen. Im Zuge wachsender Begeisterung für ökologische Geldanlagen droht die Genehmigungspraxis sogar zum Politikum zu werden. So fragte ein Parlamentarier kürzlich den Finanzminister, wie er denn "den Umstand beurteilt, dass das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen nahezu allen diesen Wertpapierfonds die Genehmigung verweigert"? Als "sachlich nicht gerechtfertigt" wies die Parlamentarische Staatssekretärin Barbara Hendricks prompt diese Bewertung zurück und verwies auf die besondere Rechtslage in Deutschland, die sich vor allem am Anlegerschutz orientiere. "Die Kapitalanlagegesellschaft muss die ethisch-ökologischen Kriterien, nach denen angelegt werden soll, benennen und zuverlässig definieren."

Norbert Schnorbach hält das für vernünftig. "Fonds mit vagen Kriterien und mangelnder Transparenz sind aus Verbrauchersicht bedenklich", sagt er und betont die "konsequenten Kriterien" und die "hundertprozentige Transparenz" des Securvita-Fonds GreenEffects. Gleichwohl wurde auch dieser in Irland zugelassen - und nicht in Deutschland.

Ökologisches Investment beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Aktien oder Investmentfonds, berichtet Jörg Weber von ECOreporter. "Die Palette reicht vom Ökosparbuch über die festverzinsliche Umweltanleihe bis zur Unternehmensbeteiligung", sagt er. Zusammen mit Max Deml gibt er das Jahrbuch Grünes Geld heraus, das alle Varianten alternativer Anlagen zusammenfasst. Die meisten ökologischen Investmentprodukte haben allerdings ihre eigenen Kriterien und Begriffsdefinitionen.

Wer sicher gehen will, dass sein Geld nicht doch bei der Atomwirtschaft oder der Rüstungsindustrie landet, sollte die Verkaufsprospekte genau lesen. Oder sich von einer "grünen Bank" beraten lassen. GLS Gemeinschaftsbank, Ökobank Frankfurt und Umweltbank haben sich auf die alternative Kundschaft spezialisiert und bieten fast die gesamte Palette der Bankdienstleistungen.

Wer sehen will, wofür sein Geld arbeitet, kann sich als Mitunternehmer versuchen. Ein klassisches Beispiel dafür sind Windparks. Neben denen auf dem Land werden zurzeit Off-Shore-Anlagen geplant, Windkrafterzeugung auf hoher See (siehe unten). Direkte Beteiligungen daran mindern durch Verlustzuweisungen die Steuerbelastung. "Ein großer Nachteil ist allerdings, dass man die Anteile kaum während einer bestimmten Bindungsfrist verkaufen kann", berichtet Weber. Gerade bei Windkraftanlagen müsse der Anleger sein Geld oftmals zehn bis fünfzehn Jahre lang festlegen.

Quelle :(c) DIE ZEIT   19/2001  

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