Alter und neuer Mensch

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eröffnet am: 23.12.06 08:39 von: quantas Anzahl Beiträge: 1
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15324 Postings, 5711 Tage quantasAlter und neuer Mensch

«Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau» (Galater 4, 4). Seit über sechzehnhundert Jahren feiert die Christenheit an Weihnachten die Geburt Jesu als Menschwerdung Gottes und vergleicht sie mit dem Aufstrahlen eines hellen Lichts inmitten finsterer Nacht. Aus heutiger Sicht verbindet man mit dem Stichwort «Menschwerdung» freilich auch ganz andere Assoziationen: die Entstehung des modernen Menschen, des Homo sapiens, als - vorläufig - jüngster Spross am evolutionären Stammbaum der Menschenaffen. Die Spuren seiner ältesten menschenähnlichen Vorfahren reichen bis in eine Zeit vor über vier Millionen Jahren zurück. Demgegenüber nimmt sich die Epoche der Hochkulturen mit ihren bisher gut fünftausend Jahren als Episode aus.

FIRNIS

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Paläanthropologie in breiten Kreisen Faszination auszulösen vermag. Dem Staunen angesichts der in vielem noch geheimnisumwitterten Entstehungsgeschichte des Menschen gesellt sich freilich auch eine besorgte Frage bei: In welchem Ausmass wirken die genetisch verankerten Verhaltensprogramme, die das Sozialleben der Jägerhorden über so lange Zeiträume hinweg steuerten, auch noch auf die Menschen der spätmodernen aufgeklärten Gesellschaften ein? Zu denken ist etwa an die tiefsitzende Furcht vor dem «Anderen», der nicht der eigenen Gruppe zugehört, an den enormen Stellenwert, der dem Status und der Rangordnung zukommt, oder an die Macht geschlechtsspezifischer Reaktionsmuster, zumal in Verbindung mit Aggression oder gar exzessiver Gewalt.

Kultur und Zivilisation bilden womöglich nicht mehr als einen dünnen Firnis über einem archaischen Erbe. Es gibt beunruhigende Anzeichen dafür, dass schon der prähistorische Siegeszug des modernen Menschen ausschlaggebend zum Aussterben der meisten grossen eiszeitlichen Säugetiere beigetragen hat. Nicht selten wird sogar das Verschwinden der Neandertaler mit einem steinzeitlichen «Kampf der Kulturen» in Zusammenhang gebracht. Man fühlt sich an alte griechische und orientalische Mythen erinnert, in denen die Menschenschöpfung von dunklen Ereignissen wie Raub, Totschlag und dem Überschreiten von Grenzen begleitet ist. Es hat den Anschein, bereits mit der Morgendämmerung des Menschen, dieses einzigartigen Trägers der kulturellen Evolution, falle ein Schatten über die umfassende Gemeinschaft der Lebewesen auf dem Planeten Erde.

Die Weihnachtsbotschaft stellt dem imposanten und doch so ambivalenten Aufstieg des Menschen das Bild eines «neuen» Menschen entgegen, der vom Himmel herabkommt. Bereits die legendäre Geburtsgeschichte Jesu weist auf einen Ort abseits der prunkvollen Paläste und der betriebsamen Marktplätze der antiken Städte: draussen, zwischen Tieren und Engeln. Jesus und sein Kreis praktizieren eine Lebensform, die sich durch Besitzverzicht, das Aufgeben aller überkommenen Bindungen und durch unbedingte Gewaltlosigkeit auszeichnet.

In der Bewegung der frühen Christen gewinnt das visionäre Projekt einer «neuen» Menschheit eine konkrete soziale Gestalt. An die Stelle ethnischer Abgrenzung tritt die weitherzige Integration der Anderen. Statt der Orientierung an Status und Machtpositionen dominiert das Modell gegenseitiger Hingabe und Solidarität. Die Fixierung auf hergebrachte Rollen wird zugunsten einer Liebesgemeinschaft jenseits der Geschlechter abgetan. «Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau» (Galater 3, 28). Die Christus-Anhänger legen sogar Zeugnis davon ab, dass sich ihr neu empfangenes Leben nicht mehr dem «Fleisch», der irdischen Herkunft, verdanke, sondern dem «Geist», einer aus der himmlischen Zukunft kommenden Macht, die ihre Wirkungen schon jetzt in der Gegenwart zu entfalten beginne: Der göttliche Geist ruft inmitten der alten Weltzeit eine neue Schöpfung hervor.

FLACKERNDES LICHT

Kontrastiert man «alten» und «neuen» Menschen, «Adam» und «Christus» in der angedeuteten Weise, bietet sich das Bild von zwei einander entgegengesetzten Kraftfeldern an, innerhalb deren sich menschliches Leben abspielt. Es muss dabei nicht beim aussichtslosen Konflikt zwischen dem Vermächtnis aus frühmenschlicher Zeit und dem Projekt einer universalen Gemeinschaft bleiben. Im Blick auf die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes ist ebenso an die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz oder einer Versöhnung der beiden Antipoden zu denken. Unser archaisches Erbe schliesst neben seinen bedrohlichen Elementen auch ein reiches Repertoire an prosozialen und sogar zu Altruismus fähigen Verhaltensmustern ein. Mit der kreativen Transformation von urtümlichen Trieben in gemeinschaftsförderliche Kräfte wird das «Alte» in das «Neue» integriert.

Unter der Hand zeichnet sich damit ein dritter Aspekt von dem ab, was wir mit «Menschwerdung» verbinden: das alltägliche, individuelle wie gesellschaftliche Ringen um die Verwirklichung humanitärer Ideale samt der Verteidigung elementarer Menschenrechte. Einem bekannten Diktum von Konrad Lorenz gemäss befinden wir uns noch unterwegs auf dem Weg, der vom Affen schliesslich zum Menschen führt. In der Gegenwart zählt insbesondere die Sorge um den Schutz der irdischen Biosphäre zu den entscheidenden Leitprinzipien einer an der «Menschwerdung» orientierten Ethik. Der aufrechte Gang hat den frühen Hominiden eine grössere räumliche Sichtweite beschert; an unserer Aufrichtigkeit liegt es nun, auch einen weiten zeitlichen Horizont ins Auge zu fassen, um den kommenden Generationen die bestmöglichen Lebensgrundlagen in die Hände zu geben.

Es ist ein unruhig flackerndes Licht, das der Homo sapiens der irdischen Lebensgemeinschaft aufgesteckt hat. Demgegenüber gibt Weihnachten Anlass zur Hoffnung, dass mit dem Christkind ein verlässlicheres Licht in die Welt gekommen ist. So deutet sich verheissungsvoll eine vierte Dimension der «Menschwerdung» an: Wenn Menschen daran arbeiten, ihre eingewurzelten Erlebens- und Verhaltensmuster ein Stück weit loszulassen, um dem Geschenk des Lebens Raum zu schaffen, dann berühren sich in weihnachtlicher Weise Himmel und Erde. Oder in der Sprache der christlichen Mystik formuliert: Die Menschwerdung Gottes geschieht täglich neu im Herzen. «Berührt dich Gottes Geist mit seiner Wesenheit, / So wird in dir geborn das Kind der Ewigkeit.» (Angelus Silesius)

Samuel Vollenweider

 
 
 

http://www.nzz.ch/2006/12/23/al/kommentarEQR6H.html

 
 

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