An den Märkten werden Investitionen wieder belohnt

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eröffnet am: 23.08.05 09:15 von: bammie Anzahl Beiträge: 1
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8970 Postings, 6213 Tage bammieAn den Märkten werden Investitionen wieder belohnt

Anleger fordern mehr Ausgaben für Wachstum - Höhere Verschuldung geht aber zu Lasten der Unternehmensanleihen

von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz

Berlin - Die Zeit der Bescheidenheit ist vorbei. Nach zwei Jahren mit steigenden Kursen an den Börsen und starker globaler Konjunktur streifen die Unternehmen langsam ihre Knauserigkeit ab und stecken wieder Geld in Investitionen. Aktuelles Beispiel ist Tui. Der Tourismuskonzern plant für seine Logistiksparte Hapag Lloyd einen milliardenschweren Zukauf. Für insgesamt knapp zwei Mrd. Euro (Kaufpreis plus Schulden) wollen die Hannoveraner die Reederei CP Ships übernehmen. Dafür nehmen sie in Kauf, daß die mühsam auf etwas über zwei Mrd. Euro zurückgefahrene Verschuldung wieder kräftig steigt. In der Folge knickten die Kurse der Tui-Unternehmensanleihen kräftig ein. Auch die Aktie wurde abgestraft.

Doch die Tui ist die Ausnahme. Andere Konzerne werden belohnt, wenn sie die Firmenschatulle öffnen. Adidas wurde für die milliardenschwere Übernahme des US-Konkurrenten Reebok gefeiert. Und bei der Deutschen Telekom stört sich niemand daran, daß der Schuldenabbau nicht mehr oberste Priorität besitzt. Erstmals seit 2001 türmten die Bonner jetzt zwei Quartale in Folge den Berg an Verbindlichkeiten wieder auf - und die T-Aktie kletterte trotzdem.

"Die Verschuldungsdisziplin der Unternehmen lockert sich", sagt Heike Möhlmann, Strategin bei Invesco in Frankfurt. Ähnliches hat auch David Bowers, Stratege bei Merrill Lynch in London beobachtet. "Die Bilanzen der Unternehmen sind übersolide - man kann nicht nur die Verschuldung sondern auch die Sparsamkeit übertreiben." Die einseitige Politik der vergangenen Jahre habe jetzt dazu geführt, daß die Investoren den übertriebenen Geiz nicht mehr würdigen. "Der Druck auf die Gesellschaften nimmt zu, mit der üppig vorhandenen Liquidität wieder freigebiger umzugehen", sagt Bowers. Die jüngste Fondsmanagerumfrage von Merrill habe gezeigt, daß die Investoren mehr wert auf Investitionen in Wachstum legten. Wo die Firmen die Zeichen der Zeit nicht selbst erkennen, droht nach Ansicht von Bowers über kurz oder lang eine Übernahme durch Private-Equity-Investoren. Die Investmentbank hat sogar ein eigenes Basket für das Thema aufgelegt. Darin finden sich jene Unternehmen, die an der Spitze der Entwicklung stehen.

"Eine Wiederkehr der ausgabenfreudigen Unternehmen", verkündet auch Ben Funnel, Stratege bei Morgan Stanley in London. "Jetzt beginnt eine an den Märkten die unübliche Ära, an denen Unternehmen mit ausgeprägtem Investitionsverhalten besser abscheiden werden", ist er überzeugt. "Aktien leben vom Wachstum - deshalb müssen die Unternehmen ihre Zurückhaltung aufgeben."

Der neue Trend manifestiert sich bereits seit Mitte März an den Märkten. Seither hängen die von den Merrill- und Morgan-Stanley-Strategen favorisierten ausgabefreudigen Unternehmen - unter anderem SAP, Danone, Burberry, FMC, E.on, RWE, H&M, Puma, Qiagen und Roche - den Gesamtmarkt ab. Während der Dax in den vergangenen sechs Monaten 13 Prozent zulegte, schaffte ein aus diesen Werten bestehendes Portfolio ein Plus von 15,2 Prozent.

Dieser Paradigmenwechsel ist aber nicht für sämtliche Investoren positiv. "Die höhere Ausgabenfreude geht zu Lasten der Halter von Unternehmensanleihen", sagt Invesco-Frau Möhlmann. Michael Lesnik von der Helaba formuliert es noch drastischer: "Eine aggressive Ausschüttungs- und Investitionspolitik der Konzerne geht zu Lasten der Bondsbesitzer." Dies läßt sich auch daran ablesen, daß der Aktienindex Euro-Stoxx-50 dem Corporate-Bonds-Barometer seit Mai davongeeilt ist.

Die dahinter stehende Mechanik ist die folgende: Mit einer wieder steigenden Verschuldung verschlechtert sich die Bonität der Gesellschaften. Und eine schwächere Kreditwürdigkeit erhöht das derzeit noch sehr niedrige Risiko von Zahlungsausfällen. Das könnte zu höheren Risikoaufschlägen von Unternehmensanleihen gegenüber den quasi risikofreien Staatsanleihen führen. Erstes Alarmsignal ist, daß das Verhältnis der Abstufungen zu den Aufstufungen zugenommen hat.

"Die Gefahr von Kurseinbrüchen am hoch bewerteten Anleihemarkt steigt", sagt Marius Gero Daheim, Rentenstratege bei der WestLB. Die Investoren würden sich auf dünnem Eis bewegen. "Gibt es einen Zahlungsausfall, könnte es zu einer Panik kommen." Aus diesem Grund empfiehlt auch HVB-Stratege Philip Gistakis auch eine Untergewichtung von Unternehmensanleihen in den Portfolios. Mit den entsprechenden Aktien fahre man derzeit eindeutig besser.

Nicht ganz so pessimistisch sieht die Entwicklung Dit-Fondsmanager Michael Sonner. "Die Firmen sind zwar verstärkt auf M&A-Kurs, allerdings ohne daß sie bereit wären, ihre Bilanzkennzahlen deutlich zu verschlechtern." Angesichts der niedrigen Ausfallraten und der deutlich verbesserten Bilanzkennzahlen ist er für Unternehmensanleihen noch "leicht positiv" eingestellt: "Nach den starken Kurssteigerungen der vergangenen Jahre dürften aber keine starken Kursgewinne zu erzielen sein."  

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